Grußwort-Archiv
Gruß zum 22. Sonntag nach Trinitatis am 16.11.2025
Gruß zum 21. Sonntag nach Trinitatis am 09.11.2025
Gruß zum 20. Sonntag nach Trinitatis am 02.11.2025
Gruß zum 19. Sonntag nach Trinitatis am 26.10.2525
Gruß zum 18. Sonntag nach Trinitatis am 19.10.2025
Gruß zum 17. Sonntag nach Trinitatis am 12.10.2025
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Gruß zu Pfingsten am 08.06.2025
Gruß zum Sonntag Exaudi am 01.06.2025
Gruß zum Sonntag Rogate am 25.06.2025
Gruß zum Sonntag Kantate am 18.05.2025
Gruß zum Sonntag Jubilate am 11.05.2025
Gruß zum Sonntag Quasimodogeniti am 04.05.2025
Gruß zum Ostersonntag am 20.04.2025
Gruß zum Palmsonntag am 13.04.2025
Gruß zum Sonntag Judika am 06.04.2025
Gruß zum Sonntag Lätare am 30.03.2025
Gruß zum Sonntag Okuli am 23.03.2025
Gruß zum Sonntag Reminiszere am 16.03.2025
Gruß zum Sonntag Invokavit am 09.03.2025
Gruß zum Sonntag vor der Passionszeit am 02.03. 2025
Gruß zum 2. Sonntag vor der Passionszeit am 23.02.2025
Gruß zum Sonntag Septuagesimae am 16.02.2025
Gruß zum 4. Sonntag vor der Passionszeit am 09.02.2025
Gruß zum 3. Sonntag nach Epiphanias am 26.01.2025
Gruß zum 2. Sonntag nach Epiphanias am 19.01.2025
Gruß zum 1. Sonntag nach Epiphanias am 12.01.2025
Gruß zum 2. Sonntag nach dem Christfest, 05.01.2025
Gruß zum 1. Sonntag nach dem Christfest am 29.12.2024
Gruß zum 4. Advent am 22. Dezember 2024
Gruß zum 3. Advent am 15. Dezember 20204
Gruß zum 2. Advent am 08.Dezember 2024
Gruß zum 1. Advent am 01.Dezember 2024
Gruß zum 22. Sonntag nach Trinitateis (Volkstrauertag) am 16.11.2025
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut. 7 … 13 Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest! 14 … 15 Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände. 16 Dann würdest du meine Schritte zählen und nicht achtgeben auf meine Sünde. 17 Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.
Voller Unruhe aufgehen wie eine Blume und anschließend verwelken, im Angesicht mit dem Totenreich …
Ich ziehe eine bildliche Parallele zwischen Hiob und heute - für mein Empfinden hat die Welt zur Zeit zuweilen etwas Albtraumhaftes. Als gäbe es all die Grenzen der Vergangenheit nicht mehr. Nicht nur, dass wir seit Jahren in eine schwerste Klimakrise immer tiefer hineinschlittern und niemand bereit ist, die Bremse zu ziehen; dann kam auch noch Corona, schließlich der Ukrainekrieg. Und wenn man dann auch noch die weltweite Lage hinzurechnet, in der ein amerikanischer Präsident keine Spielregeln mehr zu beachten scheint und alle anderen Mächte versuchen, irgendwie noch an der Oberfläche zu bleiben, sich die Machtbereiche, die Schätze der Welt, die Wirtschaftszonen untereinander aufzuteilen oder abzujagen versuchen, je nach Lage, dann geht den Menschen die Orientierung verloren, auch hier bei uns, auch politisch, auch sozial, auch zwischenmenschlich.
Und für mich stellt sich immer wieder, insbesondere, wenn ich die Medien verfolge, eine Aufgeregtheit Vieler ein, die beunruhigend ist. Und die übrigens - aber das ist vielleicht steil formuliert - der Lage nicht angemessen ist und in jedem Fall zur Lösung wenig beiträgt.
Und zugleich gibt es Politanalysten, die genau das der z.B. Trump-Regierung unterstellen, dass sie bewusst so viel Verwirrung erzeugt, weil verwirrte Menschen sich viel besser manipulieren und in bestimmte Richtungen lenken lassen. Denn Angst essen Seele auf, wie ein beeindruckender Film mit Brigitte Mira einmal formulierte.
Und Angst ist ein schlechter Berater, macht panisch, lässt unvernünftig werden, bereitet den Boden für leere Versprechen, die in falsche Richtung ver-führen – überall auf der Welt.
All das bedenken wir am Volkstrauertag und im Zuhören zu einem Hiob-Text, der ohnehin zu den schwierigsten in der Bibel gehört, weil er die albtraumartige Geschichte eines leidenden Gerechten erzählt, von zu allem Schlimmen noch behauptet wird, Gott und der Teufel hätten um seine Standhaftigkeit eine Wette abgeschlossen.
Also schweres Sonntagsthema, schwere politische Weltlage, schwerer Bibeltext – Verwirrung und Chaos und das Gefühl on Gottverlassenheit – als würde die Seele verwelken …
Ich versuche, dem in der Predigt standzuhalten, indem ich beginne und sage: Das verlangt das Leben von uns, wenn wir es zu einem guten Ende bringen wollen: Nämlich, dass wir standhalten, dass wir der Trauer und ihren Anlässen Raum geben und ihnen ins Auge schauen.
Volkstrauertag, wahrhaftig kein beliebter Tag. So viel menschliches Leid gilt es zu bedenken, so viel Schuld gilt es zu bekennen und so viel Aufbruchskraft gilt es zu entfalten, um im ehrlichen Hinschauen sich immer neu zu bekennen und glaubhaft zu sagen: Nie wieder.
Nie wieder. Und nicht nur sagen, sondern auch tun!
Kein Herrschaftsdenken, kein Krieg, auch kein gerechter, denn auch der kennt nur Verlierer. Verteidigung ja, sich selbst und die Freiheit anderer, aber im ehrlichen Hinschauen und Erzählen der ganzen Geschichten, die weltweit immer wieder vor allem von einem Motiv geprägt sind, nämlich Macht und Reichtum anzuhäufen, Einfluss zu vermehren, Menschen in die eigenen Dienste zu nehmen, die eigenen Weltbilder für allgemeingültig zu erklären.
Aber schon da liegt etwas im Argen, was anschließend den Pazifismus oft so romantisch und weltfremd erscheinen lässt. Unbedingter Friedenswille beginnt immer am Anfang der Geschichte. Nicht erst der Streitfall zeigt den Pazifismus, sondern schon der grundsätzliche Umgang mit den Rechten und der Freiheit aller. Wird unbedingter Friedenswille erst im Streitfall hervorgeholt, setzt er sich dem Vorwurf aus, man ließe Gewalt widerspruchslos geschehen. Unbedingter Friedenswille beginnt lange vorher und gründet sich auf gleicher Existenzberechtigung aller, auf unverlierbarer Würde aller, auf Unantastbarkeit des Eigentums eines jeden, usw.
Ich könnte auch einfach die 10 Gebote aufzählen.
Die Gebote zu brechen, scheint irgendwann die Gewalt alternativlos werden zu lassen. Aber sie nicht zu brechen, schafft einen Frieden, wie keine Gewalt ihn je erreichen kann.
Die Katstrophe des 2. Weltkrieges schien so etwas wie Vernunft unter die Völker zu bringen. So zerstört Europa und Teile Asiens waren, war allen klar, wie sehr Krieg die Menschen zu Verlierern macht.
Heute wissen wir aber auch, dass sofort nach Kriegsende die einen Gewalttäter sich versteckten und die anderen schon wieder an neuen Gewaltszenarien arbeiteten.
Und während Millionen Menschen zutiefst erschüttert in ihren Trümmern hausten und ganz sicher waren, dass es nie wieder Krieg geben dürfe, gab es schon damals genug und bis heute immer mehr, die dann doch der Meinung waren und sind, Krieg könnte Probleme lösen – man müsse es dieses Mal nur geschickter anstellen …
Ich bin gar nicht klug genug, es in seiner Gänze zu durchschauen, deshalb habe ich es als Kind und Schüler und Heranwachsender wie eine Vokabel gelernt: Krieg kennt nur Verlierer, er hat keinen guten Sinn, nie.
Wir wissen es, der Wind dreht sich; diese Sichtweise wird hinterfragt. Und ich habe leider kein Vertrauen in dieses Hinterfragen, sondern ich sehe all die Gewinner des Verlernens. Ich sehe, lese, höre von denen, für die Krieg ein Geschäft sein könnte, auch der Weg dahin – ein Geschäft, und übrigens erstaunlich viele, die auch schon jetzt allerorten Geschäfte machen, bis hin zu deutschen Industrien, die gerade mitten im Krieg Geld damit verdienen, russische Drohnen mit Technik zu beliefern und russische Raketensilos angriffssicher zu erbauen.
Hiob, der Jahrtausende Jahre alte Text formuliert die Bitte, dass Gott doch wegschauen möge, weil der Mensch in seinem Tun ohnehin nicht auf einen grünen Zweig kommt.
Als würde Hiob sagen: Gott, das Leben kommt mir wie ein Albtraum vor, ich blicke nicht mehr durch; schau weg, denn wer sollte sonst unter deinem Blick bestehen; und irgendwann schnür sozusagen all mein Tun zu einem Bündel mein Tun, versiegel es und gib mir anschließend trotzdem eine Chance auf eine Zukunft bei dir.
Hiob hat ein Gottvertrauen, für das seine Zeitgenossen ihn kritisieren, verspotten und z.T. auch bewundern. Und zwischendurch scheint dieses Vertrauen auch noch vergeblich.
Am Ende allerdings schließt sich der Albtraum und geht über in ein heilsames Erwachen. Hiob allerdings hätte es fast nicht überlebt, was ihm bis dahin das Leben zugemutet hat.
Was trägt das für mich am Volkstrauertag aus?
Ich gebe mein Gottvertrauen nicht auf. Menschen betrügen mich. Das Leben ist schwer. Manche Zeiten gleichen einem Albtraum. Meine Seele könnte von Verwelken bedroht sein …
Aber Gottvertrauen aufzugeben, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, führt an kein besseres Ziel.
Vielmehr führen die Wege der Menschen immer wieder in die Zerstörung, in die Erschütterung darüber, in den Neuaufbau und in den angeblich guten Willen, nun gelernt zu haben.
Und so kann der Volkstrauertag mit seinem Trauerprozess wirklich etwas begreiflich machen; indem er sowohl in die ehrliche Selbsterkenntnis als auch durch Trauer hindurch in die Bereitschaft führen kann, Verantwortung zu übernehmen.
Zwar garantiert auch das keinen dauerhaften Frieden, aber es stärkt beides den unbedingten Willen jede, aber auch jede friedliche Lösungsmöglichkeit auszuloten, statt die Abkürzung in die gewaltsame Auseinandersetzung zu wählen.
Und so hat zwar für mein Empfinden die Welt zurzeit zuweilen etwas Albtraumhaftes, als gäbe es all die Grenzen der Vergangenheit nicht mehr. Aber sie hat auch einen Gott an ihrer Seite, der in seinem Hinschauen immer wieder die Perspektive der Versöhnung, der Erlösung und des Auswegs in sich trägt.
Dazu, so sagen wir Christinnen und Christen, ist Jesus den Weg ans Kreuz gegangen, um das Bahnbrechende des göttlichen Friedensgedankens unübersehbar in die Welt zu tragen.
Daran möchte ich festhalten.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 21. Sonntag nach Trinitatis am 09. November 2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
Liebe Gemeinde,
heute ist ein düsterer Tag in der Geschichte unseres Landes. Am 09. November1938 geschah das Unvorstellbare, das Entsetzliche: Menschen legten ihre Menschlichkeit ab, wurden zum Mob, der zerstörungswütig durch die Straßen zog. Ein einfacher telefonischer Befehl der Gau- und SA-Leiter reichte, damit ganz Deutschland Trupps von Zerstörungswütigen die Nacht lang plündernd und brandschatzend durch die Gegend zogen. Sie misshandelten und verschleppten Menschen jüdischer Abstammung und so gut wie niemand versuchte, ihnen Einhalt zu gebieten.
Wie konnte solch schreckliches Unrecht auf offener Straße geschehen? Die Menschen können es nicht überhört haben, auch wenn sie schliefen. Der Lärm der splitternden Schaufensterscheiben, die Schreie der Opfer – Ohrenzeugen berichten, dass sie nachts davon erwachten. Und doch sind fast alle in ihren Häusern geblieben, haben Augen und Ohren verschlossen als schliefen sie fest. In Angst und Ohnmacht, in Gleichgültigkeit oder gar in Schadenfreude sahen sie durch die Gardinen draußen die Flammen der Fackeln und der brennenden Gebäude.
Diese Nacht war wie ein Kipppunkt, an dem Menschlichkeit, Mut und Moral besiegt wurden, an dem der Frieden gewissermaßen ohnmächtig geschlagen wurde.
Sie ist nun schon seit 87 Jahren Geschichte. Wir erinnern uns mit Schaudern an etwas, das lange vergangen ist, aber gleichzeitig an etwas, zu dem Menschen wie du und ich fähig waren. Diese Nacht der verleugneten Menschlichkeit wollen wir nicht vergessen. Wir erinnern uns mit allen, die es miterleben mussten an die Nacht des 9. Novembers. Wir erinnern uns auch mit Petrus, der beim Morgenrot als der Hahn krähte in Tränen ausbrach, an die Nacht, in der er alles verleugnet hatte, woran er glaubte (Mk 14,66ff).
Dass Menschen ihre Menschlichkeit ablegen und dass der Friede ohnmächtig scheint ist nicht Vergangenheit. Es das geschieht auch gerade jetzt an unzähligen Stellen auf dieser Erde. Das Entsetzen über die Gewalttaten in Israel und Palästina ist noch frisch und der Waffenstillstand fühlt sich nicht nach Frieden an, sondern eben nach Stillhalten der Waffen.
In der Ukraine, im Sudan und an so vielen Orten wird Unschuldigen Gewalt angetan. Was können wir schon tun? Und wo ist Gott, wo ist sein Friede, der uns versprochen wurde? Das Team der diesjährigen Friedendekade hat die Geschichte von Elia am Horeb ausgesucht, um nach Antworten auf diese Frage zu suchen:
Auch der Prophet Elia war mittendrin im Rausch der Gewalt. In der Gewissheit, Gott an seiner Seite zu wissen, hat er 450 Baalspropheten getötet. Was für ein Blutbad! Jetzt ist er auf der Flucht vor denen, die auf Rache sinnen während ihm alles sinnlos erscheint, das ganze nie enden wollende Morden, ja das Leben an sich. Er will nur noch sterben und ruft aus: „Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser als meine Väter!“ (1. Kön 19,5) Resigniert legt Elia sich unter einen Busch und schläft ein.
„Steh auf und iss“, so weckt ihn eine Stimme. Zweimal muss der Engel kommen, ihn mit Brot und Wasser und mit Zuspruch stärken. Einen langen Weg hat Elia nun vor sich bis er nach 40 Tagen und Nächten zu einer Höhle kommt. Dort begegnet er Gott. Es ereignet sich ein gewaltiges Naturspektakel: Sturm - aber Gott ist nicht darin, Erdbeben - aber Gott ist nicht darin, Feuer - aber Gott ist nicht darin. Erst als das Tosen sich legt und Stille einkehrt kann Elia ein sanftes Sausen vernehmen. Da spürt Elia: Nun ist Gott da. Und er lässt sich von Gott den Weg zurück ins Leben weisen. Er trifft Elischa, der gerade sein Feld pflügt.
Elia hat das Schwert abgelegt und macht sich gemeinsam mit Elischa auf einen neuen Weg mit Gott.
Beide Geschichten – die von Petrus und die von Elia – erzählen von der Verzweiflung und dem Gefühl der Sinnlosigkeit angesichts des Schrecklichen, zu dem wir Menschen fähig sind. Und sie erzählen auch davon, wie Gott uns da herausholt:
Jesus sagt zu Petrus: „Auf Dich will ich meine Kirche bauen. Weide meine Schafe.“
Der Engel sagt zu Elia: „Steh auf und iss. Du hast einen weiten Weg vor Dir.“
So wie die Progromnacht ein Kipppunkt war, an dem der Friede ohnmächtig geschlagen wurde und es dunkelste Nacht ward, so gibt es auch Punkte, an denen der Friede in uns geweckt wird: Durch Gott und durch andere Menschen die uns wie der Engel zu Boten Gottes werden: „Steh auf und iss. Du hast einen weiten Weg vor Dir!“
So weit ist der Weg, obwohl doch Friede eigentlich das Natürlichste von der Welt wäre. So wenig können wir uns oft vorstellen, dass es überhaupt einen anderen Weg aus dem Krieg gibt als mehr Waffen und das laute Tosen. Es ist gut, wenn wir uns daran nicht gewöhnen können, dass Menschen ihre Menschlichkeit ablegen und es ist gut, wenn wir wissen: Gott ist nicht im lauten Tosen, sondern im sanften Sausen. Er will in uns den Frieden wecken. Der Weg ist weit und noch sehen wir ihn vielleicht nicht, aber da ist ein Weg und Gott will ihn mit uns gehen, darauf dürfen wir vertrauen.
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 20. Sonntag nach Trinitateis am 02.11.2025
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Die ersten 11 Kapitel der Bibel sind, so sagen die Forschenden, nachträglich der Bibel vorangestellt worden.
Eigentlich begann die Bibel mal mit dem heutigen 12. Kapitel des 1. Buches Mose, wo es heißt, dass Abraham gesegnet ist und ein Segen sein solle und dass Gott ihm eine neue Heimat und viele Nachkommen schenken wolle.
Die Bibel also ein Buch des Weges Gottes mit den Menschen. Und dieser Weg ist geleitet und begleitet und gesegnet.
Und, so meinen die Wissenschaftler, irgendwann reichte so ein Buch nicht mehr. Sondern man brauchte eine Vorgeschichte, die davon erzählt, wie die Menschen überhaupt so auf die Welt und ins Leben kamen, und was Menschen so tun, schon immer tun.
Und so erzählten die ersten 11 Kapitel dann von der Schöpfung, und wie die Menschen nicht widerstehen können, sondern alles besitzen wollen und wie sich dafür sogar Brüder gegenseitig umbringen, und wie die Menschen die Schöpfung verspielen und in einer großen Flut versinken – wie aktuell ist das denn – und wie schließlich aber Gott dennoch, angesichts aller menschliche Realität alle Menschen bewahren will und aus dem Kriegsbogen einen Regenbogen als immerwährendes Zeichen der Versöhnung macht.
Eine Beziehungsgeschichte wird uns hier erzählt. Und zwar von einem Gott, der Beziehung lebt, obwohl sein Gegenüber, der Mensch permanent die Regeln der Beziehung dehnt und sogar bricht.
Es ist eine sehr außergewöhnlich haltbare Beziehung, die Gott hier feststellt und festhält.
So sind die Verseschon immer sehr diskutiert worden. Kann Gott das ernst meinen? Verleugnet Gott die Fehlerhäufigkeit des Menschen? Ist Gott unvernünftig? Waren Menschen früher anders, vielleicht besser? Und ist das Symbol des Regenbogens nicht doch irgendwann durch das Tun der Menschen überholt, sozusagen doch zerbrochen?
Und die Antwort ist ebenso klar, wie schwer verständlich:
Doch, Gott ist Realist. Er sieht den Menschen durchaus wirklichkeitsnah mit all seinen Fehlern.
Gott ist auch nicht unkaputtbar hoffend, als könne der Mensch doch irgendwann einmal besser werden.
Und schließlich ist Gott auch nicht irgendwann am Ende seiner Geduld.
Sondern so, wie die Menschen sind; so, wie wir alle bis heute sind, mit all unseren Fehlern und Versäumnissen, Haken und Ösen gibt Gott uns nicht auf. Er kündigt Liebe, Leben und Zukunft nicht auf.
Ich denke, es hat etwas mit seiner Treue zu tun. Es ist eine mütterliche und väterliche Treue, die es unter uns Menschen in kleineren Dimensionen und bis zu Grenzen auch gibt. Gott überlebt die Taten der Menschen, wie eine Kind-Eltern-Beziehung die Höhen und vor allem Tiefen von Streit, Unverständnis und Distanzierung überlebt, jedenfalls meistens. Es hat etwas mit dem Thema Liebe zu tun, die weit mehr als nur romantisch sich zutiefst verbunden fühlt zu einem Wesen, für das ich Verantwortung habe. Gottes Blick auf Menschen ist einerseits von großer Klarheit und zugleich von großer Klugheit geprägt. Es ist eine Klugheit des Herzens. Sie richtet sich nicht vorrangig nach Taten, sondern nach der inneren Entscheidung für Verantwortung, die jemand übernommen hat.
Gott kann durchaus wütend werden und spielt immer wieder mit dem Gedanken, seinen Geduldfaden reißen zu lassen und sich von den Menschen und seiner Liebe zu ihnen zu verabschieden.
Aber am Ende hat er es nie getan. Stattdessen hat er durch Jesu Auferstehung sogar eine Tür in die Ewigkeit aufgestoßen.
Ich weiß ja auch nicht, wie Gott wirklich tickt. Sondern ich kann mich in meinem Denken und Glauben immer nur versuchen anzunähern.
Aber in mir gibt es ein Bild, von Gott als einen, der sich freimacht von unseren menschlichen Bildern von richtig und falsch, von Tat und Strafe und vor allem von Aufkündigung der liebevollen Beziehung.
Als gäbe es bei Gott Dimensionen und eine Weite des Raumes, die wir höchstens erahnen können.
Und wo wir in menschlichen Kategorien bleiben, wo wir mit dem Finger zeigen, Rache üben, Strafe und Vergeltung verlangen, erst Krieg führen und dann mühsam wieder alles aufbauen und mit Hilfe von Psychologinnen zu verstehen versuchen, warum Menschen so und nicht anders ticken und handeln, scheint mir Gott so eine Art Steinzeitliebe zu haben, als gäbe es in seinem Herzen schon immer und für immer Platz für alle und jedes.
Und, das finde ich total wichtig, das bedeutet nicht, es sei egal, was wir tun und lassen, uns antun und verweigern. Vielmehr haben wir alle Verantwortung für unsere Taten und Verletzungen, unsere Zerstörungen und Missachtungen, unsere Lieblosigkeit und unser Misstrauen.
Und zugleich kann uns nichts von Gottes Liebe trennen, nicht einmal Engel sagt Paulus in seinem Brief an die Römer.
Ich glaube, ich versuche zu sagen: Es ist ein Wunder mit Gottes Liebe. Und so wenig egal ist, was wir tun und wie wir leben, und so sehr wir dafür zur Verantwortung gezogen werden, schafft Gott es seltsamerweise dennoch, uns nicht fallen zu lassen.
So sind wir einerseits Menschen mit allen Fehlern und haben andererseits dennoch die Chance, immer neu anzufangen. Und wo wir auf der Welt Chancen verspielen und dabei die ganze Welt sehr ernsthaft aufs Spiel setzen, kann Gott dennoch Regenbogen und Segen auch für die Zukunft setzen.
Am Ende bleibt es ein rätselhaftes Versprechen. Auch, wenn ich Gott vertraue, bleibt er für mich voller Rätsel. Aber zugleich macht er mir trotzdem Hoffnung.
Und ein Regenbogen erinnert mich daran.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 19. Sonntag nach Trinitatis am 26. Oktober 2025
von Pastorin Parra
zu Joh 5,1-16:
Liebe Gemeinde,
ausgedörrt und vertrocknet fühlt sie sich, wie hinter einer gläsernen Wand, auf deren anderer Seite alles weiterläuft wie immer. Aber auf ihrer Seite steht alles still – wie abgestorben. Seit ihr Freund sie verlassen hat, ist auch alle Lust verschwunden, mit ihren Freundinnen zu lachen, alle Freude an ihrem Beruf. Das ist nun schon so lange her und anfangs haben sie immer wieder auf sie eingeredet: „Stell dich nicht so an, das Leben geht weiter. Es gibt auch noch andere Männer und der war sowieso ein Blödmann!“ Aber das kam gar nicht richtig bei ihr an. Meist hat sie nur kurz oder gar nicht geantwortet. Sie konnte einfach nicht. Und jetzt haben es alle aufgegeben. Sie versteht das: Ihr leben ist langweilig, das findet sie ja selbst. Zur Arbeit schafft sie es schon seit Monaten nicht mehr. Sie ist krank, das ist jetzt klar: Depressionen. Die Freundinnen fragen sie nicht mehr, ob sie nicht diesmal mitkommen will. Die meisten haben sie wohl schon vergessen. Das Leben geht weiter – für die anderen. Wer oder was sollte ihr noch helfen?
Da liegt er – 38 Jahre schon – ein Leben lang fast. Da liegt er auf seiner Matte tagein und tagaus. Um ihn herum so viele Menschen und doch ist er allein. Sie sagen: „Wenn das Wasser sich bewegt dann badet da ein unsichtbarer Engel. Und wer dann als erstes ins Wasser steigt, der wird gesund.“
Am Anfang hat er noch dran geglaubt, gehofft und gebangt jedes Mal. Am Anfang hat ihn noch manchmal jemand besucht, ihm Mut gemacht und manchmal waren da sogar zwei Freunde, die ihn genommen und mit ihm Richtung Wasser gelaufen sind. Freunde aus einem Leben, das längst vergangen scheint.
Warum sind sie weggeblieben, das hat er sich am Anfang oft gefragt. Und er hat versucht, diesen Ort mit ihren Augen zu sehen. Ein Ort, an dem nichts Neues geschieht. Ein Ort an dem die warten, die sonst keine Hoffnung mehr haben. Warten auf ein Wunder, an das sie mit jedem Tag weniger glauben können. Er selbst war immer mehr zu einem dieser Kranken hier geworden und immer weniger der, den sie einst ihren Freund genannt hatten. Ein Kranker wie die anderen, dessen Leben stillsteht und dessen Hoffnung eingefroren ist. Zu der äußeren Lähmung ist eine innere gekommen – unbemerkt und unabwenbar.
Man kann gar nicht sagen, dass ihn die Stimme aus seinen Gedanken gerissen hätte. Eigentlich denkt er schon lange nicht mehr. Was denn auch? „Willst Du gesund werden?“ - Meint der wirklich ihn? Schon so lange ist er nichts mehr gefragt worden. Er hat ja auch nichts zu erzählen. Und eigentlich weiß er auch gar nicht, was er darauf sagen soll, was der Fremde fragt. Welchen Sinn hat es, das Unmögliche zu wollen? Welchen Sinn, jedes Mal wieder zum Teich zu kriechen wenn das Wasser sich bewegt und doch zu spät zu kommen? Ist es da nicht besser, nichts mehr zu denken und zu wollen?
„Ich habe keinen Menschen“ – so sagt er. „Keinen Menschen, der mich an den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt.“ Und es klingt wie: „Alle haben mich vergessen. Gott hat mich vergessen. Alles ist sinnlos.“
Aber direkt vor ihm steht jetzt ein Mensch. Einer, der ihn ansieht und ihn fragt, was er will. Einer, der in ihm nicht nur den Kranken sieht, sondern einen Menschen mit Wünschen und Hoffnungen. Einer, der augenscheinlich alles für möglich hält. Es braucht kein bewegtes Wasser. Es braucht einfach nur eine klare Ansage: „Steh auf, nimm dein Bett und geh hin!“
Von diesem Moment ist der Kranke kein Kranker mehr, sondern ein Geheilter. Einer, der weil er es will und weil Gott es will aufstehen kann, seine Liegematte nehmen und umhergehen. Einer, der das auch tut, weil er es kann und will. Und das am Sabbat. Gerade am Feiertag, denn ist das nicht ein Grund zum Feiern, dass da ein Mensch gekommen ist, der ihn angesehen hat, einer der ihn gemeint und ihn gefragt hat, was er will? Ein Mensch, der in ihm nicht nur einen Kranken gesehen hat, sondern ein „Du“ und der das Unmögliche für ihn möglich gemacht hat?
Ein Mensch auch, der es bei der einmaligen Begegnung nicht belässt. Der den Geheilten wiederfindet als er im Tempel Gott für das Wunder dankt. Aber was meint Jesus mit „Sündige nicht mehr, damit Dir nichts Schlimmeres widerfährt“? War die Krankheit eine Strafe Gottes? Der Geheilte kann nicht glauben, dass Gott einem Menschen so etwas antun würde. Ganz egal, was der vielleicht getan hat. Überhaupt: Sündige nicht - Was heißt das? Der Geheilte spürt, dass damit bestimmt nicht gemeint ist: „Hör auf, am Sabbat dein Bett herumzutragen!“
Es geht um Grundsätzlicheres. Gerade hat er am eigenen Leib erfahren: Gott findet mich. Gott sieht mich an. Gott fragt mich und wenn ich will, dann macht er mich gesund. Noch kurz zuvor hätte er es nicht für möglich gehalten, dass er einfach so aufstehen könnte aus seiner Lähmung. Aber das Unmögliche wurde wahr. Und es begann mit dem einen Menschen, der ihn gefragt hat: „Willst Du gesund werden?“ Der ihn wieder in die Beziehung geholt hat. Dem er nicht egal war und der ihm gezeigt hat: Du bist auch Gott nicht egal. Gott ist Dein Du und Deine Hoffnung – immer.
Bei dieser Hoffnung zu bleiben, was auch geschieht, das bedeutet, zu leben, das bedeutet, in tieferem Sinne gesund und heil zu werden. Das bedeutet, anderen nun zu einem Menschen zu werden, der sie findet und ansieht, sie fragt und ihnen Hoffnung spendet. Das bedeutet, mit Gott verbunden zu bleiben - an der Quelle gewissermaßen. Die Quelle in sich zu tragen, so dass man nicht hineingetragen werden muss und auf irgendeinen magischen Zauber vertrauen, sondern ganz selbstverständlich aus dem Vollen schöpfen kann.
Diese Quelle kann man nicht selber zum Fließen bringen. Das geschieht in der Begegnung mit dem „Du“. Man kann aber dranbleiben. Und man kann sehen, wenn die Quelle in anderen zu versiegen droht. Wenn sie erstarren – innerlich oder äußerlich. Durch das Schreckliche, was ihnen widerfährt und sie abschneidet von der Quelle des lebendigen Wassers. Der Geheilte ist nicht Jesus. Er hat keine göttlichen Kräfte. Aber er kann anderen zum „Du“ werden. Vielleicht meint Jesus das: Sündige nicht mehr – bleib an der Quelle und teile sie.
Wie es mit dem Geheilten weitergeht, erfahren wir nicht. Äußerlich hat sein Leben sich von Grund auf verändert, aber auch innerlich?
Krank sein, körperlich oder seelisch, ist nicht „Schuld“ – gesund sein kein „Verdienst“. Wir haben es nicht in der Hand. So viele Menschen warten und sehnen sich und bleiben gelähmt – ein Leben lang. Das ist schrecklich und ich jedenfalls kann nicht verstehen, warum.
Umso wichtiger scheint es mir, geschenktes Heil zu erkennen und in der Begegnung teilen. Mitten im Herbstdunkel zwischen den gefallenen, verwelkten Blättern können wir Auferstehung erleben und an uns geschehen lassen.
Im Psalm 18 heißt es: „Des Totenreichs Bande umfingen mich und des Todes Stricke überwältigten mich. Als mir Angst war, rief ich den Herrn an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme…Er streckte seine Hand aus von der Höhe…Er ward meine Zuversicht. Er führte mich hinaus ins Weite.“
So eine Erfahrung kann uns und alle, denen wir begegnen. für die Krisen des Lebens stärken.
Heute taufen wir die kleine Jonna mit lebendigem Wasser. Sie hat Menschen, die sie hinbringen und ihr Worte des Vertrauens mit auf ihren Weg geben: „Von allen Seiten umgibst Du mich und hältst deine Hand über mir.“ (Ps 139,5). Ihre Paten können sie fragen, was sie vom Leben will. Sie können von der Quelle in ihnen erzählen und mit ihr im Gebet Gott begegnen. Können ihr zum „Du“ werden.
Solche „Du“- Menschen wünsche ich allen, die vom Leben abgeschnitten sind, den Verlassenen, denen, deren Quelle versiegt ist. „Du“ -Menschen, die sie nicht aufgeben und dran bleiben, egal wie viel Resignation und Hoffnungslosigkeit das Gegenüber lähmt. Die in guten und in schweren Zeiten weiter fragen: „Was willst und brauchst Du?“ – immer wieder.
Wem wollen Sie so ein „Du“-Mensch sein?
Ein segensreiches Miteinander
Ihre Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 18. Sonntag nach Trinitateis am 19.10.2025
von Pastorin Lilienthal
Was bleibt eigentlich von unserem Glauben, wenn Worte verstummen? Wenn keine Predigten mehr gehalten, keine Lieder mehr gesungen werden – was bleibt dann sichtbar von unserem Christsein? Der Jakobusbrief stellt uns genau diese Frage. Und er tut das sehr direkt: „Was hilft’s, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke?“ Das klingt streng, fast provozierend. Aber Jakobus meint: Ein Glaube, der sich nicht zeigt, ist wie ein Körper ohne Atem. Er ist da, aber er lebt nicht. Es ist leicht, an Gott zu glauben, wenn alles gut läuft. Aber Glauben heißt nicht nur, etwas zu glauben. Glauben heißt, jemandem zu vertrauen – und diesem Vertrauen zu folgen. Ich erinnere mich an eine ältere Frau aus meiner ersten Gemeinde nach dem Vikariat. Sie sagte zu mir: „Ich kann nicht mehr viel tun. Aber ich bete jeden Abend für jemanden, von dem ich weiß, dass er es schwer hat.“ Ich fand das berührend. Und doch meinte sie: „Manchmal denke ich, das ist zu wenig.“
Ich glaube, Jakobus hätte ihr geantwortet: Es ist nicht zu wenig, wenn es ehrlich ist. Denn es geht nicht um große Leistungen. Es geht darum, dass unser Glaube Hände bekommt, und Füße, die losgehen. Dass er im Alltag sichtbar wird – im Mitfühlen, im Teilen, im Vergeben. Wir leben in einer Zeit, in der viele sagen: Ich glaube an etwas – aber ich brauche keine Kirche dazu. Vielleicht stimmt das sogar. Aber Jakobus würde nachfragen: Und was folgt daraus? Wie zeigt sich dein Glaube? Ein Glaube, der nur nach innen lebt, bleibt unvollständig. Er wird dann zu einer Überzeugung, aber nicht zu einer Bewegung. Denn Glaube ist mehr als Meinung. Glaube will etwas bewirken. Das beginnt ganz klein: im Zuhören, im Dasein, im Wort der Ermutigung, und dann, wenn wir Verantwortung übernehmen. Da, wo wir für andere eintreten – auch wenn es uns selbst etwas kostet. Jakobus nennt zwei Beispiele: Abraham und Rahab. Beide glaubten – aber ihr Glaube blieb nicht bei Worten. Abraham handelte, weil er Gott vertraute. Rahab handelte, weil sie den Mut hatte, Gutes zu tun, auch wenn es gefährlich war. Ihr Glaube war kein stilles Bekenntnis, sondern eine lebendige Kraft. So, glaube ich, ist es auch heute: Ein gelebter Glaube verändert die Welt – nicht laut, nicht spektakulär, aber stetig. Er verändert Nachbarschaften, Familien, Freundschaften. Und manchmal sogar uns selbst. Glaube ohne Werke ist tot – nicht, weil Gott uns misst, sondern weil Glaube, der nichts tut, aufhört, Glaube zu sein. Wer glaubt, will bewegen. Wer vertraut, will handeln. Wer liebt, will teilen. Das ist kein Druck, kein Gesetz. Es ist eine Einladung, unseren Glauben lebendig werden zu lassen – im ganz normalen Alltag. Denn Gott sieht nicht auf die Größe unserer Taten, sondern auf die Liebe, aus der sie geschehen. Vielleicht ist das der schönste Gedanke des Jakobusbriefs: Ein lebendiger Glaube ist ansteckend. Er fängt bei einem Menschen an – und geht weiter, von Herz zu Herz.
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 17. Sonntag nach Trinitatis am 12. Oktober 2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde, liebe neue Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern,
Jesus haut ab aus Genezareth. Er zieht sich zurück in ein Gebiet, wo kaum Juden leben. Vielleicht ist es ihm zu viel geworden, dass alle etwas von ihm wollen. Ständig ist er von Menschen umringt. Die einen suchen Heilung, die anderen Geschichten. Und noch andere wollen wissen, warum er sich nicht an alle Gesetze der Juden hält. Warum heilt und predigt er am Feiertag? Warum isst er Dinge, die als unrein gelten?
Hier kennt ihn keiner, so hofft er. Mit seinen Freunden kann er hier die Ruhe genießen. Doch nein, ruhig ist es hier auch nicht. Was ist das für eine Frau? Sie kommt immer näher und schreit laut: »Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem bösen Dämon beherrscht!«
Die Freunde sind genervt. Und vor allem sorgen sie sich um Jesus. Er muss sich ausruhen. Sieht die Frau das denn nicht? Aber er reagiert gar nicht. Als ob er die Frau nicht hört. Nicht hören will. Es ist zu viel für ihn. Das spüren seine Freunde. Darum bitten sie ihn:
»Schick sie weg! Denn sie schreit hinter uns her.«
Und Jesus macht das auch: »Ich bin nur zu Israel gesandt, dieser Herde von verlorenen Schafen«, sagt er und denkt vielleicht: Mit denen habe ich schon genug zu tun. Mit denen, die das Heil bei mir suchen und mit denen, die meinen, schon am Ziel zu sein, obwohl sie am weitesten davon weg sind.
Die Frau lässt sich nicht so leicht abspeisen. Sie fällt auf die Knie und ruft: »Herr, hilf mir doch!«
Da benutzt Jesus wie so oft ein Bild, um sie zu überzeugen: »Es ist nicht richtig, den Kindern das Brot wegzunehmen und es den Hunden vorzuwerfen.«
Die Frau versteht genau, worauf Jesus mit dem Bild hinauswill. Sie könnte sich enttäuscht abwenden. Jesus vergleicht sie mit einem Hund. Er hält sie für unwürdig. Aber stattdessen steigt sie ein, benutzt genau dies Bild für ihre Zwecke: »Ja, Herr! Aber die Hunde fressen doch die Krümel, die vom Tisch ihrer Herren herunterfallen.«
Sie macht sich klein. Klein wie ein nicht beachteter Hund, der unter dem Tisch auf die Krümel wartet. Das macht ihr nichts aus. Sie weiß, dass das, was Jesus hat, so groß ist, dass ein winziger Krümel reicht. Darauf vertraut sie fest. Und das beeindruckt Jesus.
Die Frau ist nicht klein. Sie ist groß. Groß im Glauben. Sie traut Jesus mehr zu als er sich selbst zutraut. Und sie hat Recht. Bei Gott ist alles möglich. Er gibt so reichlich, dass es für alle genug ist, wenn wir nur darauf vertrauen.
»Frau, dein Glaube ist groß! « So staunt Jesus und fragt sie: »Was du willst, soll dir geschehen!« Alles ist möglich. Nicht nur für Juden, sondern für alle Menschen, die im Vertrauen darum bitten.
Die Tochter wird gesund. Und Jesus begreift in diesem Moment: »Jeder Mensch, der den Namen Gottes anruft, wird gerettet werden.« Egal, ob Jude oder Kanaanäerin, Mann, Frau, Kind, arm oder reich. Alle sind eins. Eins in ihm. Was er tut, tut er für alle Menschen.
Seitdem sind fast 2000 Jahre vergangen. Das Christentum hat sich über die ganze Welt ausgebreitet. Auch hier nach Preetz ist es gekommen und um das Jahr 1200 herum wurde hier auf dem Hügel am Kirchsee die erste Kirche errichtet. Noch heute sind Teile davon erhalten. Unter anderem das Taufbecken. Aber seitdem hat sich noch so einiges geändert:
Noch im 18. Jahrhundert bekamen die Adligen Spezialplätze in den Logen des neu errichteten Kirchenschiffes. Ihre Wappen zeigen bis heute an: Hier sitzen die Donners, die von Bülows oder auch die Vertreter der Stadt Preetz. Auch wenn die Logen heute höchstens noch benutzt werden, wenn die Kirche zu Weihnachten bis auf den letzten Platz besetzt ist.
Schon damals hat die Sonderbehandlung der Adligen nicht jedem gefallen. Die Schuster haben ihre Spuren in dieser Kirche durch die große Schusterkrone hinterlassen und damit gesagt: Es ist genauso unsere Kirche wie eure. Wir sind nicht die Hunde, die mit den Brotkrumen unterm Tisch vorliebnehmen müssen. Bei Gott gelten alle Menschen gleich viel. Sind gleichermaßen geliebt.
Und das sagt Ihr auch heute mit Euren Wappen, die Ihr selbst gestaltet und in der Stadtkirche aufgehängt habt. Auf den Wappen sieht man, was Ihr gut könnt: Fußball, Handball, Reiten..., was Euch wichtig ist: Eure Familie und Freunde, Haustiere, die Natur und auch Gott, wie er in Eurem Leben wirkt: Eine Taube, Symbol für den Geist Gottes und für den Frieden. Eine Kerze, die Licht ins Dunkel bringt.
Diese Wappen zeigen: Ihr seid jetzt Teil dieser Gemeinde. Ihr seid wichtig. Eure Stimme soll gehört werden und Euer Glaube soll hier wachsen und Früchte tragen können.
Im Unterricht werdet Ihr eine Menge über den christlichen Glauben lernen, aber wir werden auch von Euch lernen. Von Eurer Art, Gott und die Welt zu verstehen und Euch mit Euren Ideen und Euren Stärken in der Gemeinschaft einzubringen.
Wir freuen uns, dass Ihr da seid. Dass Ihr zumindest ein Stück Wegs mit uns gehen wollt und wir hoffen, dass das, was Ihr in dieser Gemeinde erlebt, Euch Lust macht, Euren Glauben weiter zu erforschen, Euch auf die Suche nach Gott zu machen und nicht locker zu lassen- so wie die Frau in unserer Geschichte sich nicht abschrecken lassen hat als nicht gleich eine Antwort kam.
Vielleicht steckt Ihr sogar Eltern, Geschwister oder Freunde mit der Gottsuche an, denn Gott will sich von uns allen finden lassen. Jedem Einzelnen und jeder Einzelnen in ihrer je eigenen und besonderen Art möchte er begegnen. Das haben wir heute durch Eure Wappen hier sichtbar gemacht, aber das gilt immer und überall. Darauf dürfen wir vertrauen.
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Erntedankfest am 04.10.2025
von Pastorin Glatthor
Von Schätzen, an die an Erntedank gedacht werden kann
„Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber dieser Satz von Jesus hat die seltsame Fähigkeit, immer wieder auf die eigene Innenschau zu drängen. Ich frage mich: Wo liegt eigentlich mein Schatz? Wo gebe ich ihm Raum? Wo investiere ich meine Energie, meine Zuneigung, meine Zeit? Ich denke, die Antwort darauf ist nicht immer so klar wie ein Bankkonto oder ein Edelstein.
Manchmal, wenn wir von „Schätzen“ sprechen, denken wir sofort an etwas Glänzendes, an Gold, an Wohlstand. Aber im Evangelium geht es nicht um das, was glänzt – es geht darum, was uns verbindet, was uns nährt, was unser Leben lebenswert macht. Schätze sind nicht immer das, was wir sehen, sondern oft das, was wir erleben, was uns berührt, was uns verändert.
Kürzlich las ich eine Geschichte, die mir immer noch nicht aus dem Kopf geht. Ein Mann, der sein Leben lang ein eher bescheidenes Leben geführt hatte, ging in den Ruhestand. Und was tat er? Er entschied sich, für seine Familie etwas zu tun, das er sich nie getraut hätte, während er noch arbeitete: Er fing an, Lieder zu schreiben. Kein großes Unternehmen, keine neuen Reichtümer – nur Lieder, die seiner Familie Freude brachten.
Und wisst ihr, was seine Kinder über ihn sagten? Sie sagten: „Er hat uns gezeigt, dass Glück und Reichtum nicht unbedingt mit Geld und Status zu tun haben, sondern mit dem, was wir miteinander teilen – was uns nähren kann.“ Dieser Mann hatte den wahren Schatz entdeckt, nicht in einem Konto, sondern in einem Augenblick der Nähe, in der Kreativität, in einem Moment, der für andere Sinn stiftete.
Ich frage mich: Haben wir auch solche „Schätze“ in unserem Leben – Momente, die nicht in Gold wiegen, aber die uns mehr nähren als alles, was wir kaufen können? Vielleicht ein Lächeln, ein Gespräch am Küchentisch, das Wiedersehen mit einer guten Freundin. Der wahre Schatz ist nicht immer das, was auf der Oberfläche glänzt, sondern das, was tiefer liegt und uns mit Leben erfüllt.
In der Bibel hören wir von Gottes Reich, und Jesus spricht immer wieder davon, dass es nicht wie ein Reich der Welt ist. Er zeigt uns, dass der wahre Schatz uns selbst betrifft – unser Herz. Jesus fragt nicht, ob wir viel besitzen, sondern er fragt: Wo ist dein Herz?
„Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ – bedeutet das nicht auch, dass wir uns fragen dürfen, wie wir mit dem umgehen, was uns anvertraut ist? Der wahre Schatz liegt nicht im Besitzen, sondern im Teilen. Schaut doch mal hin: Wie viel Glaube liegt in den Dingen, die wir mit anderen teilen? Die Suppe, die wir für die Nachbarn kochen, die Fröhlichkeit, die wir in einer trüben Zeit weitergeben, der Raum, den wir für die Kleinen schaffen, die uns zeigen, was Wahrheit und Freude sind.
Erntedank – da denken wir oft an die Früchte der Erde. Und das ist auch ein wichtiger Gedanke an Erntedank, der Dank an all diejenigen, die dafür sorgen, dass Der Mais geerntet wird, dass die Kartoffeln auf dem Supermarkt landen. Aber was ist mit den Früchten des Geistes? Was ist der Schatz, den wir im Miteinander sammeln? Liebe, Geduld, Fürsorge – das sind die Schätze, die uns nicht nur mit Gaben der Erde, sondern mit Gaben des Himmels erfüllen.
Ich erinnere mich an einen Moment, als ich nach einem langen Arbeitstag erschöpft nach Hause kam. Ich hatte das Gefühl, dass ich alles gegeben hatte und irgendwie leer war. Und dann setzte sich meine Tochter zu mir, legte ihren Kopf auf meinen Schoß und sagte: „Mama, erzähl mir eine Geschichte.“ Einfach so. Und in diesem Moment wusste ich: Das ist der wahre Schatz. Diese Verbindung, dieser Augenblick, der mehr wert ist als alles, was ich in einem Tag schaffen kann.
Die wahre Frage an diesem Erntedankfest lautet also: Was nährt mich wirklich? Sind es die Dinge, die ich ansammle, oder sind es die Beziehungen, die mir Leben geben? Erntedank ist eine Einladung, darüber nachzudenken, was uns satt macht, was uns erfüllt. Neben den Schätzen, die wir auf den Feldern und an den Bäumen finden, finden wir die Schätze nicht immer im Sichtbaren, sondern in dem, was uns unsichtbar nährt: die Gegenseitigkeit, das Vertrauen, der Glaube und das Zusammengehörigkeitsgefühl, das uns durch alle Lebensstürme hindurchträgt.
Vielleicht ist es an der Zeit, unsere Schätze ein wenig neu zu definieren. Vielleicht ist der wahre Schatz nicht das, was wir erwerben oder halten können, sondern das, was wir weitergeben. Der wahre Schatz liegt in der Beziehung zu Gott und den anderen, im Teilen dessen, was uns gegeben ist. Vielleicht haben wir zu viel in Weltliches investiert, und die richtige Antwort auf die Frage, wo unser Schatz ist, liegt im Leben selbst – im Miteinander, im Leben mit Gott, im Zuhören, im Danken und im Teilen.
Wenn wir heute von den Früchten des Lebens sprechen, dann denken wir nicht nur an das, was auf der Erde wächst, sondern auch an das, was in uns wächst: Liebe, Hoffnung, Glauben, Freundschaft, Vergebung. Das sind die Schätze, die uns lebendig machen. Und wenn wir uns darauf besinnen, dann wird Erntedank zu einem Fest des Teilens, zu einem Fest des Lebens, das wir mit allen teilen dürfen.
„Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“ Was für ein klarer und zugleich tiefer Satz! Vielleicht ist es an der Zeit, unser Herz neu auszurichten – nicht auf das, was glänzt, sondern auf das, was uns wirklich nährt. Wenn wir unseren Schatz in Gott und im Miteinander finden, dann sind wir schon reich. Lass uns heute den wahren Schatz finden und für all das danken, was uns lebendig macht.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 15. Sonntag nach Trinitatis am 28. September 2025
von Pastorin Lilienthal
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Mk 3, 31-35
31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Jesus, als hätte er keinen Respekt vor seiner Mutter und seiner Familie. Jesus wie ein pubertierender Jugendlicher. Ist Jesus ein Flegel? Hat er vergessen, wo er hingehört und wie man sich benimmt gegenüber der Mutter?
Und wie passt das zu dem Jesus, der unter dem Kreuz seine Mutter und Johannes zu einem neuen Mutter-Kind-Paar zusammenbringt? Wie passt das zur Predigt von Gott, der die Liebe ist?
Erst einmal passt es gar nicht. Man und frau können sich an diesem Text stoßen und tun es auch, seitdem Markus das so formuliert hat.
Und ich denke sogar, das ist Absicht.
Ja, die Menschen sollen nochmal intensiv hinhören, ins Nachdenken kommen, damals wie heute. Jesus rückt die Verhältnisse zurecht. Er schafft neue Beziehungsstrukturen.
Und letztlich sagt er damit etwas über das Wesen des Glaubens.
Für meine Ohren sagt er: Im Glauben gehören wir wie Geschwister zusammen. Die Beziehung, die aus Nächstenliebe, Menschenwürde, Glauben an die Gerechtigkeit Gottes und unbedingtem Friedenswillen beruht, nimmt Familienstatus ein, verschiebt Grenzen.
Da werden Mutter und Geschwister neu definiert und Gott, wenn man ihn Vater nennt, rückt Beziehung in ein neues Licht.
Wozu ist das wichtig?
Ich denke, es geht Jesus um eine tragfähige Basis des Zusammenlebens von Menschen. Es geht ihm nicht um arrogante Machtverschiebung. Er hat nur aufs erste Hören einen schnodderigen Ton gegenüber seiner Mutter.
Tatsächlich aber löst er sich aus seinen familiären Banden soweit heraus, dass er eine neue Familie, eine Glaubensfamilie, einen sehr besonderen Zusammenhalt einer Gesellschaft gründen kann.
ER macht die bisherige Familie dabei nicht unwichtig, versottet sie nicht, ist kein Flegel.
Aber fast wie in der Pubertät lösen sich Wege auf, um neu gefunden zu werden.
Neulich sagte jemand zu mir: Das mach ich nur für mich und meine Familie. Für Fremde würde ich mir diese Mühe nicht machen.
Da ging es um eine handwerkliche Arbeit, die Zeit, Mühe und Geld kostet.
So ähnlich sprechen wir zuweilen auch über Menschen, die wir als Fremde in unserem Land empfinden. Die wollen wir nicht genauso versorgen, als würden sie zur Familie unseres Landes gehören – die sind doch schließlich fremd.
Jesus geht da schon immer und grundsätzlich andere Wege. Am Ende geht er sie sogar zu den Feinden oder zu dem Verbrecher neben ihm am Kreuz, den er mit in den Himmel nimmt.
Wohin wir geboren sind als Familie, diesen Ursprung weitet Jesus. Ich verstehe das als Fortsetzung des Schöpfungsgedankenes Gottes. Der hat ja die Welt entstehen lassen, und die Menschen, nicht die Völker.
Letztlich ist Jesu Blick weltenweit.
Zwar erzählt die Bibel von Anfang an Geschichten davon, wie Menschen sich in Bekannte und Fremde aufteilen. Sogar die ersten Brüder Jakob und Esau tun das, und sofort bringt der eine den anderen um.
Aber Gottes Schöpfungsgedanke wird schon hier zerbrochen.
Und es ist, als würde Jesus da neu anknüpfen wollen.
Ich weiß schon, wer sozusagen meine geburtliche Mutter und meine Geschwister sind. Ich höre, sie stehen vor der Tür und verlangen nach mir. Aber ich blicke in die Runde, die mich umgibt und nenne sie alle meine Familie.
Und dann kommt der Schlüsselsatz, unter dem sich alle wieder verbinden können:
Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Das bedeutet in meinen Ohren, Jesus trennt sich von den einen ein Stück weit, um sich anschließend mit allen neu zu verbinden.
Und der Grund dafür ist das Leben und die Übernahme von Verantwortung dafür, dass alle leben können und das möglichst heil und liebevoll.
Ich weiß, das ist ein idealer Gedanke.
Denn die Welt ist nicht so.
Die Welt wird unterteilt in Machtbereiche, in richtig und falsch, in dazugehörig und nicht dazugehörig, in rechtens und unrechtens.
Und nicht wenig sagen: So ist das und hinterfragen es nicht.
Ja, ich weiß, so ist das. Aber ich weiß auch: So muss das nicht bleiben. Und ich weiß auch, ich werde das nicht abschaffen. Und doch werde ich immer wieder meinen Teil dazu tun, das zu verändern …
… damit die Familie derer, die dazugehören zum Versprechen des Lebens, zur Verheißung der Gerechtigkeit, zum unbedingten Friedenswillen und zu lebendiger Liebe – damit diese Familie lebendig ist, vielleicht sogar wächst, wenn auch in kleinen Schritten.
Dieser Familiengedanke des Christentums ist lebendig und freiheitlich gemeint. Hier geht es nicht um neue Abhängigkeiten. Die christliche Familie erweitert die Geburtsfamilie und trägt, wenn es gut geht, den Rückhalt, die Liebe, die Begleitung im Aufbruch und noch mehr dessen, was eine Familie kann, in sich und zugleich in die Weite.
Letzter Gedanke, und er führt für einen Moment etwas weg von dem bisher Gesagten – scheinbar jedenfalls.
Ich möchte von einem Familienmitglied sprechen, das zu uns gehört, und das heute Geburtstag hat – ich meine die Orgel.
Fünfundzwanzig wird sie heute, für eine Orgel ist das eher ein Teenageralter.
Sie, die vor fünfundzwanzig Jahren mit soviel Herzblut und Akribie neu zum Leben erweckt wurde, indem man ihre historische Gestalt für die Zukunft spielfähig gemacht hat, sie hat irgendwie für viele – und auch für mich – fast einen Familienplatz im Gottesdienst.
Wie eine Mutter, die vorsingt, nimmt sie mich mit. Wie eine, die mich jubelnd oder leise, brausend oder zart, stimmgewaltig oder fast flüsternd auf ihre Art mit Gottes Geschichten und seiner Botschaft verbindet, ist auch sie mir ein Familienmitglied mit einer wahrhaft ganz eigenen Stimme.
Und wenn die Sprache des Glaubens manchmal schwierig wird und ich ihr nicht folgen kann, oder selbst keine gut verständlichen Worte finde, mischt sie sich ein und spielt vom anbrechenden Morgen, vom Lob Gottes, vom Herz, das freudig aufgeht oder vom Mond, der mich treu begleitet. Und so bringt mich ihre Stimme genauso und manchmal sogar intensiver mit Gottes Nähe in Verbindung, wie das gesprochene Wort oder das Gebet.
So ist Jesus, den wir heute wie im Affront, wie provokant erleben gegenüber der Mutter, die ihn geboren hat und gegenüber den Geschwistern, mit denen er spielend groß wurde, der, der die Blicke weitet, die Familie größer zieht, die Worte und die Klänge des Lebens einbezieht und das immer mit dem einen Hauptziel, uns zu retten und zu erlösen und uns Zukunft zu ermöglichen, die wir alleine nicht gestalten könnten.
Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Ich persönlich verstehe Gottes Wille als Wille zum Leben.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 14. Sonntag nach Trinitatis am 21.09.2025
von Pastorin Lilienthal
Es gibt Nächte, die ziehen sich endlos in die Länge. Man wälzt sich von einer Seite auf die andere. Es sind Nächte, in denen wir einfach keinen Frieden finden. Gedanken laufen im Kreis: Was ist morgen? Wie geht es weiter? Kann das gut ausgehen? Solche Nächte kennen viele von uns.
Auch Jakob erlebt so eine Nacht. Seine Geschichte steht im 1. Buch Mose. Jakob ist auf der Flucht – weg von zu Hause, weg von seinem Bruder, mit dem er im Streit liegt. Er hat ihn betrogen, sich den väterlichen Segen erschlichen. Nun bleibt ihm nur noch die Flucht. Seine Zukunft ist ungewiss, seine Vergangenheit voller Bruchstellen. Und da liegt er nun, in der Fremde, ohne Dach über dem Kopf, mit einem Stein als Kissen.
Und dort – in der Dunkelheit, in der Einsamkeit, in der Schuld – begegnet ihm Gott. Jakob träumt von einer Leiter, die bis in den Himmel reicht. Engel steigen auf und nieder. Und Gott selbst spricht zu ihm: „Ich bin bei dir. Ich will dich behüten. Ich lasse dich nicht los.“
Als Jakob erwacht, ist er erschrocken. Alles ist noch wie vorher: der Stein, die Nacht, seine Flucht. Aber etwas hat sich verändert: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht.“ Diese Erfahrung bewegt ihn zutiefst. Sie berührt ihn, rüttelt ihn auf und lässt ihn staunend zurück. Mitten in seiner Schuld, mitten im Chaos seines Lebens erfährt er: Gott ist da.
Genau da, wo menschliche Beziehungen zerbrechen, setzt Gottes Geschichte mit Jakob ein. Und ich glaube: Das kann doch kein Zufall sein. Denn das ist Menschheitsgeschichte. Wir alle kennen das: Brüche im Leben. Ein Streit, der nicht mehr zu kitten ist. Eine Beziehung, die zerreißt. Worte, die man nicht zurücknehmen kann. Situationen, in denen man denkt: Jetzt ist alles verloren.
An diesem Punkt – wo wir uns verloren fühlen – macht Gott einen Neuanfang. Er begegnet uns nicht erst, wenn wir alles im Griff haben. Nicht erst, wenn wir stark und vorbildlich sind. Sondern mitten in unserer Schwäche, in unserer Dunkelheit, in unseren Fehlern.
Vielleicht haben Sie solche Momente erlebt: ein Anruf, genau dann, wenn Sie ihn brauchten. Ein freundliches Wort, das Sie aufgerichtet hat. Ein Lied, das Sie mitten ins Herz getroffen hat. Kleine Erfahrungen, in denen Sie gespürt haben: Da ist mehr. Da trägt mich etwas.
Jakob zieht nach dieser Nacht weiter. Seine Probleme sind nicht gelöst. Aber er trägt Gottes Zusage im Herzen: „Ich bin bei dir. Ich lasse dich nicht los.“ So dürfen auch wir weitergehen – mit dieser Verheißung.
Der Wochenspruch bringt es auf den Punkt: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ Vergessen wir nicht die Augenblicke, in denen wir schon getragen wurden. Vergessen wir nicht, was uns Hoffnung gegeben hat.
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 13. Sonntag nach Trinitatis am 14. September 2025
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Mk 3, 31-35
31 Und es kamen seine Mutter und seine Brüder und standen draußen, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. 32 Und das Volk saß um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen fragen nach dir. 33 Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? 34 Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder! 35 Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Jesus, als hätte er keinen Respekt vor seiner Mutter und seiner Familie. Jesus wie ein pubertierender Jugendlicher. Ist Jesus ein Flegel? Hat er vergessen, wo er hingehört und wie man sich benimmt gegenüber der Mutter?
Und wie passt das zu dem Jesus, der unter dem Kreuz seine Mutter und Johannes zu einem neuen Mutter-Kind-Paar zusammenbringt? Wie passt das zur Predigt von Gott, der die Liebe ist?
Erst einmal passt es gar nicht. Man und frau können sich an diesem Text stoßen und tun es auch, seitdem Markus das so formuliert hat.
Und ich denke sogar, das ist Absicht.
Ja, die Menschen sollen nochmal intensiv hinhören, ins Nachdenken kommen, damals wie heute. Jesus rückt die Verhältnisse zurecht. Er schafft neue Beziehungsstrukturen.
Und letztlich sagt er damit etwas über das Wesen des Glaubens.
Für meine Ohren sagt er: Im Glauben gehören wir wie Geschwister zusammen. Die Beziehung, die aus Nächstenliebe, Menschenwürde, Glauben an die Gerechtigkeit Gottes und unbedingtem Friedenswillen beruht, nimmt Familienstatus ein, verschiebt Grenzen.
Da werden Mutter und Geschwister neu definiert und Gott, wenn man ihn Vater nennt, rückt Beziehung in ein neues Licht.
Wozu ist das wichtig?
Ich denke, es geht Jesus um eine tragfähige Basis des Zusammenlebens von Menschen. Es geht ihm nicht um arrogante Machtverschiebung. Er hat nur aufs erste Hören einen schnodderigen Ton gegenüber seiner Mutter.
Tatsächlich aber löst er sich aus seinen familiären Banden soweit heraus, dass er eine neue Familie, eine Glaubensfamilie, einen sehr besonderen Zusammenhalt einer Gesellschaft gründen kann.
ER macht die bisherige Familie dabei nicht unwichtig, versottet sie nicht, ist kein Flegel.
Aber fast wie in der Pubertät lösen sich Wege auf, um neu gefunden zu werden.
Neulich sagte jemand zu mir: Das mach ich nur für mich und meine Familie. Für Fremde würde ich mir diese Mühe nicht machen.
Da ging es um eine handwerkliche Arbeit, die Zeit, Mühe und Geld kostet.
So ähnlich sprechen wir zuweilen auch über Menschen, die wir als Fremde in unserem Land empfinden. Die wollen wir nicht genauso versorgen, als würden sie zur Familie unseres Landes gehören – die sind doch schließlich fremd.
Jesus geht da schon immer und grundsätzlich andere Wege. Am Ende geht er sie sogar zu den Feinden oder zu dem Verbrecher neben ihm am Kreuz, den er mit in den Himmel nimmt.
Wohin wir geboren sind als Familie, diesen Ursprung weitet Jesus. Ich verstehe das als Fortsetzung des Schöpfungsgedankenes Gottes. Der hat ja die Welt entstehen lassen, und die Menschen, nicht die Völker.
Letztlich ist Jesu Blick weltenweit.
Zwar erzählt die Bibel von Anfang an Geschichten davon, wie Menschen sich in Bekannte und Fremde aufteilen. Sogar die ersten Brüder Jakob und Esau tun das, und sofort bringt der eine den anderen um.
Aber Gottes Schöpfungsgedanke wird schon hier zerbrochen.
Und es ist, als würde Jesus da neu anknüpfen wollen.
Ich weiß schon, wer sozusagen meine geburtliche Mutter und meine Geschwister sind. Ich höre, sie stehen vor der Tür und verlangen nach mir. Aber ich blicke in die Runde, die mich umgibt und nenne sie alle meine Familie.
Und dann kommt der Schlüsselsatz, unter dem sich alle wieder verbinden können:
Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Das bedeutet in meinen Ohren, Jesus trennt sich von den einen ein Stück weit, um sich anschließend mit allen neu zu verbinden.
Und der Grund dafür ist das Leben und die Übernahme von Verantwortung dafür, dass alle leben können und das möglichst heil und liebevoll.
Ich weiß, das ist ein idealer Gedanke.
Denn die Welt ist nicht so.
Die Welt wird unterteilt in Machtbereiche, in richtig und falsch, in dazugehörig und nicht dazugehörig, in rechtens und unrechtens.
Und nicht wenig sagen: So ist das und hinterfragen es nicht.
Ja, ich weiß, so ist das. Aber ich weiß auch: So muss das nicht bleiben. Und ich weiß auch, ich werde das nicht abschaffen. Und doch werde ich immer wieder meinen Teil dazu tun, das zu verändern …
… damit die Familie derer, die dazugehören zum Versprechen des Lebens, zur Verheißung der Gerechtigkeit, zum unbedingten Friedenswillen und zu lebendiger Liebe – damit diese Familie lebendig ist, vielleicht sogar wächst, wenn auch in kleinen Schritten.
Dieser Familiengedanke des Christentums ist lebendig und freiheitlich gemeint. Hier geht es nicht um neue Abhängigkeiten. Die christliche Familie erweitert die Geburtsfamilie und trägt, wenn es gut geht, den Rückhalt, die Liebe, die Begleitung im Aufbruch und noch mehr dessen, was eine Familie kann, in sich und zugleich in die Weite.
Letzter Gedanke, und er führt für einen Moment etwas weg von dem bisher Gesagten – scheinbar jedenfalls.
Ich möchte von einem Familienmitglied sprechen, das zu uns gehört, und das heute Geburtstag hat – ich meine die Orgel.
Fünfundzwanzig wird sie heute, für eine Orgel ist das eher ein Teenageralter.
Sie, die vor fünfundzwanzig Jahren mit soviel Herzblut und Akribie neu zum Leben erweckt wurde, indem man ihre historische Gestalt für die Zukunft spielfähig gemacht hat, sie hat irgendwie für viele – und auch für mich – fast einen Familienplatz im Gottesdienst.
Wie eine Mutter, die vorsingt, nimmt sie mich mit. Wie eine, die mich jubelnd oder leise, brausend oder zart, stimmgewaltig oder fast flüsternd auf ihre Art mit Gottes Geschichten und seiner Botschaft verbindet, ist auch sie mir ein Familienmitglied mit einer wahrhaft ganz eigenen Stimme.
Und wenn die Sprache des Glaubens manchmal schwierig wird und ich ihr nicht folgen kann, oder selbst keine gut verständlichen Worte finde, mischt sie sich ein und spielt vom anbrechenden Morgen, vom Lob Gottes, vom Herz, das freudig aufgeht oder vom Mond, der mich treu begleitet. Und so bringt mich ihre Stimme genauso und manchmal sogar intensiver mit Gottes Nähe in Verbindung, wie das gesprochene Wort oder das Gebet.
So ist Jesus, den wir heute wie im Affront, wie provokant erleben gegenüber der Mutter, die ihn geboren hat und gegenüber den Geschwistern, mit denen er spielend groß wurde, der, der die Blicke weitet, die Familie größer zieht, die Worte und die Klänge des Lebens einbezieht und das immer mit dem einen Hauptziel, uns zu retten und zu erlösen und uns Zukunft zu ermöglichen, die wir alleine nicht gestalten könnten.
Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.
Ich persönlich verstehe Gottes Wille als Wille zum Leben.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 12. Sonntag nach Trinitatis am 07.09.2025
von Pastor Kroglowski
Monatsspruch: „Gott ist unsere Zuversicht und Stärke“ Psalm 46,,2
Liebe Gemeinde,
Diesen Satz betete Martin Luther gerne. Er hatte ihn aus dem Alten Testament übersetzt. Wir wissen heute nicht mehr genau, wie die einzelnen Psalmen entstanden sind. Es wurden dann aber Texte, die so wertvoll geworden sind, dass man sie schriftlich festgehalten hat für spätere Generationen. Manche sind womöglich von Einzelnen erdacht und gebetet worden, andere von Gruppen, die sich einzelne Sätze sozusagen zugerufen haben, wenn sie in der Tempelanlage angekommen waren und beteten. Eine Weile war man überzeugt: Gott wohne im Tempel; und es gebe keine andere Möglichkeit, sich Gott zu nähern, als in der Weite des Jerusalemer Tempels. Diese Anschauung änderte sich später, als das Volk Israels auch in der Gefangenschaft in Babylon die Nähe Gottes spürte. So entstanden einige Psalmgebete auch fern des Jerusalemer Tempels.
Es entstanden Gebete voller Zuversicht gerade auch in schweren Zeiten. Die Sammlung der 150 Psalmen ist ein einzigartiges Gebetbuch des jüdischen Volkes, das zum Teil fast dreitausend Jahre alt ist und seine Glaubenskraft dennoch nie verloren hat. Auch dieser Satz ist ein starkes Stück Glauben: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke. Der Satz kann gebetet werden, wenn ein Mensch sein Glück oder seine Gnade im Leben empfindet. Er kann aber ebenso in höchster Not gebetet werden. Letzteres ist wohl der Fall, wenn man den ganzen Psalm 46 bedenkt und vielleicht gemeinsam und im Wechsel betet. Schon der nächste Vers bestätigt uns das: Darum fürchten wir uns nicht.
Natürlich fürchten wir uns trotzdem. Aber wir schieben etwas zwischen unsere Furcht und die völlige Verzweiflung. Nämlich ein Bekenntnis: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke. Mit diesem Satz halten wir uns so etwas wie ein Schild vor; ein Schild im Herzen, das uns daran hindert, der Furcht zu viel Raum zu lassen. Manchmal geht es nicht anders. Dann können wir uns nur mit Worten daran hindern, uns der Furcht völlig zu überlassen. Das ist oft der tiefe Sinn der Psalmgebete. Sie stimmen eine Klage an, um dann über die eingestandene und ausgesprochene Klage zu dem zu finden, was uns ein wenig weiter trägt im Leben: dem Lob Gottes. Das Lob erhebt uns etwas über die schwere Erde. Und die Furcht wird geringer, jedenfalls ein wenig. Das können Worte: uns etwas größer machen als die Furcht. Wenn Luthers Furcht vor der Welt und den Anfeindungen übergroß wurde, sprach er sich eine Hilfe zu. Und hoffte laut: Gott ist unsere Zuversicht und Stärke.
Eine zuversichtliche Woche!
Dies wünscht, Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 11. Sonntag nach Trinitatis am 30. August 2025
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? 2 Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat. 3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. 4 Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. 5 Gott behütet dich; Gott ist dein Schatten über deiner rechten Hand, 6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. 7 Gott behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. 8 Gott behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!
Meine Großmutter hat diesen alten Psalm geliebt. Sie hat vielleicht gar nicht gewusst, dass er ein 3000 Jahre altes Lied ist. Sie hat vermutlich auch nicht gewusst, wie er entstanden ist.
Aber sie hat seinen Ton gehört und hat sich in diesen Ton verliebt.
Mir hat sie davon erzählt. Sie fand das so schön, dass sie mit fast 90 Jahren unter diesem Wort auch begraben werden wollte.
Ich glaube, sie spürte, dass dieses Wort irgendwie vom Himmel erzählt – jedenfalls so, wie sie sich den Himmel vorstellte.
Ich habe meine Augen auf.
Das würde heute niemand mehr sagen. Gemeint ist: Ich blicke nach oben und nach vorn. Ich schaue nicht mehr auf meine Füße, ich blicke in den Himmel, in die Ferne, dahin, wo mich Gedanken und Träume hinbringen. Ich schaue in eine Gegend des Lebens, zu der ich alleine nicht hinkommen kann.
Ich hebe meine Augen auf.
In dieser altmodischen Sprache klingt für mich etwas durch von Bedachtsamkeit, als würde ich etwas Wertvolles aufheben, vom Boden wegnehmen, behutsam neu ausrichten, mit einem gewissen Glanz betrachten.
Als würde ich mich von etwas lösen, was mich festhält, was mich hindert, was kurz greift.
Augen aufheben erscheint mir als das Gegenteil zu Bedenken tragen.
… zu den Bergen … sagt der Psalm. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Ganz kurzer Predigteinschub:
Vermutlich ist dieser Psalm am Stadttor von Jerusalem entstanden. Da war ein Mensch einige Tage in der wunderbaren und sicheren Stadt gewesen. Diese Person hatte den Tempel besucht, hatte wunderbare Geschichten gehört, hatte Mut und Zuversicht für die Zukunft getankt.
Und nun steht sie am Stadttor, will wieder nach Hause gehen, weiß, der Weg wird lang, steinig und gefährlich. Kälte und Hitze, steinige und teilweise einsame Wege, wilde Tiere oder auch Wegelagerer sind möglich.
Das Leben liegt vor diesem Menschen. Die Person will gehen, aber sie hat auch Respekt vor der Herausforderung.
Neben ihr steht vielleicht noch der Priester, die Vertrauensperson der vergangenen Tage, jemand, der von Gott erzählt hatte.
Und dann diese Worte:
Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt meine Hilfe?
An dieser Stelle mache ich eine kleine Pause.
Wir werden gleich Musik hören. Und währenddessen, so zwei, drei Minuten lang, haben wir Zeit uns in diesen Menschen hineinzudenken, aber auch an uns selbst zu denken.
Wo fühlen wir uns in solchen Situationen:
Dass wir dastehen und nach vorne schauen und uns fragen: Woher kommt Hilfe für mich? Wie werde ich gehen? Wie kann mir gelingen, was vor mir liegt?
Schauen Sie gerne in die Zeit, die vor Ihnen liegt. Sie dürfen die Gedanken schweifen lassen.
Gleich beginnt die Musik. Und wenn sie endet, werde ich Sie wieder in die Gedanken des Psalms zurückholen.
Musik
Was mögen Sie gedacht, vor Ihrem inneren Auge gesehen haben?
Jedenfalls sind auch dreitausend Jahre nach dem Psalmbeter die Menschen immer noch in solchen Situationen, zu wissen, da ist ein Weg zu gehen und nicht zu wissen, wie es wohl werden wird.
Der Mensch am Jerusalemer Stadttor, der erste Beter dieser Worte hat dann scheinbar für sich gesagt:
Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde gemacht hat.
Das kann man fromm nennen. Schließlich spricht er von Gott.
Für mich ist das vor allem ein Blick weit über den Horizont hinaus. Hinterm Horizont geht´s weiter, hat Udo Lindenberg einmal gesungen.
Das scheint dieser Mensch zu ahnen. Und wenn er glauben kann, dass Gott diese Weite des Lebens überblickt – besser als ein Mensch – dann macht es Sinn, sich an diesen Gott zu wenden.
Wie ein Kind, das sich an Mutter oder Vater wendet, weil die vielleicht weiterwissen, kann sich ein Mensch an Gott wenden, der schließlich seit dem Anfang der Welt dabei war – glauben viele.
Wer so betet, ist nicht unbedingt fromm wie richtig, sondern glaubend wie ein Mensch, der Hilfe gebrauchen kann. Ich glaube, das hilft mir …
Und wenn ich so denke und bete, wird mir mein Leben ja auch nicht abgenommen. Ich habe auch auf einmal nicht keine Probleme mehr. Sondern ich teile meine Last. Ich weite meinen Blick. Ich habe eine Idee, dass in der unüberschaubaren Weite des Lebens dennoch ein Weg für mich zu finden ist. Es gibt so viel zwischen Himmel und Erde, was ich nicht kenne und nicht verstehe. In mir entsteht Vertrauen, dass in diesem Unüberschaubaren dennoch eine gute Idee für mich bereitliegt, die mir hilft, meinen Weg selbst zu finden.
Der Priester, der damals neben diesem Menschen am Stadttor stand, scheint diese gute Idee zu bestätigen:
Ja, sagt er,
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. 4 Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht. 5 Gott behütet dich; Gott ist dein Schatten über deiner rechten Hand, 6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts. 7 Gott behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. 8 Gott behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!
Diese Worte waren so ermutigend, dass immerhin 3000 Jahre lang Menschen sie von Generation zu Generation weitergesagt haben.
Gott hilft Dir zu einem sicheren Gang auf unsicherem Untergrund.
Gott behütet Dich Tag und Nacht.
Gott behütet Dich vor und im Schwierigen.
Gott hilft Dir, dass Du immer wieder Auswege und neue Eingänge findest.
Wo eine Tür zugeht, tut sich eine andere auf – sagen heute manche.
Das könnte ich alles noch viel weiter ausmalen.
Ich lasse es, denn mir kommt es vor allem auf die Grundhaltung des Psalms, auf seinen Ton an:
Es ist ein Ton voller Vertrauen.
Meine Großmutter nannte es Gottvertrauen.
Sie hat ein ganzes schweres Leben dadurch immer wieder so bewältigt, dass am Ende ein Lächeln blieb und eine innere Sicherheit in aller äußeren Unsicherheit.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 10. Sonntag nach Trinitatis am 24.08.2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
Sommerzeit ist Reisezeit, Wander- oder Radfahrzeit für manche, Zeit auch, einfach im Gras zu liegen und in den blauen Himmel zu schauen. Den Wolken zuzusehen wie der Wind sie über das blaue, unendlich weite Himmelszelt gleiten lässt. Wie sie ständig neue Formen annehmen während alles nach Heu und Blumen duftet und die Grillen zirpen.
Wie unbegreiflich groß und schön Gottes weite Welt ist, begreifen wir besonders, wenn wir uns auf den Weg machen, sie zu entdecken. Wenn wir mittendrin sind und sie mit allen Sinnen genießen.
Gleichzeitig sehen wir dann auch, wie empfindlich dies riesige Wunderwerk ist: Gerade komme ich von einer Wanderung im Rothaargebirge, wo Temperaturanstiege Einfluss unser Lebensstil auf die Schöpfung hat. Dabei sind auch wir seine Geschöpfe und ohne den Lebensatem, den er uns schenkt, zerfallen auch wir zu Staub.
Bei aller Angst um die Zukunft, bei allem Wissen um unsere Verantwortung und dass es für manches schon jetzt zu spät ist: Wer sich für die Schönheit der Schöpfung begeistert, zieht daraus auch Kraft, Zukunft im Vertrauen auf Gottes liebende Schöpferkraft zu gestalten.
Von Beidem spricht Psalm 104: Von der überwältigen Schönheit und Vielfalt der Schöpfung aber auch davon, dass Gott der ist, der alles geschaffen hat, der Leben gibt und nimmt.
Neues Leben entsteht auf den, Orkane und Borkenkäfer ganze Landstriche entwaldet haben. Überall sind noch Loipenmarkierungen zu sehen, aber der Wintersport findet seit Jahren nur noch auf den mit Schneekanonen präparierten Pisten statt.
Wir Menschen sehen oft gar nicht, welchen kahlen Hängen des Rothaargebirges. Mischwälder und Esskastanienbäume statt Fichten und Rosskastanien.
Gott ist noch immer am Werk in seiner Schöpfung und macht ihr Angesicht neu.
Unser Leben führt uns auf Wechselnde Pfade, (durch) Schatten und Licht.
Aber wir dürfen darauf vertrauen: Alles ist Gnade, fürchte dich nicht!
Das Leben als einen Pilgerweg vor dem Angesicht Gottes durch Seine Schöpfung begreifen, das wollen wir nicht nur im heutigen Pilgergottesdienst rund um den Kirchsee.
Buen Camino! -
Ihre und Eure Pastorin
Ute Parra
Psalm 104 in Auszügen:
Lobe Gott, meine Seele:
Mein Gott, wie groß bist du!
In Pracht und Schönheit bist du gekleidet.
Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel.
Wie zahlreich sind deine Werke, Gott.
In Weisheit hast du sie alle gemacht.
Du spannst den Himmel aus wie ein Zeltdach.
Du machst die Wolken zu deinem Wagen.
Flügel des Windes tragen dich überall hin.
Wassermassen standen hoch über den Bergen.
Doch dein Drohen zwang sie zurückzuweichen.
Du hast ihnen eine Grenze gesetzt,
die sie nicht mehr überschreiten dürfen.
Nie wieder dürfen sie die Erde bedecken.
Quellwasser schickst du die Täler hinab.
In Bächen fließt es zwischen den Bergen dahin.
Alle Tiere auf dem freien Feld trinken daraus,
auch die Wildesel löschen dort ihren Durst.
Die Vögel des Himmels bauen Nester an ihren Ufern,
in den Zweigen trällern sie ihr Lied.
Aus den Wolken um deinen Palast
lässt du Regen auf die Berge niedergehen.
Wind und Wetter, die du gemacht hast,
schenken der Erde ihre Fruchtbarkeit.
Für das Vieh lässt du Gras wachsen
und Getreide für den Ackerbau des Menschen.
So kann die Erde Brot hervorbringen
und Wein, der das Menschenherz erfreut.
Die Bäume des Herrn erhalten Wasser genug,
die Zedern des Libanon, die er gepflanzt hat.
Dort in ihren Zweigen nisten die Vögel,
der Storch ist auf den Zypressen zu Hause.
Im Hochgebirge hat der Steinbock sein Revier.
Wie zahlreich sind deine Werke, Gott.
In Weisheit hast du sie alle gemacht.
Die Erde ist voll von deinen Gütern.
Da ist das Meer, so groß und unermesslich weit.
Dort wimmelt es von Lebewesen ohne Zahl –
von kleinen und großen Meerestieren.
Dort ziehen Schiffe ihre Bahn –
auch der Leviatan, den du geschaffen hast.
So kann er im Meer sein Spiel treiben.
Mensch und Tier halten Ausschau nach dir,
damit du ihnen Essen gibst zur richtigen Zeit.
Du gibst es ihnen, sie sammeln es auf.
Du öffnest deine Hand, sie essen sich satt
an deinen guten Gaben.
Wendest du dich ab, erschrecken sie.
Nimmst du ihnen den Lebensatem,
dann sterben sie und werden zu Staub.
Schickst du deinen Lebensatem aus,
dann wird wieder neues Leben geboren.
So machst du das Gesicht der Erde neu.
Lobe Gott, meine Seele! Halleluja!
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Gruß zum 9. Sonntag nach Trinitatis am 17. August 2025
von Pastor Kroglowski
„Psalmen für Herz und Seele“
„Gottes Engel“
„Gott der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“, immer noch ein beliebter Taufspruch und bekannter Psalm für viele Menschen. Gott kennt unsere Lebenswege und begleitet uns. Manchmal ganz anders als wir vermuten und vielleicht hoffen und denken. Dazu eine kleine Geschichte:
Er ist „Zum Versager geboren“. So schreibt es die US-amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith in ihrer gleichnamigen Erzählung – und meint Winnie. Nichts gelingt ihm. Sein kleines Warenhaus läuft schlecht. Zum Renovieren des Geschäfts hat er kein Geld. Sein eigener Bruder betrügt ihn um Ersparnisse. Und Winnie tut nichts dagegen. Nur die Menschen in der Stadt mögen ihn gerne. Winnie hilft nämlich, wo er kann. Manchmal spendet er Geld für die Kirche, die Gemeinde, obwohl er selber kaum Geld hat. Aber Winnies Problem ist: Er kann nicht glauben, dass jemand ihn mag. Er mag sich selber nicht, hält sich für einen Versager.
Bis eines Tages eine Erbschaft ins Haus flattert. Damit hatte er nicht gerechnet. 80.000 Dollar, das ist ein Vermögen. Winnie holt das Geld von der Bank ab. Dazu muss er verreisen, auch mit dem Schiff. Endlich hat auch er mal Glück, denkt Winnie. Und fängt gleich an zu träumen: Ein ganz neues Leben wird er haben, mit seiner Frau, in einer anderen, großen Stadt. Der Traum gefällt ihm. Zugleich hat er aber Angst vor seinem Traum. So viel Geld ist er nicht gewohnt. Und ob sie sich auch wohlfühlen an einem neuen Ort? Auf der Heimreise von der Bank steht er an der Reling der Fähre, träumend, und ein bisschen ängstlich. Eigentlich will er gar kein neues Leben, merkt er. Irgendwie hat er sich an sein Leben gewöhnt. Als er dann ein Taschentuch aus der Hose holt, um sich ein paar Tränen abzuwischen, stößt er aus Versehen an seine Aktentasche, die vor ihm steht. Mit ihr plumpst sein ganzes Geld ins Meer. Typisch Winnie. Zuhause gesteht er seinen Fehler. Und was geschieht?
Ein Wunder geschieht. Die Menschen in Winnies Stadt jubeln vor Freude. Winnie geht nicht weg. Winnie bleibt bei uns. Die Menschen lieben ihn. Sie feiern sogar ein Fest und tragen Winnie auf Händen. Kein böses Wort fällt. In der Liebe hat er nämlich nie versagt. Nachbarschaftshilfe, Geld für die Kirche – in dreißig Jahren sammelt sich viel Liebe an. Das merkt Winnie jetzt. Ihm kommen wieder die Tränen. Diesmal aber vor Glück. Nie hätte er gedacht, dass er so geschätzt wird. Die Menschen wissen: Winnie, das ist der, der alles mit Liebe tut. Und die bekommt er jetzt zurück. Er ist gar kein Versager. Er ist Gewinner – in Sachen Liebe.
Vielleicht entdecken Sie ja auch einen Engel in Sachen Liebe mitten im Leben wie Winnie.
Dies wünscht, Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 9. Sonntag nach Trinitatis am 17. August 2025
von Pastor Kroglowski
„Psalmen für Herz und Seele“
„Gottes Engel“
„Gott der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen“, immer noch ein beliebter Taufspruch und bekannter Psalm für viele Menschen. Gott kennt unsere Lebenswege und begleitet uns. Manchmal ganz anders als wir vermuten und vielleicht hoffen und denken. Dazu eine kleine Geschichte:
Er ist „Zum Versager geboren“. So schreibt es die US-amerikanische Schriftstellerin Patricia Highsmith in ihrer gleichnamigen Erzählung – und meint Winnie. Nichts gelingt ihm. Sein kleines Warenhaus läuft schlecht. Zum Renovieren des Geschäfts hat er kein Geld. Sein eigener Bruder betrügt ihn um Ersparnisse. Und Winnie tut nichts dagegen. Nur die Menschen in der Stadt mögen ihn gerne. Winnie hilft nämlich, wo er kann. Manchmal spendet er Geld für die Kirche, die Gemeinde, obwohl er selber kaum Geld hat. Aber Winnies Problem ist: Er kann nicht glauben, dass jemand ihn mag. Er mag sich selber nicht, hält sich für einen Versager.
Bis eines Tages eine Erbschaft ins Haus flattert. Damit hatte er nicht gerechnet. 80.000 Dollar, das ist ein Vermögen. Winnie holt das Geld von der Bank ab. Dazu muss er verreisen, auch mit dem Schiff. Endlich hat auch er mal Glück, denkt Winnie. Und fängt gleich an zu träumen: Ein ganz neues Leben wird er haben, mit seiner Frau, in einer anderen, großen Stadt. Der Traum gefällt ihm. Zugleich hat er aber Angst vor seinem Traum. So viel Geld ist er nicht gewohnt. Und ob sie sich auch wohlfühlen an einem neuen Ort? Auf der Heimreise von der Bank steht er an der Reling der Fähre, träumend, und ein bisschen ängstlich. Eigentlich will er gar kein neues Leben, merkt er. Irgendwie hat er sich an sein Leben gewöhnt. Als er dann ein Taschentuch aus der Hose holt, um sich ein paar Tränen abzuwischen, stößt er aus Versehen an seine Aktentasche, die vor ihm steht. Mit ihr plumpst sein ganzes Geld ins Meer. Typisch Winnie. Zuhause gesteht er seinen Fehler. Und was geschieht?
Ein Wunder geschieht. Die Menschen in Winnies Stadt jubeln vor Freude. Winnie geht nicht weg. Winnie bleibt bei uns. Die Menschen lieben ihn. Sie feiern sogar ein Fest und tragen Winnie auf Händen. Kein böses Wort fällt. In der Liebe hat er nämlich nie versagt. Nachbarschaftshilfe, Geld für die Kirche – in dreißig Jahren sammelt sich viel Liebe an. Das merkt Winnie jetzt. Ihm kommen wieder die Tränen. Diesmal aber vor Glück. Nie hätte er gedacht, dass er so geschätzt wird. Die Menschen wissen: Winnie, das ist der, der alles mit Liebe tut. Und die bekommt er jetzt zurück. Er ist gar kein Versager. Er ist Gewinner – in Sachen Liebe.
Vielleicht entdecken Sie ja auch einen Engel in Sachen Liebe mitten im Leben wie Winnie.
Dies wünscht, Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 8. Sonntag nach Trinitatis am 10.08.2025
von Pastorin Pfeifer
Gedanken zu Worte aus dem 139.Psalm
Herr, du erforschst mich und kennst mich.
Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;
Du verstehst meine Gedanken von ferne.
Ich gehe oder liege, so bist du um mich
Und siehst alle meine Wege.
Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch.
Ich kann sie nicht begreifen
Was für wunderbare und wohltuende Worte.
Worte, die beruhigen und berühren. Die wohltun, weil sie das Gefühl geben bei und in allem von Gottes wärmender Liebe umgeben zu sein.
Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir.
Die Hand über mir, Hinweis auf Gott, der uns schützt und behütet. Und Hinweis auf Segen, dass Gott mich segnet, dass ich gesegnet bin, dass du gesegnet bist. Mit deinen ganz persönlichen Gaben und Fähigkeiten, die Gott dir geschenkt hat und mit auf den Weg gab. Damit du sie entdeckst und entwickelst, sie einsetzt und nutzt zu deinem eignen Wohl und zum Wohl andere Menschen. Damit du deinen Weg gehen kannst. Gerade, so, wie du bist. Gott kennt dich und hat dich schon längst erkannt. Du kannst und brauchst ihm nichts vormachen. Denn Gott hat dich lieb. Er hat dich geschaffen und gewollt. Er kennt und versteht dich. Sogar wenn du dich selbst nicht verstehst, wenn du dir selber fremd geworden bist und an dir zweifelst. Wenn du dich unverstanden fühlst von anderen Menschen.
Wohin soll ich gehen vor deinem Geist und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettet ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.
Spräche ich Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein-, so wäre Finsternis nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
Wohin, Gott, sollte ich gehen, ohne dass du es nicht längst schon wüsstest. Wie könnte ich sein, ohne dass du weißt, das ich bin. Führe ich gen Himmel, so bist du da.
In den himmelhochjauchzenden Momenten und Augenblicken meines Lebens in denen das Herz mir vor Freude und Glück überquillt und mein Innerstes jubelt.
Und in dem Himmel nach dieser Welt und nach diesem Leben, den du für uns eröffnest. In denen manche unserer Liebsten schon vor uns gegangen sind, in einen Himmel, den wir nicht fassen und auch nicht begreifen können, auf den wir aber hoffen und an den wir glauben dürfen. Dass wir bei dir, im Himmel deiner ewigen Liebe geborgen sind. Denn führe ich gen Himmel, so bist du da.
Und bettete ich mich bei den Toten, siehe so bist du auch da. Denn auch dort im Tod, wohin keiner meiner Lieben mir folgen und mich begleiten kann, bist du bei mir und lässt mich nicht allein.
Auch nicht in den Abgründen meines Lebens, im tiefen Tal der Verzweiflung, in Zeiten und Situation, in denen ich schon mitten im Leben am Ende bin. Dann bist du bei mir und für mich da.
Und nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Wenn meine Gedanken und meine Träume Flügel bekommen und ich mit Ihnen davon fliege in unendliche Weiten bis an das Ende des Meeres, bist du bei mir.
Und wenn um mich herum alles finster scheint, wenn ich mich im Dunklen verliere und verkrieche, hilfst du mir heraus. Und bist das Licht, das mir leuchtet, das mir neue Hoffnung und Zuversicht gibt. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen.
Du hast mich gebildet im Mutterleib.
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin,
wunderbar sind deine Werke,
das erkennt meine Seele.
Deine Augen sahen mich als ich noch nicht bereitet war
und alle Tage waren in dein Buch geschrieben,
die noch werden sollten und von deinen keiner da war
Aber wie schwer sind für mich Gott,
deine Gedanken, wie ist ihre Summe so groß.
Wollte ich sie zählen so wären sie mehr als der Sand.
Am Ende bin ich noch immer bei dir.
Gott du hast mich gebildet im Mutterleib und mich ins Leben gerufen. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin, dass ich atmen, hören und sehen, sitzen und gehen kann, reden und zuhören, lachen und weinen, fühlen und denken kann. Dass ich lebe, dass ich ganz ich selbst sein und mich verändern kann, dass ich liebhaben und geliebt werden kann, dass ich mich freuen und froh sein, dass ich mich ärgern und aufregen kann. Und so viele Gaben und Fähigkeiten in mir trage. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.
Deine Augen sahen mich als ich noch nicht bereitet und war und alle Tage waren in dein Buch geschrieben und von denen keiner da war. Du Gott kennst mich und ahnst und weißt schon, was mit mir passiert und mir geschieht. Du kennst schon die schönen und die schweren Erfahrungen meines Lebens, auch die, die noch auf mich warten und auf mich zukommen. Du wirst dann da sein und mich begleiten, mich halten und trösten und mir dabei helfen alle schweren Tage und Situationen durchzustehen. Du gibst mir Kraft zum Leben und mit dem Leben zurecht zu kommen und darin zu wachsen. Du lässt mich nicht allein.
Hilf mir dabei, die Wunder des Lebens wahrzunehmen und zu sehen, die du unter uns wirkst: das Glitzern des Wassers, das Flattern der Schmetterlinge und das Singen der Vögel, das Werden und Wachsen, Grünen und Blühen um uns herum, das perlende Lachen der jungen Frau und das Juchzen des Kindes, die kleine Hand, die sich vertrauensvoll in die große schiebt, das kleine Lächeln des wissenden Verstehens, die kleine Melodie, die uns beschwingt.
Gott öffne mir die Augen für die kleinen und großen Wunder die du unter uns wirkst und hilf mir zu staunen. Wunderbar sind deine Werke-das erkennt meine Seele.
Aber wie schwer sind für mich Gott deine Gedanken. Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand.
Und Gott, es gibt so vieles, das ich nicht verstehe.
Dich auch nicht.
Vieles bekomme ich in meinem Kopf nicht zusammen. Dass Menschen leiden, obwohl du sie liebst, dass Menschen anderen Menschen Gewalt antun und du sie davor nicht schützen kannst. So viele offene Fragen und Zweifel.
Du kennst sie alle.
Lass mich gewiss sein, dass meine Fragen und Zweifeln bei dir gut aufgehoben sind. Und ich auch. Denn am Ende bin ich noch immer bei dir.
Darum, Gott, hilf mir meinen Weg durchs Leben zu finden. Hilf mir so zu leben und zu handeln, wie es dir gefällt.
Erforsche mich Gott und erkennen mein Herz, prüfe mich und erkenne, wie ich´s meine. Und siehe, ob ich auf bösem Wege bin und leite mich auf ewigem Wege.
Amen
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 7. Sonntag nach Trinitatis am 03. August 2025
von Pastorin Lilienthal
Grüne Auen, dunkle Täler. Mit Gott an meiner Seite
Psalm 23 gehört zu den bekanntesten Zeilen des Alten Testaments. Viele verbinden ihn mit Abschieden, mit Trauer, mit schweren Wegen. Und tatsächlich – oft begegnet uns dieser Psalm dann, wenn Worte fehlen. Er ist tröstlich. Vertraut. Wie eine Hand auf der Schulter. Aber heute lade ich Sie ein, diesen Psalm einmal anders zu lesen. Nicht als Text für den letzten Weg. Sondern als Begleiter durchs ganze Leben. Als ein geistlicher Lebenslauf – voller Vertrauen, voller Bilder, die uns wiedererkennen lassen: Da bin ich. Da war ich. Da will ich hin.
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“
Das ist kein theologisches Gedankenspiel, sondern ein Gefühl. Wie Kindheit sich anfühlen kann: umsorgt, geborgen, sicher. Grüne Wiesen, frisches Wasser – das sind nicht nur poetische Worte, das ist das, was viele von uns mit „Zuhause“ verbinden. Da waren Menschen, die uns den Rücken gestärkt haben. Die uns geführt haben, auch wenn wir noch gar nicht wussten, wohin der Weg führt. Diese Zeit bleibt. Manchmal als Erinnerung. Manchmal als Sehnsucht. Aber immer als Fundament. Und doch: Das Leben bleibt nicht stehen. Es führt weiter. Und manchmal wird es dunkel.
„Auch wenn ich durch ein finsteres Tal gehe, fürchte ich kein Unglück.“
Manchmal holt uns das Leben ein. Eine Diagnose. Ein Verlust. Eine Nachricht, die alles verändert. Und in diesen Momenten klingt dieser Psalm plötzlich anders. Nicht mehr wie ein schöner Text. Sondern wie ein letzter Halt. Was mich an Psalm 23 so berührt: Er verspricht keine Umgehung der Täler. Kein „Wird schon wieder“. Kein billiger Trost. Sondern: Du bist nicht allein. Da ist jemand. Selbst wenn du’s nicht fühlst. Selbst wenn es still bleibt. „Du bist bei mir.“ Kein großes Spektakel. Nur diese leise Gewissheit: Ich bin gehalten.
„Du deckst mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.“ Das Leben ist kein Spaziergang. Und doch – mitten im Konflikt, im Stress, in der Ungewissheit: Da ist ein gedeckter Tisch. Gott stillt nicht nur den Hunger, er schenkt Fülle. Manchmal braucht es Jahre, um das zu sehen. Aber rückblickend erkennen viele: Ich bin durchgekommen. Nicht unversehrt. Aber getragen. Es ist diese Mischung aus Dankbarkeit und Demut, die dann wächst. Ich habe gelebt. Ich habe gelitten. Ich wurde beschenkt. Und ich darf glauben: Das war nicht alles. Es geht weiter. Und ich bin nicht allein.
Am Ende heißt es: „Ich werde bleiben im Hause des Herrn – mein Leben lang.“ Das klingt nach Zuhause. Nach Ankommen. Nach einem Ort, wo ich sein darf – mit allem, was mich ausmacht. Psalm 23 ist kein Text nur für die letzten Kapitel des Lebens. Er ist einer für das ganze Buch. Für Anfang und Ende. Für Licht und Schatten. Für Lachen und Tränen. Und ganz gleich, wo Sie sich gerade wiederfinden – ob auf der grünen Aue oder im dunklen Tal, ob am gedeckten Tisch oder auf der Suche: Gott geht mit. Nicht abstrakt. Nicht fern. Sondern an ihrer Seite – auf grünen Auen und in dunklen Tälern. Gott sei Dank!
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 6. Sonntag nach Trinitatis am 27.07.2025
von Pastorin Glatthor
Ein Gottesdienst zu Psalm 126
Liebe Gemeinde,
Manchmal fühlt sich das Leben an wie ein Film, der auf Pause steht. Ein Standbild zwischen "Früher war alles anders" und "Bald wird es besser." Zwischen Gefangenschaft und Erlösung, zwischen Tränen und Jubel, zwischen der harten Wirklichkeit und einer Hoffnung, die sich noch nicht traut, laut zu sprechen. Der Psalm 126 sagt: „Als Gott uns befreit hat, da waren wir wie die Träumenden.“ Nicht: wie die Planenden. Nicht: wie die Machenden. Nicht mal: wie die Glaubenden. Wie die Träumenden. Menschen, die kaum glauben können, was geschieht. Menschen, denen das Leben plötzlich wieder Flügel verleiht.
Stell dir vor: Ein Flüchtling steht an der Grenze. Und der Schlagbaum geht auf. Ein Kind wacht auf – und die Eltern streiten nicht mehr. Jemand kriegt einen Brief: „Ihre Therapie wirkt.“ Hoffnung hat viele Gesichter: Ein leerer Grabstein, ein aufgerollter Stein. Ein leises Lachen im Wartezimmer. Ein Sonnenstrahl auf zerfurchter Erde. Ein Lächeln, das lange verschollen war.
Hoffnung ist, wenn das Herz wieder atmet.
Der Psalm reflektiert die Rückkehr des Volkes Israels aus dem Exil. Die Rückkehr wird als so wunderbar empfunden, dass sie wie ein Traum erscheint – fast zu schön, um wahr zu sein. Sie danken Gott dafür. Gleichzeitig bitten sie um weitere Begleitung und Hilfe Gottes. Sie bitten um Ermutigung und Hoffnung.
Der Psalm kennt daher Tränen und Triumph. Er kennt das Weinen und das Lachen. Und er versteckt beides nicht. „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“, heißt es. Das ist kein Versprechen für sofort. Aber es ist ein Versprechen.
Und Gott? Gott kennt beides. Er war im Exil dabei. Er war im Schweigen dabei. Und er war im Lachen dabei, als das Leben plötzlich wieder Farbe bekam. Beides darf nebeneinander stehen. Das Leid muss nicht weggeredet werden, damit Hoffnung Platz hat. Hoffnung wächst genau dort – in den Rissen, in den Brüchen, in der Sehnsucht.
Was heißt das heute – „sein wie die Träumenden“? Es heißt vielleicht: sich nicht abspeisen lassen mit Zynismus. den Himmel nicht aufgeben, nur weil der Weg staubig ist. dem Guten eine Tür offen lassen. zu sagen: Noch nicht – aber vielleicht bald. Träumende sind keine Realitätsverweigerer. Sie sind Sehnsuchtsmenschen. Menschen, die sich nicht mit dem Status quo abfinden. Menschen, die glauben, dass Gott da ist – mitten im Unfertigen.
Gott geht mit. Im Dunkeln. Im Licht. Im Dazwischen. Gott säht mit uns Tränen. Und er lacht mit uns am Abend. Gott ist der, der die Hoffnung nicht aufgibt – auch wenn wir’s manchmal tun. Gott ist da. In der Gefangenschaft. Und im Befreiungsmoment. Und auf dem Weg dazwischen. Am Ende steht kein lautes Halleluja. Aber vielleicht ein Flüstern: „Vielleicht ist Gott schon unterwegs. Vielleicht beginnt das Wunder genau jetzt.“ Und wir? Wir sind unterwegs. Sehnsuchtsvoll. Mit Träumen im Gepäck. Sein wie die Träumenden. Das ist kein Zustand. Das ist eine Haltung. Ein Herz, das offen bleibt. Für das Leben. Für Gott. Für Hoffnung. Amen.
> ‚Da waren wir wie die Träumenden‘ – so beginnt Psalm 126. Nicht: Wir hatten alles im Griff. Sondern: Wir konnten wieder träumen. Gott lädt uns ein, groß zu denken, weit zu fühlen. Hoffnung zuzulassen.
Was träumst du? Für dich? Für andere? Für die Welt? Ich lade euch ein, eure Träume, Hoffnungen, Sehnsüchte aufzuschreiben. In der Stadtkirche haben wir sie auf unsere vorbereiteten Wolken geschrieben. („Ich träume von Frieden in meiner Familie.“ „Ich hoffe, dass ich den Mut finde, neu zu beginnen.“ „Ich wünsche mir, dass unsere Welt heilt.“) Danach haben wir die Wolken an eine Leine gehängt – sie schweben im Raum.
> Die Traumwand wächst – sichtbar, leicht, hoffnungsvoll. > Diese Wolken sind mehr als Papier. Sie sind Hoffnungen. Sehnsüchte, die Gott kennt. Vielleicht werden sie Wirklichkeit. Vielleicht fliegen sie heute schon los.
> Lasst uns beten: Gott, du kennst unsere Träume. Du weißt, was uns fehlt, und was wir hoffen. Lass unsere Träume Wurzeln schlagen und Flügel bekommen. Und sei du der Wind, der sie trägt. Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 5. Sonntag nach Trinitatis am 20. Juli 2025
von Florian Näcker
Liebe Gemeinde,
Ist es nicht schön, sich ganz und ohne Hintergedanken auf den Weg in die Sommerzeit zu machen? Für viele von uns steht nur das „Sommerloch“ an – sei es durch sechs Wochen Schulferien oder bewusst genommene Urlaubstage. Es soll eine Zeit der Erholung vom Alltag werden, eine Zeit der Entschleunigung.
Da kann es schon mal passieren, dass man – mit Sack und Pack – spontan oder auch geplant aufbricht: in die Niederlande, nach Dänemark, Schweden, Sizilien oder sogar noch weiter weg. Urlaub ist die Zeit, in der viele Zwänge und Regeln aufgehoben werden. Da gibt es abends noch spät eine Cola, die Bettgehzeiten werden ausgereizt und das Aufstehen verschiebt sich nach hinten.
Man macht sich mit der freien Zeit auf den Weg und entdeckt seine Umgebung, sein Umfeld – und manchmal sogar neue Orte.
Warum schaffen wir das eigentlich nicht auch im Alltag?
Im Brief an die Galater heißt es im fünften Kapitel, Vers eins:
„So hat uns Christus also wirklich befreit. Sorgt nun dafür, dass ihr frei bleibt, und lasst euch nicht wieder unter das Gesetz versklaven.“
Paulus möchte damit sagen, dass wir durch das Wirken von Jesus wirklich frei sind. Unser fester Glaube an Jesus befreit uns und öffnet uns Wege. Wir brauchen uns nicht vor den Gesetzen zu fürchten und einschränken lassen, denn Jesus hat uns von diesen befreit. Wer seiner Botschaft folgt, wird nicht in Sünde verfallen.
Was bedeutet das nun für unseren Alltag?
Wir sollen hinausgehen in die Welt, sie entdecken, sie spüren und ihr begegnen. Wir sollen uns frei machen von selbstauferlegten Gesetzen und Normen – und so Grenzen überwinden.
Nun seien wir aber ehrlich: Wir leben in einem Rechtsstaat, und es gibt viele Dinge, die man nicht darf und die sogar unter Strafe stehen. Wir können uns nicht einfach widersetzen – ohne Konsequenzen.
Doch genau da setzt an, was Paulus meint: Wenn von „Gesetz“ die Rede ist, müssen wir nicht gleich an Mord und Totschlag denken. Diese Dinge stehen außer Frage, wenn wir in Jesu Liebe leben.
Es geht um die Regeln, die wir uns selbst auferlegt haben:
Wann gehen wir ins Bett? Was essen wir? Mit wem nehmen wir Kontakt auf? Kann ich anderen bewusst helfen?
Das sind die Grenzen, die unseren Alltag bestimmen.
Kann ein Treffen mit Freunden nicht auch unter der Woche stattfinden, bei dem man über alles Mögliche spricht – auch über das eigene Seelenwohl?
Oder ein langer Spaziergang am Abend, obwohl kein Hund danach verlangt?
Oder spreche ich die Person, die offensichtlich Hilfe braucht, auch an?
Ich wünsche euch, dass ihr euch diese Fragen mitnehmt – und auch die, die daraus entstehen.
Sodass ihr, wenn ihr euch aus dem Haus begebt, vielleicht eine kleine Flasche Wasser für jemanden anderen dabeihabt – und mit Nächstenliebe im Herzen auf die Suche geht nach den kleinen und großen Spuren von Jesus verkündeten Liebe.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 4. Sonntag nach Trinitatis am 13.07.2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
bevor Sie weiterlesen möchte ich Sie einladen, sich einen Stein zu suchen und in die Hand zu nehmen. Vielleicht haben Sie einen im Zimmer, den Sie mal am Strand gefunden haben. Oder Sie finden einen im Garten oder Park.
Nehmen Sie den Stein einmal auf die flache Hand. Spüren Sie das Gewicht. Egal wie klein oder groß der Stein ist, da muss man gegenhalten. Fest muss die Hand sein, der Arm. Nicht einfach dem Gewicht nachgeben. Es ist eine Last, die getragen werden will.
Geben Sie dann der Last ein Stück nach. Halten Sie den Stein auf dem Schoß in den Händen während Sie weiterlesen. Immer noch ist er zu spüren. Immer noch will er getragen werden.
Lasten gibt es in jedem Leben. Ganz individuelle Lasten: Einsamkeit und Krankheit, Schuldgefühle, Versagensängste. Aber auch Dinge, die viele von uns im Moment belasten: Die Angst vor den Folgen des Klimawandels, vor den Kriegen, die diese Welt erschüttern, vor Atomwaffen, vor Despoten, die ganze Völker zum Spielball ihrer Machtgier machen, davor, dass Wohlstand und Freiheit in diesem Land verloren gehen könnten.
Manche dieser Ängste liegen uns Menschen im Magen als hätten wir so einen Stein verschluckt. Sie lassen sich nicht verdauen. Sie machen unser Herz hart, aus Angst, es könnte der Last sonst nicht standhalten. Sie machen den Blick eng aus Angst, wir könnten uns verlieren unter dem Druck der vielfältigen Bedrohungen.
Dann kommt es oft vor, dass wir die Schuld bei den anderen suchen. Dass wir schwarz-weiß malen und unsere Seite ist natürlich die gute. Dass jedes Mittel recht zu sein scheint, die Bedrohung auszuschalten. Wir erleben in vielen europäischen Staaten eine Radikalisierung in der Politik. Besonders rechtsextreme Parteien scheinen einen Nerv zu treffen. Sie nutzen die Ängste der Menschen und suggerieren eine einfache Lösung: Die anderen sind schuld, das Fremde. Wenn wir uns noch mehr abschotten, den Blick noch enger machen, noch weniger Vielfalt zulassen, dann sind wir sicher. Sonst müssen wir auch noch ihre Lasten mittragen.
Jesus sagt
„Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr? Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt still, Bruder, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen, und du siehst selbst nicht den Balken in deinem Auge?“ (Lk 6,41ff)
Das Bild leuchtet unmittelbar ein: Wenn mein Blick eng ist, wie kann ich dann über andere urteilen, die ich doch gar nicht wirklich sehe. Erst muss ich meinen Blick weiten, mich trauen wirklich hinzusehen. Eine Blinde kann niemandem den Weg weisen.
Hinsehen, sich öffnen, anderen zuhören und bereit sein, ihre Lasten mit zu tragen – das scheint zunächst gefährlich. Es könnte uns mit in den Abgrund reißen, fürchten wir. Da ist doch schon unser eigenes Päckchen, das wir zu tragen haben, der Stein, der uns unverdaut im Magen liegt.
In der Psychoanalyse gibt es den Begriff „Containment“. Das bedeutet in etwa: Sich öffnen für das, was dem anderen unverdaut wie ein Stein im Magen liegt. Es aufnehmen, mittragen und so verwandeln.
Die Gruppe „Wir sind Helden“ singt:
„Gib mir das, ich kann es halten.
Wenn du's später noch willst, kriegst du es wieder. Dann ist alles beim Alten.“
Wir müssen nicht alleine unsere Lasten tragen. Da sind andere, die zum Container für all das Schwere in uns werden, es im Gespräch mit uns verdauen helfen oder auch ganz körperlich und materiell mit anpacken, stützen. Und wir können anderen zu solchen Menschen werden. Woher wir die Kraft nehmen? Jesus sagt:
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ (Lk 6,36)
Öffnet euer Herz für die Lasten der anderen. Keine Angst, sie werden euch nicht erdrücken. Gott euer hat auch ein weiches, offenes Herz. Er hört alle eure Sorgen. Er sorgt für euch. Er trägt mit euch, nicht irgendwo weit weg, sondern ganz nah. Er trägt euch.
Ich denke an das Kreuz, das Jesus zu tragen hatte und an Simon von Kyrene, der es ein Stück Wegs für ihn trug. Ich denke auch an das, was täglich schon geschieht hier in Preetz: Beispielsweise an die Preetzer Tafel, den Hospizverein, die Flüchtlingshilfe, die Streetworker, unseren Geburtstags-besuchsdienst, ehrenamtliche Seelsorge in Krankenhaus und Seniorenheimen…aber auch an politisches Engagement, die Bereitschaft, mit Menschen, die mit dem rechten Rand sympathisieren, ins Gespräch zu kommen.
Es ist gut, wenn wir bereit sind, für andere Lasten zu tragen. Es ist aber auch gut, dass da Menschen sind, die zu uns sagen: „Gib mir das – ich kann es halten.“ Es ist gut, wenn wir das dann annehmen können. Wenn wir nicht meinen, wir müssten nur immer für andere da sein, sondern uns auch selbst einmal Gutes tun lassen können. Wenn wir nicht gleich Angst haben, die Schwäche könnte ausgenutzt werden oder den Verdacht hegen, da möchte sich jemand in unser Leben einmischen und es besser wissen.
Verstehen Sie bitte auch meine Worte jetzt nicht als so einen Einmischungsversuch. All das sage ich als eine, die auch manchmal Balken im Auge und Lasten zu tragen hat. Auch gerade jetzt. Als eine, die darauf angewiesen ist, dass wir Lasten miteinander tragen und das manchmal vergisst. Wie gut, dass im Brief des Paulus an die Galater zu lesen:
Einer trage die Last des anderen, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. (Gal 6,2)
Wenn Sie jetzt so auf den Stein in Ihrer Hand sehen: Was sind die Lasten, die Sie teilen möchten? Mit wem?
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 3. Sonntag nach Trinitatis am 06. Juli 2025
von Pastorin Lilienthal
Liebe Gemeinde,
der ist völlig verloren. Ein Satz, den wir immer wieder hören. Schnell ist er gesagt. Über andere, aber manchmal auch über uns selbst: Ich bin verloren. Für mich gibt es keinen Weg zurück. Ich habe zu viel kaputtgemacht.
In der Lesung des heutigen Sonntags (1. Tim 1,12–17) hören wir dagegen ein starkes Wort des Paulus: Die Gnade unseres Herrn war reich, mit Glauben und Liebe in Christus Jesus. Und weiter: Christus kam in die Welt, um Sünder zu retten – von denen ich der erste bin.
Das klingt nach Umkehr. Nach einem Leben, das sich radikal gedreht hat. Denn Paulus war ja zunächst ein gnadenloser Verfolger der jungen Kirche. Solange, bis ihn Gottes Barmherzigkeit ergriff. Er war überzeugt, er liege richtig und befand sich doch auf dem völlig falschen Weg. Doch Gott hörte nicht auf, ihn zu suchen. Nicht beurteilt, nicht abgewiesen, sondern verändert durch Liebe.
Damit sagt Paulus: Wenn es Gott mit mir gemacht hat – dann ist noch Hoffnung auch für dich. Denn das ist die Botschaft: Was bei Menschen unmöglich scheint, ist für Gott kein Problem. Wenn wir alles als verloren betrachten, hat Gott vielleicht gerade dann seine Hand noch im Spiel. Bei uns Menschen ist das vielleicht ausgeschlossen. Aber nicht bei Gott. Gott lässt nicht fallen, was er geschaffen hat. Er sucht, er ruft, und er schenkt Geduld. Jesus spricht oft vom verlorenen Schaf das verloren geht, weil es dem Weg folgt, statt dem Hirten. Und was macht Gott? Er lässt die 99 im sicheren Stall zurück, um das eine Schaf zu finden. Gott ist keiner, der peinlich genau notiert, wer wie oft versagt hat. Er ist ein liebender Gott, der barmherzig alles vergibt und Neues wachsen lässt.
Oft braucht es nur diesen einen Moment: ein Eingeständnis, ein inneres Ich brauche Gnade. Und dann? Dann ist sie da. Reichlich, ohne Vorbehalt, mutmachend.
Und wir? Können wir heute vergeben, wo andere vermeintlich gepatzt haben? Können wir selbst diesen Mut fassen zu sagen: Ich konnte nicht mehr allein. Und können wir Gott dafür danken, dass er uns dennoch mit Geduld trägt, trotz allem?
Paulus endet mit Lobpreis: Dem König der Ewigkeit, dem unvergänglichen, unsichtbaren Gott, sei Ehre und Preis! Das können wir auch heute hinausrufen – und ihm danken für seine unverdiente Treue. Christus kam, um Sünder zu retten. Dich. Mich. Uns alle. Gott sei Dank. Amen.
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zu 2. Sonntag nach Trinitatis am 29.06.2025
von Pastorin Parra
Johanni-Gruß
Liebe Gemeinde,
am vergangen Dienstag, den 24.06., haben wir den Geburtstag Johannes des Täufers gefeiert: Johanni – genau ein halbes Jahr nach und ein halbes Jahr vor Weihnachten.
Die Tage sind lang jetzt, die Schatten kurz. Dir Rosen blühen und duften um die Wette und die ersten Früchte reifen: Erdbeeren und auch Johannisbeeren. Darum heißen sie ja so, weil sie jetzt zu Johanni leuchtendrot glänzen. Weil sie jetzt das Sommersonnenlicht süß und saftig macht.
Naja, eine gewisse Säure bleibt, aber sauer macht ja - so heißt es - lustig.
Lustig sein an diesen langen Sommertagen, das können besonders die Schweden. Sie feiern Mittsommer mit bunten Wiesenblumenkränzen auf dem Kopf – dank der Gleichberechtigung dürfen das nun auch die Männer – und mit Gesang und Tanz um die Midsommearstang, die unserem Maibaum ähnelt. Alle haben gute Laune und wer ein Haus im Grünen hat, lädt alle Freunde dahin ein. Es wird viel und gut gegessen und getrunken und jeder darf mitmachen.
Die ganze Sehnsucht langer, dunkler Winternächte drängt nun zur Erfüllung. Zwei Monate Sommerferien fangen dort jetzt an. Auch das ist ein Grund zur Freude.
Aber: Der längste Tag des Jahres ist schon vorbei. Die Tage werden wieder kürzer. Auch wenn die vor ihnen liegenden zwei Monate Baden im See, in der Mittagshitze duftende Kiefernwälder und dem Blau lauer Sommerabende wie eine Ewigkeit scheinen: Sie gehen vorbei. Das Licht nimmt jetzt schon ab.
Johannes der Täufer hat über Jesus gesagt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh 3,30) Abnehmen - so wie die Fülle des Lichts schon langsam schwindet, auch wenn wir es noch nicht bemerken. Johannes wusste, dass er nur der Vorbote ist. Der Vorbote für das Kind, das mitten in der Winternacht im finsteren Stall geboren wird. Vorbote für das Licht, das das Dunkel unserer Nacht ein für alle Mal hell macht. Vorbote für den, der sagt: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken!“ (Mt 11,28)
„Erquicken“ – ein wunderschönes altes Wort. „Quick“ bedeutete so viel wie „Lebendig, Munter, frisch“. Wer erquickt wird, wird neu belebt. Trinkt aus der Quelle des Lebens.
Wie wird es sein bei Gott? Wie wird es sein, wenn wir ihn von Angesicht zu Angesicht sehen? Wenn das Dunkel ganz und gar schwindet und der Kreislauf von Werden und Vergehen endet, weil wir direkt an dieser Quelle des Lebens sind – ein für alle Mal? Wir können es nicht wissen. Darum benutzen wir Bilder aus dieser Welt, wenn wir darüber sprechen und uns darauf freuen.
Schon im Jesajabuch lädt Gott zum großen Festmahl ein: „Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her…So werdet ihr gutes essen und euch an Köstlichem laben!... Ich will mit Euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständige Gnade Davids zu geben.“ (Jes 55,1ff) und in Psalm 36 heißt es: „Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben! Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom. Denn bei Dir ist die Quelle des Lebens und in Deinem Licht sehen wir das Licht.“ (Ps 36,8-10)
Was uns in diesem Leben Freude und Glück beschert, kann uns zum Vorboten dessen werden, das uns bei Gott erwartet. Wenn wir miteinander die guten Gaben der Schöpfung genießen, wenn wir uns dazu einladen und andere an unserem Reichtum teilhaben lassen, dann ist das ein Vorgeschmack auf Gottes Herrlichkeit.
In der Bibel gibt es zahlreiche Geschichten darüber, wie Gäste mit offenen Armen aufgenommen werden und das beste Stück Braten, den besten Platz erhalten. Im Hebräerbrief heißt es: . „Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.” (Hebr 13,2)
Beide haben etwas von der Gastfreundschaft: Die Gäste und die Gasstgeberinnen. So war es schon zu Abrahams Zeiten, wenn die Reisenden Schutz vor den Gefahren der Wüste und Stärkung für den weiteren Weg erhielten und die Gastgeber die neuesten Geschichten erfuhren und sich durch die Gemeinschaft neu belebt fühlten.
So ist es bis heute. Immer noch gibt es die Vorfreude der Gastgeber beim Tischdecken. Die Vorfreude auf alle, die sich bald hier versammeln werden und miteinander genießen, was man vorbereitet hat. Und auch die freudige Erwartung der Gäste, verwöhnt und wertgeschätzt zu werden. Und natürlich die gemeinsame Freude, wenn das Fest gelingt.
Sind Sie eigentlich lieber Gast oder Gastgeberin? Beides hat ja seinen ganz eigenen Reiz, finde ich.
Beides kann aber auch manchmal als Überforderung empfunden werden: Was, wenn man den Ansprüchen und Erwartungen nicht gerecht wird? So manche Grillparty hat schon im Streit geendet. Darum finde ich es entlastend, mir zu sagen, dass diese Feste nur ein Vorgeschmack auf das sind, was kommen wird. Wir müssen und können keine perfekten Gastgeber oder Gäste sein. Es bleibt in jedem Fest dieser Welt eine Spannung, so wie die röteste Johannisbeere immer süß und sauer zugleich ist.
Wer um diese Spannung weiß, wer mit ihr rechnet und weiß: All das Wunderbare hier in dieser Welt ist noch nicht alles, ist nur ein Vorgeschmack – wer das weiß, den bringt die Säure nicht aus dem Konzept. Die hält es aus, dass die schönste Mittsommer- oder Grillparty und die längsten Sommerferien einmal enden ohne dass sich alle Erwartungen und Hoffnungen erfüllt haben.
Das müssen sie auch nicht in diesem Moment, denn einmal wird sich die Spannung auflösen. Einmal wird es nicht mehr dunkel werden. Einmal werden wir bei Gott zu Tisch sitzen – ohne Angst und Streit.
An so einem nicht enden wollendem Sommertag wie heute können wir vielleicht ein bisschen erahnen, wie das sein wird. Wenn wir heute im Gottesdienst miteinander die guten Gaben dieses Sommers genießen: Holundersaft, Johannisbeeren, frische Rosmarinbrötchen, dann kann das unsere Sinne wecken, so dass wir schon jetzt erahnen, wie die reichen Güter Seines Hauses schmecken und wie es ist, mit Wonne getränkt zu werden wie mit einem Strom. Dass wir erkennen: In seinem Licht sehen wir das Licht.
Lassen wir uns einladen mitten in diesem Leben, in dem es für uns wieder lange Schatten und Schweres geben wird. Einladen, trotz - oder auch gerade wegen - all des Dunklen, das auch jetzt gerade geschieht. Einladen zu einem hellen Moment, einem Johanni-Mittsommer-Moment. Einem Moment, der uns neue Kraft und die Hoffnung gibt, dass es für alle ein für alle Mal Licht werden wird.
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Sonntag nach Trinitatis am 22. Juni 2025
von Pastorin Lilienthal
Liebe Gemeinde,
es gibt Momente, da stellt sich der Glaube ganz neu vor. Nicht laut oder spektakulär – aber mit einer Frage, die ganz konkret ist: Worum geht es eigentlich?
Im Johannesevangelium begegnet Jesus Menschen, die sich intensiv mit der Heiligen Schrift auseinandersetzen. Menschen, die sich auskennen, viel gelesen haben, die sich sicher fühlen im Glauben. Und dann sagt Jesus:
Ihr durchforscht die Schriften, weil ihr meint, darin das ewige Leben zu finden. Und dabei geht es in diesen Schriften um mich. Doch ihr wollt nicht zu mir kommen, um wirklich zu leben. Joh 5,39–40
Das ist ein starker Satz. Denn er macht deutlich: Es ist möglich, ganz viel über Gott zu wissen – und ihm trotzdem fern zu bleiben. Man kann viele Worte kennen – und doch den Klang des Herzens überhören.
Und das trifft auch uns heute. In all den Informationen, Meinungen und Stimmen, die wir täglich aufnehmen, kann es leicht passieren, dass der Kern des Glaubens leise wird. Dabei sagt Jesus: Es geht nicht darum, alles richtig zu machen. Es geht darum, sich einzulassen. Auf ihn. Auf die Beziehung.
Er lädt ein: Kommt zu mir. Nur drei Worte. Jetzt. Nicht erst, wenn wir alles verstanden haben. Nicht erst, wenn wir uns sicher fühlen. Sondern genau jetzt. Mit allem, was uns beschäftigt. Was für ein Glück! Wir dürfen kommen als die, die wir sind. Denn diese Einladung ist kein Druck, sondern ein Trost. Sie bedeutet: Du musst nicht erst perfekt sein. Du darfst einfach kommen. Und du wirst angenommen.
Ich wünsche uns allen, dass unsere Gemeinschaft ein Ort ist, an dem diese Einladung spürbar wird. Ein Ort, an dem wir nicht nur über Gott sprechen, sondern auch mit ihm leben. Und miteinander. In echtem Kontakt, in Fragen, im Vertrauen, im Gebet.
Lasst uns gemeinsam daran festhalten: Nicht das viele Wissen macht uns lebendig – sondern die Nähe. Nicht das Ringen um Sicherheit – sondern das Vertrauen. Und manchmal reicht genau das: sich auf den Weg machen – und offen bleiben für die Begegnung mit dem, der uns das Leben schenkt.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag. Ihre Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zu Pfingsten am 08.06.2025
von Pastor Kroglowski
„Gott gab uns den Atem seiner Liebe“
Eine junge Pfadfinderin Lena, fast 20 Jahre alt, hat eine Angewohnheit. Und zwar eine schöne. Wenn jemand sie ärgert, macht sie es nicht genauso. Sie macht etwas anderes. Sie sagt: „Ich hab dich auch lieb.“ Wenn sich jemand über sie lustig macht, macht sie sich nicht gleich über den anderen lustig, sondern sagt einfach: „Ich lieb‘ dich auch.“ Eine tolle Idee. Sich einfach nicht wehren wie früher: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nicht einfach Gleiches mit Gleichem vergelten. Das kann jeder und wäre zu billig. Stattdessen hat sie sich angewöhnt, freundlich zu antworten, auch wenn ihr der Sinn in diesem Moment vielleicht gar nicht danach steht. Sie sagt dem Menschen, der sie ärgert, einfach etwas Schönes: Ich hab dich auch lieb.
Das hat etwas von Gottes Liebe. Wir ein kraftvoller Atem - ein frischer Geist wie damals an Pfingsten. Nicht einfach Worte und Taten der anderen nehmen und heimzahlen, sondern etwas Besseres finden. Etwas von Liebe. Das ist große Kunst, Lebenskunst. Es ist schwer, aber meistens hilfreich. Vor allem aber wertvoller als jedes „Heimzahlen“.
Als einmal ein paar Männer und Frauen neben Jesus stehen und ihn fragen, was man denn am besten mit Ärger und Wut über andere machen soll, hat der geantwortet: Wenn dir einer deine Jacke wegnehmen will, gib ihm einfach noch den Mantel dazu. Und wenn dir jemand einen Euro wegnehmen will, gib ihm einfach zwei (Matthäus 5,43ff). Tu einfach so, als würdest du sagen: Ich hab dich auch lieb. Das klingt beim ersten Hören ziemlich unvernünftig. Ist es aber nicht. Es ist so etwas wie eine höhere Vernunft. Wer Ärger mit Ärger bekämpft, schafft nur noch mehr Ärger. Wer Ärger mit etwas von Liebe zu bekämpfen versucht, kann wenigstens hoffen. Hoffen darauf, dass Ärger oder Spott bald aufhören. Vielleicht nicht heute, aber nächste Woche oder nächsten Monat.
Es gibt nur wenige Menschen, die sich der Liebe entziehen können. Das wusste Jesus. Vielleicht weiß es auch die junge Pfadfinderin Lena. Es ist beeindruckend, dass und wie sie auf Spott hin manchmal nur sagte: Ich hab dich auch lieb. Das hat Geist. Und andere werden eher still. Geht doch.
Uns Gottes Geist und die Kraft seiner Liebe für „Jeden Tag eine gute Tat“ zumindest einmal für die kommende Woche wünscht
Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
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Gruß zum Sonntag Exaudi am 01. Juni 2025
von Pastor Kroglowski
„Miteinander“
Mir aber hat Gott gezeigt, dass man keinen
Menschen unheilig oder unrein nennen darf. Apostelgeschichte 10,28
Dies ist der Monatsspruch für Juni. Dieser Satz wird gesprochen am Beginn der Geschichte der Kirche. Darum ist der Satz so wertvoll. Simon Petrus sagt ihn, als er im Hause eines Nichtjuden namens Kornelius ist. Der hatte Petrus eingeladen, von Jesus zu erzählen. Und Kornelius hatte gleich noch viele Menschen in seinem Haus versammelt, die auch davon hören sollten, was Petrus zu sagen hatte. Diese Einladung eines sogenannten Heiden war für den Juden Petrus nicht ohne Risiko. Petrus sagt das auch gleich: Eigentlich darf ich das Haus von Nichtjuden gar nicht betreten. Aber Gott selber, sagt er dann weiter, habe ihm gezeigt, dass dieses Rein oder Unrein nun nicht mehr gilt. Zum Glück nicht mehr gilt. Denn nun kann Petrus erzählen, was er mit Jesus erlebt hat. Petrus hat sehr lebhaft und voller Begeisterung von Jesus erzählt hat: von seinen Gedanken über Nächsten- und Feindesliebe. Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, stellt dann fest, dass der Heilige Geist auf alle im Raum kommt und sie dann auch getauft werden wollen. Hier tritt Simon Petrus auf, erzählt Lukas, dem seine Schuld des Verleugnens vergeben wurde und der nun geradezu vollmächtig predigen und taufen kann.
Die Kirche, heißt das, findet endlich zu sich selbst. Sie handelt an Menschen im Sinne Jesu. Und darin liegt auch der Wink des Himmels, den wir aus diesen Worten hören. Die Kirche handelt im Sinne Jesu, heißt der Wink. Sie tauft Menschen; sie feiert mit ihnen das Abendmahl – und sie weist niemanden ab, der dieses begehrt. Es darf keine Vorschriften geben, welchen Menschen sich die Kirche zuwendet und welchen nicht. Kein Priester, keine Pfarrerin, kein Pfarrer und kein Kirchenvorstand dürfen unterscheiden zwischen „rein und unrein“. Diese Gedanken stellt Martin Luther 1500 Jahre später in den Mittelpunkt der Reformation. Wer zu Gott will und ihn sucht, soll und darf kommen. Immer und jederzeit. Niemand steht zwischen Menschen und Gott. So ein Glück. Und was immer im Laufe der Kirchengeschichte an Hürden aufgebaut worden ist, reißt schon der kleine Satz des Petrus, der Monatsspruch, nieder. Es gilt allein das Begehren und die Sehnsucht eines Menschen, der zu Gott kommen will. Und die Kirche verleiht diesen Menschen und ihrem Begehren Gnade und Segen – schafft ein neues Miteinander.
Uns einen guten Blick aufeinander für die kommende Woche wünscht
Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
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Gruß zum Sonntag Rogate am 25.05.2025
von Pastorin Parra
heute feiern wir den Sonntag „Rogate“ – Das heißt auf Lateinisch: „Betet!“
Wissen Sie von Ihren Freunden oder Ihrer Familie, wie sie es mit dem Beten halten?
Das Beten gilt in unserer Gesellschaft als etwas sehr Privates.
Vielleicht auch weil es als letztes Mittel gilt, wenn man selbst mit seinem Latein am Ende ist.
„Da hilft nur noch beten!“ so sagen manche, wenn sie sich keinen Rat mehr wissen.
Ja, hilft denn Beten? Hört Gott unsere Gebete überhaupt?
Meist bekommen wir ja nicht direkt eine Rückmeldung in Worten. Clyde Lee-Hereng hat beschrieben, wie es wäre, wenn Gott plötzlich mit uns ins Zwiegespräch geht. Wir haben das für den Gottesdienst auf dem Marktplatz am Samstag um 10.00 Uhr etwas umgearbeitet:
Beter: „Vater unser im Himmel…“
Gott: "Ja?"
Beter: "Unterbrich mich nicht! Ich bete!
Gott: "Aber du hast mich doch angesprochen!"
Beter: "Ich dich an...? Äh ... nein, eigentlich nicht. Das beten wir Christen eben so: Vater unser im Himmel!"
Gott: "Da, schon wieder! Du rufst mich an um ein Gespräch zu beginnen, oder? Also, worum geht's? Ich höre dir zu. Der Himmel ist hier."
Beter: "Geheiligt werde dein Name ..."
Gott: "Meinst du das ernst?"
Beter: "Was soll ich ernst meinen?"
Gott: "Ob du meinen Namen wirklich heiligen willst? Was bedeutet denn das?"
Beter: "Es bedeutet ... es bedeutet ... meine Güte, ich weiß nicht, was es bedeutet. Woher soll ich denn das wissen?"
Gott: "Ich sag´s dir: Es heißt, dass du mich ehren willst, dass ich dir einzigartig wichtig bin, dass dir mein Name wertvoll ist."
Beter: "Aha, hm, das verstehe ich. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden ..."
Gott: "Willst du das wirklich?"
Beter: "Dass dein Wille geschieht? Natürlich! Ich gehe regelmäßig zum Gottesdienst, ich zahle Kirchensteuer und spende ab und zu."
Gott: "Ich will mehr. Ich will, dass dein Leben in Ordnung kommt, dass deine Angewohnheiten, mit denen du anderen auf die Nerven gehst, verschwinden. Ich will, dass Kranke geheilt, Hungernde gespeist, Trauernde getröstet und Gefangene befreit werden."
Beter: "Warum hältst du das ausgerechnet mir vor? Ich kann ja nicht alles machen."
Gott: "Entschuldige, ich dachte, du betest wirklich darum, dass mein Wille geschieht. Da musst du dich schon selbst ein bisschen ins Zeug legen."
Beter: "Kann ich jetzt einfach mal weiter beten? Unser tägliches Brot gib uns heute ..."
Gott: "Es freut mich, dass du nicht nur um Brot für dich bittest, sondern um Brot für alle, weltweit.
Beter: „Ja, ja, schon verstanden. Da soll ich mich wohl auch selbst ins Zeug legen, stimmt´s?
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern ..."
Gott: "Welche Schuld jetzt?"
Beter: "Na, du weißt schon. War gestern nicht so mein Tag.
Gott: "Schön, dass du es selbst gemerkt hast. Kann ja morgen besser werden.
Und was ist nun mit der Frau, die bei Rewe immer an der Kasse vordrängelt?
Beter: "Hör mir auf mit der! Jedes Mal wenn ich – ach, der soll ich wohl auch vergeben?! Du machst es mir aber ganz schön schwer heute. Na gut. Aber komm mir bloß nicht noch mit dem vom Denkmalschutzamt!"
Gott: "Weißt du, es geht mir um dich. Um dich und um deinen Seelenfrieden."
Beter: "Hm, ich denk mal drüber nach.
Wo war ich stehen geblieben? Ach ja,
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen ..."
Gott: "Nichts lieber als das. Melde bitte Personen oder Situationen, die dich in Versuchung führen."
Beter: "Wie meinst du das?"
Gott: "Du kennst doch deine schwachen Punkte: Was bringt dich auf die Palme? Was hältst du nicht aus?"
Beter: "Ich glaube, dies ist das schwierigste Vater-unser, das ich jemals gebetet habe. Aber es hat zum ersten Mal etwas mit meinem Leben zu tun."
Gott: "Schön! Wir kommen vorwärts. Von welchem Bösen möchtest du erlöst werden?"
Beter:“Jetzt wird’s ungemütlich. Ich kann nicht mehr…
Gott:“ Kenn ich. Geht mir auch manchmal so.“
Beter:“Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen."
Gott: "Weiß du, was ich herrlich finde? Wenn du anfängst mich ernst zu nehmen, echt zu beten, mir nachzufolgen und dann das tust, was mein Wille ist.
Dann bekommst du etwas von meiner Kraft und meine Herrlichkeit leuchtet aus deinen Augen. Für immer. AMEN."
Beter:“Bis morgen!“
Gott:“Bis morgen. Ach nee, morgen ist ja der 7. Tag. Da hab ich frei.
Beter:“Echt jetzt?!“
Gott:“Nee, war ein Scherz. Der Heilige Geist hat Wochenenddienst.“
Beter:“Da bin ich aber froh. Vielleicht brauche ich ja morgen auch ein bisschen Vergebung....“
So war es bei mir noch nie, wenn ich das Vaterunser gebetet habe. Und doch: zu verschiedenen Zeiten sind mir verschiedene Teile des Vaterunsers besonders wichtig geworden. In diesen Tagen denke ich zum Beispiel an die Menschen in Palästina wenn ich bete: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Haben Sie eine Lieblingsbitte oder eine, mit der Sie noch nie was anfangen konnten? Mir hilft dieser Dialog zum Vaterunser, mir klarzumachen, dass alles Beten ein Austausch mit Gott ist, keine Einbahnstraße. Auch wenn ich nicht eine so konkrete Antwort bekomme wie unser Beter: Beten ist viel mehr als eine zu absolvierende Pflicht oder ein letzter Notnagel wenn nichts anderes hilft. Im Angesicht Gottes erkennen wir, was wirklich wichtig ist.
Beten ist ja auch nicht nur bitten, sondern je nach Situation auch Klagen, Danken, Freude und Glück teilen, um Rat fragen und vieles mehr. Es funktioniert in Gemeinschaft ebenso wie im stillen Kämmerlein.
Und wenn wir miteinander darüber sprechen, wie wir beten, kann uns das Klarheit darüber geben, was uns das Gebet bedeutet und wie wertvoll es für uns sein kann. Ich wünsche Ihnen an diesem Schusterfestwochenende viele Begegnungen und gute Gespräche: Mit anderen Menschen und auch mit Gott.
Ihre Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Kantate am 18. Mai 2025
von Pastorin Parra
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,
heute konfirmieren wir elf junge Menschen in der Stadtkirche. Insgesamt sind es 63 dies Jahr. Im Laufe ihrer Konfirmandenzeit haben sie alle sich mit dem christlichen Glauben auseinandergesetzt und haben für sich herausgefunden, was es hier und jetzt für Sie bedeutet, ihr Leben Gott anzuvertrauen Sie haben sich ein persönliches Bibelwort ausgesucht, dass sie dabei begleiten soll.
Als wir mit den Konfirmandinnen, die heute eingesegnet werden, überlegt haben, welchen Predigttext sie sich für diesen Anlass wünschen, da fiel Euch die Wahl nicht schwer. Es sind die Worte des Paulus aus seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth, mit denen er die Liebe beschreibt. Sie klingen wie ein Gedicht oder wie ein Lied: Das Hohelied der Liebe werden sie auch genannt. Oft werden sie zu Hochzeiten als Lesung ausgesucht. Aber sie passen auch heute gut. Denn auch Ihr sagt heute „Ja“. Ja, Ihr wollt Euer Leben im Vertrauen auf Gott führen. Wollt in seiner Liebe bleiben – ein leben lang.
„Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh 4,16b), so heißt es in Helens Konfirmationsspruch. Und so empfindet Ihr es alle. Die Liebe ist Ursprung und Ziel unseres Lebens. Ohne die Liebe können wir nicht leben.
Paulus schreibt:
“ Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und meinen Leib dahingäbe…und hätte die Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie bläht sich nicht auf, sie verhält sich nicht ungehörig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet das Böse nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sie freut sich aber an der Wahrheit; sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie duldet alles.“
Ihr vertraut Euch der Liebe Gottes an. Die Liebe ist langmütig und freundlich. Sie rechnet das Böse nicht zu. Julia hat sich den Spruck ausgesucht: „Ich aber traue darauf, das du gnädig bist. Mein Herz freut sich, dass du so gerne hilfst.“ (Ps 13,6a) und Elli: „Gott ist mein Licht und mein Wohl. Vor wem sollte ich mich fürchten?“ (Ps 27,1) und Mia und Frieda: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“ (Ps 23,6)
In der Liebe Gottes fühlt Ihr Euch aufgehoben und getragen, so wie es in Helenes Spruch formuliert ist: „Der Herr hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ (Ps 91,11)
Liebe ist aber nie eine Einbahnstraße. Wer sich geliebt weiß, zieht daraus die Kraft, auch anderen in Liebe zu begegnen. Lilli hat sich den Spruch ausgesucht: „Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.“ (Joh 3,18), Fenjas Spruch lautet: „Doch ihr sollt eure Feinde lieben und Gutes tun und leihen, wo ihr nichts zurück erhoffen könnt. Dann wird euer Lohn groß sein.“ (Lk 6,35)
Die Liebe sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern. Das ist sicher nicht leicht, so zu leben. Aber die Liebe macht stark und mutig. Nikolas` Spruch lautet: »Wachet, steht im Glauben, seid mutig und seid stark!“ Und der zweite Teil ist auch Odas Spruch: „Alle eure Dinge lasst in der Liebe geschehen!“ (1. Kor 16,14) Wenn ich etwas nicht in Liebe tue, so sagt Oda, dann kann ich es auch gleich lassen. Das finde ich eine sehr weise Erkenntnis.
Paulus schreibt in seinem Lied oder Gedicht auch über Erkenntnis: Alles Wissen ist Stückwerk, schreibt er. Es ist, als ob man durch einen Spiegel ein dunkles, schemenhaftes Bild sieht. Einmal aber werden wir Gott von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Dann werden wir erkennen wie auch wir von ihm erkannt sind. Jetzt aber ist es immer nur ein stückweises Erkennen und was wir wirklich erkennen, das sehen wir eigentlich nicht mit unseren Augen, sondern erspüren es in der Liebe. Denn durch die Liebe sind wir schon jetzt mit Gott verbunden.
In Oles Spruch heißt es: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, aber Gott sieht das Herz an.“ (1. Sam 16,7)
Auch wenn wir jetzt noch ganz am Anfang stehen, für wie schlau wir uns auch halten mögen: Weil Gott uns in Liebe ansieht – unser Herz ansieht, das was uns wirklich ausmacht. Weil das so ist, sind wie mit ihm verbunden und aufgehoben in seiner Liebe – was auch geschieht.
Darum hat Lina sich den Spruch ausgesucht: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch keine andere Kreatur uns scheiden mag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Röm 8,38-39)
Das wünsche ich Euch und Ihnen allen, dass Ihr und Sie in dieser Gewissheit leben könnt. Dass Euch das Mut macht, Liebe zu wagen zu den Menschen, denen Ihr begegnet. Dass diese Liebe alles aushält:
Dass die Liebe zu Euren Eltern den Stürmen des Erwachsenwerdens standhält, dass Ihr Euch verliebt und dass es Euch vielleicht sogar gelingt, denen in Liebe zu begegnen, die Euch feindlich gesinnt sind.
Ja, ich wünsche Euch auch, dass Euer Glaube Euch durch gute und schwere Zeiten trägt. Ich wünsche Euch dass Ihr die Hoffnung nicht aufgebt, dass diese Welt einmal zu einem guten Ziel gelangen wird. Aber eigentlich ist alles Glauben und Hoffen doch Antwort auf die unbedingte Liebe Gottes. Denn wenn wir auch noch nicht alles erkennen können, eins können wir wie Paulus schon wissen:
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.
Bleiben Sie aufgehoben in der Liebe Gottes!
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Jubilate am 11.05.2025
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Gestatten? Ich bin die „Weisheit“!
22 Mich hat der HERR von Anfang an bei sich gehabt:
schon vor seiner großen Schöpfung.
23 Von Ewigkeit her gibt es mich:
von Anfang an: bevor die ganze Erde ward.
24 Die große Tiefe existierte noch nicht,
da war ich schon geboren.
Und auch die Quellen waren noch nicht da,
aus denen alles Wasser fließt.
25 Aber ich – ich war schon da: vor allen Bergen und Hügeln.
26 Ich war da, bevor Gott die Erde schuf:
Ich war da, als es noch keinen Ackerboden gab2.
27 Schon da war ich, als Gott die Himmel schuf
und als er über der Tiefe den Erdkreis gründete.
28 Schon da war ich, als er die mächtigen Wolken schuf
und die Brunnen der Tiefe.
29 Und schon da war ich auch, als er dem Chaosmeer die Grenzen setzte
und den Wassern auf Erden ihren Ort zuwies4.
Ja, ich war da, als Gott die Erde gründete.
30 Und immer schon war mein Ort bei Gott.
Und täglich hat Gott seine Freude an mir gehabt,
31 wie ich da auf seinem Erdkreis herumgegeistert bin
und mein Spiel getrieben habe mit den Menschenkindern.
Und darum sage ich jetzt auch:
32 Hört auf mich, ihr Menschenkinder!
Hört auf die Weisheit!
Folgt meinen Wegen, und es geht euch gut.
33 Nehmt meine Zurechtweisung an, und ihr werdet weise.
Schlagt meinen Rat nicht in den Wind.
34 Wohl allen, die Tag für Tag nach der Weisheit streben.
35 Denn wer die Weisheit findet, der findet das Leben
und geht ein in die Liebe Gottes.
36 Wer aber mich links lässt,
der zerstört sein Leben.
Denn alle, die mich hassen,
die suchen im Grunde genommen den Tod.
Schon vor der Schöpfung war etwas bei Gott.
Das ist ein Gedanke, dem ich Raum geben möchte.
Vor der Schöpfung?
Tatsächlich. Vor dem ersten Tag, vor dem Urknall, vor Adam und Eva, vor allem – war die Weisheit bei Gott.
Weisheit – ich stelle mir das als etwas Großes und Schönes vor. Weisheit, das ist mehr als Klugheit, als Intelligenz und natürlich auch mehr als Cleverness.
Weisheit, ich umkreise dieses Wort, und stelle es mir tiefgründig und himmelweit vor – und das, bevor es überhaupt die Tiefe und den Himmel gab.
Skuril.
Ich kenne ja schon lange den Gedanken, dass die Liebe schon ein Teil Gottes war, bevor die Welt entstand; nun also auch die Weisheit.
Ich ahne: Die Bibel will uns erzählen, dass Gottes Handeln schon immer eine besonders weite Dimension hatte.
Gott als Schöpfer wird ja von der Bibel immer wieder handwerklich beschrieben, wie ein Töpfer z.B.
Theologisch gab es lange und gibt es vielleicht noch Streit, ob er die Dinge eigentlich aus dem Nichts geschaffen hat, oder ob vorher schon etwas war. Und natürlich kommen die Anhängerinnen der Evolution und des Urknalls letztlich auch ohne Gott aus – nicht erklärend allerdings, wie es denn dann gewesen sein soll.
Ich selbst komme je länger ich über all das nachdenke und eben auch predigte, immer mehr zu der Idee, dass wohl ganz unbedingt etwas dagewesen sein müsste, eine Kraft, eine Energie, eine Macht, was auch immer, die das Geschehen der Entstehung der Welt anwesend begleitet hat.
Da war schon immer eine höhere Idee.
Da war schon immer eine Urkraft, eine Urliebe.
Dass dieses unfassbare immense Gesamtkunstwerk Leben sozusagen ein Zufallsgeschehen war, ist weder glaubwürdig, noch sinnvoll – es sei denn, man will gegen Gott streiten.
Ja, und es gab Streit gegen Gott. Und ich kann den sogar nachvollziehen. Der stammt nämlich vor allem aus einer Zeit, als das Machtstreben der Kirche von vernünftig denkenden Menschen verlangte, dass sie die Glaubensaussagen der Kirche notfalls höher ansetzen als die eigene Vernunft.
In der Aufklärung, Ende des 18. Jahrhunderts, viel dichter am Mittelalter, an der Inquisition und an den Streitigkeiten während und nach der Reformation entstand freies Denken wie eine Freiheitsbewegung weg von den Behauptung der institutionellen Kirche und ihrer Deutungsmacht…
Heute sind wir meines Erachtens weiter. Als Kirche bedauern wir manchmal, dass wir scheinbar wie bedeutungslos geworden sind. Dabei wird meines Erachtens immer deutlicher, dass zwar die institutionelle Bedeutung der Kirche schwindet, also die Macht der Kirche, Normen zu setzen und sagen zu dürfen, wer dazugehört und wer nicht.
Aber die Aufgabe, das Leben zu deuten, Seelsorge zu leisten, den Menschen in dieser verwirrenden und komplizierten Welt zu helfen, einen eigenen Weg zu finden und zu gehen, die ist nach wie vor groß und bedeutsam.
Mit anderen Worten: Gott wird immer wichtiger. Die Kirche wird immer zweitrangiger. Ja, wir brauchen das Netzwerk, ja, wir brauchen die Seelsorge- und Hilfsangebote; Ja, wir brauchen den Austausch zum Glauben, die Ausbildung von Halt und Haltung. Aber wir brauchen immer weniger den Wettbewerb unter den Kirchen und Religionen. Wir brauchen in einer so irritierten Welt immer weniger Götter, die konkurrieren. Wir brauchen vielmehr einen liebenden und weisen Gott, der schon immer und für immer der Welt Halt und Haltung und Rettung gibt.
Zurück zur Weisheit, die schon immer da war, sogar schon vor der Erschaffung der Welt.
Ich musste bei der Vorbereitung der Predigt an einen meiner Lieblingstheologen denken, Eugen Drewermann. Ich habe von ihm gelesen. Ich habe auf Kirchentagen seine Bibelarbeiten erlebt. Ich habe auch mitbekommen, wie er von einem seiner damaligen Päpste die Lehrerlaubnis an der katholischen Hochschule entzogen bekam. Zu modern war er, zu weit weg von der Tradition der katholischen Kirche.
Von ihm habe ich ein wunderbares Bild, wie man sich modernen Glauben vorstellen kann, obwohl Gott schon so lange da ist und die Bibel schon mehr als zweitausend Jahre Überlieferung in sich trägt.
Drewermann hat einmal die Wahrheit Gottes wie einen unterirdischen Grundwasserfluss beschreiben. Er hat das regelrecht gezeichnet.
Wie eine Wasserebene unter aller Zeit unter allem Leben hat er das beschrieben. Und jede Zeit bohrt sozusagen ihre eigenen Brunnen in die Erde – immer heute. Und trotzdem heute gebohrt wird, zapft jeder in der Tiefe die Urflut der Überlieferung, der Weisheit Gottes an.
Und auf einmal passen das Drewermannbild und der Bibeltext übereinander. Schon immer war die Weisheit da, sogar schon vor der Erschaffung der Welt. Schon immer ist sie da. Und zugleich ist sie, wenn wir heute unseren Brunnen in die Tiefe des Lebens graben, die Quelle, zu der wir vorstoßen und aus der wir schöpfen.
Und auf einmal ist da eine lebendige Verbindung aus uns heute und all der uralten Weisheit Gottes und des Lebens, die wir ganz unbedingt brauchen, wenn wir das Heute bestehen und überleben wollen.
Und davon gibt es soviel: Das Leben ist gerade jetzt in höchst anstrengender und z.T. furchterregender Weise durchsetzt von Nicht-Weisheit, von kurzsichtigen, gerade zu dumm erscheinenden Handlungen, weltweit, Krieg, Zollstreit, Machtkonkurrenz, Lieblosigkeit. Völker lassen einander verhungern, zerbomben einander, verheddern sich in sinnlosen Gewaltspiralen.
Und es wäre so, so wünschenswert, die uralte, vorgeburtliche, vor-schöpferische Weisheit, die mit Gott zusammen dem Leben dienen will, würde gehört, empfangen, ins Leben einsortiert, weitergegeben.
Es ist wahr, was im Predigttext steht:
36 Wer aber mich links lässt,
der zerstört sein Leben.
Denn alle, die mich hassen,
die suchen im Grunde genommen den Tod.
Die Einladung zum Gegenteil ist damit ausgesprochen: Gott zu vertrauen und damit einer Weisheit, die schon vor aller Zeit seine Begleiterin war und das Leben rettet und gestaltet.
Amen.
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Gruß zum Hirtensonntag am 04. Mai 2025
von Pastorin Parra
Foto von VENUS MAJOR auf Unsplash
Liebe Gemeinde,
Jesus sagt zu seinen Freunden: „Ich bin der gut Hirte.“ Er kennt uns, jeden und jede einzelne. Gott kennt uns alle mit Namen. Wir gehören zu ihm und er hält zu uns. Was auch geschieht, er lässt uns nicht im Stich. Manchmal , wenn es finster um uns ist, spüren wir es vielleicht gar nicht mehr, aber auch und gerade dann ist Gott da. Das ist sein Job als guter Hirte.
Die Worte des 23. Psalms erzählen davon. Sie erzählen von einem Lebensweg – behütet von Gott. Ich möchte Sie und Euch einladen, sich an einzelne Stationen Ihres und Eures Weges zu erinnern.
Bei manchen ist die Strecke, auf die sie zurückblicken schon lang, bei anderen erst kurz. Manche haben noch einen weiten Weg vor sich, andere sind fast am Ende des Weges angekommen. Und jeder und jede hat ganz Verschiedenes, je eigenes erlebt auf diesem Weg. Wie weit Sie in der Phantasie den Erinnerungen von Agnes folgen und auch den Eigenen entscheiden Sie gern selbst. Erinnern kann schön, aber auch schmerzhaft sein.
Es beginnt mit einer ältesten Erinnerung:
Agnes sitzt auf einer weichen, warmen Decke, die Füße im Sand. Das Wasser glitzert in der Sonne. Da schwimmt eine Gans mit ihren Jungen durchs Schilf. Sie passt genau auf, dass keins verloren geht, auch wenn es so viel Spannendes zu entdecken gibt. Die Kleinen piepsen mit ihren weichen, leisen Stimmen, die Mutter antwortet von Zeit zu Zeit mit einem kurzen, tieferen Ruf. Ihre Eltern sind ganz dicht neben ihr und gemeinsam beobachten sie die Gänsefamilie. Zuerst legt ihre Mutter ihr den Arm um die Schulter, dann der Vater von der anderen Seite. Und Agnes spürt so klein sie noch ist: Das ist ein vollkommener Moment. Sie hat alles, was sie braucht – genau jetzt.
Gott ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. (Ps 23,1-2)
Was ist Deine erste Erinnerung? Nimm Dir einem Moment Zeit, sie zu finden…. Vielleicht ist es ein Augenblick der Geborgenheit wie bei Agnes. Doch auch von Klein auf gibt es die anderen Momente:
Agnes sitzt in der grell erleuchteten Turnhalle auf der Bank. Sie kann beim Sport nicht mitmachen, denn sie hat das Sportzeug vergessen. Das passiert in letzter Zeit öfter. Die Eltern sind so beschäftigt mit sich. Bis spät in die Nacht hört sie ihre lauten Stimmen, wenn sie sich anschreien. Dann kann sie nicht schlafen, auch wenn es am Ende schließlich ruhig wird. Vielleicht ist sie Schuld, dass die Eltern einander nicht mehr liebhaben? Sie schafft es ja nicht mal, allein an ihr Sportzeug zu denken. Die anderen Kinder beachten sie nicht bis ein Ball sie am Kopf trifft. Alle lachen: „Sie ist sogar zu blöd, dem Ball auszuweichen,“ ruft einer. „Wie gut, dass sie nicht mitspielt!“ Agnes kommen die Tränen. Trotz des grellen Lichts fühlt die Welt sich finster an.
Finstere Täler gibt es in jedem Leben, manche klein – andere groß und scheinbar unüberwindbar. Wir haben das Versprechen, dass Gott mitgeht – Durch Angst, Verzweiflung und Einsamkeit.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir. (Ps 23,4)
Erinnerst Du Dich an ein finsteres Tal, durch das Du gehen musstest? Was hat geholfen gegen Angst und Einsamkeit?...
Plötzlich löst sich jemand aus der Gruppe der Kinder auf dem Spielfeld. Es ist Ole. Ole, den alle immer als erstes wählen. Er setzt sich neben sie. „Ich habe meinen Fuß umgeknickt und brauche eine Auszeit, okay?“ bittet er die Sportlehrerin. Das Spiel geht weiter und Ole sagt: „Als meine Eltern sich im Winter getrennt haben, haben sie auch immer vergessen, mir das Sportzeug mitzugeben. Jetzt ist es besser. Sie haben sogar beide zusammen mit mir Ostern gefeiert. Heut bin ich zum Pfannkuchenessen bei Papa. Willst Du mit?“
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. (Ps 23,5)
Manchmal sind es Menschen, die uns zum Lichtblick im finsteren Tal werden, die an unserer Seite sind. Vielleicht Boten Gottes, Engel? Manchmal ist es auch das Vertrauen, das uns Mut macht und die Angst besiegt: Gott geht mit. Gott kennt das Finstere Tal. Er selbst war Mensch, er wurde verurteilt, geschlagen, verspottet und hat das ausgehalten mit allen, denen es in dieser Welt ebenso geht. Er ist der Gute Hirte. Was auch geschieht er bleibt bei uns. Bleibt bis zum Ende und wir bei ihm – für immer.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar. (Ps 23,6)
Bleiben Sie behütet!
Ihre Pastorin Ute Parra
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Gruß zum Sonntag Quasimodogeniti am 27.04.2025
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Noch einmal kurz zur Geschichte, die wir eben als Predigttext im Evangelium gehört haben:
Es ist der Abend von Ostern, Am Abend des ersten Tages der Woche. Schabbat war vorbei, der Tag, den wir seit Jesu Auferstehung als Sonntag feiern, war für die Juden der erste Tag der neuen Woche. Jesus steht nicht am Feiertag auf, sondern am ersten Arbeitstag. Damit wird die Arbeit des Lebens ein Grund zum Feiern – aber das nur am Rand.
Jedenfalls haben die Jünger die Türen verriegelt, weil sie nicht wissen, was ihnen vom Mob des Karfreitag mit seinen „Kreuzige ihn“-Rufen noch blüht.
Jesus tritt sozusagen durch die Wand in den verschlossenen Raum und sagt als erstes das erlösende und beruhigende „Friede sei mit euch.“ Mit neuem Leben, nicht mehr von dieser Welt, durchschreitet Jesus Mauern und andere Grenzen und sorgt für innere Ruhe. Den Jüngern hilft das, sie sind froh ihn zu sehen. Und wie einen Brückenschlag zwischen dem Ermordeten am Kreuz und dem Auferstandenen, der durch verschlossene Türen hineinkommt, zeigt Jesus seine Wunden – Hände und Seite – und die Jünger sind mitten im Unglück froh über das, was sie sehen können.
Und dann kommt aber Thomas später dazu. Und die Jünger erzählen von ihrem Erlebnis. Und Thomas glaubt ihnen nicht. „Ihr könnt mir ja viel erzählen“, scheint er mir zu sagen. Thomas will nicht nur hören und glauben, er will anfassen. Dann, so sagt er, könne er glauben.
Und nach weiteren acht Tagen ist es dann so weit. Wieder sind die Jünger zusammen. Wieder sind die Türen verschlossen. Wieder kommt Jesus in den verschlossenen Raum. Wieder sagt er „Friede sei mit euch“.
Und als sei er vor einer Woche dabei gewesen, als Thomas seine Zweifel äußerte, spricht Jesus ihn an und erlaubt ihm, die Hände in die verwundeten Körperteile zu legen – auf die Hände und in die Seite.
Thomas ist ergriffen, und berührt - beides im wörtlichen Sinn und sagt „mein Herr und mein Gott“. Und Jesus antwortet: „weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“
Leise Kritik klingt durch. Aber mir ist deutlich wichtiger: Thomas darf das. Jesus verlangt von Thomas nicht, was der nicht zu schaffen meint. Jesus gibt dem Zweifel des Thomas Raum und Zeit.
Seit damals steht der Zweifel damit so deutlich wie selten in der Bibel. Und er steht da als Bestandteil des Glaubens. Und übrigens auch die anderen Jünger hatten Zweifel. Petrus, als er übers Wasser geht und der Zweifel ihn versinken lässt; die zwei Jünger, die nicht sicher waren, ob sie einen guten Platz im Himmel bekommen und schon mal klären wollten, dass sie rechts und links von Jesus einen Platz kriegen. Immer wieder taucht der Zweifel auf; und ich finde er kommt wie ein elementarer Bestandteil des Glaubens ins Spiel. Dieses Glaubenwollen ohne Zweifel, dass ich immer wieder erlebe, sowohl bei mir selbst als auch bei anderen, als sei das dann der wahre Glaube, ist schon bei Jesus nicht angelegt.
Im Gegenteil, sogar der Jünger darf zweifeln, der Zeitzeuge, der Jesus mit eigenen Augen sah. Er darf zweifeln und damit seine Finger in die Wunde legen.
Dieses Bild hat mich bei der Vorbereitung dieser Predigt ganz besonders berührt. So hatte ich das bisher noch gar nicht verstanden, dass hier diese deutsche Redewendung einen Ort in der Bibel bekommt.
Die Finger in die Wunde legen. Mir fallen alle möglichen Parallelen zur Jetztzeit ein.
- Ich denke an die vielen Menschen, die mir seitdem ich Pastor bin, begegnen und gerne glauben würden, aber immer wieder an der Hürde des Unfassbaren ins Schleudern kommen.
- Ich denke an Menschen, die in der heutigen politischen Lage gerne ihre Finger in die Wunden legen würden, aber entweder das Gefühl haben, es nicht zu dürfen, weil man sie dann politisch rechtsaußen einordnen könnte; oder die so verwirrt sind, dass sie vor lauter weltweiten Wunden eigentlich gar nicht mehr wissen, in welche Wunde sie ihre Finger zuerst legen sollen.
- Mir fällt Franziskus, der vor einer Woche verstorbene Papst ein, dessen Lebenswerk in Vielem darin bestand, seine Finger in Wunden zu legen, schon in Argentinien und dann auch als Papst: Die Wunde der fehlenden Klimagerechtigkeit, die Wunde der klerikalen Herrschaft, die Wunde der sexuellen Gewalt innerhalb der Kirche, die Wunde der Geschlechter-Ungerechtigkeit. Alles keine katholischen Probleme allein, als könnten wir als Evangelische das von außen betrachten.
Und mir fällt ein hilfloser Protestruf ein, den ich immer wieder von Menschen höre: Man wird doch nochmal fragen dürfen …
Genau, sagt Jesus für meine Ohren, man darf. Man darf fragen: Geht es hier mit rechten Dingen zu? Man darf fragen nach Gerechtigkeit, nach Wahrhaftigkeit, nach Glaubwürdigkeit. Und keine Basta-Antworten helfen da weiter – das musst du halt glauben, sonst bist du raus aus dem Spiel.
Erst vor kurzem habe ich einen Kirchenexperten laut darüber nachdenken hören, dass wir als Kirche, aber auch im politischen Diskurs – und ich meine auch innerhalb der Gesellschaft – eine viele zu hohe Deutungsdominanz haben.
Deutungsdominanz – hinter diesem seltsam fremd klingenden Wort steht für mich etwas, was ich schon mein ganzes Leben lang erlebe: Dass nämlich immer wieder Menschen daherkommen und so tun, als hätten sie die letzte Wahrheit „gepachtet“ sagen wir, also als wäre sie fast in ihrem Besitz.
Ich erlebe das kirchlich, ich erlebe das politisch, ich erlebe das gesellschaftlich. Ich erlebe es sogar im Kreis meiner Lebensbeziehungen.
Immer wieder begegnen mir Menschen, die mir erklären, wie die Dinge sind. Sie tun es oft gar nicht böswillig, so meine ich zu spüren. Und dennoch tun sie es.
Ich gebe mal ein ganz kleines Beispiel: da sagt ein Mensch zu anderen im Konflikt „du bist immer so schlecht drauf, wenn du von der Arbeit kommst“. „Du bist“ ist die Deutungsdominanz. Da sagt eine Person der anderen, wie sie ist. Und die so angesprochene Person schluckt es oder wehrt sich, oder bleibt sprachlos – was soll ich sagen, wenn mein Gegenüber doch weiß, wie ich bin.
Stattdessen könnte derselbe Mensch sagen: Immer, wenn du von der Arbeit kommst, erlebe ich dich als schlecht drauf. Sofort würde ein Raum entstehen, indem mein gegenüber erzählen kann, warum es ihm so oder anders geht. Oder mein gegenüber könnte sagen: Ich erlebe mich nicht so, vielleicht geht es dir ja selbst nicht gut.
Ein harmloses Beispiel. Schwerer könnten folgen: Wer eine bestimmte politische Meinung äußert, fliegt links oder rechts raus. Wer sich kirchlich nicht stromlinienförmig einsortiert, hat den rechten Glauben nicht. Wer in der Familie quertreibt, passt nicht ins System. Wer in der Schule andere Meinungen vertritt als die Hauptblase, muss allein bleiben usw.
Zurück zu Jesus und Thomas. Jesus lässt den fragenden und zweifelnden Thomas sein. Er lässt ihm Raum. Jesu Wunsch bleibt ebenfalls im Raum, aber er dominiert den Thomas nicht. Jesus hat einen Wunsch „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“.
Aber dieser Wunsch wird für Thomas nicht zum Ausschlusskriterium – eher zu einer Art Frage oder einer Einladung, im Gespräch und im Austausch zu bleiben.
Seitdem orientieren sich immer wieder Menschen, die sich dem Glauben zwar nahe fühlen, aber ihre Zweifel ebenso deutlich spüren, an diesem Thomas. Es gibt Thomas-Messen, Thomas-Gruppen. Thomas ist sozusagen der Zeuge, der Heilige, der Beistehende des Zweifels.
Ich bin froh darüber, dass wir gegenüber Jesus unsere Finger in Wunden legen dürfen. Um zu erfahren, um im Gespräch zu bleiben. Da geht es nicht um Herumstochern. Da geht es auch nicht um Madigmachen.
Es geht um die Gewissheit: Man wird doch nochmal fragen dürfen.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Ostersonntag am 20. April 2025
von Pastorin Pfeifer
Liebe österliche Festgemeinde,
Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du vom Tod erstanden bist und hast dem Tod zerstört die Macht und uns zum Leben wiederbracht-halleluja!
Mit diesem Lied haben wir eben die besondere Freude des Osterfestes zum Klingen gebracht. Und uns, mit Gottes Hilfe dann vielleicht die frohe Botschaft ins Herz gesungen dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist und uns damit allen neues Leben eröffnet.
Das ist der Grund, weshalb Christen heute in aller Welt zusammenkommen und Ostern feiern.
Die frohe Botschaft, dass Gottes Liebe stärker ist, als der Tod. Dass Jesus Christus wirklich gestorben war und begraben wurde, dass er aber am dritten Tage auferstanden ist von den Toten und wieder lebendig geworden ist.
Auch, wenn das höher ist, als unser menschliches Denken und Verstehen begreift. Auch, wenn das alles übersteigt, was Menschen fassen und begreifen können. Weil das etwas ist, das jenseits unserer menschlichen Erfahrungen und unserer Lebenserfahrung liegt.
Denn niemand außer Christus ist gestorben und wieder lebendig geworden und hat sich als Auferstandener der Welt gezeigt. Niemand, der uns sonst hier in dieser Welt von dem neuen Leben nach dem Tod erzählen könnte oder berichtet hat. Auch, wenn Menschen zu allen Zeiten immer wieder versucht haben dahinter zu kommen. Und wenn die sogenannte Nahtoderlebnisse unsere christliche Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod ein Stück weit bestärken. Und trotzdem bleibt es dabei: Wir können hinter den Vorhang des Todes nicht schauen. Jedenfalls nicht in diesem Leben. Und beweisen können wir ein Leben nach dem Tod auch nicht.
Aber glauben dürfen wir das! Und davon hören, was Christen der ersten Stunde erzählen. Von dem, was ihnen widerfahren ist, wovon wir in der Epistellesung vorhin gehört haben.
Die frohe Botschaft, dass Christus gestorben und begraben wurde, dass er also wirklich tot gewesen ist. Dass er dann aber auferweckt wurde und vielen Menschen erschienen ist. Den Frauen am Grab, danach Petrus und den zwölf Jüngern danach 500 Männern, dazu Frauen und Kindern und dann dem Jakobus und den Aposteln.
Alles Männer und Frauen, die Jesus von Nazareth zu Lebzeiten gekannt, begleitet, verehrt und geliebt haben.
Weil sie durch ihn die Liebe und Freundlichkeit Gottes erfahren haben, weil sie in seiner Nähe begriffen haben, dass Gott sie liebt. Weil sie gespürt haben, dass er gekommen ist, um sie mit sich selbst und ihrem Leben zu versöhnen. Und ihrem Leben Sinn, Orientierung und Richtung zu geben.
Und dann das an Karfreitag:
Die Hinrichtung Jesu am Kreuz. Dieser furchtbare Tod, dieses schreckliche Ende des Jesus aus Nazareth, mit dem scheinbar auch die Sache Jesu zu Ende war.
Die tiefe Enttäuschung, dass mit diesem Tod scheinbar alles, was er verkündigt und verkörpert hat aus und vorbei und gestorben war. Sodass seine Freunde mit ihrer Hoffnung, mit ihrem Glauben und ihrem Vertrauen am Ende sind.
Aber dann das: Eine Erfahrung, die so außergewöhnlich und wunderbar war, so geheimnisvoll bleibt bis auf den heutigen Tag, dass die ersten Christen das, was sie erlebt haben erst gar nicht begreifen und fassen können.
Da brauchte es schon die Deutung der Engel am Grab und den Auferstandenen selbst, der seinen Jüngern auf dem Weg nach Emmaus und den Jüngern in Jerusalem begegnet. Damit sie in seiner Person den Auferweckten erkennen. Jesus den Christus, der von den Toten auferweckt wurde und der sich ihnen durch vertraute Zeichen und Gesten zu erkennen gibt. Sodass sie spüren, dass der Verstorbene wirklich da und ganz nah ist, dass er wirklich lebendig ist.
Ein absolut außergewöhnliches und unfassbares Ereignis.
Eines, das wir bis heute nicht fassen und schon gar nicht begreifen können.
Die frohe Gewissheit, die schon die ersten Christen ergriffen hat, dass die Liebe Gottes die Kraft, hat Elend und Not, sogar den Tod zu überwinden. Dass auch die Botschaft von der Liebe Gottes, die Sache Jesu nicht totzukriegen ist, sondern weitergeht und weiterwirkt, weil Gott alles, was Jesus gesagt und gemacht hat durch die Auferweckung Jesu nachträglich und postum legitimiert und bestätigt.
Jesu Botschaft von der schier unerschütterlichen Freundschaft und Liebe Gottes, die sogar im Tod noch Bestand hat, die durch den Tod hindurch trägt und ihn überwindet, sodass es Sinn macht sich selbst in den schlimmsten Zeiten und schwersten Situationen auf Gott zu verlassen.
Liebe Gemeinde, die Christen der ersten Stunde sind Menschen, die Jesus schon zu Lebzeiten gekannt und begleitet haben.
Erst bei Paulus ist das anders. Auf dem Weg nach Damaskus, den er geht, um die Christen dort zu bekämpfen und zu vernichten, hat er ein Erlebnis, das außergewöhnlich ist. Eine Begegnung mit dem Auferstandenen, die ihm unmittelbar einleuchtet und ihn ergreift und welche die Kraft hat sein ganzes Leben, sein Denken, Fühlen, Glauben und Handeln auf den Kopf zu stellen und zu verändern.
Sodass er gar nicht anders kann, als fortan landauf, landab von dieser Erfahrung zu reden. Die Liebe Gottes in der Person Jesu Christi zu verkünden. Und alles zu tun, um den Menschen diese frohe Botschaft nahe zu bringen.
Paulus ist durchdrungen von der tiefen Gewissheit, dass Jesus Christus lebt und sich Gott in ihm ein für alle Mal zu erkennen gab, damit wir Menschen uns an der Liebe Gottes festhalten, aufrichten und orientieren können.
Damit wir bis heute die Hoffnung haben, dass Gott letztendlich alles in allem ist. Oder anders gesagt, dass wir immer und überall von seiner Liebe umfangen, gehalten und getragen sind in diesem Leben und darüber hinaus.
Dass Gott uns durch alles Schwere und Schlimme hindurch begleitet und trägt. Und letztendlich dazu helfen will, alles Leid und Unglück zu überwinden.
Eine Erfahrung, die Menschen tatsächlich bis heute machen.
Dass der Tod eines lieben Menschen zwar unendlich schmerzhaft ist und dass die Trauer auch Raum und Zeit braucht. Dass es dann aber doch langsam und allmählich gelingt, mit dem Schmerz und der Trauer zu leben. Dass man ganz langsam lernt wieder auf und nach vorne zu sehen. Dass die Trauer sich langsam hebt und dass dann sogar wieder schöne Momente und Augenblicke kommen. Dass die Freude am Leben ganz allmählich wächst und wir sogar wieder Freude und Lust am Leben habe.
Solche Erfahrungen, mitten im Leben wieder aufzustehen und auf zu leben, auch Neues zu wagen, gibt es viele.
Menschen erleben das, wenn eine Beziehung, auch eine Ehe am Ende ist. Wenn es manchmal gar nicht anders geht, als sich zu trennen, um ein noch längeres und schlimmeres Leid zu verhindern, um dann neu zu beginnen und dann allmählich Tritt zu fassen. Aber häufig gelingt es auch, mit einer Beratung von außen, an sich selbst und der Beziehung zu arbeiten und dann auch wieder eine gute Perspektive für das Zusammenleben zu haben.
Und auch in die schwierige Zeit der Pandemie haben wir inzwischen hinter uns gelassen, auch wenn manche Menschen schwer an den Folgen Ihrer Erkrankung zu tragen haben und immer noch unter Impffolgen leiden.
Und trotzdem:
Ich bin immer noch erstaunt und dankbar, wie schnell es gelang Impfstoffe zu entwickeln, die dann auch gleich massenweise hergestellt werden konnten, sodass Millionen von Menschen weltweit eine schlimme Erkrankung erspart geblieben ist und dass es gelang dieser schweren Krankheit tatsächlich wirkungsvoll entgegenzutreten.
Das lässt mich hoffen und macht mir Mut, dass es gelingen könnte, für die anderen große Probleme Lösungen zu finden. Und so die bedrohliche und menschengemachte Klimaveränderung doch noch zu stoppen und aufzuhalten oder zumindest ein noch stärkeres Voranschreiten zu verhindern.
So viel ist möglich und machbar, wenn jede und jeder von uns seinen Teil dazu beiträgt und tut, was er kann.
Und es ist erstaunlich, dass die Wissenschaft auch im Blick auf den Klimaschutz und die Umwelt schon viele tolle Ideen und Möglichkeiten erkannt und entwickelt hat.
Immer wieder gibt es Hoffnung gegen den Augenschein und sogar ganz überraschende und positive Entwicklungen, die uns staunen lassen.
Wer hätte damals, nach Ende des 2.Weltkriegs gedacht, dass es möglich wäre, unser Land so gut und so schnell wieder aufzubauen, sodass wir bei allen Schwierigkeiten und Problemen, die es gibt, im weltweiten Vergleich hier bei uns immer noch gut und mit einem hohen Maß an sozialer Absicherung leben können.
Wer hätte jemals gedacht, dass es gelingen könnte, die Mauer zwischen Ost und Westdeutschland friedlich und ohne Blutvergießen niederzureißen und beide Teile Deutschlands wieder zu vereinen.
Und auch jetzt gibt es bei allem, was schlimm ist in Russland, in der Ukraine, im Gazastreifen und Israel und zuletzt auch in den USA, was uns Sorgen macht und uns bedrückt ja immer noch und immer wieder neue und außergewöhnliche Entwicklungen, die uns staunen lassen, auch wenn der Ausgang der Ereignisse ungewiss ist.
Wer hätte gedacht, dass die Frauen im Iran oder jetzt auch die Menschen in der Türkei gegen staatliche Willkür und Gewalt zu hunderttausenden auf die Straße gehen – zuletzt massenhaft Schüler und Schülerinnen, um gegen die willkürliche Versetzung von 20000 Lehrer zu demonstrieren. Manche wohl auch deshalb, weil sie das Vorgehen Erdogans gegen Regimekritiker im Unterricht aufgegriffen und diskutiert haben.
Und es stimmt wirklich. Immer wieder gab und gibt es mitten in den schlimmsten Zeiten und Verhältnissen diesen Aufstand der Menschen, für das Lebens und gegen den Tod. Gegen alles, was Leben vernichtet und zerstört.
Und es gibt diese unbeirrbare Hoffnung die lebendig ist und lebendig bleibt, sich für ein gutes und lebenswertes Leben in Frieden und Freiheit, in Freundschaft und Demokratie in dieser Welt eizusetzen.
An Ostern feiern wir diese Hoffnung auf neues, anderes Leben, in dieser Welt und nach dieser Welt.
Aber es ist nicht zu allererst die Hoffnung auf uns selbst, auf menschliche Einsicht, Erkenntnis und Stärke, auf menschliche Fähigkeiten, Liebe und Kraft.
An Ostern feiern wir die Hoffnung und Zuversicht, dass Gott
uns nicht nur in allem Schlimmen und Schweren begleitet.
An Ostern feiern wir die Gewissheit, dass Gott uns immer wieder lebendig macht und ins Leben führt. Dass er an unsrer Seite ist und bleibt, um uns neues, anderes Leben zu eröffnen und zu ermöglichen.
Und dass er uns Menschen die Kraft gibt, mitten im Leben wieder aufzusehen und aufzustehen und neue Schritte und Wege ins Leben zu finden.
Weil Gott an uns handelt und in uns handelt und Liebe und Freundschaft, Verstehen und Verständigung unter uns in wirkt und so auch ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit für uns eröffnet.
Und so können und dürfen wir mit Gottes Hilfe immer noch und immer wieder Hoffnung gegen den Augenschein haben.
Dass Frieden und Versöhnung auch angesichts des schrecklichen Kriegs der Ukraine möglich ist, auch wenn es immer die Menschen sind, die diesen Weg dann auch gehen und beschreiten müssen.
An Ostern, liebe Gemeinde feiern wir unsere Hoffnung auf Gott. Die Hoffnung und Zuversicht, dass Gott uns immer wieder ins Leben führt uns und sich auch daran freut, wenn wir Freude am Leben haben.
Wenn wir mit dazu beitragen, dass auch das Leben anderer Menschen ein bisschen heller und froher wird.
Dass wir uns wieder freuen können auch an den kleinen, manchmal unscheinbaren Dingen, die unser Leben bunt machen und schön. Dass wir das strahlende Blau des Himmels wieder sehen oder das Blühen und Sprießen ringsherum, dass wir uns freuen am Singen der Vögel oder an einer kleinen Melodie, die uns beschwingt und beflügelt, an einer zufälligen Begegnung, einem fröhlichen Winken oder einem kleinen Lächeln das wohl tut und fröhlich stimmt.
Gott sei Dank gibt es bis heute diese österlichen Erfahrungen! Und die frohe Gewissheit der Osterfreude, die wir eingangs gehört haben.
Wir danken dir, Herr Jesus Christ, dass du vom Tod erstanden bist und hast zerstört dem Tod die Macht und uns zum Leben wiederbracht- halleluja.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch allen frohe Ostern!
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Palmsonntag am 13.04.2025
von Pastorin Parra
Jesaja 50,4-9:
Liebe Gemeinde,
heute feiern wir Palmsonntag. Feiern, wie Jesus nach Jerusalem einzieht, auf einem mickrigen Esel und dennoch von allen bejubelt: „Hosianna dem Sohn Davids. Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“ „Hosianna“, „hilf doch!“, so rufen sie und schwenken grüne Zweige, grün wie die Hoffnung.
Wird jetzt alles anders? Haben die Massen verstanden, dass Gott es ist, der sie rettet? Dass der Messias, auf den sie warten, nicht mit Macht kommt, sondern arm und auf einem Esel? Palmsonntag scheint alles möglich. Während aber die einen noch jubeln tuscheln andere schon hinter vorgehaltener Hand darüber, wie sie diesen unliebsamen König, der sich an keine Konvention hält und doch Macht über die Massen zu haben scheint, wohl loswerden könnten.
Wenige Tage noch, dann wird die Menge nicht mehr „Hosianna“, sondern „Kreuzige ihn“ rufen und Jesus lässt das an sich geschehen. Lässt sich gefangen nehmen, anspucken, verspotten, schlagen. Er verbirgt sein Angesicht nicht. Seht, welch ein Mensch!
Ist er der Gottesknecht, der im Buch Jesaja immer wieder seine Stimme erhebt und ausruft: „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel“ (Jes 50,6)?
Jesus geht den Weg, den sein Vater für ihn vorgesehen hat, bis zum Ende. „Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin“, so hat er gelehrt und so lebt und stirbt er.
Der Gottesknecht lässt alles über sich ergehen, denn er weiß: Gott lässt ihn nicht zuschanden werden. So viel Schmach und Schande ihm auch angetan wird – es macht ihn nicht zuschanden, denn Gott ist nahe, der ihn gerecht spricht: „Gott der Herr hilft mir, wer will mich verdammen? “ (Jes 50,9)
Der Gottesknecht kann alles erdulden, weil er Gott an seiner Seite weiß. Er kann sogar die Strafe seiner Peiniger auf sich nehmen. Nichts trennt ihn von Gott.
Ist Jesus der Gottesknecht, der die schwere Last des Kreuzes für alle trägt – aus Liebe? Das ist eine Deutung, aber nicht die einzige.
Gerade in ihrer schillernden Mehrdeutigkeit haben die Gottesknechtlieder ihre Kraft. Für mich sind sie auch eine Vorwegnahme davon, wie wir Christen heute leben können: Wir können uns jeden Morgen wecken lassen, uns von Gott das Ohr öffnen lassen. Wir können schon am Morgen, an der Dämmerung Pforte, Gottes Nähe spüren. Gerade in schweren Zeiten haben Menschen sich von diesen Worten inspirieren lassen.
Der studierte Theologe Jochen Klepper wäre gern Pastor geworden, aber er litt unter Schlaflosigkeit und Kopfschmerz und hatte nicht genug Kraft dazu. Aber seine Sprache hatte Kraft. Das Lied „Er weckt mich alle Morgen“ (EG 452) ist inspiriert durch das Gottesknechtlied in Jes 50. Es entstand 1938, als Klepper mit seiner jüdisch stämmigen Ehefrau schon unter Repressalien der Nazis litt. Müde war er, krank und geächtet, aber nicht hoffnungslos.
Am 12. April schieb er in sein Tagebuch:
„Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr,
dass ich höre wie ein Jünger. Der Herr hat mir
das Ohr geöffnet; und ich bin nicht ungehorsam und
gehe nicht zurück. - Denn ich weiß, dass ich nicht zu
Schanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht. (Jesaja 50, 4.5.7.8.)“
Und weiter: „Weicher, glänzender Tag. Meine kleinen Osterbesorgungen für Mutter, Frau und Töchter. In unserem alten Garten in der Seestraße blühen die alten Kirschbäume so schön.Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50, die Worte, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren."
Wir können uns jeden Morgen von Gott wecken lassen, können hören wie Jünger hören. – Ein Schüler, ein Lernender, so fühlt sich, wer sich vom Wort Gottes wecken lässt. Es hat etwas Befreiendes, wenn ich mir als Lernende eingestehen kann, dass mir Gott immer voraus ist.
Wer diese Worte in sich wirken lässt, der oder die kann das Wort auch weitersagen wie der Gottesknecht: „Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, dass ich wisse, mit den müden zur rechten Zeit zu reden.“ (Jes 50,4)
Eine Frau schrieb 1939 an Jochen Klepper: „Ihre Worte gehen so tief, so sehr ins schonungslose Leid, in Qual und Heimweh des Herzens, dass ich manchmal fragen muss, kann das alles wirklich ein Mann geschrieben haben? Bitte missverstehen Sie mich nicht! Nicht dass ich meine, ein Mann könne nicht so tief fühlen wie eine Frau. Nein, das andere: Kann ein Mann wirklich so zutiefst demütig sein und zugleich so frei? Das hilft so wunderbar.“
Er will, dass ich mich füge. Ich gehe nicht zurück.
Hab nur in Ihm Genüge, in Seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden, wenn ich nur Ihn vernehm.
Gott löst mich aus den Banden. Gott macht mich Ihm genehm. (EG 452,3)
Die Karwoche liegt vor uns mit ihren Erinnerung an dunkle Tage zu allen Zeiten, an düstere Stunden für so viele Menschen heute. Wir können das aushalten, denn wir sind gehalten und getragen. Gott ist da in allem, was wir erleiden, ja sogar in der Gottesferne ist er durch Jesus Christus uns nah. Das dürfen wir uns selbst und allen Müden sagen. Das kann uns Kraft geben, uns einzusetzen gegen das Unrecht, das Menschen auch und gerade in dieser Zeit geschieht.
Und dann kommt der Ostermorgen, „…dass ich mit seinem Worte begrüß das neue Licht. Schon an der Dämmrung Pforte ist er mir nah und spricht…. Er spricht wie an dem Tage, da er die Welt erschuf.“ (EG 452,1-2) - Jeder Morgen eine kleine Auferstehung, wenn er mit Gott begonnen wird. Jeden Morgen Hoffnung, die nicht zuschanden wird. Besonders erleben wir das am nächsten Sonntag, wenn die Osterkerze noch an der Dämmerung Pforte in die dunkle Friedhofskapelle getragen wird und wir ihr Licht untereinander weitergeben. Gott kommt uns nah, wenn wir hören „Und Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht.“ An dem Morgen, an dem wir den Gott feiern, der lebendig macht.
Eine gesegnete Karwoche und dann ein hoffnungsfrohes Osterfest!
Ihre und Eure Pastorin
Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Judika am 06. April 2025
von Pastorin Pfeifer
Liebe Gemeinde,
In diesen Wochen erinnern wir uns in unseren Kirchen traditionell an den Leidensweg Jesu Christi. Die vielen Situationen, die er ertragen und erleiden musste , bis er schließlich am Kreuz hingerichtet wurde und gestorben ist.
Darum habe ich Ihnen heute hierher in die Kirche auch ein besonderes Kreuz mitgebracht und hier vorne für uns aufgerichtet.
Es steht auch für das Leid, dass Jesus damals erlebt und ertragen hat. Wir haben das vorhin im Psalm gehört. Jesus hat diesen Psalm, der Überlieferung nach auch während seines Leidens und Sterbens gebetet.
Und Gott sein ganzes Elend und Leid geklagt. Das Gefühl von Gott verlassen und im Stich gelassen worden zu sein. Aber dann auch bei ihm plötzlich mitten im Leid das tiefe Gefühl und Empfinden dennoch und trotzdem getragen zu sein. Die tiefe Erfahrung zu machen, dass Gott mitten im Leid ganz da und ganz nah ist – um ihn zu tragen und ihm zu helfen. Die klare Erkenntnis, die bis heute gilt, dass Gott uns im Leiden nah kommt und für uns da ist. Sogar dann , wenn wir Menschen das gar nicht merken und spüren.
In diesen Tagen und Wochen erleben , sehen und hören wir viel Leid , das uns bewegt und uns belastet und manche sogar regelrecht neiderdrückt . Vieles fühlt sich an wie schwere Steine, die uns beschweren, auf dem Magen liegen und niederdrücken.
Darum haben wir Ihnen am Eingang auch einen Stein gegeben. Bitte nehmen Sie den Stein jetzt einmal ganz bewusst in die Hand und spüren ihm nach. Ist er klein oder groß, fühlt er sich leicht oder eher schwer an ,Fühlt er sich kalt oder ist er schon handwarm geworden. Und wie ist seine Form, fühlt er sich glatt an oder rund .Oder hat er harte und spitze Ecken und Kanten.
Dieser Stein liegt uns in der Hand. Manches liegt uns aber auch wie ein Stein auf der Seele und auf dem Magen.
Die Opfer der Strophe in Südostasien. Das Leid der Menschen im Gazastreifen und die Sorge und Angst um die Geiseln der Hamas in Israel.
Die schlimmen Bilder vom Krieg und das unsägliche Leid der Menschen in der Ukraine. Aber auch der Soldaten , die von einem schlimmen Despoten in diesen Krieg geschickt worden sind. Tod und Zerstörung, Bombenangriffe und Menschen die flüchten. Männer, Väter und Söhne, Frauen und Kinder, die nicht wissen ,ob sie und wann sie ihre Lieben wiedersehen.
Und dann die Angst . Auch hier bei uns. Die Angst, dass der Krieg sich weiter ausweiten könnte. Das Eschrecken, darüber dass auch hier bei uns wieder Maßnahmen zum Zivilschutz und eine starke Aufrüstung zwingend notwendig erscheint, um wehrhaft zu sein, vor Angriffen wirkungsvoll abzuschrecken und die Bevölkerung , uns alle auch hier in Schleswig-Holstein so gut wie möglich zu schützen.
Ich hätte niemals gedacht, dass wir hier in Europa jemals wieder in so eine Situation kommen würden. Dazu ein Präsident in den USA ,der uns in seiner Unberechenbarkeit und mit seinen Entscheidungen das Fürchten lehrt. Und ein Widererstarken der Rechten in Deutschland und ganz Europa, die uns zeigt, dass unsere westlichen Demokratien gefährdet sind und gelebt und auch immer wieder verteidigt werden müssen.
Und dann sind da eben auch unsere ganz persönlichen Sorgen und Probleme. Menschen ,denen es schwer fällt mit sich selbst und ihrem Leben zurecht zu kommen oder auch mit den Menschen, die zu ihnen gehören und mit ihnen leben. Krankheiten oder auch Depressionen, die uns zu schaffen machen und niederdrücken. Aber auch die Sorge um Arbeit und Auskommen. Für manche die bange Frage, wie das in Zukunft für sie ganz persönlich und ihre Familien weitergeht.
Ich lade Sie und Dich ein diesem Stein nun noch einmal ganz bewusst nachzufühlen und ihm in Gedanken die ganz persönlichen Sorgen, das was Dich und was Sie belastet aufzulegen.
Lassen sie uns darauf für einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit lenken. Und über die Frage nachdenken .Was belastet mich .Was ist für mich eine Last und liegt mir wie ein Stein auf der Seele.
Musik
Wir laden Sie nun ein ihre und deine persönliche Last mit dem Stein zu unserem Kreuz zu tragen und in das Kreuz zu legen. In dem Vertrauen , dass diese Last von Gott gesehen und mitgetragen wird.
Musik
Lasst uns beten
Gott, wir bringen vor dich alles, was uns belastet und was uns bedrückt. Und bitten dich, hilf uns auf. Hilf uns, unsere Last zu tragen. Hilf, wenn es möglich ist, dass unsere Last leichter wird Und wenn es sein kann, nimm diese Last von uns und erlöse uns. Gott wir bitten dich: Erbarme dich. Amen.
Liebe Gemeinde, das Kreuz hier vorne ist ein Hinweis auf Jesus Christus, auf die Last, die er getragen und die Not die er erlitten hat. Ein Symbol für das Leid und alle Last, die Menschen tragen. Und ein sichtbares Zeichen, dass Gott uns mit unserer Last nicht allein lässt.
Das Kreuz ist aber auch ein Symbol der Hoffnung auf neues Leben. Weil wir daran glauben dürfen, dass die Not und der Tod nicht das Letzte sind. Dass Gott uns aus aller Not und sogar aus dem Todwieder herausführt und uns neue Lebensmöglichkeiten eröffnet. So, wie ja auch Jesus Christus gelitten hat und gestorben ist,dann aber auch auferweckt wurde ,zu neuem, ganz anderen Leben in der Nähe und Liebe Gottes.
So ist das Kreuz auch für uns zum Symbol für neues, anderes Leben geworden. Für die Hoffnung auf neues Leben nach diesem Leben aber auch in diesem Leben und in dieser Welt. Dass es Sinn macht, auf Gott zu hoffen und darauf zu vertrauen, dass er uns hilft und wir dank seiner Hilfe auch immer wieder Hoffnung auf neue Perspektiven und Möglichkeiten zum Leben haben.
So, wie es auch hier bei uns immer wieder Erfahrungen neuen Lebens gab und gibt. .Damals , nach dem Ende des 2.Weltkriegs, nach Ausbombung , Flucht und Vertreibung und den Schrecken der Naziherrschaft. Wer hätte damals gedacht ,dass es dank des Einsatzes vieler und großer Kraftanstrengungen gelingen könnte, dieses Land so gut wieder aufzubauen und hier in Demokratie ,in Frieden und Freiheit und immer noch mit einem vergleichsweise hohen Maß an sozialer Absicherung zu leben. Oder das es gelingen könnte durch eine friedliche Revolution, ohne jegliches Blutvergießen die Mauer niederzureißen und die beiden Teile Deutschlands wieder zu vereinen und viel zu erreichen, auch wenn manches dabei offen und ungelöst blieb.
Und auch im persönlichen Bereich tut es uns gut , wenn wir uns die kleinen und größeren Wunder unseres Lebens bewusst machen , sie wahrnehmen und wert schätzen können. Um daraus dann auch Zuversicht und Kraft für unser Leben zu schöpfen.
Wenn es gelungen ist, sogar mit einer schweren Erkrankung zu leben und umzugehen und dann auch die schönen Momente und Augenblicke , Zeichen der Zuwendung und Freundschaft oder auch nur den Sonnenschein und den strahlend blauen Himmel der vergangenen Tage ganz bewusst zu genießen .
Oder wenn wir es geschafft haben , trotz eines schweren Verluste mit der Trauer und dem Schmerz zu leben und umzugehen und sogar langsam wieder Fuß zu fassen in einem neuen, ganz anderen Leben.
Wenn das Lachen eines Kindes oder auch eine kleine Melodie die Kraft hat, unsre Stimmung zu heben und den Tag ein wenig froher und heller zu machen. Wenn der Kinderchor mit seinem Gesang und schon das Erleben der Kinder uns einfach nur freut und wir auch dadurch dann das Gefühl haben, dass es gut ist und schön ist ,auf der Welt zu sein und das zu erleben.
Wenn das Wiedererwachen der Natur , das Sprießen der Blätter und das Blühen der Frühlingsblüher uns zeigt , dass das Leben immer noch wieder neu wird und wächst und manchmal sogar unter widrigsten Bedingungen wieder neu werden kann, wächst und entsteht und weitergeht.
Ich finde, wir tun wirklich gut daran, selbst die kleinsten Wunder an Leben wahrzunehmen und wertzuschätzen. Und darin dann vielleicht auch einen Hinweis auf Gott unseren Schöpfer, den Liebhaber allen Lebens zu sehen und zu entdecken .Unseren Gott, der es gut mit uns meint und ein gutes Leben will für uns alle. Und der nicht müde wird, uns immer wieder neue Perspektiven zum Leben zu eröffnen.
Sie haben vorhin am Eingang auch ein kleines Teelicht erhalten. Ich bitte Sie nun, dieses Teelicht noch einmal ganz bewusst in die Hand zu nehmen. Diese kleine Kerze ist noch nicht entzündet. Aber wir können sie gleich zum Leuchten bringen.
Wir laden Sie ein, jetzt einmal einen Moment darüber nachzudenken: Was ist für mich wie ein Hoffnungslicht. Was macht mir Mut und tut gut. Was hilft mir neue Hoffnung für die Zukunft zu haben.
Darüber lasst uns nun auch einen Moment nachdenken: Was gibt mir Hoffnung, was ist für mich wie ein Hoffnungslicht in dunkler Zeit?
Musik
Sie dürfen ihre kleine Kerze nun auch hierher vorne bringen , an der Kerze auf der Mensa entzünden und das Licht dann in das Kreuz hineinstellen zum Zeichen, für etwas, das Ihnen gut tut , Mut macht und Hoffnung gibt.
Musik
Lichter werden entzündet und ins Kreuz hineingestellt.
Lasst uns beten
Gott wir danken dir für alles Leben und alle Hoffnung, die du unter uns wirkst. Für die Hoffnung und Hilfe, die Menschen einander geben, für alles was gut tut und Mut macht und zum Leben hilft. Wir bitten dich: Lass uns immer wieder neue Hoffnung haben, damit wir neuen Mut und neue Kraft bekommen und getröstet sind. Amen
Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Lätare am 30.03.2025
von Pastorin Lilienthal
Liebe Gemeinde,
Lätare – Freuet euch! An diesem Sonntag wird uns mitten in der Passionszeit so eine Botschaft zugerufen. Es ist eine Einladung zu großer Freude. Und das gerade in einer Zeit in der wir Leid, Verlust und Unsicherheit erfahren. Das ist erstaunlich. Sowohl zu diesem Zeitpunkt im Kirchenjahr als auch in unserer ganz konkreten und alltäglichen Lebenswirklichkeit. Das ist ein Widerspruch, der zuweilen befremdlich wirkt. Gerade vor diesem Hintergrund wird der heutige Sonntag auch das kleine Osterfest in der Passionszeit genannt. Ich stelle es mir bildlich vor. Lätare ist wie ein geöffnetes Fenster. Frische Luft kommt herein. Licht fällt ins Dunkel. Der eigene Blick geht hinaus. Unser Blick wird weit. Es ist ein Blick nach vorn auf das, was kommt. Eben wie ein kleines Osterfest auf dem Weg zum großen. Oder auch ein Vorgeschmack auf das Leben, das durch den Tod hindurchgeht und ihn überwindet.
Diese Vorfreude hat etwas Heilsames. Sie durchbricht den Schmerz, ohne ihn zu leugnen. Sie bringt Licht, ohne die Dunkelheit zu verdrängen. Der Gegensatz bleibt – und ist doch zusammengehörig. Beides darf nebeneinanderstehen. So werden wir an die Macht der Hoffnung erinnert. Gerade dann, wenn das Leben schwer ist. In diesem Sinne ist Lätare nicht nur ein Sonntag, an dem wir eine kurze Passionsverschnaufpause haben. Es ist vielmehr eine theologische Überzeugung: Mitten im Leid dürfen wir aufatmen, aufblicken, aufbrechen. Wir dürfen auf das schauen, was kommt.
Jesus sagt: Wer glaubt, der hat das ewige Leben. Das ist mehr als ein Versprechen für eine ferne Zukunft. Es ist eine Zusage für das Jetzt. Ewiges Leben beginnt heute. In unserem Denken, Fühlen, Handeln – in allem, was wir sind. Dort, wo Liebe geschieht, wo Vergebung möglich ist, wo Trost geteilt wird. Da beginnt das Leben mit Gott. Nicht irgendwann. Sondern jetzt.
Lätare ist ein Lichtblick. Ein kleiner Ostermorgen mitten auf dem Weg zum Kreuz. Eine Erinnerung daran, dass das Dunkel nicht das letzte Wort hat. Es ist der Sonntag der leisen Hoffnung. Der freundliche Zwischenruf auf dem schweren Weg. Der Zuspruch Gottes, der mitten im Ernst des Lebens ein „Dennoch“ spricht.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag Lätare – mit offenen Fenstern für das Licht und einem offenen Herzen für die Freude.
Ihre Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Okuli am 23. März 2025
von Pastor Kroglowski
„Guck nach vorne“
Liebe Gemeinde,
„Pass auf, guck nach vorne!“ Die Stimme der Mutter überschlägt sich. „Guck nach v o r n e!“, ist jetzt auch die Stimme des Vaters eindringlich zu hören. Ein Scheppern, ein Aufschrei und ein Wimmern. Roller und Kind liegen am Boden. Wenige schnelle Schritte, der Vater steht neben dem Mädchen, streicht ihr mit der einen Hand über den Kopf und lehnt den Roller mit der anderen an den Baum. Er hockt sich zu ihr und nimmt sie in den Arm. „Glück gehabt, gerade noch so gestürzt, dass Du nicht auf der Straße gelandet bist,“ spricht er zu ihr — und sicherlich auch zu sich selbst. Die Mutter dazu. Ihr ist der Schreck ins Gesicht geschrieben. Der große Bruder steht sichtlich genervt daneben: „Wann lernst Du es endlich, Du musst geradeaus gucken und den Lenker gerade halten!“ Der Vater nimmt Roller und Tochter an die Hand. Eine Weile üben sie auf dem breiten Fußweg. Roller- oder Fahrrad zu fahren ist eine Lebenskunst. Es dauert, bis alle Bewegungen verinnerlicht sind und es sicher vorangeht.
Auf dem Weg zum Spielplatz muss eine Straße überquert werden. Immer wieder wird es gefährlich, wenn ein Auto zu schnell durch die verkehrsberuhigte Zone fährt oder ein Kind die eigenen Fähigkeiten auf Rädchen oder Roller überschätzt. „Guck nach vorne! Halt an! Achte auf die Straße!“ Solche Warnrufe sind oft am Überweg zu hören. Je nachdem, wie sicher die jungen Verkehrsteilnehmer sind, kommt es zum unfreiwilligen Abstieg, aufgeschrammten Knien und Tränen. Irgendwann aber hat jedes Kind es gelernt, wie wichtig es ist, anzuhalten und sich beim Abbiegen umzudrehen. Sonst gilt es, den Blick geradeaus zu richten, damit das Ziel sicher erreicht wird.
Jesus hat einmal gesagt: „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ Lukas 9,62
Was Jesus uns in einem Bild aus dem damaligen Alltag der Menschen erklärt, wird für mich deutlich, wenn ich Kinder beim Radfahren lernen beobachte. Es braucht Übung, damit man mit Blick nach vorne sicher Balance halten kann. Jesu Zeitgenossen wussten: Wer pflügt, muss die Augen geradeaus richten, damit die Furche keine Biegungen macht und das meiste aus dem Boden herausgeholt wird. Ein Verkanten des Holzpfluges hat schlimme Folgen: Viel zu leicht zerbricht das Werkzeug, das gebraucht wird, um den Boden zu bearbeiten, solange das Wetter hält. Wer die Hand an den Pflug legt, hat damit auch das Schicksal seiner Familie in den Händen. Schließlich hängt von der eigenen Genauigkeit und Geschicklichkeit ab, wie viel vom Acker rechtzeitig bestellt wird.
Jesus hat seinen Weg nach Jerusalem begonnen, als er dies sagt. Er ahnt den Ernst der Lage. Deshalb sammelt er Menschen um sich, die sich mit ihm darauf einlassen wollen. Mitläufer kann er nicht brauchen. Nur zielgerichtet kann die kurze Zeit, die bleibt, gut genutzt werden, um möglichst vielen vom Kommen des Reiches Gottes zu erzählen. Nur die sind geeignet, die ihr Leben ganz auf dieses Ziel ausgerichtet haben. Pass auf, guck nach vorne, wenn Du im Kalender versuchst, alle Termine unterzubringen. Guck nach vorne, wenn noch eine neue Aufgabe erledigt werden soll. Guck nach vorne, dann entscheide Dich! Es schmerzt, abzusagen, Erwartungen zu enttäuschen, Vertrautes hinter sich zu lassen. Bei allem, was nach Aufmerksamkeit ruft, ist es eine Kunst, das Gleichgewicht zu halten und ausgerichtet zu bleiben. Guck nach vorne: Ausgesprochen aus Sorge um mein Vorankommen an unser Ziel.
Einen guten Blick nach vorn für die kommende Woche wünscht
Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Reminiszere am 16. März 2025
von Pastorin Lilienthal
Liebe Gemeinde,
Gerade noch hat es geknallt. Aber so richtig. Im Tempel war was los! Lärm, Chaos, Aufruhr. Stellen Sie sich das rege Treiben vor: Geldwechsler schreien, Tiere drängen sich in den Gängen, Menschen laufen hektisch durcheinander. Und mitten in all diesem Trubel steht Jesus. Sieht sich um. Er ist wütend. Er ist entschlossen. Und dann legt er los: Er wirft die Tische um, er vertreibt die Händler. Er wirft sie hinaus mit den Worten: Mein Haus soll ein Ort des Gebets sein‹, ihr aber habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!
Und dann, wenige Stunden später, ist alles anders. Abend ward, bald kommt die Nacht. Es ist leise geworden. Die Nacht bricht herein. Die laute Szene am Tag – der Eklat- weicht einer stillen Begegnung in der Nacht. Kein Geschrei mehr, keine Unruhe – nur zwei Menschen, die miteinander sprechen. Zwei Männer auf ein Wort: Jesus und Nikodemus.
Nikodemus ist seiner Zeit ein angesehener Mann. Er ist ein Pharisäer, ein Schriftgelehrter, ein Lehrer des Gesetzes. Nikodemus ist also ein gläubiger Mensch und kennt sich mit der Schrift und den Gesetztestexten aus. Als dieser macht er sich auf den Weg zu Jesus. Doch er sucht nicht die Konfrontation mit ihm. Er sucht keine Diskussion und keine öffentliche Auseinandersetzung. Er sucht den Dialog. Er sucht Antworten. Er sucht Jesus mit den Worten:
Rabbi, wir wissen, du ein Lehrer bist, von Gott gekommen.
Von Gott gekommen. Weiß Nikodemus das wirklich? In jedem Fall regt sich etwas in ihm. Möchte er mehr erfahren? Ist es gar eine vorsichtige Annäherung?
So beginnt das Gespräch zwischen den beiden Männern. Es geht ums Ganze. Eine nächtliche Unterhaltung über das Leben und die Wahrheit.
Jesus erklärt ihm, dass der Mensch von Neuem geboren werden muss. Der Mensch muss aus Wasser und Geist geboren werden, um das Reich Gottes zu sehen. Jesus legt Nikodemus dar, dass durch ihn selbst das Heil kommt und der Glaube an ihn zum ewigen Leben führt. Es geht um Vertrauen. Um ein tiefes Vertrauen in Jesus als Heilsbringer und Retter. Da geht es nicht um rationales oder intellektuelles Fürwahrhalten.
Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
Gott liebt die Welt. Er kommt nicht, um zu richten, sondern um zu retten. Unsere Heilsbotschaft. Der Kern des Evangeliums. Das ist das große Geschenk. Darauf dürfen wir vertrauen. Ja, mehr noch: darauf können wir uns verlassen.
Auch Nikodemus hört Jesu Worte. Er sitzt noch immer in der Dunkelheit. Dunkel ist es vielleicht auch in seinem Inneren. Er ist hin- und hergerissen. In diese Dunkelheit hinein fordert Jesus auf, ins Licht zu treten. Ein Schritt hinaus zu wagen aus der Dunkelheit und den Glauben nicht nur mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen zu erfassen.
Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
Diese Worte sind herausfordernd. Sie zeigen uns, dass Licht und Finsternis nicht nur äußere Gegensätze sind, sondern auch in uns verortet sind. Sie spiegeln auch eine Entscheidung unseres Herzens wider.
Die Finsternis kann ja auch bequem sein. Auf das eigene Leben und die eigene Dunkelheit zu blicken ist nicht immer leicht. Und noch viel schwieriger ist es, das eigene Leben zu verändern. Dafür braucht es Kraft und Mut. Manchmal ist es eben doch leichter in Gewohnheiten zu verharren, auch wenn diese uns schaden. Doch das Licht Jesu fordert uns heraus, unser Denken und Handeln zu hinterfragen – und genau das ist unbequem.
Die Finsternis verbirgt die Wahrheit. Sie überschattet sie. Im Dunkeln kann man Dinge ja auch gut verstecken. Jesus aber bringt ans Licht, was falsch ist – und das gefällt nicht jedem. Viele fürchten sich davor, dass ihre Fehler und Sünden sichtbar werden. In der Passionszeit blicken wir aber eben gerade auch darauf. Das müssen wir aushalten. Und trotzdem und das ist der so wichtige Punkt: Gottes Licht ist kein Licht der Verurteilung, kein zur Schau stellen unserer Unzulänglichkeiten. Nein, das Licht leuchtet uns aus, so wie wir sind. Mit all dem Guten und dem Schlechten. Es ist ein Licht der Heilung und Vergebung!
Es ist eine Einladung zur Hoffnung, eine Botschaft der Liebe und eine Zusage des Heils für jeden, der glaubt. Unser eigener und heilsamer Weg ins Licht.
Wir wissen leider nicht, was Nikodemus konkret geantwortet hat. Was wir wissen ist, dass diese Begegnung, dass dieses nächtliche Gespräch unter zwei Männern, ihn nicht losgelassen hat. Denn Nikodemus hat etwas gewagt. Er hat sich nicht länger versteckt.
Im weiteren Verlauf der Geschehnisse erfahren wir, dass Nikodemus seine Stimme für Jesus erhebt. Als der Hohe Rat und die Pharisäer Jesus angreifen und ihn loswerden wollen, ergreift Nikodemus seine Stimme. Natürlich ist das kein offenes Bekenntnis. Aber dennoch ist es ein Schritt hinaus aus der Dunkelheit. Es erfordert großen Mut. Er sagt:
Richtet unser Gesetz einen Menschen, ehe man ihn verhört und erkannt hat, was er tut?
Er stellt sich gegen die schnelle Verurteilung, gegen die Hetze, gegen das Unrecht. Und das bleibt nicht unbemerkt. Die anderen Pharisäer fahren ihn an:
Bist du etwa auch aus Galiläa?
Ein Spott, ein Vorwurf. Sie wollen ihn einschüchtern. Doch Nikodemus hat begonnen, seinen Weg ins Licht zu gehen. Nikodemus zeigt uns: Glaube ist ein Weg. Ein Weg, der oft in der Dunkelheit beginnt – mit Fragen, mit Unsicherheit, mit vorsichtigen Schritten. Doch Jesus ruft uns heraus: Bleibt nicht im Dunkeln. Tretet ins Licht. Denn Licht ist Wahrheit. Licht ist Liebe. Licht ist Gott selbst.
Auch wir stehen manchmal an diesem Punkt: Bleiben wir still – oder erheben wir unsere Stimme? Folgen wir der Dunkelheit – oder treten wir ins Licht?
Jesus lädt uns ein, in sein Licht zu kommen. Denn nur dort finden wir echte Freiheit, wahre Hoffnung und ein Leben in der Gegenwart Gottes.
Und nun noch ein letztes Mal zu Nikodemus.
Nach Jesu Tod, als alle anderen Jünger aus Angst geflohen sind, kommt Nikodemus noch einmal. Johannes 19 berichtet, dass er zusammen mit Josef von Arimathäa kommt, um den Leichnam Jesu zu begraben. Er bringt eine große Menge Myrrhe und Aloe – eine kostbare Gabe, ein Zeichen von Ehrerbietung und Liebe mit.
Nikodemus versteckt sich nun nicht mehr. Das Licht, das in jener Nacht begann zu leuchten, ist jetzt sichtbar.
Manchmal ist es nur ein kleiner Schritt, ein kleines Bekenntnis, ein Moment des Vertrauens. Doch jeder Schritt ins Licht bringt uns näher zu dem, der uns gerufen hat. Licht zeigt den Weg – so wie eine Lampe in der Dunkelheit Orientierung gibt.
Licht enthüllt – es macht sichtbar, was vorher verborgen war. Und Gottes Licht strahlt für uns alle. Und dieses Licht sagt uns: Gott liebt. Gott rettet. Gott schenkt neues Leben. Treten wir ins Licht.
Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
Amen
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Invokavit am 09.03.2025
von Pastorin Lilienthal
Liebe Gemeinde,
und Gott, der Herr, rief: Wo bist du? Es ist eine Sensationsgeschichte. Die Geschichte vom Sündenfall. Bestimmt haben Sie die Bilder direkt vor Augen. Gott, Mensch, Apfel, Schlange. Sei es in Kunst, Kultur und Literatur, aber auch im profanen Leben, wie z.B. der Werbung, begegnet uns immer wieder diese so berühmte Geschichte vom Anfang der Bibel. Es geht um Versuchung. Versuchung ist eine ernste Sache. Die Erzählung vom Sündenfall am Anfang des Alten Testaments im Buch Genesis ist Urgeschichte. Sie ist Menschheitsgeschichte unter Gottes Wort. Sie geht allem voraus und erzählt von paradiesischen Zuständen. Der Garten Eden, die Gemeinschaft mit Gott, sie bebildert unsere Sehnsucht. Sie zeugt von einer ursprünglichen Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch und der beiden Menschen untereinander. Eine Gemeinschaft, die in Vertrauen und Sicherheit geborgen ist. Sie deutet das Eins-Sein mit Gott. Und Adam und Eva können Gottes Angesicht sehen. Stellen Sie es sich vor: Sie können Gottes Angesicht sehen!
In diese Gewissheit hinein tritt das Böse in der Figur der Schlange. Durch listiges Fragen verunsichert sie Eva, sodass Eva das Gebot – wir wissen es - übertritt. Sie handelt gegen Gottes Wort. Zunächst wirkt es auf uns wie eine äußerliche, gar dämonische Macht, die in Eva hineinwirkt. Vielmehr ist die Schlange aber ein Symbol für das, was in uns selbst ist und uns von Gott zu trennen droht. Die Schuld haben nicht die anderen, die Frau oder die Schlange. Wir sind verantwortlich für das, was uns Menschen auseinander gehen lässt und was unsere Beziehungen angreift oder überdies scheitern lässt. Dann, wenn wir Vertrauen verlieren und Misstrauen wächst.
Das Böse zu erklären, darauf ist die Erzählung nicht aus. Das Wirken der Schlange beschreibt einzig den Bruch, der in uns stattfindet, wenn wir Vertrauen und Beziehungen hinterfragen. Wir alle kennen doch das Gefühl, wenn das Böse gar übermächtig in uns wird und wir aus Wut, Ärger oder Misstrauen etwas tun, was wir eigentlich nicht tun wollten. Wenn wir uns hinreißen lassen. Dann entsteht ein Riss und wir merken, es ist etwas zerbrochen. Und manchmal schämen wir uns auch.
So wie der Riss zwischen Gott und Mensch aufklafft.
Und dann der Ruf: Wo bist du?
Eine Frage, die in das Schamgefühl eines Menschen hinein gerufen wird. Adam und Eva haben sich versteckt. Sie hören Gott im Garten umher wandeln und möchten ihm, ihrem Schöpfer, doch nicht begegnen. Zu groß ist die Scham. Zu groß ist die Angst zu enttäuschen. Oder ist es vielmehr das Wissen darum, bereits enttäuscht zu haben? Sie können Gott nicht unter die Augen treten, sie fühlen sich nackt und hilflos. Dieses Gefühl trennt sie von Gott. Damit beschreibt die Geschichte das, was zwischen Gott und Mensch zerbrochen ist. Das, was nun klar vor Augen liegt, so wie der Mensch wirklich ist. Gott ist vom Menschen enttäuscht. Das was war, ist nicht mehr da. Beziehungslosigkeit.
Der Mensch steht nun vor Gott in all seinem Scheitern. Nackt und bloß in absoluter Konsequenz. Adam und Eva fallen hinaus aus dem Eins-Sein, aus der Geborgenheit mit Gott. Damit legen sie uns auch unser Leben vor die Füße. Wir erkennen, so ist es mit Gott und uns. Mit dieser Geschichte werden wir mit den Brüchen unseres Mensch-Seins und Miteinander-Seins, mit all dem Zweifelhaften konfrontiert. Wir sehen ja, wenn wir uns in der Welt umsehen, wir leben nicht im Paradies. In Zeiten von Terror und Lebensverneinung fürchten wir, dass das Böse im Menschen gar übermächtig wird.
Vor einiger Zeit sprach ich mit einem älteren Herrn aus kirchlichem Kontext. Ich möchte ihnen davon erzählen. Er sagte: „Nach der Wiedervereinigung in den 90-iger Jahren, da war es wirklich gut. Da dachten wir, die schlimmen Zeiten mit Angst und Krieg, die liegen endlich hinter uns. Darüber sind wir hinaus. Wir können aufatmen. Und dann der Balkankrieg. Plötzlich schlagen sich die Menschen, ja sie sind doch gar Brüder“, sagte er, „dort wieder die Köpfe ein. Wir waren fassungslos und wo sind wir heute angekommen?“
Ich sah die Traurigkeit im Blick des Mannes. Ich sah die Enttäuschung über uns Menschen und über unsere Welt. Ich dachte an die Ursprungsgeschichte, ich dachte auch an Kain und Abel.
Wer sind wir wirklich? Schauen wir uns an und in die Welt, ist das, was vom Menschen zu sagen ist, oft enttäuschend. Sowohl vor Gott als auch untereinander.
Und trotzdem die Frage: Wo bist du?
Die Antwort ist eine große Sehnsucht nach Vergewisserung. Ein Schritt hinaus aus dem Versteck. Menschen wollen doch in tragender Gemeinschaft leben und vertrauensvolle Beziehungen erfahren. Untereinander und mit Gott. Das ist doch Menschsein. Ich habe die große Hoffnung: Das ist immer stärker.
Wo bist du?
Die Passionszeit nimmt uns heraus aus aller Täuschung. Sie deckt auf, dass wir nicht sein können wie Gott und eben doch klein und nackt sind. In der Passionszeit blicken wir auf das, was es auszuhalten gilt, wenn wir uns selber ansehen. So können wir uns überhaupt erst aus unserem Versteck wagen. Dies vermögen wir zu tun im Vertrauen darauf, dass wir Gott recht sind in all unserem Mensch-Sein. Durch jeden Riss scheint auch immer das Licht des Lebens.
Und letztlich zurück zum Predigttext in Genesis 3,1-19: Gott vernichtet den Menschen nicht. Er macht seine Strafandrohung Adam und Eva gegenüber nicht wahr. Er schreitet über den Riss hinweg auf die Menschen zu. In der Geschichte gibt Gott Adam und Eva schützende Kleidung. Er bewahrt sie trotz all ihrer Unvollkommenheit auf ihrem Weg in die verantwortete Freiheit. Eine Freiheit, die jedoch im Schatten des Todes steht und mit der Aussicht endet „Denn du bist Staub und sollst zu Staube werden“. Der Predigttext schließt mit der Konfrontation und der Endlichkeit des Lebens. Doch im Grunde bewahrt Gott seine Schöpfung. Auch das ist Passion. Gott vernichtet den Menschen nicht über seine Enttäuschung. Er macht seine Schöpfung nicht rückgängig. In all unserer Freiheit und unserem Vermögen uns in unserer Lebenswirklichkeit zu ihr zu verhalten, sind wir doch nicht frei von „Sünde“. Weil wir eben Menschen sind. Wir werden schuldig und andere werden an uns schuldig. Mit diesem Wissen leben wir. Davon können wir uns nicht frei machen. Doch Gott wendet sich den Menschen, die sich selber gerade von ihm abgewendet haben, zu. Er lässt sich auf uns ein, so wie wir sind mit all dem Guten aber auch dem Bösen, das eben in uns ist.
Der Bibeltext legt unser aller Menschheitsgeschichte in einen Mythos. Gott bewahrt uns trotz und gerade wegen all unserer Unvollkommenheit. Wir hören den Text, sehen das Kreuz und sind mittendrin in der Passion. Am Beginn schauen wir schon auf das Ende. Das Ganze wird in den Blick genommen. Gott hat uns seinen Sohn geschenkt. Nackt und leidend am Kreuz. Durch seinen Leidensweg ist Christus uns nahe in all unserer Unzulänglichkeit. Gerade damit ist er nicht mehr nur unser Gegenüber, er ist mit uns. Gott nimmt den Tod, der uns bereits im Paradies zugesprochen worden ist, auf sich. Durch seinen Tod werden wir gerechtfertigt, er schenkt uns seine Gnade.
Das ist das Wunder. Das ist das Geschenk. Durch ihn dürfen wir in der Gewissheit leben, dass wir gerechtfertigt sind.
Wo bist du?
Gott geht uns nach, bis er uns findet. Auch dann, wenn wir uns vor ihm verstecken. Amen
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag vor der Passionszeit am 02. März 2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
neun junge Menschen taufen wir in diesem Gottesdienst in der Stadtkirche. Es ist wundervoll, dass sich immer wieder junge Menschen von der Botschaft Gottes begeistern lassen und sagen: „Gott soll Raum haben in meinem Leben. Ich lade Gott in mein Leben ein.“ Und diese Einladung ist etwas ganz Persönliches. Jeder und jede spricht sie anders aus und füllt sie anders.
Wir erfahren in der Geschichte von Martha und Maria, wie verschieden das sogar bei zwei Schwestern sein kann. Maria und Martha kennen Jesus beide nur vom Hörensagen. Sie haben gehört, dass er im Nachbarort Menschen gesund gemacht hat und sie haben seine Geschichten über Gott und seine Liebe zu den Menschen weitererzählt bekommen, mit denen Jesus alle begeistert. Vielleicht die Geschichte von der Liebe des Vaters zu seinen zwei ganz verschiedenen Söhnen? Oder die vom kleinen Senfkorn, das wie von selbst zum großen Baum wird?
Als Jesus in ihren Ort kommt, weiß Martha sofort: „Bei mir soll er wohnen. Ich will ihn gut versorgen. Er hat so viel für die Menschen getan, jetzt will ich etwas für ihn tun. Es soll ihm an nichts fehlen. Ganz zu Hause soll er sich bei mir fühlen.“ Und Jesus folgt Marthas Einladung. Aufgeregt läuft sie im Haus auf und ab: Das Essen muss gekocht werden, Getränke gereicht, das Nachtlager muss vorbereitet werden. Wie soll sie das alles so schnell schaffen und wo ist eigentlich Maria?
Ach, da sitzt sie: Zu Jesu Füßen als wäre sie seine Schülerin. Was tut sie da? Warum fasst sie nicht mit an? Das ärgert Martha. Ist nicht Jesus bei ihnen beiden zu Gast? Martha würde auch gern bei ihm sitzen. Aber wer wird dann für alle sorgen?
Maria hört mit ganzer Seele zu und nimmt die Worte in sich auf. Das sieht auch Martha. Es hat gar keinen Sinn, dass sie jetzt mit ihrer Schwester schimpft. Aber wenn Jesus Maria bitten würde, mit anzufassen, dann würde sie das bestimmt machen. So fordert Martha Jesus auf: „Herr, kümmert es dich gar nicht, dass meine Schwester mich allein hat dienen lassen? Sage ihr doch, dass sie mir zur Hand geht!“
Sie erschrickt selbst über ihre vorwurfsvollen Worte, kaum hat sie sie ausgesprochen. Aber Jesus lächelt ihr freundlich zu und seine Stimme klingt weich und mitfühlend: „Martha, Martha! Du sorgst dich und bist beunruhigt um Vieles. Eins aber ist nötig: Maria hat das gute Teil erwählt, das nicht von ihr genommen werden wird.“
Das gute Teil – Martha grübelt: Was meint er? Ist es etwa schlecht, dass sie sich hier um alles kümmert? Ist Jesus einer von den Männern, die finden: „Das bisschen Haushalt macht sich von allein?“ Nein, Jesus sieht, was sie alles tut und dass das auch nötig und wichtig ist. Er ist gern bei ihr zu Gast, das spürt sie. Er ist gern hier, denn jetzt muss er sich um nichts sorgen und hat Zeit, ihrer Schwester und den anderen Gästen von Gott zu erzählen. Von Gottes Liebe, die größer ist als alles, was man sich vorstellen kann, die ansteckt und Kraft gibt, die einen über sich hinauswachsen lässt.
Wenn Martha genau nachdenkt ist es diese Kraft, diese Liebe in ihr, die sie dazu gebracht hat, Jesus in ihr Haus einzuladen. Sie hatte die Liebe schon von Klein auf in sich, aber die Geschichten, die sie über Jesus gehört hat, haben sie lebendig und groß gemacht. Die Liebe muss Früchte tragen.
Für Martha ist gerade das Handeln dran. Sie will für andere da sein und, das weiß sie jetzt: Sie will ihrer Schwester diesen Moment mit Jesus und seinen Geschichten gönnen. Das ist das, was Maria jetzt braucht. Es ist nicht gut, diese Dinge gegeneinander aufzurechnen. Ganz von selbst wird Maria - gestärkt durch die Worte Jesu – später an anderer Stelle für andere Menschen da sein. Aber jetzt ist für sie das Sitzen und Hören dran.
Beides gehört zum Leben: Das Hören und das Handeln. Sie sind wie zwei Schwestern, die ohne einander nicht sein können. Beide sind gut und richtig und von Gott so geliebt wie sie sind.
Wenn Gott Raum in unserem Leben hat, dann prägt das unser Hören und Handeln.
Davon erzählen auch die Bibelworte, die die jungen Menschen sich als Taufspruch ausgesucht haben:
Gott schenkt uns Geborgenheit und die Gewissheit, bei ihm aufgehoben zu sein, was auch geschieht. Diese Gewissheit lassen die jungen Menschen sich in der Taufe zusprechen:
„Gott wird dir seine Engel schicken, um dich zu beschützen, wohin du auch gehst“, so lautet Pias Spruch aus Ps 91,11. Gott spricht: „Es soll meine ganze Freude sein, ihnen Gutes zu tun und ich will sie in diesem Lande einpflanzen, ganz gewiss, von ganzem Herzen und von ganzer Seele“, das ist Fenjas Spruch aus Jer 32,41.
Nichts tun müssen, sondern einfach da sein. Sich nicht beweisen müssen durch schulische Leistungen, gutes Aussehen oder Coole Art, sondern einfach da sein dürfen, so wie man eben ist – Gott erlaubt uns das, so wie Jesus Maria erlaubt, einfach da zu sitzen und zu hören, aufzutanken gewissermaßen. Wir dürfen uns das auch erlauben, müssen es sogar, denn sonst brennen wir auf die Dauer aus.
Was Gott uns erlaubt, müssen wir uns nicht von Menschen verbieten lassen.
„Der Herr ist mit mir, darum fürchte ich mich nicht. Was können Menschen mir tun?“ (Ps 118,6) So heißt es in Lillys Spruch.
Aus den Zeiten des Auftankens wächst neue Kraft, anders zu leben: aus der Liebe Gottes heraus. Milla ist wichtig, in Frieden und Dankbarkeit zu leben. Ihr Spruch lautet: „Lass meine Seele leben, dass sie dich lobe.“
Und dies Lob geschieht eben nicht nur durch Worte, sondern auch durch Taten: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem“, heißt es in Mias Spruch aus Röm 12,21.
Maja hat sich Mt 5,9 ausgesucht: „Selig sind die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder heißen.“
Simon ist wichtig: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ (2. Tim 1,7)
Ob wir also ausruhen, hören und neue Kraft tanken oder helfen, für andere da sind und aktiv Dinge in dieser Welt zum Guten verändern – beides ist aufgehoben in der Liebe Gottes. Beides sind zwei Seiten einer Medaille. Eine kann ohne die andere nicht sein. So wie die Schwestern Maria und Martha zusammen gehören und für- und miteinander tun, was gerade für sie dran ist. Das versteht Martha am Ende und kann nun ohne Groll die letzten Handriffe erledigen, um sich dann auch dazuzusetzen und ihrem Gast zuzuhören.
Man soll Dinge richtig machen, sonst kann man es auch gleich lassen, so findet Oda und hat sich darum das Wort ausgesucht: „Alle eure Dinge lasst in Liebe geschehen.“ (1. Kor 16,14) Was wir im Vertrauen auf Gottes Liebe und aus dieser Liebe heraus tun, ist richtig, denn, so weiß Lina:
„Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh 4,16b)
Wie schön, dass diese neun jungen Menschen heute Gott und seine Liebe in ihr Leben einladen!
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 2. Sonntag vor der Passionszeit am 23. Februar 2025
von Pastorin Parra
„Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.“ (Ps 119,105)
Liebe Gemeinde,
Gottes Wort ist ein – oder viel mehr das - Licht auf unserem Weg. Das wussten die Menschen schon lange bevor „Das Wort“ „Fleisch“ wurde und Jesus Christus geboren wurde. Lange bevor der Apostel Paulus sich auf den Weg machte, um die Gute Nachricht von Jesu Leben, Sterben und Auferstehung auszubreiten hat Gott seinen Namen verraten. Der lautet: „Ich bin da“. Gott hat versprochen: „Ich bin bei Dir, bin für Dich da!“
Am Anfang war das Wort. Am Anfang der Schöpfung sprach Gott: „Es werde Licht!“ Gottes Licht erhellt von Anfang an unserem Weg. Aber was, wenn wir vor einer Weggabelung stehen und keine Stimme hören, kein Licht sehen, das uns den Weg weist? Machen wir etwas falsch? Müssen wir nur genauer hinhören und hinsehen?
Sicher ist es wichtig, die Bereitschaft zum Hören und Sehen zu haben. Aber dass Gott zu uns spricht und unseren Weg hell macht, ist sein Geschenk an uns. Und das Gute: Er knüpft dies Geschenk nicht an Bedingungen, die wir erfüllen müssen. Es geschieht einfach so. Manchmal unerwartet und ganz anders als gedacht.
So wie damals, als Paulus bei Nacht eine Erscheinung sah:
Träumt er oder steht der Mann ganz real vor ihm? Gottes Wort und Auftrag kommt Paulus durch die Stimme dieses makedonischen Mannes zu Ohren: „Komm herüber nach Makedonien und hilf uns!“ Davon, dass das Gottes Zeichen an sie war, sind Paulus und seine Freunde überzeugt. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, der sich nun vor ihnen auftut: Sie wollen helfen, die Gute Nachricht in Makedonien auszubreiten. So kommen sie schließlich in die Stadt Philippi im ersten Bezirk der römischen Kolonie Makedonien.
(Das römische Reich war in vielem gar nicht so anders als unsere Welt heute: Viele verschiedene Völker, Kulte und Kulturen, religiöse und spirituelle Gruppierungen, Menschen, die um ihre Würde streiten, Vertriebene und Gestrandete, weltweiter Handel und Besatzungsarmeen, Kaufleuten und Migranten.)
Es ist gar nicht so leicht, sich in so einer fremden Umgebung zurechtzufinden: Wohin genau sollen sie gehen? An wen sich wenden? Einige Tage hören sie sich um, so dass sie am Sabbat wissen, wo sich die Menschen treffen, die miteinander zu Gott beten. Vor dem Stadttor am Fluss begegnen sie einer Gruppe von Frauen und setzen sich mit dazu. Die Männer hören den Frauen zu. Die Frauen erzählen von ihrem Leben, ihren Hoffnungen und Träumen, erzählen, warum sie immer wieder zum Beten an diesen Ort kommen.
(Ob Paulus und seine Freunde erst gezögert haben? Immerhin war es nicht üblich, dass Frauen den Ton angaben in dieser Welt, in der die Männer das Sagen hatten. Und die Gruppe um Paulus hatte ja schließlich selbst etwas auf dem Herzen: Die Gute Nachricht. Dennoch sind sie nicht gleich mit der Tür ins Haus gefallen. Vielleicht war die Situation ungewohnt für sie, aber sie haben nicht vergessen, wozu sie nach Makedonien gekommen sind: Um zu helfen. Wie kann man jemanden helfen, wenn man gar nicht wirklich weiß, was das Gegenüber braucht? Die Kommunikation der Guten Nachricht ist keine Einbahnstraße.)
Erst als sie die Frauen ein bisschen kennen gelernt haben, erzählen sie von ihrem Glauben, vom Wort Gottes in ihrem Leben, vom Licht auf ihrem Weg. Sie finden Worte für das, was ihr Herz erfüllt, Worte, die zeigen: Wir haben verstanden, wonach ihr auf der Suche seid und ihr liegt uns am Herzen. Ihr liegt auch Gott am Herzen. Sie finden Worte für die gute Nachricht, Worte in der Sprache der Herzen dieser Frauen, die sie eben erst kennengelernt haben.
Worte darüber, dass Gott für alle Menschen da ist, auch und gerade für die, die am Rande stehen und in der Gesellschaft nichts zu sagen haben, die draußen vor den Toren der Stadt zum Beten zusammenkommen. Dass vor Gott weder Jude noch Grieche ist, weder Mann noch Frau, weder Sklave noch Herr, weder Migrantin noch Staatsbürgerin, alle sind eins in Christus.
Unter den Frauen ist eine mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, die zwar keine Jüdin ist, aber an den Gott der Juden, den „Ich bin da“ glaubt. Dieser Frau tut sich das Herz auf während sie zuhört. Gottes Wort, Licht auch auf ihrem Weg, macht ihr Inneres hell und weit. Sie weiß nun: Sie möchte Christin werden. Sie und alle, die zu ihr gehören, lassen sich taufen.
Das sind einige, denn Lydia ist eine wohlhabende, einflussreiche Frau. Und sie kann sich durchsetzen. „Wenn ihr anerkennt, dass ich an Jesus Christus glaube, dann kommt in mein Haus und bleibt da.“ Paulus und seine Freunde folgen ihrer vehementen Einladung.
Sie haben sich bewegen lassen vom Wort Gottes und sich aufgemacht. Sie sind Menschen begegnet. Und nun spüren sie: Hier sind sie am richtigen Ort. Hier bewegt das Wort, das sie weitererzählen, wiederum andere. Das spürt er, auch wenn er nicht dem Mann aus dem Traum begegnet ist, sondern einer Gruppe von Frauen. Auch wenn noch nicht klar ist, was Gott jetzt weiter hier mit ihm vorhat. Die Worte der Frauen, die Worte Lydias, sind ihm wichtig geworden.
Lydia ist wichtig. Sie ist die erste Christin in Europa, von der berichtet wird. Sie hat Paulus und seine Freunde beherbergt. Vielleicht war das ihre Aufgabe, zu der sie das Wort Gottes in ihrem Herzen geführt hat. Vielleicht hat sie selber auf ihren Reisen nun das Wort Gottes mit anderen geteilt. Sicher war es Licht auf ihren Wegen.
Wenn der Gott uns heute ruft, wenn die Menschen uns brauchen, dann hören vielleicht auch wir die Worte, die Paulus keine Ruhe gelassen haben: „Komm herüber, komm herüber und hilf uns!“
Wie finden wir diese Orte, an die wir heute gehen müssen? Oder finden diese Orte am Ende uns? Schaut man sich die Wildgänse an, scheinen diese nur planlos ihre Kreise am Himmel zu ziehen. Trotzdem landen sie zielsicher immer genau dort, wo sie hingehören und wo sie leben können. Intuitiv folgen sie den richtigen Wegen zu den richtigen Orten. So ähnlich geht es auch uns: Wenn uns der Glaube in das Leben ruft, dann kann das auf vielfältige, auch auf verborgene Weise geschehen. Vielleicht wachen wir plötzlich mit einer Gewissheit auf, so wie Paulus, der im Schlaf nach Makedonien gerufen wurde. Vielleicht sehen wir Menschen, auf die wir zugehen wollen so wie die Reisenden die Frauen am Fluss gesehen haben. Vielleicht spüren wir in einem Gespräch, wie unser Herz sich öffnet und da auf einmal die richtigen Worte und Gedanken sind.
Gott macht uns frei, dass wir mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gehen können, damit wir wahrnehmen, wo es für uns etwas zu tun gibt. So gelangen wir in die Situationen, in denen wir etwas bewirken können. Wo gerade unsere Ideen und Talente gefragt sind. In diesen Situationen haben wir die Chance Gottes Wort weiterzutragen.
Heute am Wahlsonntag, werden wahrscheinlich die wenigsten von uns direkt eine Stimme hören, die spricht: „Dort sollst Du Dein Kreuz machen!“ Und dennoch Wir können etwas bewirken, wenn wir unser Kreuz im Vertrauen auf Gott setzen, der uns sagt: „Fürchte dich nicht! Ich bin da. Ich bin für Dich da. Für alle Menschen.“ Wenn wir auf Menschen zugehen, die angesichts der aktuellen Krisen in der Welt nur noch die Stimme Angst in sich hören können. Wenn wir mit ihnen ins Gespräch kommen, zuhören und erspüren, was sie von uns brauchen.
Der Theologe Fulbert Steffensky sagt: „Mission heißt: zeigen, wer man ist und was man liebt.“ Ich möchte ergänzen: Es so zeigen, dass das Gegenüber es hören und sehen kann. Und dabei auch hinhören und hinsehen, ob ich Gottes Stimme in den Worten meines Gegenübers vernehme und mir in ebendiesem Gegenüber ein Licht auf meinem Weg leuchtet. Mission ist, wenn wir einander zu Leuchttürmen werden und miteinander den Weg der Freiheit gehen, den Gott uns weist.
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Septuagesimae am 16.02.2025
von Pastorin Pfeifer
Liebe Gemeinde,
unseren heutigen Predigttext haben wir vorhin in der Evangelienlesung bereits gehört. Das Gleichnis von den Arbeitern in Weinberg, das Jesus zu Beginn seines Weges nach Jerusalem erzählt und das seine Zuhörer schon damals ziemlich geärgert und aufgeregt hat. Denn es ist eine geradezu widerborstige Geschichte.
Die dem menschlichem Gerechtigkeitsempfinden bis heute widerstrebt. Kaum einer, der das Murren der Arbeiter nicht verstehen und nachvollziehen könnte. Da haben sich manche, so viele Stunden unter der gleißenden Sonne bei der Arbeit im Weinberg abgearbeitet und geplagt Für den Lohn von einem Denar, was nach Luther mit dem Wort Silbergroschen übersetzt wird und so nach viel mehr klingt, als es in Wahrheit ist. Gerade soviel, wie die Arbeiter für einen Tag brauchen, um leben zu können und ihre Familien satt zu kriegen. Und wir haben gehört, dass diese Arbeiter dann auch ziemlich sauer geworden sind, als sie nicht mehr, als diejenigen kriegen, die gerade mal eine Stunde unter der milder werdenden Sonne am späten Nachmittag mitgearbeitet haben. Fast jeder von uns wird irhen Unmut verstehen.
Gerechtigkeit, nach unserem Verständnis geht anders. Sieht anders aus. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit. Aber auch mehr Geld für mehr Arbeit und Leistung, ist nach unserem Ermessen das, was man durchaus erwarten kann, wenn die Angst um den eigenen Arbeitsplatz einen nicht dazu treibt, es ganz anders machen und erwarten zu müssen. Ansonsten haben viele von uns sich an Sonn- und Feiertagszuschläge und Bezahlung der Überstunden, vollkommen zurecht, gewöhnt.
Und wir achten auch darauf, dass wir unser Recht auch bekommen. Und ob das, was wir als Lohn oder Gehalt bekommen in einem angemessenen Verhältnis zu anderen steht. Denn es geht dabei ja auch um Gerechtigkeit.
Das ist so, bei der Bezahlung, das gilt aber auch in jedem anderen Bereich.
Schon Kinder achten sehr genau darauf, ob es Zuhause gerecht zugeht. Ob sie die gleiche Zeit und Aufmerksamkeit, wie die Geschwister bekommen. Als Eltern wissen wir allerdings nur allzu gut, wie schwer das manchmal ist, den Kindern tatsächlich gerecht zu werden. Bei Geschenken mag das noch vergleichsweise einfach sein, wenn Kinder den gleichen Wert oder die gleiche Anzahl an Geschenken bekommen. Viel schwerer ist das mit der Zeit und der Aufmerksamkeit. Weil wir ganz genau wissen, dass Kinder eben durchaus verschieden bedürftig sind. Dass manche Kinder sehr viel Zeit und Kraft binden, durch Krankheiten oder auch Schwierigkeiten in der Schule, während andere Kinder geradezu Selbstgänger sind. Und es ist dann gar nicht so leicht, gerade auch diesen Kindern gerecht zu werden. Die Kraft und Energie aufzubringen, sie ganz bewusst in den Blick zu nehmen und für sie ganz persönlich dazu sein.
Und wie soll eine Lehrerin in der Schule es tatsächlich schaffen, 25 Kindern gleichermaßen gerecht zu werden. Die Krankenschwester im Krankenhaus, der Pfleger auf der Pflegestation, der Menschen pflegen muss, die der intensiven Pflege bedürfen, genauso, wie diejenigen, die sich noch sehr viel besser selber helfen können.
Manchmal ist es geradezu eine hohe Kunst tatsächlich gerecht zu sein. Soll ich, muss ich und kann ich überhaupt meine Zeit und meine Kraft gleichmäßig aufteilen. Oder werde ich dem anderen Menschen sogar eher gerecht, wenn ich versuche jedem das zukommen zu lassen, was er oder sie jeweils braucht. Keine leichte Aufgabe und Frage.
Demgegenüber ist die Forderung nach gleichen Lohn für gleiche Arbeit und auch die Umsetzung relativ leicht. Auch, wenn es bei der Erfüllung der Arbeit immer und überall Unterschiede gibt, die nicht so einfach zu messen und gerecht zu entgelten sind.
Und trotzdem unser Weinbergbesitzer hat scheinbar von diesen ganzen Überlegungen rein gar nichts kapiert. Er hat seinen Betrieb noch nicht einmal vernünftig organisiert und geplant.
Er weiß nicht einmal, wie viele Arbeitskräfte er tatsächlich braucht. Und richtig wirtschaften kann er auch nicht, wenn er sein Betriebskapital mit vollen Händen unter die Leute bringt. Und den letzten, die so wenig gearbeitet haben, genau den gleichen Lohn gibt, wie den ersten.
Liebe Gemeinde, wir merken es längst: Unser Predigttext sprengt unser übliches Denken und unsere üblichen menschlichen Kategorien. Denn es geht hier nicht um das, was wir Menschen für gerecht oder richtig halten, es geht hier um Gott. Von dem Jesus in seinem Gleichnis erzählt. Um seine Gerechtigkeit, die dem Menschen nicht danach gibt, was er oder sie geleistet oder verdient hat, sondern der in seiner überschwänglichen Güte jedem Arbeiter das gibt, was er braucht. Was nötig ist, damit er selbst, seine Familie und Kinder satt werden können. Ganz egal, ob jemand viel oder wenig gearbeitet hat. Er bekommt das, was er braucht und was gut für ihn ist. Und zwar ganz unabhängig davon, ob wir Menschen das gerecht oder ungerecht finden. Und auch in unserem Gleichnis ist Gott in seiner Güte ja nicht wortbrüchig, sondern in seiner Zusage treu und verlässlich geblieben. „Mein Freund, ich tu dir nicht Unrecht. Bist du nicht mit mir einig geworden über einen Silbergroschen? Nimm, was dein ist und geh. Ich will aber diesem letzten dasselbe geben wie dir.
Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist. Siehst du darum scheel, guckst du scheel drein, weil ich so gütig bin. Modern gesagt, bist du neidisch und schlecht gelaunt, weil ich so gütig bin?
Liebe Gemeinde. Wir merken, dass Gottes Gerechtigkeit seine Güte ist. Dass er will, dass alle Menschen das bekommen und haben, was sie brauchen und was für sie nötig ist.
Und es tut mir gut, von dieser geradezu verschwenderischen Güte zu hören. Dass das kleine Kind und neugeborene Baby, dass noch gar nichts kann und vermag und auch der altgewordene Mensch, der nicht mehr viel kann und dessen Kräfte schwinden und der nun auf Hilfe angewiesen ist von Gott ganz genauso geliebt wird wie all die andere, die noch ganz viel leisten und schaffen können. Gott will allen das. was sie brauchen zum Leben geben.
In unserem Gleichnis hören wir Gott sei Dank davon,
dass Gottes Güte und Zuwendung nicht von der eigenen Leistung abhängig ist. Wie oft fühle ich mich selbst klein und schwach und habe das Gefühl, dass ich das, was ich eigentlich tun müsste eben doch nicht mache, sogar dann, wenn ich das eigentlich doch noch irgendwie schaffen und hinkriegen könnte. Und wie schnell kann ich, auch wenn ich mich heute noch kräftig und stark fühle, plötzlich doch-manchmal im Bruchteil weniger Sekunden etwa durch einen schlimmen Unfall selber hilflos und schwach und alles andere als leistungsstark werden.
Gott sei Dank hängt Gottes Liebe und Güte von unserer eigenen Leistung und Leistungsfähigkeit nicht ab. Und ich finde, das ist ein großer Trost für alle, die sich schwach fühlen, die das Gefühl haben nichts aber auch gar nichts mehr leisten du schaffen zu könne. Aber auch für alle, die sich abrackern und abmühen und trotzdem das Gefühl haben das das immer noch nicht reicht. Unser Gleichnis zeigt uns: Die Liebe und Güte Gottes hängt von vorzeigbaren Leistungen und auch von unsrer eigenen Leistungsfähigkeit nicht ab. Das ist die frohe Botschaft unserer Geschichte.
Aber das ist auch kein Freifahrtschein, als käme es auf das, was wir tun, machen und leisten können, nicht an. Auch die Arbeiter im Weinberg haben ihre Arbeit so lange und so gut sie konnten, gemacht.
Aber wir sollen getröstet sein, dass die Liebe und Freundlichkeit Gottes davon nicht abhängig ist. Weil Gott uns schon vor aller Leistung lieb hat und wertschätzt. Weil Gott aus sich selbst heraus liebevoll und großzügig ist und großherzig bleibt.
Hierauf können und dürfen wir vertrauen und darauf dürfen wir uns alle verlassen.
Amen
Gruß zum 4. Sonntag vor der Passionszeit am 09. Februar 2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
Es ist Abend. Andreas ist müde und sein Kopf voll. Die Geschichten, die Jesus erzählt, haben es in sich. In jeder einzelnen steckt so viel Wahrheit, so viel Hoffnung. Die Menschen spüren das und wollen immer mehr hören. Hunderte waren es heute.
„Wie gut“, denkt Andreas, „dass ich mein Fischerboot noch hatte und Jesus ein Stück auf den See hinaus rudern konnte. Von da aus konnten ihn alle sehen. Und ich durfte mit meinen Freunden aus nächster Nähe zuhören:
Ein Senfkorn – das kleinste aller Samenkörner – wird zu einem mächtigen Baum. Die Hoffnung, die wir Fischer längst verloren hatten, keimt wieder neu auf unter uns. Wir machen uns auf einen neuen Weg mit Jesus. Werden Menschenfischer und geben die Hoffnung, die er in uns gesät hat, weiter. So viele sind wir schon, die ihm nachfolgen. Die keine Angst mehr haben wollen, sich nicht mehr verkriechen wollen vor der Willkür der römischen Besatzer und den angedrohten Gottesstrafen der Pharisäer. Die nicht mehr nur an sich denken wollen, weil die Zeiten hart sind, sondern miteinander teilen, was wir haben und darauf vertrauen: Es wird genug sein. Das klingt wundervoll, das will ich glauben. Dafür habe ich alles stehen und liegen gelassen und bin mit Jesus mitgegangen. Und doch: Es ist noch so wenig sichtbar jenseits unserer Gemeinschaft. Können wir wirklich so leben in dieser Welt, die immer düsterer und egoistischer zu werden scheint?“
„Andreas“, so reißt Jesu ihn aus den Gedanken. „Andreas, lass uns jetzt ans andere Ufer fahren.“ Andreas und seine Freunde schicken die Leute nach Hause und setzen die Segel. Sie sind wieder ganz im Hier und Jetzt. Jeder Handgriff sitzt, ist tausendmal erprobt. Es weht nur eine milde Abendbrise und das Boot gleitet gemächlich durch die blaue Dämmerung. Andere Boote folgen mit leicht gebauschten Segeln. Aber Andreas kennt die Tücken des Wetters hier auf dem See. So bemerkt er schnell die Wolkenwand, die von Westen heranzieht als sie mitten auf dem See sind. Noch vor den ersten heftigen Windstößen haben sie die Segel eingeholt, aber was hilft das? Die Wellen türmen sich meterhoch und werfen das Boot hin und her wie eine Nussschale, schlagen auf die Planken so dass es sich langsam mit Wasser füllt.
In Andreas` Kopf ist kein Platz mehr für Senfkörner und Bäume, nur noch für den Schöpfeimer in seiner Hand und für die Angst: Das Land ist weit weg. Werden sie es jemals wieder sehen oder auf dem Grund des Sees enden? Sie hätten nicht mehr rausfahren dürfen, denkt er. Jesus kennt sich ja auch gar nicht aus mit dem Wetter hier. Das war leichtsinnig. Wo steckt er überhaupt?
Da hinten liegt er. Wo die Wellen nicht hinkommen, ein Kissen unter dem Kopf und schläft ganz fest. Ja, einfach so! Bekommt er das alles nicht mit? Jetzt rüttelt Petrus ihn wach und schreit ihn an, so dass Andreas es durch das Brausen des Sturms hindurch bis hier vorne hören kann: „Meister, ist es Dir etwa egal, wenn wir alle sterben?“ Alle Augen richten sich auf Jesus, der langsam aufsteht und die Arme den vom Sturm aufgepeitschten Wellen entgegenstreckt: „Schweig! Verstumme!“ (Bachkantate: Schweig und Verstumme)
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„Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“
Wie ein Blitz durchschneiden die Worte die Stille, leise und doch auf dem ganzen Boot deutlich zu hören. Andreas zuckt zusammen. Und er begreift: Sie sind erst ganz am Anfang. Das alles ist viel gewaltiger als er es sich vorgestellt hat. Das Vertrauen ist erst ein ganz kleiner Keimling. Der Glaube muss noch wachsen. Und wie groß und mächtig er sein kann, das macht ihm Angst. „Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?“ So raunt es überall.
Sie sollten doch ohne Angst sein, sich immer geborgen wissen. Aber da sind so viele Dinge, die sie nicht verstehen: „Woher kommen die Unwetter und Stürme in unserem Leben, die uns das Fürchten lehren? Die Schicksalsschläge, das Verlassenwerden, Krankheit und Tod? Steckt Gott dahinter? Schläft er am Ende gar während wir in größter Not sind? Und wenn er aufwacht: Halten wir Menschen das aus?“
Andreas versteht die Angst der andern. Diese Stille nach dem Sturm ist fast noch unheimlicher als das Toben der Elemente. Ein Mensch kann so etwas nicht: die Elemente beherrschen. Ist Jesus Gott selbst – bei ihnen? Kann es so etwas geben? Damit hatte er nicht gerechnet. Dass etwas geschieht wie damals als Gott das Meer teilte und das Volk trockenen Fußes hindurchging. Er dachte immer, das seien bloß alte Geschichten. Aber nun ist Gott da, mitten in seinem Leben. Damit hatte Andreas nicht gerechnet.
Als ob seine Welt sich mit einem Schlag aus den Fugen hebt während Jesus spricht. Dann die Stille. Nicht nur Wind und Wellen halten den Atem an. Das verunsichert ihn zutiefst, dass doch da ist, womit er im tiefsten Innern nicht gerechnet hatte. Etwas hat sich verändert – in ihm. Etwas beginnt zu wachsen. Das Samenkorn des Glaubens will ein großer Baum werden.
Und dann legt sich die Angst wie vorher der Sturm: Es ist nicht so, dass er keine Angst haben soll, sondern er braucht keine Angst zu haben. Er kann mit Gott rechnen in seinem Leben. Auch wenn die Wellen toben und wüten. Auch wenn er das Gefühl hat, dass Gott schläft und nichts von seiner Not mitbekommt: Andreas ist nicht allein. Gott ist da, ganz nah und mittendrin.
Mittendrin in den Stürmen unseres Lebens, in der Finsternis der Nacht: Eine leise und doch gewaltige Stimme: Hab keine Angst, ich bin da! Und dann wieder Stille.
Stimme, die Stein zerbricht,
kommt mir im Finstern nah,
jemand, der leise spricht:
Hab keine Angst, ich bin da.
Sprach schon vor Nacht und Tag,
vor meinem Nein und Ja.
Stimme, die alles trägt:
Hab keine Angst, ich bin da.
Bringt mir, wo ich auch sei,
Botschaft des Neubeginns,
nimmt mir die Furcht, macht frei,
Stimme, die dein ist: Ich bin’s!
Wird es dann wieder leer,
teilen die Leere wir.
Seh dich nicht, hör nichts mehr –
und bin nicht bang: Du bist hier. (J. Henkys/Andreas Frostenson)
Dann wieder Stille, aber Stille, die von Gottes Stimme weiß. Es werden wieder Stürme kommen. Gerade in dieser Zeit gibt es immer mehr. Nicht nur weil die Elemente durch den Klimawandel ihre Unbeherrschbarkeit immer deutlicher zeigen, sondern auch weil weltweit eine Politik um sich greift, die das eigene Machtinteresse um jeden Preis in den Vordergrund rückt und Ängste vor dem Fremden schürt.
Es ist gut, wenn dann freier Raum in uns ist, damit wir diese leise und doch gewaltige Stimme hören können, damit sie in uns nachhallt: „Hab keine Angst, ich bin da!“
Bleiben Sie behütet. Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 3. Sonntag nach Epiphanias am 26.01.2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
Eine karge Berglandschaft, vor ihnen ein paar niedrige Steinhütten, sonst nur eigentlich nur Schotter und Steine. Sie sind auf der Durchreise. Hier wohnen Samariter. Die Samariter beten den gleichen Gott an wie Jesus und seine Freunde, aber auf andere Weise. Sie haben auch einen eigenen Tempel und kommen deshalb nicht nach Jerusalem. Man geht sich lieber aus dem Weg. Aber es ist Mittag und die Sonne brennt vom Himmel. Jesus und seine Freunde haben Hunger und Durst. Einer sagt: Wollen wir hier nicht fragen, ob wir etwas zu Essen kaufen können?“ „Aber du weißt doch, das sind Samariter. Ach was solls, ich habe Hunger, lass uns gehen. Kommst Du mit, Jesus?“ „Nein, geht ihr nur. Ich warte hier bei dem Brunnen. Ich bin müde und muss nachdenken.“
Auf einmal ist es ganz still. Die Sonne brennt immer noch vom wolkenlosen Himmel. Jesus hat Durst, aber er kommt nicht an das Wasser, das ihm aus der Tiefe entgegenglitzert. Frisches Quellwasser sprudelt dort unten aus dem Felsgrund hervor und füllt leise gluckernd den dunklen, kühlen Brunnenschacht. Jesus sehnt sich nach dem frischen Geschmack auf der Zunge und dem kühlen Nass, das die Kehle hinabrinnt. Sein Mund ist ganz ausgetrocknet. Er sehnt sich nach einem Menschen, der vorbeikommt und für ihn Wasser schöpft, nach ein paar guten Worten mitten in der einsamen, fremden Mittagshitze.
Immer wieder, so denkt er, brauchen wir Menschen das: Ein kühles Getränk, Jemand, der uns hilft und für uns da ist. Immer wieder sehnen wir uns: Nach einem sicheren Ort, wo wir uns zu Hause fühlen und geliebt sind. Wo wir frei sind von allem, was uns den Weg zum Lebendigen Wasser versperrt. Von allen Grenzen.
Immer wieder, so ist der Kreislauf des Lebens. Aber einmal werden wir dort ankommen, wo aller Durst, alle Sehnsucht gestillt ist. Einmal werden wir nicht mehr getrennt sein: Juden, Samariter, Männer, Frauen, Arme, Reiche, alle vereint an der Quelle des lebendigen Wassers, die nie versiegt.
Ja, einmal! Und jetzt? Jesus weiß und spürt: Auch jetzt ist sie schon da, diese Quelle. Auch jetzt, während er so durstig am Brunnen sitzt. Gott mitten in der Welt. Dazu ist er Mensch bei den Menschen, dass er davon erzählt. Dass er das Lebendige Wasser schon jetzt austeilt und es in den Menschen zu einer Quelle wird, die in das ewige Leben quillt.
Er hat die Frau gar nicht kommen gehört, so tief war er in seine Gedanken versunken. Da steht sie nun vor ihm. Sie hält gebührenden Abstand, denn sie sieht gleich, dass er nicht nur ein Mann ist, sondern auch ein Jude. Aber sie muss ja an den Brunnen, um Wasser zu holen.
„Gib mir zu trinken“, spricht Jesus sie an. Vorsichtig hakt sie nach: „Du bist ein Jude, ich eine Samariterin. Wie kannst du mich um etwas zu trinken bitten?“ Und Jesus erzählt von dem Schatz, der in ihm ist. Erzählt vom Lebendigen Wasser, das Gott den Menschen schenkt.
Die Frau versteht nicht. Und wer will es ihr verübeln. Schließlich ist sie doch die, die das Schöpfgefäß in der Hand hält. Was hat dieser Fremde zu bieten? Hält er sich für besser als ihr gemeinsamer Stammvater Jakob, der den Brunnen hier gebaut hat? Darum versucht Jesus es nochmal: Alles, was in dieser Welt geschieht, ist vorläufig. Wieder und wieder muss sie zum Brunnen gehen und Wasser schöpfen. Was Gott schenkt, gilt ein für alle Mal. Das Lebendige Wasser wird eine Quelle in ihr entstehen lassen, die fließt und sprudelt – für immer. Bis ins Ewige Leben. Es wird genug da sein, dass sie allen davon abgeben kann. Dass Grenzen weggespült werden und eine Gemeinschaft entsteht, die trägt.
Und da sagt die Frau: „Gib mir solches Wasser!“
Im Konfirmandenunterricht haben wir uns daran erinnert, wie gut es tut, ein kühles Glas Wasser zu trinken, wenn man wirklich, wirklich durstig ist. Und wie lebendig ein plätschernder Bergbach klingt. Wie froh und zufrieden sein Gluckern machen kann.
Wir haben auch darüber gesprochen, was man außer Essen und Trinken zum Leben braucht und wonach wir uns sehnen. Aber da kamen wir schon an unsere Grenzen. Manches von dem lässt sich gar nicht in Worte fassen. Wir können sagen: Familie, Geborgenheit, Freunde, ein sicheres Zuhause, Gesundheit, Frieden, Freiheit, Glück…
Aber wie fühlt sich diese Sehnsucht genau an. In Elfchen-Gedichten haben die Konfirmanden das Bild des Lebendigen Wassers benutzt, auf ganz verschiedene Weise:
Manche bleiben ganz konkret bei dem, was sie am Wasser dieser Welt schätzen. Bei Erlebnissen in der Natur und dem Wissen, das es ohne Wasser kein Leben gib:
Fenja: Wasser
Eine Flüssigkeit
Aus der Natur
Wichtig für den Körper
Wasser
Simon, Jack und Jan:
Wasser
Lebendiges Wasser
Quellen Wasserstein
Mann trink das Quellwasser
Glücklich
Lena: Blau
Das Wasser
Fließt in Bächen
Ich fühle seine Kälte
Leben
Frieda/Nina/Lene: Wasser
Lebendiges Wasser
Löscht meinen Durst
Macht mich sehr glücklich
Gesundheit
Konstantin: Wasser
Erfrischendes Wasser
Quelle unseres Lebens
Unbeschreiblich erfrischendes Gefühl
Unbeschreiblich
Bei Damons Gedicht sehe ich die beiden Fremden, Jesus und die Samariterin, gemeinsam am Brunnen stehen. Juden und Samariter haben keine Gemeinschaft miteinander? Das Wasser, das sie teilen, bringt sie zusammen:
Wasser
Lebendiges Wasser
Hilft den Menschen
Bringt den Menschen Glück
Gemeinschaft
Wenn ich Linas Gedicht höre, denke ich an einen mächtigen Strom, der eine Landschaft durchzieht ohne Halt vor Grenzen zu machen. Der wegspült, was uns gegeneinander aufbringt und voneinander trennt:
Wasser
Fließt ruhig
Durch Städte, Wälder
Schenkt Leben, reinigt uns
Freiheit
Der Strom strahlt eine tiefe Ruhe aus. Auf ihm kann die Seele sich tragen und treiben lassen auch über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg: Helene schreibt:
Wasser
Ewige Freiheit
Trägt unsere Seele
Bis in die Unendlichkeit
Friede
Bei Helen ist der Strom selbst zur Ruhe gekommen:
See
Glänzt still
Wie ein Spiegel
Zeigt uns den Frieden
Ruhe
Das Wasserfließt bis ins ewige Leben!
Was sind Ihre Wasser-Gedanken und -gefühle. Wonach sehnst Du Dich? Mit wem wollen Sie das lebendige Wasser teilen?
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 2. Sonntag nach Epiphanias am 19. Januar 2025
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
Röm 12, 9-16
9 Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. 10 Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. 11 Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. 12 Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. 13 Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. 14 Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. 15 Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. 16 Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug.
„Haltet euch nicht selbst für klug.“
Es gibt so eine Gruppe von Menschen, liebe Gemeinde, die ist in der Gesellschaft für mein Erleben sehr verbreitet. Und zwar sind das Menschen, die bei jeweiliger Gelegenheit betonen, dass sie ja alles richtig gemacht haben.
Diese Menschen gibt es in der Kirche und in der Politik, die gibt es ortsnah und bundes- und weltpolitisch, die gibt es in Beziehungen und Familien.
Ich weiß gar nicht, was Du willst, ich habe doch alles richtig gemacht. In der Politik finde ich das gerade besonders dramatisch. Zu Recht hat Herr Lindner den Ausstieg aus der Koalition vorbereitet, zu Recht hat der Kanzler ihn entlassen, zu Recht will Friedrich Merz den Aufstieg kleiner Paschas verhindern, zu Recht will Frau Weidel die Windräder niederreißen, zu Recht will Frau Wagenknecht Russland nicht mehr sanktionieren und den Grünen fällt auch noch etwas ein.
Am vergangenen Sonntag hat im ARD Presseclub ein österreichischer Journalist den derzeitigen Wiener Oberbürgermeister zitiert, der nichts beteuerte, was er zu Recht gemacht hatte, sondern stattdessen den Menschen und sogar den politischen Gegnern zugehört hatte, und daraufhin das, was er für berechtigte Kritik an seiner Politik wahrnahm, in Veränderungen umgesetzt hat. Das Ergebnis war eine große Zufriedenheit in der Stadt.
Denn, wer sind wir denn, dass wir nicht immer noch anderen zuhören und von ihnen lernen müssten; und übrigens vielleicht am ehesten von unseren Widersachern, Gegnern, Streitbeteiligten; mehr oft, als von denen jedenfalls, die sowieso unserer Meinung sind oder uns gar nach dem Mund reden.
Und wer sind denn unsere Führenden, dass sie meinen, 20 bis 30% der wählenden Bevölkerung mit ihrer Meinung in die Ecke stellen zu können nach dem Motto, wir sind die Klügeren.
Ja, selbst wenn, hört doch den vermeintlich Unklugen zu und zwar möglichst so lange, bis ihr sie verstanden habt und dann noch einmal so lange redet mit ihnen, bis sie euch verstehen.
Nur damit das klar ist – ich habe das schon öfter gesagt: Ums Zuhören und Verstehen geht es mir, nicht um Verständnis haben oder gar in laxer Art tolerieren.
Und damit auch das klar ist: Die AfD ist für mich eine absolut unwählbare Partei. Wir dürfen nicht zulassen, dass Antisemitismus, Menschenverachtung und ein absolut crudes Welt- und Wertebild in unserem Land an die Macht kommt. Aber die Menschen, die diesen Rattenfängern nachlaufen, die will ich doch nicht aufgeben. Denen will ich nachlaufen, sie hören, sie überzeugen, sie zurückgewinnen. Und das noch nicht einmal aus politischen Erwägungen, um der Macht willen, sondern von dem her, was immer so leicht als christliches Menschenbild behauptet wird.
Christliches Menschenbild ist gar nicht leicht, aber es ist wichtig. Und übrigens, wie wir an diesem Text sehen können, christliches Menschenbild geht nicht davon aus, dass wir Christinnen immer alles richtig machen.
Christliches Menschenbild gründet sich auf Texte wie den von Paulus, der heute unser Predigttext ist.
Eure Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Einer komme dem anderen in Ehrerbietung zuvor. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Übt Gastfreundschaft. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden.
Und!
Haltet euch nicht selbst für klug.
Gott hat eine unverbrüchliche Liebesbeziehung zu jedem Menschen – auch zu den Verlorenen, den Verbockten, den Fehlerbehafteten, zu allen.
Das ist keine süße Liebe, die die Fehler zudeckt.
Das ist eine unverlierbare Liebe, die niemanden aufgibt.
Und vor allem ist es eine Liebe, die nicht besserwisserisch ist.
Es ist in alledem eine mühsame, eine herausfordernde Liebe. Sie liebt nicht, was und wo es leicht ist, sondern sie liebt bis in die Abgründe und in das Schreckliche.
Und für Abgründe und Schreckliches brauche wir gar nicht nur in den politischen Verhältnissen zu suchen. Da finden wir schon genug im Zwischenmenschlichen. Was geschieht nicht alles z.B. in Beziehungen und Familien, weil dort Menschen mit ihren eigenen oft komplizierten Vorgeschichten auf die stoßen, denen ebenfalls Schweres widerfahren ist. Wie oft zerstreiten sich Paare und Familien und Generationen, die eigentlich in Liebe verbunden waren und vielleicht noch sind, weil sie sich an der Vorderseite, am Sichtbaren ihrer Persönlichkeit mit Dingen begegnen, die unerträglich sind.
Wir bilden im Leben Masken aus, Fassaden. Und wenn wir uns dann an unseren jeweiligen Fassaden begegnen, reagieren wir darauf, als stünden wir dem wirklichen Menschen gegenüber.
Auf einen mürrischen Menschen z.B. reagieren wir, als sei er wirklich mürrisch. Wir versuchen oft gar nicht zu verstehen, was ihn grundsätzlich oder auch nur gerade jetzt zu einem Mürrischen geformt hat.
Noch einmal: Verstehen heißt nicht Verständnis haben. Ich muss seine Mürrischkeit nicht weglachen, oder immer ertragen. Aber vielleicht könnte ich fragen: … und was hat dich so mürrisch gemacht?
Ebenso geht es uns oft mit den Wütenden, Streitenden, Vorwerfenden. Wir reagieren schnell auf Wut, Streit und Vorwurf und fragen nicht, ob wir überhaupt richtig verstanden haben, fragen nicht nach dem Herkommen von Zorn, Streitlust und Schuldzuweisung. Wie oft aber gäbe es viel zu erfahren und zu verstehen.
Einer komme dem anderen in Ehrerbietung zuvor.
Ich glaube, Paulus spricht von einer Haltung, die mein Gegenüber nicht in Ecken stellt oder auf seine und ihre Fassaden reagiert. Paulus fordert mehr als nur Höflichkeit. Mit Tür aufhalten und Koffertragen und in den Mantel helfen ist es nicht getan.
Stattdessen braucht es Geduld, Interesse am Anderen und die Bereitschaft auch die für möglicherweise klug zu halten, deren Auftreten nervt, deren Meinung zunächst unmöglich vorkommt und deren Anwesenheit uns stört und hindert.
Folgen wir den Ideen des Paulus werden wir keine meinungslosen Weichspüler, keine allesliebenden Gutmenschen. Stattdessen werden wir tiefgründige, empathische und liebevoll am Gegenüber Interessierte, die das Motiv antreibt, die Herausforderungen des Lebens mit möglichst vielen anderen gemeinsam zu lösen. Und gemeinsam ist hier wiederum auch nicht als Inbegriff von Harmonie gemeint. Ich würde es eher Schwarmintelligenz nennen. Ich bin jedenfalls nie so klug, als das ich nicht von anderen noch lernen könnte.
Wer weiß, was geschieht, wenn wir das wie eine liebevolle – ein letztes Mal zitiere ich Paulus – Einladung in uns tragen.
Und dabei vor allem selbst zuhören.
Haltet euch nicht selbst für klug.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Sonntag nach Epiphanias am 12.01.2025
von Pastorin Karopka
Liebe Gemeinde,
"Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein Riesensprung für die Menschheit." Das waren am 21. Juli 1969 Armstrongs Worte, als er aus der Mondfähre „Eagle“ auf den Planeten Mond hinabstieg. Die Apollo-11 - Mission war am Ziel. So jedenfalls klingt die legendäre Überlieferung. Ob er es nun 100 % ig so gesagt hat oder nicht, ist am Ende egal. Denn Armstrong hat zusammen gefasst, was wir selbst nicht in dieser Größenordnung, aber doch sehr oft im Leben erleben: Ein Wort, ein Schritt, ein Moment kann alles verändern. Der erste Schultag, das „Ja“ zu unserer Hochzeit, die Unterschrift unter einem Arbeitsvertrag oder das Abholen des 1. Rentenbescheids. Immer wieder sind es kleine Schritte, die zu großen Veränderungen führen können. Und immer ist es gut, wenn uns Menschen dabei Mut zusprechen, wenn wir als Christen Gottes Beistand spüren durften und dürfen. Beides – Zuspruch und Gottes Beistand - brauchten auch die Menschen, die lange vor uns sich den Herausforderungen des Lebens stellen mussten. Am heutigen Sonntag lesen wir solche biblischen Zeilen, in denen Josua diesen Zuspruch brauchte, bevor er den nächsten Schritt gehen konnte. Schließlich trug er nicht nur für sich alleine die Verantwortung, sondern für all die, zu deren Anführer er bestimmt worden war - für das Volk Israel.
Der Predigttext, der für den heutigen Sonntag ausgewählt ist, führt uns gedanklich an den Jordan. Vierzig Jahre, nachdem Gott die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat, steht das Volk Israel am Ufer dieses Flusses. Feuerschein und Wolke waren so lange ihr Wegweiser durch die Wüste gewesen. Die Hoffnung auf ein eigenes Land, in dem sie in Frieden und Freiheit leben könnten, hatte sie getragen. Nun endlich haben sie es vor Augen. Kundschafter haben sich heimlich herübergewagt und können Näheres erzählen. Viele sind bei der bisherigen Wanderung durch die Wüste in den 40 Jahren verstorben. Jetzt lagert eine neue Generation am Wasser. Sie kennen das Wunder der Teilung des Schilfmeeres nur aus den Erzählungen der Alten.
Und nun? Der nächste Schritt steht unmittelbar bevor. So wird er uns im 3. Kapitel des Buches Josua in den Versen 5-11 und 17 beschrieben (revidierte Lutherübersetzung):
Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun. Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.
Anders als zu unserer Zeit, in der so vieles in Tagebüchern oder auf Fotos festgehalten wird, hat damals niemand am Ufer des Jordans gestanden und wortgenau die Ereignisse notiert. Von Generation zu Generation wurden sie weitererzählt. Erst Jahrhunderte später wurde aufgeschrieben, was wir heute im biblischen Buch Josua lesen. Dabei war den Redakteuren bei der Zusammenstellung der überlieferten Geschichten und Quellen die Deutung wichtig: Gott selbst schenkt das Land, weil er es versprochen hat. Dass die Landnahme durch die einen eine Vertreibung und Flucht der anderen zur Folge hat, ist für uns heute ein schwieriges Wissen, lässt viele Fragen aufkommen. Aber die Geschichte damals wurde aus den Augen der Israeliten erzählt und geschrieben, die Gott an ihrer Seite sahen.
Und aus damaliger Deutung sollte das Wunder im Vordergrund stehen: Ein neuer Abschnitt der Geschichte Israels kann beginnen, weil Gott selbst sein Wort hält. Das wird anschaulich demonstriert und dem Volk am Jordan vor Augen geführt:
Zunächst bekommen sie den Auftrag, sich auf den Übergang in das neue Leben vorzubereiten. Wie am Berg Sinai, sollen sie sich durch zeremonielle Waschungen heiligen, damit sie für die Begegnung mit Gott bereit sind: Heiligt euch! D.h. Macht euch bereit.
Zum anderen bekommen die Priester den Befehl, die Bundeslade voranzutragen: Dieser kostbare Kasten aus Akazienholz, mit Gold überzogen und mit Engelstatuen als Thronwächtern an allen Ecken ausgestattet, war ein mythischer Kultgegenstand des Volkes Israel. Die Bundeslade symbolisierte als sichtbares Zeichen die Gegenwart Gottes und deutete auf den Bund, den Gott mit uns Menschen eingegangen ist. Laut biblischer Überlieferung waren darin die Zehn Gebote aufbewahrt, von denen das erste mit der Erinnerung an den Auszug beginnt: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“ (5. Mose 5,6) Die Worte, die Mose auf dem Sinai erhalten hat, sollen - in der Bundeslade getragen – vorangehen. Das Wertvollste, was die Israeliten haben, soll beim Zug durch den Jordan am Anfang stehen. Die von den Priestern getragene Gegenwart Gottes wird den Fluss für die Zeit des Durchzugs trockenlegen. Ein neuer Abschnitt der Geschichte Israels kann beginnen, weil Gott selbst mitten unter ihnen ist und sein Wort hält.
Jahrhunderte später steht ein anderer am Ufer des Jordan und wird im Wasser untertauchen. Jesus selbst wollte dort von Johannes getauft werden. Dabei tat sich der Himmel auf und Jesus sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Am Jordan begann damit für Jesus ein neuer Lebensabschnitt, denn die Szene markiert am Anfang der Evangelien den Beginn seines öffentlichen Auftretens. In ihm sollten Wille und Wort Gottes für uns Menschen buchstäblich Hand und Fuß bekommen. Für viele, die ihm begegneten, mit ihm aßen und tranken, mit ihm redeten und ihm zuhörten, begann dann ebenfalls ein neuer Lebensabschnitt. Sie waren befreit von dem, was sie bisher belastet hatte. Sie fühlten sich auf eine eigene Weise verstanden, aber waren auch herausgefordert, nach seinen Worten zu leben.
Josua und die vielen Israeliten sind mit dem Beistand Gottes in eine neue Welt gezogen. Wunderbare weitere ermutigende Worte aus dem Josuabuch machen das ebenfalls deutlich, z.B. Sei getrost und unverzagt. … Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Josua 1,9)
Und wir? Auch wir dürfen mit Gottes Beistand, den er uns in Jesus Christus ganz menschlich nahe gebracht hat, durchs Leben ziehen. Führen uns die Schritte nun in eine neue Arbeitsstelle, in ein neues Haus, zu einer uns unbekannten Tür oder zu einem Versöhnungsversuch. Wenn wir in Gottes Sinne gehen, ist seine Begleitung gewiss. Manchmal ist es ein kleiner Schritt für uns, aber trotzdem ein Riesensprung im eigenen Leben. Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Sonntag nach Epiphanias am 12.01.2025
von Pastorin Karopka
"Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein Riesensprung für die Menschheit." Das waren am 21. Juli 1969 Armstrongs Worte, als er aus der Mondfähre „Eagle“ auf den Planeten Mond hinabstieg. Die Apollo-11 - Mission war am Ziel. So jedenfalls klingt die legendäre Überlieferung. Ob er es nun 100 % ig so gesagt hat oder nicht, ist am Ende egal. Denn Armstrong hat zusammen gefasst, was wir selbst nicht in dieser Größenordnung, aber doch sehr oft im Leben erleben: Ein Wort, ein Schritt, ein Moment kann alles verändern. Der erste Schultag, das „Ja“ zu unserer Hochzeit, die Unterschrift unter einem Arbeitsvertrag oder das Abholen des 1. Rentenbescheids. Immer wieder sind es kleine Schritte, die zu großen Veränderungen führen können. Und immer ist es gut, wenn uns Menschen dabei Mut zusprechen, wenn wir als Christen Gottes Beistand spüren durften und dürfen. Beides – Zuspruch und Gottes Beistand - brauchten auch die Menschen, die lange vor uns sich den Herausforderungen des Lebens stellen mussten. Am heutigen Sonntag lesen wir solche biblischen Zeilen, in denen Josua diesen Zuspruch brauchte, bevor er den nächsten Schritt gehen konnte. Schließlich trug er nicht nur für sich alleine die Verantwortung, sondern für all die, zu deren Anführer er bestimmt worden war - für das Volk Israel.
Der Predigttext, der für den heutigen Sonntag ausgewählt ist, führt uns gedanklich an den Jordan. Vierzig Jahre, nachdem Gott die Israeliten aus der Sklaverei in Ägypten geführt hat, steht das Volk Israel am Ufer dieses Flusses. Feuerschein und Wolke waren so lange ihr Wegweiser durch die Wüste gewesen. Die Hoffnung auf ein eigenes Land, in dem sie in Frieden und Freiheit leben könnten, hatte sie getragen. Nun endlich haben sie es vor Augen. Kundschafter haben sich heimlich herübergewagt und können Näheres erzählen. Viele sind bei der bisherigen Wanderung durch die Wüste in den 40 Jahren verstorben. Jetzt lagert eine neue Generation am Wasser. Sie kennen das Wunder der Teilung des Schilfmeeres nur aus den Erzählungen der Alten.
Und nun? Der nächste Schritt steht unmittelbar bevor. So wird er uns im 3. Kapitel des Buches Josua in den Versen 5-11 und 17 beschrieben (revidierte Lutherübersetzung):
Und Josua sprach zum Volk: Heiligt euch, denn morgen wird der HERR Wunder unter euch tun. Und Josua sprach zu den Priestern: Hebt die Bundeslade auf und geht vor dem Volk her! Da hoben sie die Bundeslade auf und gingen vor dem Volk her. Und der HERR sprach zu Josua: Heute will ich anfangen, dich groß zu machen vor ganz Israel, damit sie wissen: Wie ich mit Mose gewesen bin, so werde ich auch mit dir sein. Und du gebiete den Priestern, die die Bundeslade tragen, und sprich: Wenn ihr an das Wasser des Jordans herankommt, so bleibt im Jordan stehen. Und Josua sprach zu den Israeliten: Herzu! Hört die Worte des HERRN, eures Gottes! Daran sollt ihr merken, dass ein lebendiger Gott unter euch ist und dass er vor euch vertreiben wird die Kanaaniter, Hetiter, Hiwiter, Perisiter, Girgaschiter, Amoriter und Jebusiter: Siehe, die Lade des Bundes des Herrn der ganzen Erde wird vor euch hergehen in den Jordan. Und die Priester, die die Lade des Bundes des HERRN trugen, standen still im Trockenen mitten im Jordan. Und ganz Israel ging auf trockenem Boden hindurch, bis das ganze Volk über den Jordan gekommen war.
Anders als zu unserer Zeit, in der so vieles in Tagebüchern oder auf Fotos festgehalten wird, hat damals niemand am Ufer des Jordans gestanden und wortgenau die Ereignisse notiert. Von Generation zu Generation wurden sie weitererzählt. Erst Jahrhunderte später wurde aufgeschrieben, was wir heute im biblischen Buch Josua lesen. Dabei war den Redakteuren bei der Zusammenstellung der überlieferten Geschichten und Quellen die Deutung wichtig: Gott selbst schenkt das Land, weil er es versprochen hat. Dass die Landnahme durch die einen eine Vertreibung und Flucht der anderen zur Folge hat, ist für uns heute ein schwieriges Wissen, lässt viele Fragen aufkommen. Aber die Geschichte damals wurde aus den Augen der Israeliten erzählt und geschrieben, die Gott an ihrer Seite sahen.
Und aus damaliger Deutung sollte das Wunder im Vordergrund stehen: Ein neuer Abschnitt der Geschichte Israels kann beginnen, weil Gott selbst sein Wort hält. Das wird anschaulich demonstriert und dem Volk am Jordan vor Augen geführt:
Zunächst bekommen sie den Auftrag, sich auf den Übergang in das neue Leben vorzubereiten. Wie am Berg Sinai, sollen sie sich durch zeremonielle Waschungen heiligen, damit sie für die Begegnung mit Gott bereit sind: Heiligt euch! D.h. Macht euch bereit.
Zum anderen bekommen die Priester den Befehl, die Bundeslade voranzutragen: Dieser kostbare Kasten aus Akazienholz, mit Gold überzogen und mit Engelstatuen als Thronwächtern an allen Ecken ausgestattet, war ein mythischer Kultgegenstand des Volkes Israel. Die Bundeslade symbolisierte als sichtbares Zeichen die Gegenwart Gottes und deutete auf den Bund, den Gott mit uns Menschen eingegangen ist. Laut biblischer Überlieferung waren darin die Zehn Gebote aufbewahrt, von denen das erste mit der Erinnerung an den Auszug beginnt: „Ich bin der HERR, dein Gott, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft.“ (5. Mose 5,6) Die Worte, die Mose auf dem Sinai erhalten hat, sollen - in der Bundeslade getragen – vorangehen. Das Wertvollste, was die Israeliten haben, soll beim Zug durch den Jordan am Anfang stehen. Die von den Priestern getragene Gegenwart Gottes wird den Fluss für die Zeit des Durchzugs trockenlegen. Ein neuer Abschnitt der Geschichte Israels kann beginnen, weil Gott selbst mitten unter ihnen ist und sein Wort hält.
Jahrhunderte später steht ein anderer am Ufer des Jordan und wird im Wasser untertauchen. Jesus selbst wollte dort von Johannes getauft werden. Dabei tat sich der Himmel auf und Jesus sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. Am Jordan begann damit für Jesus ein neuer Lebensabschnitt, denn die Szene markiert am Anfang der Evangelien den Beginn seines öffentlichen Auftretens. In ihm sollten Wille und Wort Gottes für uns Menschen buchstäblich Hand und Fuß bekommen. Für viele, die ihm begegneten, mit ihm aßen und tranken, mit ihm redeten und ihm zuhörten, begann dann ebenfalls ein neuer Lebensabschnitt. Sie waren befreit von dem, was sie bisher belastet hatte. Sie fühlten sich auf eine eigene Weise verstanden, aber waren auch herausgefordert, nach seinen Worten zu leben.
Josua und die vielen Israeliten sind mit dem Beistand Gottes in eine neue Welt gezogen. Wunderbare weitere ermutigende Worte aus dem Josuabuch machen das ebenfalls deutlich, z.B. Sei getrost und unverzagt. … Denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. (Josua 1,9)
Und wir? Auch wir dürfen mit Gottes Beistand, den er uns in Jesus Christus ganz menschlich nahe gebracht hat, durchs Leben ziehen. Führen uns die Schritte nun in eine neue Arbeitsstelle, in ein neues Haus, zu einer uns unbekannten Tür oder zu einem Versöhnungsversuch. Wenn wir in Gottes Sinne gehen, ist seine Begleitung gewiss. Manchmal ist es ein kleiner Schritt für uns, aber trotzdem ein Riesensprung im eigenen Leben. Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 2. Sonntag nach dem Christfest am 05.01.2025
von Pastorin Pfeifer
Liebe Gemeinde,
„Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist“ (1. Joh 1,2), so heißt es in der Epistel für den heutigen Sonntag. Gott mitten in der Welt – Das Leben ist erschienen. Das Leben selbst in Gestalt eines neuen, zerbrechlichen, kleinen Lebens: Ein Säugling.
Der alte Simeon, der im Tempel so lange schon auf die Ankunft des Retters wartet, spürt: Das ist er. Das ist das Leben! Er selbst trägt das Leben auf seinem Arm – für einen beglückenden Moment. Seine Augen haben den Heiland gesehen. Nun kann er in Frieden sterben. (Lk 2,29f).
Simeon weiß von den Schrecken, die der jungen Familie noch bevorstehen und er erzählt von den seelischen Verletzungen, die sie erleiden werden. Aber er segnet sie auch. Das alles muss geschehen – für die Menschen, für das Leben.
Will Gott das Leid? Gehört es zu seinem Plan? Von verschiedenen Gemeindemitgliedern habe ich dies Weihnachten gehört, dass die Ereignisse in der Welt ihre Weihnachtfreude getrübt haben: Zerbombte Wohn- und Krankenhäuser in der Ukraine und im Gaza. Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde der Hamas. Mehr als 3000 nordkoreanische Söldner im Krieg Russlands gegen die Ukraine schwer verletzt und gestorben, weil sie mit mangelhafter Ausrüstung an die Front geschickt worden. Kanonenfutter. Und auch ganz nah: Das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg.
Es ist entsetzlich, was Menschen einander antun. Wo ist der Frieden auf Erden, von dem die Engel den Hirten auf dem Feld gesungen haben? Gott selbst – das Leben - mit all seiner Herrlichkeit, soll die Welt erlöst haben? Wo wird das denn sichtbar?
Der Evangelist Matthäus berichtet in unserem heutigen Predigttext auch von einer schrecklichen Gewalttat:
„Als die Sterndeuter aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.
Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hos 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«
Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jer 31,15): »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«“
Bis heute gedenkt man am 28.12., dem Tag der unschuldigen Kinder, der Opfer dieser grausamen Tat. Warum hat Gott das geschehen lassen? Warum hat er nur Josef im Traum gewarnt, nur sein Kind in Sicherheit gebracht, obwohl er seine Engel doch gerade vom Frieden für alle Menschen singen lassen hatte?
Der Evangelist Matthäus hätte vielleicht geantwortet: Weil das Kind seine Aufgabe noch nicht erfüllt hatte. Gott hat einen Plan für diese Welt, der mit der Grausamkeit und Brutalität der Menschen rechnet und seine geliebten Geschöpfe dennoch nicht aufgibt. Vielmehr setzt Gott sich selbst ihrem Hass und ihrer Gewalt aus. Am Ende stirbt er den Verbrechertod am Kreuz. Das Leben - von der Welt getötet – besiegt den Tod.
Aber bis dahin muss noch einiges geschehen. Unter anderem auch dies: Joseph, Marias Mann, muss seinen Träumen vertrauen. Muss glauben, dass das Kind Gottes Sohn ist, muss Verantwortung für das Kind übernehmen und Gott, der sich ihm nun so schutzlos anvertraut, beschützen. Muss das Kind in Sicherheit bringen, damit es groß werden und die Menschen durch seine Worte und Taten zu Glaube, Hoffnung, Liebe und Frieden anstiften kann.
Kann Gott nicht eingreifen? Will er nicht? Vielleicht muss es so sein, dass Gott die Zukunft des Lebens in dieser Welt in unsere Hände legt. Dass wir unseren Träumen und Hoffnungen vertrauen und uns auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen allein im Glauben an Gottes Wort, die Verheißung der Engel, die am Ende doch wahr werden soll: Frieden auf Erden – Grund zur Freude für alle Menschen.
So kurz nach der Geburt ist das Leben noch besonders schwach und schutzbedürftig, muss auf dem Arm getragen werden, einen weiten Weg lang ganz bis nach Ägypten, weil es in Bethlehem nicht mehr sicher ist. Weil Menschen es auslöschen wollen. Ich denke an das Friedenslicht, das in diesem Jahr wegen des Krieges im Nahen Osten nicht zu Weihnachten aus Bethlehem bis hier nach Preetz getragen werden konnten. Es kam aus Österreich, wo die Pfadfinder es das Jahr über eingelagert und beschützt hatten.
Gott will das Leid nicht, davon bin ich überzeugt. Gott will nicht die Grausamkeiten, die Menschen einander antun, wollte auch nicht das, was Herodes den unschuldigen Kindern damals angetan hat. Gott weint mit Rahel um diese Kinder und um die Kinder, die heute im Mittelmehr ertrinken, um die nordkoreanischen Soldaten und die verschleppten Israelis. Und er wusste sich keinen anderen Rat, als sich alldem selbst auszusetzen.
„Er äußert sich all seiner G´walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding“ (EG 27.3), so heißt es in einem Weihnachtslied.
Diese Welt ist ein Ort, an dem das Leben immer noch unendlich zerbrechlich und schutzbedürftig ist und wir uns immer wieder ohnmächtig fühlen, wenn vor unseren Augen mutwillig Leben zerstört statt behutsam auf den Armen getragen wird oder wir sogar spüren, dass wir zumindest indirekt daran beteiligt sind, dass andere leiden.
Aber diese Welt ist auch ein Ort, an dem wir immer wieder Gelegenheit bekommen, für das Leben einzutreten und es zu bewahren, es schützend im Arm zu halten, wie Simeon zu segnen, wie Josef den eigenen Träumen zu trauen und Verantwortung zu übernehmen.
Diese Welt ist ein Ort, an dem wir uns dem Leben schenken dürfen, das sich an Weihnachten uns geschenkt hat.
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Sonntag nach dem Christfest am 29.12.2024
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
„Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist“ (1. Joh 1,2), so heißt es in der Epistel für den heutigen Sonntag. Gott mitten in der Welt – Das Leben ist erschienen. Das Leben selbst in Gestalt eines neuen, zerbrechlichen, kleinen Lebens: Ein Säugling.
Der alte Simeon, der im Tempel so lange schon auf die Ankunft des Retters wartet, spürt: Das ist er. Das ist das Leben! Er selbst trägt das Leben auf seinem Arm – für einen beglückenden Moment. Seine Augen haben den Heiland gesehen. Nun kann er in Frieden sterben. (Lk 2,29f).
Simeon weiß von den Schrecken, die der jungen Familie noch bevorstehen und er erzählt von den seelischen Verletzungen, die sie erleiden werden. Aber er segnet sie auch. Das alles muss geschehen – für die Menschen, für das Leben.
Will Gott das Leid? Gehört es zu seinem Plan? Von verschiedenen Gemeindemitgliedern habe ich dies Weihnachten gehört, dass die Ereignisse in der Welt ihre Weihnachtfreude getrübt haben: Zerbombte Wohn- und Krankenhäuser in der Ukraine und im Gaza. Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde der Hamas. Mehr als 3000 nordkoreanische Söldner im Krieg Russlands gegen die Ukraine schwer verletzt und gestorben, weil sie mit mangelhafter Ausrüstung an die Front geschickt worden. Kanonenfutter. Und auch ganz nah: Das Attentat auf dem Weihnachtsmarkt in Magdeburg.
Es ist entsetzlich, was Menschen einander antun. Wo ist der Frieden auf Erden, von dem die Engel den Hirten auf dem Feld gesungen haben? Gott selbst – das Leben - mit all seiner Herrlichkeit, soll die Welt erlöst haben? Wo wird das denn sichtbar?
Der Evangelist Matthäus berichtet in unserem heutigen Predigttext auch von einer schrecklichen Gewalttat:
„Als die Sterndeuter aber hinweggezogen waren, siehe, da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen.
Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten und blieb dort bis nach dem Tod des Herodes, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hos 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«
Als Herodes nun sah, dass er von den Weisen betrogen war, wurde er sehr zornig und schickte aus und ließ alle Knaben in Bethlehem töten und in der ganzen Gegend, die zweijährig und darunter waren, nach der Zeit, die er von den Weisen genau erkundet hatte. Da wurde erfüllt, was gesagt ist durch den Propheten Jeremia, der da spricht (Jer 31,15): »In Rama hat man ein Geschrei gehört, viel Weinen und Wehklagen; Rahel beweinte ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn es war aus mit ihnen.«“
Bis heute gedenkt man am 28.12., dem Tag der unschuldigen Kinder, der Opfer dieser grausamen Tat. Warum hat Gott das geschehen lassen? Warum hat er nur Josef im Traum gewarnt, nur sein Kind in Sicherheit gebracht, obwohl er seine Engel doch gerade vom Frieden für alle Menschen singen lassen hatte?
Der Evangelist Matthäus hätte vielleicht geantwortet: Weil das Kind seine Aufgabe noch nicht erfüllt hatte. Gott hat einen Plan für diese Welt, der mit der Grausamkeit und Brutalität der Menschen rechnet und seine geliebten Geschöpfe dennoch nicht aufgibt. Vielmehr setzt Gott sich selbst ihrem Hass und ihrer Gewalt aus. Am Ende stirbt er den Verbrechertod am Kreuz. Das Leben - von der Welt getötet – besiegt den Tod.
Aber bis dahin muss noch einiges geschehen. Unter anderem auch dies: Joseph, Marias Mann, muss seinen Träumen vertrauen. Muss glauben, dass das Kind Gottes Sohn ist, muss Verantwortung für das Kind übernehmen und Gott, der sich ihm nun so schutzlos anvertraut, beschützen. Muss das Kind in Sicherheit bringen, damit es groß werden und die Menschen durch seine Worte und Taten zu Glaube, Hoffnung, Liebe und Frieden anstiften kann.
Kann Gott nicht eingreifen? Will er nicht? Vielleicht muss es so sein, dass Gott die Zukunft des Lebens in dieser Welt in unsere Hände legt. Dass wir unseren Träumen und Hoffnungen vertrauen und uns auf den Weg in eine ungewisse Zukunft machen allein im Glauben an Gottes Wort, die Verheißung der Engel, die am Ende doch wahr werden soll: Frieden auf Erden – Grund zur Freude für alle Menschen.
So kurz nach der Geburt ist das Leben noch besonders schwach und schutzbedürftig, muss auf dem Arm getragen werden, einen weiten Weg lang ganz bis nach Ägypten, weil es in Bethlehem nicht mehr sicher ist. Weil Menschen es auslöschen wollen. Ich denke an das Friedenslicht, das in diesem Jahr wegen des Krieges im Nahen Osten nicht zu Weihnachten aus Bethlehem bis hier nach Preetz getragen werden konnten. Es kam aus Österreich, wo die Pfadfinder es das Jahr über eingelagert und beschützt hatten.
Gott will das Leid nicht, davon bin ich überzeugt. Gott will nicht die Grausamkeiten, die Menschen einander antun, wollte auch nicht das, was Herodes den unschuldigen Kindern damals angetan hat. Gott weint mit Rahel um diese Kinder und um die Kinder, die heute im Mittelmehr ertrinken, um die nordkoreanischen Soldaten und die verschleppten Israelis. Und er wusste sich keinen anderen Rat, als sich alldem selbst auszusetzen.
„Er äußert sich all seiner G´walt, wird niedrig und gering und nimmt an eines Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding“ (EG 27.3), so heißt es in einem Weihnachtslied.
Diese Welt ist ein Ort, an dem das Leben immer noch unendlich zerbrechlich und schutzbedürftig ist und wir uns immer wieder ohnmächtig fühlen, wenn vor unseren Augen mutwillig Leben zerstört statt behutsam auf den Armen getragen wird oder wir sogar spüren, dass wir zumindest indirekt daran beteiligt sind, dass andere leiden.
Aber diese Welt ist auch ein Ort, an dem wir immer wieder Gelegenheit bekommen, für das Leben einzutreten und es zu bewahren, es schützend im Arm zu halten, wie Simeon zu segnen, wie Josef den eigenen Träumen zu trauen und Verantwortung zu übernehmen.
Diese Welt ist ein Ort, an dem wir uns dem Leben schenken dürfen, das sich an Weihnachten uns geschenkt hat.
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 4. Advent am 22. Dezember 2024
von Pastorin Karopka
mit Maria sind wir heute auf dem Weg – mit dieser jungen Frau, auserwählt von Gott für eine große Aufgabe. Ein Engel Gottes war in ihr Leben getreten mit den Worten: »Sei gegrüßt, Maria! Der Herr ist mit dir! Er hat dich unter allen Frauen auserwählt. Du wirst schwanger werden und einen Sohn zur Welt bringen. Jesus soll er heißen. Er wird mächtig sein, und man wird ihn Sohn des Höchsten nennen. Gott, der Herr, wird ihm die Königsherrschaft seines Stammvaters David übergeben, und er wird die Nachkommen von Jakob für immer regieren.“
Bald danach machte sich Maria auf den Weg ins Bergland von Judäa und eilte so schnell wie möglich in die Stadt, in der Elisabeth und ihr Mann Zacharias wohnten. Sie betrat das Haus und begrüßte Elisabeth. Als Elisabeth Marias Stimme hörte, bewegte sich das Kind lebhaft in ihr. Da wurde sie mit dem Heiligen Geist erfüllt und rief laut: »Dich hat Gott gesegnet, mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist das Kind, das in dir heranwächst! Womit habe ich verdient, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? Denn kaum hörte ich deine Stimme, da hüpfte das Kind in mir vor Freude. Wie glücklich kannst du dich schätzen, weil du geglaubt hast! Was der Herr dir angekündigt hat, wird geschehen.«
Da begann Maria, Gott zu loben: »Von ganzem Herzen preise ich den Herrn. Ich freue mich über Gott, meinen Retter. Mir, seiner Dienerin, hat er Beachtung geschenkt, und das, obwohl ich gering und unbedeutend bin. Von jetzt an und zu allen Zeiten wird man mich glücklich preisen, denn Gott hat große Dinge an mir getan, er, der mächtig und heilig ist! Seine Barmherzigkeit bleibt für immer und ewig, sie gilt allen Menschen, die in Ehrfurcht vor ihm leben. Er streckt seinen starken Arm aus und fegt die Hochmütigen mit ihren stolzen Plänen hinweg. Er stürzt Herrscher von ihrem Thron, Unterdrückte aber richtet er auf. Die Hungrigen beschenkt er mit Gütern, und die Reichen schickt er mit leeren Händen weg. Seine Barmherzigkeit hat er uns, seinen Dienern, zugesagt, ja, er wird seinem Volk Israel helfen. Er hat es unseren Vorfahren versprochen, Abraham und seinen Nachkommen hat er es für immer zugesagt.« Maria blieb etwa drei Monate bei Elisabeth und kehrte dann nach Hause zurück.
Was für wunderbare Botschaften hören wir in diesem Text! Als Maria zu der schwangeren Elisabeth kommt, bewegt sich das Kind lebhaft in ihrem Körper. Schöner und poetischer lässt sich nicht sagen, dass Jesus mit seiner Botschaft die Menschen in Bewegung bringen wird! Noch ist er nicht geboren, aber schon jetzt wird durch Maria diese Zukunft ausgestrahlt. Und Elisabeth, die Johannes den Täufer zur Welt bringen wird und in jenem Moment vom Heiligen Geist erfüllt wurde, preist ihre schwangere Cousine, weil diese »die Mutter des Herrn« ist. Maria nimmt es im Glauben an und lässt sich segnen.
Dann beginnt Maria ihren Lobgesang. Von ganzem Herzen preise ich den Herrn. Ich freue mich über Gott, meinen Retter. Mir, seiner Dienerin, hat er Beachtung geschenkt. Sie fühlt sich von Gott gesehen – das lässt ihr Herz weit werden. Magnificat – so heißen diese biblischen Zeilen in der Tradition. Durch die Zeiten hinweg gebetet und gesungen. Ein Klang der Leichtigkeit, ein Klang, der uns verspricht – bei Gott ist vieles möglich. Ein Klang der Freude, der Maria bei allem, was kommt, begleiten wird und uns die Tür zum Weihnachtsfest öffnet.
Seine Barmherzigkeit bleibt für immer und ewig, sie gilt allen Menschen, die in Ehrfurcht vor ihm leben. Das jubelt Maria heraus – bald wird sie mitbekommen, dass sie ihr Kind teilen muss mit vielen anderen. Bald wird sie merken, dass sie ihren Sohn viel früher als andere Mütter loslassen muss, weil Gott mit ihm Großes vorhat. Schon mit 12 Jahren wird Jesus mit anderen Rabbinern im Tempel diskutieren und nicht mehr mit seinen Eltern mitgehen. Später gibt er anderen eine Heimat und einen Neuanfang, neben seiner leiblichen Familie werden viele andere seine Familie sein.
Ja, Maria ist gesegnet mit einer großen Aufgabe, die aber auch mit einer Auf-gabe verbunden ist. Schon gleich nach der Geburt merkt sie durch die Hirten und Weisen, die sich zu ihr auf den Weg gemacht haben, dass für sie als Mutter Jesu alles anders sein wird als bei anderen.
Und trotzdem – sie hält an ihrem Lob fest – und jubelt weiter: Gott hat große Dinge an mir getan, er, der mächtig und heilig ist!
Er stürzt Herrscher von ihrem Thron, Unterdrückte aber richtet er auf. Die Hungrigen beschenkt er mit Gütern, und die Reichen schickt er mit leeren Händen weg.
Der Lobgesang der Maria wird damit zu einem »Gegen-Bild« von dem, was wir erleben. Der Text malt eine bildhafte Vision und bringt Kritik an den Machtstrukturen der Gesellschaft zur Sprache. Wir selbst werden herausgefordert, uns Gedanken zu machen, wie Leben und auch Macht gestaltet werden können, die sich auch an den Ärmsten der Armen, an den Kleinsten der Kleinen orientiert.
Oft wünsche ich mir, dass ich schon heute mehr sehe von diesem ausgestreckten Arm Gottes, von seiner Möglichkeit, Herrschende vom Thron zu stürzen, die nur Spuren von Leid und Vernichtung hinterlassen. In meinen Gebeten wird aus diesen Bitten fast eine Forderung – es könnte noch mehr geschehen zum Heil von Menschen, manchmal aber kommt doch mitten in meine Erwartung hinein schon Gottes Schein.
In der Advents – und Weihnachtszeit ist unsere Sehnsucht nach einer heilen Welt besonders stark. Sie wird in die Zimmer und auf die Straßen mit all den Lichtern, Engelchen, mit unseren Liedern und Feiern geholt. Sehnsucht nach Heil. Das kannte auch Maria.
Sie hatte alles andere als ein einfaches Leben, die Geburt im Stall steht symbolisch dafür. Aber sie hat ihr Vertrauen in Gottes Wirken nicht verloren – und steckt uns mit ihrem Jubel, mit ihrer Dankbarkeit, mit ihrer Hoffnung bis heute an. Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 3. Advent 2024 am 15.12.2024
von Propst Faehling
Liebe Gemeinde,
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
3. Advent, unsere kindliche Seele freut sich vielleicht schon darauf, dass in neun Tagen Weihnachten wird?!
Ein Fest, dass immer wieder einen großen Zauber entfaltet. Ja, ich weiß, sofort fallen uns auch Stress und Kommerz ein; in der vergangenen Woche beklagte wieder eine Mutter, dass sie ihre Familie nicht von Gänsebraten und Rotkohl abbringen kann und wieviel Zeit das am Herd für sie bedeutet.
Und natürlich weiß ich um die Brüchigkeit der Festtagsstimmung und die oft unerfüllbar hohen Erwartungen.
Und doch, wenn wir mal die kleinen Geschichten auf dem Weg anschauen, finden wir kleine schön geschmückte Geschäfte, freundliche Gesten; wie mir jemand, ohne den Namen zu hinterlassen, einen Adventsgruß an die Tür hängt. Verabredungen zum Bummel, einen leckeren Glühwein, ein Adventsmarkt, den wir jedes Jahr besuchen – alles freundliche Stationen auf dem Weg.
Dazu vielleicht ein Adventskalender in der Küche und ein Adventskranz, liebevoll geschmückt. Kleine Bewegungen, kleine Gesten. Und dabei, auch wenn es kalt und regnerisch ist, das sichere Wissen, in sieben Tagen werden die Tage langsam wieder länger und heller, und der nächste Frühling kommt bestimmt.
Advent, Ankunft, gemischte Geühle. Und Warten, noch nicht am Ziel sein – das alles braucht Geduld.
Von Geduld unter besonderen Bedingungen erzählt heute der Predigttext.
Hören wir einmal zu, was Paulus damals an die Menschen in Rom aufschrieb zu Geduld und ihren möglichen guten Ausblick:
Röm 15, 4-13
4Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. 5Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, 6damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus.
7Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. … 13Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.
Geduld höre ich hier wie eine Art Zugangscode zur Hoffnung. Diese Bibelstelle erzählt uns, wie Freude und Frieden im Glauben wachsen und eine sich anreichende Hoffnung aufkommt. Gottes Geist, sein sogenannter Heiliger Geist bewirkt das.
Mit Geduld beginnt es, in Lebensmut mündet es.
Das klingt harmlos. Fast könnte man zur Tagesordnung übergehen und sagen: Gute Nachricht, aber eher für Insider, nicht Welt-bewegend.
Und doch sind aber so viele Menschen jeden Tag beschäftigt und beunruhigt und fragen nach genau solchen guten Nachrichten. Wir leben in einer Zeit, in der sich Krise an Krise reiht.
Ja, dann gibt es die frohe Nachricht vom Ende des Assad-Regimes mit seinen schrecklichen Folterkellern. Aber ohne recht auf die Freude der Menschen überall auf der Welt einzugehen, legt sich sofort der kurze deutsche Wahlkampf quer über dieses Thema und vereinnahmt es für sich und für den Überbietungswettkampf, wer möglichst schnell möglichst viele Ausländer zur Ausreise bewegt – in diesem Fall syrische Menschen, von denen sich viele so hervorragend in unsere Gesellschaft einbringen als Handwerker, Pflegende und Ärzte.
Und neben diesem Thema bewegen uns jeden Tag in den Nachrichten der dritte Kriegswinter in der Ukraine, der Kampf zwischen Israel und seinen Anrainern, die Krise der deutschen Auto- und Maschinenbauer, das ungelöste Klimathema und ganz bisschen auch, dass die Kieler Fußball-Störche nicht gewinnen können.
Aber den kleinen Spaß schnell wieder beiseite: Advent, Geduld, Freude, Hoffnung, die sich auf biblische Zusagen beruft, haben in dieser Zeit eine sehr leise Stimme. Sie sind wie das Nischenprogramm derer, die schon überzeugt sind.
Dabei war hier einmal der Gedanke des Trostes groß und grundsätzlich verankert. Gott ist im Ursprung nicht das Kulturprogramm einer Minderheit, sondern trägt in sich die Idee eines weltrettenden Gedanken.
Was aber sind am Advent und der Geduld, von der Paulus spricht, weltrettend?
Ich denke, weltrettend ist tatsächlich die Idee einer Wahrheit, die außerhalb menschlichen Zugriffs in völliger Zugewandtheit zu den Menschen da ist. In Gott liegt verborgen und doch für jede und jeden erreichbar etwas, das uns erlösen kann.
Und so seltsam es klingt: Gerade in der Verborgenheit liegt die Wirkkraft. Es wirkt paradox, aber je größer ein Problem ist, das wir haben, umso weiter weg wohnt in der Regel der Mensch, der uns das lösen hilft. Mit Freunden leben wir. Rettung erwarten wir eher von Fremden. Dieses Prinzip kann man auch auf Gott übertragen. Unsere Welt ist zu klein, um Gott zu fassen. So hat er umgekehrt eine Größe, die unsere Probleme übersteigt.
Und den Zugang zu diesem Gott zu finden, braucht auch einen Weg, den wir zurücklegen; auf dem wir loslassen, uns selbst ein Stück verlassen, bereit sind, größer zu denken, bereit sind, uns für Fremdes zu öffnen.
Und es braucht Geduld.
Am Ende dieser Geduld könnten wir Halt finden, im Außen, im Fremden Halt - und sich daraus ergebend oft auch Haltung.
Menschen, die solche Wege wagen, können dabei reifen, in einen Modus des Findens nächster Schritte kommen, den Dingen des Lebens - insbesondere den schweren - gelassener begegnen.
Geduld, in den Kindheitstagen meist ein nicht so beliebtes Wort, bedeutet für uns erwachsene Menschen im Zusammenhang mit ruhigem Atem, Nachdenklichkeit, Umsichtigkeit und der Bereitschaft, länger zuzuhören und langsamer im Urteilen zu sein, in der Regel nicht nur ein klügeres Hinschauen, sondern auch eine intensivere Wahrnehmung des Lebens mit all seinen Möglichkeiten.
Am Ende des Tages werden die Probleme der Welt nicht kleiner, aber unsere Möglichkeiten des Umgangs werden größer, wir finden eher Trost, und unsere Hoffnung kann tragend und ansteckend werden.
Das uralt kindliche Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden findet einen erwachsenen, tragfähigen Halt an Gottes Zukunftsversprechen.
Das finde ich ein schönes Ziel. Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 2. Advent am 08. Dezember 2024
von Pastorin Parra
Ich sehe oft um Mitternacht,
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht,
Die Stern am Himmel an.
Lise kennt ein paar Sternbilder: Den großen Wagen, den Orion, Kassiopeia... Aber da sind noch viel, viel mehr Sterne, manchmal in Haufen, manchmal wie Perlenketten. Ein klares Leuchten von ganz weit her.
Sie gehn da hin und her zerstreut
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereiht
Wie Perlen auf der Schnur
Und funkeln alle weit und breit,
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit,
Und kann mich satt nicht sehn…
Je länger Lise auf den Himmel schaut, desto mehr kleine Sterne erkennt sie zwischen denen, die sie am Anfang schon gesehen hat. Es ist, als ob der Himmel immer noch weiter wird. Als ob es sie hoch hinaus ins Offene zieht und alles Enge in diesem Augenblick von ihr abfällt. Ihr Herz wird ganz leicht und frei. All das Schwere und die lauten Gedanken sind nicht weg, aber es ist nun genug Raum für sie da, jeder Gedanke hat seinen Platz und muss sich nicht mehr vordrängeln.
Dann saget unterm Himmelszelt
Mein Herz mir in der Brust:
„Es gibt was Bessers in der Welt
Als all ihr Schmerz und Lust.“
Ich werf mich auf mein Lager hin
Und liege lange wach;
Und suche es in meinem Sinn
Und sehne mich darnach.
Es ist schon spät, als Lise einschläft und ein Stück von der Weite, die sie gespürt hat, mitnimmt in ihre Träume. Vielleicht träumt sie vom Sternhimmel, vielleicht auch in Bildern wie wir sie im Buch Jesaja lesen:
Wo das Land zur Wüste verdorrt war entspringen neue Quellen, plätschern, fließen – genug für alle.
Der Weg ist eben und gerade und niemand irrt umher, weil alle den Irrsinn abgelegt haben, der das Leben so schwer macht. In Frieden gehen sie dort: Mensch und Tier. Kein Schmerz und kein seufzen. Keine Angst und Enge – erlöst.
Lise guckt zur Zimmerdecke als erwarte sie, dass da noch ein paar Sterne übriggeblieben sind. Aber womöglich kam das Leuchten auch aus ihr selbst. Die Weite des Sternenhimmels ist ihr nah gekommen und nicht nur ihr.
Vielleicht kann sie ja heute Abend einmal mit Herrn Kreuzberg und Frau Haffner aus dem Fenster gucken, ob die da auch den einen oder anderen Stern entdecken. Und wenn es bewölkt sein sollte, dann erzählt sie von gestern Abend. Es ist noch viel Sternhimmel in ihr, den sie teilen kann.
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Advent 2024 am 01.12.2024
von Pastorin Anke Pfeifer
Liebe Gemeinde,
O komm, o komm du Morgenstern, lass uns dich schauen, unsern Herrn. Vertreib das Dunkel unsrer Nacht durch deines klaren Lichtes Pracht. Freut euch, freut euch der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.
O komm, du Sohn aus Davids Stamm, du Friedensbringer Osterlamm, von Schuld und Knechtschaft mach uns frei und von des Bösen Tyrannei. Freut euch, freut euch, der Herr ist nah, freut euch und singt Halleluja.
Liebe Gemeinde, dieses Lied begleitet mich seit vielen Jahren im Advent. Das erste Mal habe ich von diesem Lied nur die Melodie auf einer Posaune gespielt gehört. Und das hat mich wirklich ergriffen. Die Melancholie dieser Melodie, mehr noch die Sehnsucht die darin erklingt, die aber trotzdem auch etwas Gewisses und sogar etwas Hoffnungsfrohes in sich hat. Jedenfalls klingt das so in meinen Ohren.
Und dann der Text dieses uralten Liedes aus der Mitte des 19.Jahrhunderts
So alt und trotzdem hat dieser Text immer noch nichts von seiner Aktualität verloren. Die innige Bitte: Vertreib das Dunkel unsrer Nacht, durch deines klaren lichtes Pracht, von Schuld und Knechtschaft mach uns frei und von des bösen Tyrannei. So viel Dunkel ringsherum ,immer noch und immer wieder. Wer von uns hätte gedacht, dass ein Despot wie Putin noch immer die Menschen in der Ukraine, aber auch russische Soldaten und ihre Angehörigen ins Unglück stürzt. Dass die Terroristen der Hamas, so viele Menschen überfallen, ermorden und verschleppen würden, sodass nun auch die palästinensische Bevölkerung unter Krieg und Zerstörung leidet. Wir wissen es längst, dass es durch Terror und Krieg immer und überall nur Verlierer gibt .Und trotzdem gibt es an vielen Orten immer wieder so viel Unrecht und Unterdrückung und Blutvergießen. So viele Menschen , die ihre Macht und ihren Einfluss missbrauchen und nicht zum Wohl ihrer Mitmenschen einsetzen. Und dabei auch ihre eigene Menschlichkeit verlieren.
In dieser Zeit erleben wir aber auch wieder die Hilflosigkeit und die Ratlosigkeit bei der Frage wie es überhaupt Gelingen könnte den Krieg mit all seinem Grauen und Unheil zu beenden. So viel Dunkel und Schuld , Knechtschaft und böse Tyrannei um uns herum und manchmal auch mitten unter uns.
Ein altes Sprichwort sagt Not lehrt beten. Manchmal besinnen wir Menschen uns tatsächlich besonders auf Gott, wenn wir mit unsrem eigenen Latein, mit unserem menschlichen Können und Machen am Ende sind. Wenn nichts mehr geht und wir keine Lösung haben und auch keinen Ausweg mehr sehen oder erkennen können.
Gut , wenn wir Menschen uns dann an Gott erinnern und wenigstens zaghaft oder auch nur ein bisschen auf Gott hoffen können. Wenn wir das Vertrauen auf Gott wieder entdecken und wiederfinden. Oder erst langsam und allmählich Vertrauen fassen.
Manchmal geschieht so etwas tatsächlich im Hören auf einen Text oder eine kleine Melodie, ein Lied, das uns an Gott erinnert und uns sogar ganz neu an ihn denken und auf ihn hoffen lässt. Das uns klar macht, dass da eben doch noch eine ganz andere und höhere Macht ist, an die wir uns wenden können. Die unser Dunkel erhellen will mit dem Licht ihrer Liebe. Und die uns in dem Kind in der Krippe an Weihnachten entgegen kommt und nah sein will, um uns Jahr um Jahr an die Liebe Gotte zu erinnern und uns auch dadurch neue Hoffnung und Zuversicht zu geben. Das Vertrauen, dass Gott uns auch in der größten Not nicht allein lässt. Das Vertrauen, dass wir von seiner Liebe und Güte umgeben gehalten und getragen sind., was auch immer geschieht. Und dass er will, dass allen Menschen geholfen wird .So wie das der erwachsene Jesus von Nazareth gelehrt und gezeigt hat. Und dass Gott will, dass Menschen in Frieden und Freundschaft und Gerechtigkeit miteinander leben. Daran soll uns das Kind in der Krippe immer wieder erinnern. Freut euch, freut euch der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja. Ja wirklich, gelobt sie Gott, der uns entgegenkommt und in den Arm nimmt, wie ein guter Vater oder eine liebevolle Mutter, um uns zu trösten und uns zu tragen oder uns gelegentlich auch mal den Kopf zu waschen, damit wir wieder grade rücken, was uns daneben und schief gegangen ist.
Das Kind in der Krippe will uns aber auch dazu bringen, gerade das Kleine und Unscheinbare wertzuschätzen und wichtig zu nehmen. Gott kommt ja nicht mächtig und stark, sondern hilflos und klein in diese Welt, um unsere Herzen zu öffnen, sodass sie in dieser Zeit tatsächlich irgendwie weiter und wärmer werden und wir der Liebe Gottes auch wieder mehr Raum und Zeit in unsrem Leben geben.
Aber auch zu erleben, das diese Liebe dann auch in uns wirkt und weiterwirkt, sodass wir sie eben auch an andere Menschen weitergeben können. Und das muss dann auch gar nicht immer groß oder nach menschlichem Ermessen bedeutend sein. Das kann sogar ganz klein sein, wie ein kleines Lächeln, ein freundliches Wort oder ein verschmitzter Blick, der den Moment und den Tag irgendwie froher und heller macht.
Paulus schreibt: Wer den anderen liebt, der hat das Gesetz, die Gebote, den Willen Gottes erfüllt. Und so fasst Paulus denn auch die Gebote der Nächstenliebe in einem Satz zusammen: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Den anderen , wie dich selber lieben und wertschätzen.
Beides gehört wahrscheinlich zusammen, wenn wir es untereinander und miteinander gut haben wollen. Da geht es nicht um Selbstverleugnung oder Selbstaufgabe, auch nicht darum die eignen Bedürfnisse und Wünsche außer Acht zu lasen. Wir dürfen offen sagen, was uns wichtig ist, was für uns geht und auch nicht geht und dazu stehen. Aber es geht eben auch darum, den anderen, seine Wünsche und Bedürfnisse ganz genauso wahr-und wichtig zu nehmen , manches dann auch so das möglich ist ,zu erfüllen; das Wünschen und Wollen aber auch immer in einen guten Ausgleich zu bringen , um dann gemeinsam einen guten Weg miteinander zu gehen. In dieser Zeit finde ich besonders schön, dass das Wünschen plötzlich wieder wichtig ist. Dass wir die anderen wieder nach ihren Wünschen fragen- selbst wenn dann solche Sachen wie das neuste Computerspiel, eine Playstation oder ein Plüscheinhorn dabei herauskommen. Es ist doch wunderbar, dass wir uns tatsächlich viel Mühe geben anderen Menschen eine Freude zu machen .Und ihnen damit gleichzeitig zu zeigen, wie gern wir sie haben und wie wichtig sie für uns sind. Und manchmal sind es dann ja auch ganz andere Wünsche, die dann nach und nach deutlich werden, wenn wir uns daran machen unseren eigenen Wünschen und den Wünschen unserer Lieben auf die Spur zu kommen. Wenn wir plötzlich merken und darauf aufmerksam werden, was ihm oder ihr wirklich wichtig ist und Freude macht; ein langer Spaziergang am Ostseestrand, ein Abend zu zweit oder auch eine heiße Suppe, Ruhe und Zeit, um mit einem guten Buch auf dem Sofa zu liegen, zusammen zu spielen oder im Garten ein Feuer zu machen, ein gutes Gespräch zu führen, das anregt und inspiriert oder auch nur still und ganz für sich allein eine Kerze zu entzünden. All das mag klein und unscheinbar wirken, aber das ist eben auch Balsam für die Seele. Und wir haben einen Gott, der auch das Kleine und Unscheinbare schätzt und wichtig nimmt. Und der uns auch dadurch die Kraft gibt dann auch die anstrengenden Seiten unserer Mitmenschen, wenn das möglich ist auszuhalten, aber auch Probleme anzugehen und nach Möglichkeit zu lösen. Lieben ist allerdings gar nicht so einfach, erst recht nicht wenn uns unsere Mitmenschen und sogar unsere allerliebsten Menschen manchmal ganz gehörig auf die Nerven gehen. Da kann einem schon mal der Kragen platzen. Und manchmal tut das sogar ganz gut, weil das dann auch die Kraft hat die dicke Luft zu reinigen .Lieben ist bestimmt nicht immer leicht und kann mitunter sogar ganz schön anstrengend sein. Dabei hat Liebe so unendlich viele Facetten und Gesichter, lieben kann bedeuten sich in Geduld zu üben und dann dieselbe Geschichte auch das 100. Mal zu hören oder schon wieder mal auf den anderen zu warten. Lieben kann aber auch bedeuten handfeste Hilfe zu leisten, die alten Eltern zu pflegen und zu betreuen oder der alten Nachbarin die Einkäufe zu machen. Lieben kann bedeuten sogar noch nach einem langen Arbeitstag die Vokabeln abzufragen
Oder eben auch für die Gemeinschaft und die Gemeinde Tische und Stühle zu rücken oder das Essen vorzubereiten. Liebe hat unendlich viele unterschiedliche Gesichter. Und bei dem Satz: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst ist ganz bestimmt die eigene Aufmerksamkeit, Hilfsbereitschaft aber auch Hilfe in Wort und Tat gefragt –so gut wir das eben können.
Liebe Gemeinde, Liebe und auch der Frieden fängt tatsächlich ganz klein, im eigenen Herzen und Haus an. Wo immer sind können wir uns tatsächlich in der Liebe üben. Wir müssen dabei gar nicht alles schaffen und können, aber kleine Schritte sind eben wichtig und auch gefragt. Mit Gottes Hilfe wird es uns dann in der Gemeinschaft der Völker auch gelingen Frieden zu stiften, zu schaffen und in die Welt zu bringen. Und wir können Gott immer wieder und auch alle miteinander darum bitten.
O komm, o komm du heller Morgenstern, lass dich schauen, unsern Herrn, Vertreib das Dunkel unsrer Nacht durch deines klaren Lichtes Pracht, Von Schuld und Knechtschaft mach uns frei und von des Bösen Tyrannei.
Und vielleicht können wir dann auch jetzt und hier oder zumindest irgendwann auch mit einstimmen in das freudige Lob unseres Gottes: Freut euch, freut euch, der Herr ist nah. Freut euch und singt Halleluja.
Amen
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!



