Grußwort-Archiv
Gruß zum Sonntag Rogate am 10.05.2026
Gruß zum Sonntag Kantate am 03.05.2026
Gruß zum Sonntag Jubilate am 26.04.2026
Gruß zum Hirtensonntag am 19.04.2026
Gruß zum Sonntag Quasimodogeniti am 12.04.2026
Gruß zum Ostersonntag am 05.04.2026
Gruß zum Palmsonntag am 29.03.2026
Gruß zum Sonntag Judika am 22.03.2026
Gruß zum Sonntag Laetare am 15.03.2026
Gruß zum Sonntag Okuli am 08.03.2026
Gruß zum Sonntag Reminiszere am 01.03.2026
Gruß zum Sonntag Invokavit am 22.02.2026
Gruß zum Sonntag Estomihi am 15.02.2026
Gruß zum Sonntag Sexagesimae am 08.02.2026
Gruß zum letzten Sonntag nach Epiphanias am 01.02.2026
Gruß zum 3. Sonntag nach Epiphanias am 25.01.2026
Gruß zum 2. Sonntag nach Epiphanias am 18.01.2026
Gruß zum 1. Sonntag nach Epiphanias am 11.01.2026
Gruß zum 2. Sonntag nach dem Christfest am 04.01.2026
Gruß zum 1. Sonntag nach dem Christfest am 28.12.20205
Gruß zum Heiligabend am 24.12.2025
Gruß zum 4. Advent am 21.12.2025
Gruß zum 3. Advent am 14.12.2025
Gruß zum 2. Advent am 07.12.2025
Gruß zum 1. Advent am 30.11.2025
Gruß zum Sonntag Rogate am 10.05.2026
von Gernot Weimar
Sehnsucht fühlt - Hoffnung erwartet - Zuversicht gestaltet
Werte Gemeinde,
Rogate, Beten, in diesen Zeiten, was soll das ändern, wo doch alles geplant, bestimmt oder von anderer Seite geregelt wird. Und auch unser Anspruch an Staat, Dienstleistung und Gesellschaft kennt nicht wirklich bitten sondern fordern:
Der heutige Mensch ist ungeduldig - alles muss sofort verfügbar sein; Amazon macht es möglich, wenn gesundheitlich etwas aus dem Ruder läuft, besteht der Anspruch an das Gesundheitssystem auf sofortige Behebung…
im Politischen und auch im Fußball sowieso weiß ein jeder die ultimative Lösung - nur keiner hört zu!?
Und bei der ganzen schnelllebigen Zeit - um nicht zu sagen Hektik - läuft der Film des Lebens oft in eine nicht gewollte, nicht geplante aber falsche Richtung.
Bestenfalls kann man dann die Taste „Pause“ drücken
Standbild:…. irgendwas zwischen
„Früher war alles besser!“ und „wie soll das werden?“
Und am Abend dann noch so ein Schnack, das I-Tüpfelchen des Tages:
„und bleiben sie zuversichtlich!“
So verabschiedet Herr Zamparoni seine Zuschauer am Ende seiner Tagesthemen
Und bleiben sie zuversichtlich?,
wie soll das gehen bei all dem Hauen und Stechen da draußen
- Gesetzte Normen stimmen nicht mehr, jeder macht was und wie er will
- Vertrauen ist nur noch eine Floskel, was heute gesagt ist,
ist morgen schon Makulatur
Die Umwelt schlägt gnadenlos zurück
- Ob ich morgen im Krankenhaus noch versorgt werde?
- Und von Osten und WESTEN her drohen düstere Wolken
Und auch im Kleinen wird es ruppiger
Auf der Straße ist man auch nicht mehr sicher
Der Austausch von Argumenten endet oft nur im Beharren auf die eigene
Meinung
- Freie Rede kann schnell problematisch werden
- Wo bleibe ich, wenn ich nicht mehr alleine kann
Und überhaupt scheint alles schlechter zu werden
Was kann man denn noch hoffen?
Und doch, jede und jeder sehnt sich nach irgendetwas:
im Großen und im eigenen Kleinen und verbinden diese Sehnsucht oft mit konkreten Hoffnungen
Wir sehnen uns nach Frieden ohne zu wissen, wie er aussehen wird
Wir hoffen auf ein Ende der militärischen Auseinandersetzungen
Wir sehnen uns nach einem Ende der Streitigkeiten zwischen den Politikern
Und hoffen auf konkrete Verbesserungen unseres Lebensraumes
Wir sehnen uns nach Achtung, nach Respekt unserer Lebensleistung,
nach Anerkennung und Wahrgenommen werden
Wir sehnen uns nach Fürsorge und Betreuung
Wir hoffen gesund zu bleiben
Wir hoffen, dass die Unbilde der Welt uns nicht treffen
Wir sehnen uns nach einer besseren Welt
und hoffen, dass am Ende alles gut wird.
Wir sitzen da, wie das Kaninchen vor der Schlange und sehnen uns und hoffen… entweder es klappt oder eben auch nicht….-….was können wir schon dafür tun?
Sehnen und Hoffen allein wird nichts verändern – in uns nicht und auch nicht da draußen. Es führt eher zum Verzweifeln!
Die Verzweiflung wäre nicht neu, sie hat immer schon die Menschen begleitet, die Texte der Biebel erzählen reichlich davon.
Aber! - Die Menschheit hat überlebt! Es muss also einen Ausweg geben, der sich nicht allein auf das Recht des vermeintlich Stärkeren begründet.
Hilft doch beten? Schon von jeher sucht der Mensch in seiner Sehnsucht und Hoffnung den Kontakt zu Gott. Und nützt es?
Uns Gläubigen - und das mag gleich sein für Christen, Juden, Muslime und Menschen anderer Religionen kommt eine Kraft - nicht von uns selbst - sondern von außen zugute, die uns befähigt, nicht das Kaninchen vor der Schlange zu sein: Zuversicht gespeist durch Gottes Geist.
Gottes Antwort auf das,---- auf unser Gebet.
Zuversicht ist eine aktive Kraft, die uns befähigt, Hoffnung zu gestalten!
Gestalten aus der Gewissheit heraus, wir sind damit nicht alleine, wir sind viele und stehen unter dem Schutz des Herrn!
Weit zurück, in den Psalmen in der Bibel gibt es ein sehr aufmunterndes Wort:
Du bist meine Zuflucht, du bist meine Hoffnung, du bist meine Stärke, lass mich nicht allein!
Erst dieses Bekenntnis, Du bist meine Zuflucht, du bist meine Hoffnung, du bist meine Stärke
verschafft eine Basis, von der aus wir handeln können. Aber es wird nicht allein gehen und deshalb die Bitte, „lass mich nicht allein!“
Dietrich Bonnhöfer hat es uns gesagt: wer Gott um Hilfe bittet, wird sie bekommen, nicht im Voraus, sondern immer genau dann und so viel, wie es gerade braucht.
Mit diesem Vertrauen und mit dem Rückenwind von Gottes Geist können wir dem Ansturm der Welt begegnen.
Jedoch: wir müssen diesen Rückenwind auch nutzen, umsetzen in Denken und Handeln.
Und da fängt unser Tun an. Ein jeder an seinem Platz. Im Kleinen, im Großen, es wird wachsen!
Gott gab uns nicht den Geist der Furcht und des bloßen Hoffens, sondern der Kraft des Tuns, der Liebe und der Zuversicht,
so ähnlich hat es Paulus in einem seiner Briefe an seine Gemeinden geschrieben.
Die hatten Angst vor der Zukunft und beteten und baten um bessere Zustände;
…dafür etwas tun ?...das taten sie nicht und so drohten deren Sehnsüchte und Hoffnungen wie Seifenblasen zu zerplatzen.
Hoffnung ohne Zuversicht bleibt allermeist unerfüllt.
Hoffnung nährt sich an Sehnsucht, an Wunschdenken,
Zuversicht nährt sich durch das Vertrauen auf Gottes Kraft - immer soviel, wie es gerade braucht um die eigenen Fähigkeiten zu stärken,
Wenn Sehnsucht und Hoffnung in uns Erwartungen auf ein besseres Morgen erwecken,
dann ist Zuversicht Gottes Kraft, die uns antreibt diese Erwartungen zu erfüllen.
Natürlich gab und gibt es immer wieder Rückschläge, auch Scheitern und Verzweiflung, aber das Bild der Hoffnung und die Kraft der Zuversicht waren und sind nicht unterzukriegen.
Darum feiern wir Christen drei große Feste:
Die Geburt Jesu Christi um zu zeigen, dass aus Kleinem Großes werden kann
Die Auferstehung Christi, die uns vor Augen führt, dass nach großem Scheitern noch Größeres entsteht
Und das Geschenk des Heiligen Geistes, der uns Mut und Kraft für unser Tun gibt
Wenn Hoffnung sagt „es könnte wohl gelingen“
Dann sagt Zuversicht „Ich tue etwas, damit es gelingt!“
Beides brauchen wir:
Sehnsucht und Hoffnung halten unsere Zukunft offen und bewahren unsere Vorstellungskraft.
Zuversicht stärkt unsere Gegenwart und gibt uns den Mut und die Kraft zum Handeln.
Hoffnung wärmt das Herz - Zuversicht stärkt die Hände
Darum lohnt es sich, beides zu pflegen
Die Hoffnung, die uns träumen lässt
Die Zuversicht, die uns trägt unsere Träume in die Tat umzusetzen.
Und die beste Pflege ist und bleibt das Gebet:
Das Gespräch, die Auseinandersetzung, das Bekenntnis des Scheiterns
Alles ist im Gebet mit Gott möglich, was, wann und wo auch immer, Gott hört zu und lässt Kraft in Ihnen wachsen!
… und bleiben sie zuversichtlich! Das in diesen trüben und unruhigen Zeiten?
Ja, es ist immer der richtige Zeitpunkt, auch jetzt.
Wofür auch immer, es mag ganz klein anfangen, aber mit dem Bild der Hoffnung und der Kraft der Zuversicht wächst es und wächst und wächst.
Sehnsucht fühlt - Hoffnung erwartet - Zuversicht gestaltet
Ich wünsche uns Bilder der Hoffnung und bitte mit Ihnen um die Kraft der Zuversicht von unserm Gott. Möge er uns segnen.
Amen.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Kantate am 03.05.2026
von Pastorin Lilienthal
Es gibt Sonntage im Kirchenjahr, die tragen schon im Namen eine Einladung.
Kantate! Singt!
Das klingt zunächst einfach. Singen – das kann doch jeder. Denn wer singt, bringt etwas zum Ausdruck, das über das hinausgeht, was sich in normalen Worten sagen lässt. Singen bewegt mehr als nur die Stimme. Der ganze Körper kommt in Resonanz. Atem, Haltung und Klang greifen ineinander.
Dabei werden Gefühle, die sich schwer in Worte fassen lassen, auf mehreren Ebenen spürbar und finden Ausdruck. Es ist eine wunderbare Art der Verkündigung.
In diesem Jahr nehmen wir am Sonntag Kantate den Theologen und Liederdichter Paul Gerhardt in den Blick.
Wir erinnern uns noch einmal besonders an ihn, weil sich sein Todestag in diesem Jahr 2026 zum 350. Mal jährt. Viele seiner Lieder sind bis heute bekannt. Manche begleiten Menschen ein Leben lang.
Und vielleicht liegt darin ihre besondere Kraft. Dass Worte bleiben, die aus einem Leben heraus entstanden sind, das alles andere als leicht war.
Paul Gerhardt hat früh seine Eltern verloren. Er lebte in einer Zeit, die vom Krieg geprägt war. Er erlebte Streit in der Kirche, verlor seine Pfarrstelle, musste Abschiede verkraften, die tief ins Leben hineingreifen. Vieles, was Halt geben könnte, geriet ins Wanken.
Und doch schreibt er Lieder, die bis heute gesungen werden. Lieder, die von Vertrauen sprechen. Von Hoffnung. Von einem Glauben, der trägt. Das ist bemerkenswert. In seinen Worten öffnet sich ein Raum. Ein Raum, in dem das Leben so sein darf, wie es ist – mit allem, was dazugehört. Und trotz allem grundlegend zu vertrauen. Dieses tiefe Vertrauen entsteht mitten im Leben. Dort, wo Menschen an Grenzen kommen. Wo Fragen bleiben.
Wo Wege unklar sind. Und genau dort setzt Paul Gerhardt an. Er nimmt ernst, was ist. Und öffnet gleichzeitig den Blick für das, was trägt. Der Grund, warum seine Lieder bis heute gesungen werden und warum so viele Menschen sie auswendig können mag wohl sein, dass sie nah am Leben sind.
Weil sie Worte finden für das, was Menschen bewegt. „Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt.“ Dieser Satz ist kein schneller Trost. Er ist eher eine Bewegung. Ein sich Anvertrauen. Ein erster Schritt. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
Kantate! Singt! Einfach drauf los singen. Mit Paul Gerhardt. Mit Worten, die tragen. Einen gesegneten Sonntag wünscht Pastorin Carolin Lilienthal.
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Jubilate am 26.04.2026
von Pastor Kroglowski
„Gott räumt auf“
Gedanken zum 1. Mai 2026 – Tag der Arbeit
Alles hat mit der Arbeit angefangen. „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Das ist bekannt. Wovon handelt die Schöpfungsgeschichte? Wenn ich eine einfache Überschrift, einen Satz finden sollte, der die Schöpfungsgeschichte beschreibt, dann würde ich den Satz nehmen: „Gott räumt auf!“ Am Anfang war die Erde wüst und leer, auf Hebräisch: Tohuwabohu. Und Gott räumt nun dieses Tohuwabohu auf. Gott schafft oben und unten. Trennt fest und flüssig. Unterscheidet zwischen Dunkel und Hell. Und belebt das Ganze mit Tieren und Pflanzen und schließlich den Menschen.
Am Anfang räumt Gott erst mal auf. Am Anfang steht die Ordnung. Alles hat seinen Platz. Das ist eine Grundstruktur. Jeder, der einmal irgendwo eingezogen ist oder sogar ein Haus selbst gebaut hat, der kann davon ein Lied singen. Am Anfang ist immer Tohuwabohu. Umzugskisten, Mörtel, Ausschachtung des Kellers, Dreck, leere Wände, nackte Birnen von der Decke. Und dann schafft man Ordnung, oben und unten. Wände und Rohre, Regale und Schränke. Ja, und dann belebt man das Ganze mit Bildern und Pflanzen und dem ganzen Zeugs an schönen Dingen, die man so mit sich herumschleppt. Und zum Schluss, da kommen die Menschen. Man selber setzt sich auf das Sofa, lädt Freundinnen und Freunde ein. Dann ist da ein Raum, wo man gut sein kann. Wo man leben kann. Und so war das auch am Anfang. Gott schafft durch seine Arbeit einen Raum, in dem man gut leben kann.
Die Geschichte von der Schöpfung endet gewissermaßen damit, dass das Chaos, das Tohuwabohu, abgeschafft ist. Es gibt kein Chaos mehr, nur noch Ordnung, nur noch guten Raum. Das mag sein, wenn man die Geschichte für sich nimmt. Aber wenn ich mir diese Welt, mein Leben und auch die weiteren Geschichten aus der Bibel anschaue, dann kann ich das nicht so ganz glauben. Da ist eine Menge Chaos. Und wir können ein ganzes Leben lang spekulieren, ob dieses Chaos eine dunkle Seite in Gott ist oder ob es neben Gott noch eine andere Macht, andere Mächte gibt. Das Chaos, das Dunkle ist jedenfalls da. Und ich brauche nur meine Wohnung anzuschauen. Wenn ich nichts tue, dann versinkt die im Chaos. Es beginnt mit Stapeln, die ich nicht einräume. Staub, den ich nicht wische, Geschirr, das seinen Weg nicht zurück in die Schränke findet. Zeitschriften, die liegen bleiben. Wenn ich keine Kraft investiere und putze und räume, dann übernimmt nach und nach das Chaos das Regiment über meine Ordnung, meinen guten Raum. Da muss man aufpassen, das richtige Maß zu finden. Wenn ich zu viel an Energie hineinstecke, dann ist alles geordnet und das Chaos weit. Aber zu viel Ordnung ist auch steril und wirkt tot. Wie ein perfekter Rasen, auf dem aber nichts mehr lebt und den man nicht mehr betreten darf. So ist das doch mit der ganzen Welt. Einmal geordnet, gibt es immer die Tendenz, dass sie ins Chaos zurückfällt. Mit den üblichen Verdächtigen: Krieg, Gewalt, Armut. Es braucht auch in der Welt eine Kraft, die dafür sorgt, das Chaos in Schach zu halten.
Wir Christen nennen diese Kraft den Segen Gottes. Er zeigt sich auch im Chaos als guter Raum zum Leben. Gottes Segen ist stärker als das Chaos, auch wenn Menschen ihren eigenen Ordnungsvorstellungen zuweilen mehr vertrauen als dem Segen. Das Leben in Gottes Welt für uns macht aber auf jeden Fall Arbeit. Ich suche nach gutem Raum und guter Zeit. Ich hoffe, wünsche und ersehne, dass wir in jedem Chaos spüren, hier ist Gott an der Arbeit. Von Anfang an räumt Gott auf. Mit Liebe und Geduld. Gott sei Dank für seine Arbeit!.
Einen segensvollen Start in den Mai, wünscht Ihr Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Hirtensonntag (Miserikordias Domini) am 19.04.2026
von Dr. Ruth Pfau
Psalm 23
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.
Alttestamentliche -Lesung: Ez 34, 15-16
15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der Herr.
16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.
Evangelium: Lk 15, 3-7
3Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:
4Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?
5Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude. 6Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.
7Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
Predigt (Matth 9,27-31)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Herrn Jesus Christus.
Heute ist der Hirtensonntag, Miserikordias Domini.
Der Bezirksausschuß Schwentine wurde eingeladen, an der Gottesdienstgestaltung mitzuwirken.
Der heutige Hirtensonntag hat ein ideales Motto, um damit zu beginnen.
Insgesamt gestalten wir als Bezirk noch zwei weitere Gottesdienste.
So segne der Herr nun Reden und Hören an uns.
„Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ (Ps 23, 1+4)
Seit Jahrtausenden halten Menschen daran fest: „Der Herr ist mein Hirte.“
Trost und Halt, Orientierung fürs Leben.
„Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“
Seit Generationen ist dieser Vers Trost und Zuspruch, Ermutigung und Hoffnung in schweren Zeiten.
Wir haben es gehört in der Lesung „Ich selbst will meine Schafe weiden… ich will das Verlorene wieder suchen … und das Verwundete verbinden“
Es wird uns schon im Alten Testament zugesprochen, dass Gott sich als Hirte um uns kümmert.
An ihn können wir uns wenden.
Mit dem Predigttext wollen wir den Hirten heute noch anders beleuchten.
Der Text steht bei Matthäus 9, 27-31.
27Und als Jesus von dort weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien: Du Sohn Davids, erbarme dich unser! 28Als er aber ins Haus kam, traten die Blinden zu ihm. Und Jesus sprach zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich das tun kann? Da sprachen sie zu ihm: Ja, Herr. 29Da berührte er ihre Augen und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben! 30Und ihre Augen wurden geöffnet. Und Jesus bedrohte sie und sprach: Seht zu, dass es niemand erfahre! 31Aber sie gingen hinaus und verbreiteten die Kunde von ihm in diesem ganzen Lande.
Eine kurze Passage, oft überlesen, weil so gar nichts Dramatisches geschieht.
Eine Blindenheilung – für Jesus nichts Besonderes.
Sehen wir uns die Szenerie etwas genauer an:
Jesus ist mit seinen Jüngern und Nachfolgern unterwegs.
Ein ganzer Pulk Menschen folgt ihm, darunter auch viele Frauen.
Unterwegs hatte er eine Frau geheilt, die 12 Jahre unter Blutungen litt.
Danach wurde das Töchterchen des Jairus auferweckt.
Wunder über Wunder geschahen und die Menschen kamen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus.
Da stoßen nun 2 Blinde zu der Menge hinzu.
Sie rufen und schreien damit Jesus auf sie aufmerksam wird.
„Du Sohn Davids, erbarme dich unser!“.
Nicht nur einmal rufen sie, wieder und wieder schreien sie, damit Jesus ihnen hilft.
„Du Sohn Davids, erbarme dich unser!“ „Du Sohn Davids, erbarme dich unser!“
Und Jesus? -- Tut nichts.
Ein Zuschauer in der Menge könnte denken:
Aber Jesus, warum hörst du denn nicht? Warum reagierst du nicht?
Die Blinden brauchen dich doch!
Du bist ihre einzige Rettung.
Wie oft hast du schon Blinde geheilt.
Scharenweise.
Du kannst das doch!! Es wäre dir ein Leichtes.
Warum reagierst du nicht??
Der Text gibt uns keine Antwort.
Wir wissen nicht, warum sich Jesus nicht wie sonst um die Blinden kümmert.
Jesus ist nicht alleine unterwegs.
Die Jünger sind auch dabei.
Sonst reagieren sie genervt, wenn Leute nach Jesus rufen oder Kinder die Ordnung stören.
Sie sind bekannt dafür, dass sie entweder den Leuten sagen, sie sollen Ruhe geben.
Oder sie wenden sich direkt an Jesus, damit er eingreift.
Zwei Blinde laufen mit im Pulk und rufen und schreien
„Du Sohn Davids, erbarme dich unser.“ „Du Sohn Davids, erbarme dich unser.“
Und die Jünger? – Tun nichts.
Unser Zuschauer in der Menge ist versucht zu rufen:
Aber Andreas, Johannes, Thomas und ihr andern alle, warum greift ihr denn nicht ein?
Die Blinden brauchen doch eure Fürsprache.
So oft wart ihr doch Zeugen, dass Jesus heilen kann.
Warum tut ihr nichts, um diesen Zweien zu helfen??
Der Text gibt uns keine Antwort.
Wir wissen nicht, warum sich die Jünger nicht wie sonst um die Rufer kümmern.
Im Text heißt es nur: „Und als Jesus … weiterging, folgten ihm zwei Blinde, die schrien:
Du Sohn Davids, erbarme dich unser.“
Jesus und seine Schar sind also eine ganze Weile unterwegs.
Dabei rufen und schreien die Blinden - und niemand scheint sie zu beachten.
Wir wissen nicht wie lang der Weg war.
Es wird nicht gesagt, wie lange die Blinden aushalten in ihrem Rufen und Schreien.
Wie weit…. Wie lange…. auch kurze Wege können lang sein!
Dann endlich sind sie am Ziel angelangt.
In einem Haus.
Die Blinden sind auch angekommen und treten auf Jesus zu.
Man würde nun denken, dass Jesus sie lobt, weil sie so tapfer durchgehalten haben, weil sie ihre Hoffnung auf sein Eingreifen nicht verloren haben.
Man würde Lob erwarten für ihren Mut, die ganze Strecke gerufen zu haben, obwohl sich die Menge wahrscheinlich über das Geschrei beklagt hat.
Und was tut Jesus??
Kein Lob, sondern eine Frage. Quasi eine Glaubensprüfung.
„Glaubt ihr, dass ich das tun kann?“
Man möchte sagen: „Klar doch. Sonst wären wir nicht den ganzen Weg hinter dir hergelaufen.
Was soll die Frage. Ist doch offensichtlich!“
Aber die Blinden antworten nur mit einem ganz schlichten: „Ja, Herr“
Die Not ist größer als Wut über Nichtbeachtung, Rebellion gegen Umstände, Trotz oder Arroganz.
In echter Verzweiflung bleibt nur das Festhalten - mit letzter Kraft - an dieser Zusage:
Ja, Herr, du kannst es.
Die Blinden sind an diesem Punkt, ganz unten im finstern Tal angekommen und halten sich fest an der Zusage des Hirten: „Ja, Herr“.
Mehr Kraft haben sie nicht mehr.
„Da berührte er ihre Augen und sprach: Euch geschehe nach eurem Glauben! Und ihre Augen wurden geöffnet.“
Man kann diese Geschichte lesen und denken der Hirte ist taub und reagiert nicht.
Er ist blind und sieht die Not der zwei Männer nicht.
Der gute Hirte taub und blind!
Wie viele Menschen rufen zu Gott in ihrer Not, beten zu Jesus in ihrer Krankheit, schreien ihre Verzweiflung heraus, Tag und Nacht – und Gott reagiert nicht, Jesus hört nicht.
Nichts ändert sich.
Nichts geschieht.
Sie stolpern weiter auf ihrem Weg und weder Gott noch Kirche scheinen sich zu kümmern.
Der gute Hirte taub und blind.
Die Jünger und Vertreter der Kirche greifen auch nicht ein.
Wahrliche eine Glaubensprüfung.
Unser Text spricht genau in diese Situationen hinein.
Der gute Hirte reagiert nicht auf Knopfdruck.
Es gibt keine Garantie, dass alle sofort und überhaupt geheilt werden.
Unverständnis und Not sind durch das Eingreifen Jesu eben nicht abgeschafft.
Und dennoch zeigt unser Text wie der gute Hirte auch in diesen Situationen dabei ist:
Jesus war nicht taub.
Er hat genau gehört, was die Blinden gerufen haben.
Und genau darauf zielt seine Frage. Keine Umschweife, keine Ausreden….
Direkt kommt er zum Kern ihres Rufens: „Glaubt ihr, dass ich das tun kann?“
Jesus weiß ganz genau, um was es geht.
Er hat die Not erkannt und kümmert sich darum.
Wir wissen nicht wie lange der Weg war.
Wie lang das scheinbar ungehörte Rufen dauerte.
Aber als sie im Haus angekommen sind, im geschützten Raum, dort wo keine Menschenmassen mehr sind- da wendet sich Jesus den Blinden zu.
Jesus kümmert sich um sie im Privaten, nicht in der Öffentlichkeit, nicht als Public Viewing-Show.
Das Haus war sein Ziel.
Die Blinden wussten wahrscheinlich nicht um dieses Ziel.
Aber uns wird mitgeteilt, dass der Weg ein Ziel hatte.
Wann und wo mag unbekannt sein – aber Jesus hat ein Ziel mit uns – auch in der Not und in der Verzweiflung.
Und noch etwas steht in diesem Text vom Hirten.
Zwischen den Zeilen quasi.
Die zwei Männer waren blind. Zu der Zeit gab es keine ebenen Teerstraßen.
Dass sie Jesus folgen konnten, war nur möglich, weil es Menschen gab, die sie geführt haben.
Menschen, die sie auf dem Weg begleitet haben.
Menschen, die das Rufen und Schreien, die blinde Not ausgehalten haben und sie in der Nachfolge Jesu bestärkt haben.
Diese Menschen waren einfache Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu.
Keine Würdenträger – einfache Menschen wie Sie und ich.
So endet diese ungewöhnliche Hirtengeschichte mit der Ermutigung,
das Rufen und Schreien nicht aufzugeben.
Weil Gott hört.
Weil Jesus einen Weg mit uns geht und ein Ziel hat.
Und weil er eingreifen kann, zu seiner Zeit und in seiner Art und Weise.
Weil er uns begleitet vom „finstern Tal“ zum „Hause des Herrn immerdar“.
Und die Geschichte endet mit der Aufforderung an uns, die Not anderer wahrzunehmen.
Sie in der Nachfolge zu unterstützen.
Sie auf dem Weg zu begleiten und gemeinsam auf das Eingreifen Jesu zu hoffen.
Dann werden wir auch einander zu Hirten in der Nachfolge Jesu, der unser aller Hirte ist.
Hören wir noch einmal auf den Zuspruch des Evangeliums: (Lk 15,4ff)
„Wer ließe nicht die 99 Schafe in der Wüste und ginge dem verlorenen nach, bis er’s findet? Und wenn er’s gefunden hat, so legt er sich’s auf die Schultern voller Freude.“
Amen
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Quasimodogeniti am 12.04.2026
von Pastorin Lilienthal
Liebe Gemeinde,
Das Ja, das bleibt - Tauferinnerung
Es gibt Dinge, die trägt man lange mit sich herum, ohne groß darüber nachzudenken. Bei mir ist das ein alter Schlüsselanhänger. Ich habe ihn vor vielen Jahren von einem lieben Menschen geschenkt bekommen. Ein kleiner Engel ist daran. Nicht besonders kostbar. Kein Kunstwerk. Aber ich habe ihn nie weggetan. Dabei ist er längst nicht mehr heil. Ein Flügel fehlt. Der Kopf war auch schon einmal ab. Ich habe ihn dann einfach wieder angeklebt. Eigentlich ist das ein unscheinbares Ding. Und trotzdem habe ich ihn behalten. Vielleicht, weil in so einem kleinen Engel mehr steckt als nur Metall oder Kunststoff. Er steht für eine Sehnsucht. Nämlich die Sehnsucht, dass jemand auf uns Acht gibt. Dass wir nicht einfach durchs Leben laufen müssen und am Ende sehen, wie wir allein zurechtkommen. Sondern dass einer da ist. Einer, der uns sieht. Einer, der uns nicht aus der Hand gibt.
In der Bibel gibt es dafür starke Bilder. Im Psalm 91 heißt es: Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen. Das ist einer dieser Sätze, die man nicht vergisst, wenn man sie einmal an sich herangelassen hat. Und er ist nicht ohne Grund ein beliebter Taufspruch. Denn da ist ja beides drin. Unsere Hoffnung und unsere Wirklichkeit. Der Beter des Psalms tut nicht so, als wäre das Leben leicht. Er redet von Angst. Von Schrecken in der Nacht. Von Gefahr. Von allem, was Menschen zusetzen kann. Die Bibel ist da erstaunlich ehrlich. Sie malt keine heile Welt. Und gerade deshalb klingt dieser Satz so stark. Du bist nicht allein unterwegs.
Ich glaube, genau darum geht es auch bei der Taufe. Viele von uns wissen von ihrer eigenen Taufe nur aus Erzählungen oder von Fotos. Manche waren Säuglinge. Andere erinnern sich kaum noch. Das ist nicht schlimm. Denn die Taufe lebt nicht davon, dass wir uns besonders gut erinnern. Sie lebt davon, dass Gott sich erinnert. Dass sein Wort über unserem Leben nicht zurückgenommen wird. In der Taufe sagt Gott Ja zu uns. Nicht nur für einen schönen Tag in der Kirche mit Taufkleid, Kerze und Familienbild. Sondern für das ganze Leben. Und dieses Leben läuft eben nicht immer glatt. Da bricht auch einmal etwas ab. So wie bei meinem kleinen Engel. Vertrauen kann abbrechen. Hoffnung kann abbrechen. Beziehungen tragen Risse davon. Manchmal erkennt man sich selbst kaum wieder, weil das Leben so viel mit einem gemacht hat. Aber die Zusage Gottes hängt nicht davon ab, dass wir unversehrt bleiben. Das ist für mich einer der tröstlichsten Gedanken überhaupt. Gottes Ja wird nicht hinfällig, nur weil mein Leben schwierig geworden ist. Es gilt nicht nur in den hellen Zeiten. Es gilt auch dann, wenn ich müde bin. Wenn ich Angst habe. Wenn ich innerlich weit weg bin. Wenn ich gerade gar nicht sagen könnte, wo Gott eigentlich ist. Vielleicht ist Tauferinnerung genau deshalb so wichtig. Nicht, weil wir in die Vergangenheit zurückmüssen. Sondern weil wir im Heute etwas neu hören müssen, das leicht untergeht. Zwischen Terminen, Sorgen, Nachrichten, Streit, Erschöpfung und all dem, was uns beschäftigt. Nämlich dies: Du bist gemeint. Du bist gesehen. Du gehörst nicht ins Nichts. Jesus sagt: Ich bin bei euch alle Tage. Und vielleicht ist genau das die Stärke des Glaubens. Gott macht nicht jedes Dunkel sofort hell. Aber er sagt, dass wir da nicht allein hindurchgehen müssen. Darum ist die Erinnerung an die Taufe keine fromme Nebensache. Sie ist eine starke Erinnerung mitten im Leben. Gott hat mich nicht vergessen. Sein Ja steht noch. Heute. Und morgen auch. Und alle Tage!
Einen gesegneten Sonntag wünscht Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Ostersonntag am 05.04.2026
von Pastorin Lilienthal
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Es gibt Erfahrungen, die sich wie ein Stein vor das Leben legen. Sie sind weder laut noch spektakulär. Aber sie sind endgültig in ihrer Wirkung. Etwas ist geschehen, das sich nicht zurücknehmen lässt. Und man merkt: Hier komme ich nicht weiter. Da bleibt dann nicht nur eine Frage, sondern auch ein Gefühl von Ohnmacht.
So beginnt der Ostermorgen.
Drei Frauen machen sich früh auf den Weg zum Grab Jesu. Sie haben miterlebt, wie er gestorben ist. Sie wissen, wo er begraben wurde. Jetzt gehen sie dorthin. Sie tragen wohlriechende Öle bei sich, um das zu tun, was nach einem Tod noch möglich ist. Es ist ein Gang der Treue. Aber keiner der Hoffnung. Eher ein letzter, stiller Weg – aus Liebe.
Unterwegs sprechen sie über ein ganz konkretes Problem. Der Stein vor dem Grab ist zu schwer. Wer wird ihn wegwälzen?
Mehr erwarten sie nicht. Kein Wunder. Keine Wendung. Nur ein letzter Dienst an einem Toten.
Und dann ist der Stein weg. Damit beginnt Ostern. Und das, obwohl die Frauen erst einmal nichts mitbringen, was dieses Geschehen vorbereitet hätte. Keinen Glauben, der stark genug gewesen wäre. Keine Erwartung, die sich nun erfüllt.
Sie stehen vor einer Wirklichkeit, die ihnen voraus ist. Einer Wirklichkeit, die sie erst langsam einholen müssen. Das ist der eigentliche Drehpunkt dieser Geschichte. Nicht der Glaube öffnet den Weg, weil der Weg ist geöffnet. Erst danach beginnt ein Verstehen und vor allem ein Erschrecken. Denn die Botschaft, die sie hören, ist nicht einfach tröstlich. Sie ist zu groß, um sich sofort einfügen zu lassen. Der Gekreuzigte lebt.
Das bedeutet mehr als eine Hoffnung gegen den Tod. Es bedeutet, dass der Tod seine letzte Geltung verloren hat. Dass das, was wir für endgültig halten, es nicht ist.
Eine solche Wirklichkeit lässt sich nicht sofort aufnehmen. Sie erschüttert. Und zugleich beginnt sie leise, etwas zu verändern.
Darum ist die Reaktion der Frauen so nüchtern erzählt. Sie erschrecken.
Sie fliehen. Sie schweigen.
Das ist kein Scheitern. Es ist der Anfang. Ein Anfang, der Zeit braucht.
Der Anfang eines Weges, auf dem sich allmählich erschließt, was hier geschehen ist. Spätere Zeugnisse sprechen von Gewissheit, von Begegnung, von Vertrauen. Hier aber steht zuerst etwas anderes. Eine offene Wirklichkeit, die noch nicht eingeholt ist. Und doch ist sie real.
Und sie beginnt zu wirken. Sie wirkt auch dort, wo noch keine Worte dafür da sind. Dieses Geschehen lässt sich nicht auf das Grab beschränken. Es zielt weiter. Es betrifft alles, was sich in unserem Leben als abgeschlossen darstellt. Alles, was sich unserer Verfügung entzieht.
Alles, was wir für endgültig halten. Ostern setzt genau dort an. Nicht, indem es diese Erfahrungen aufhebt, sondern indem es ihren Anspruch relativiert. Der Tod bleibt Wirklichkeit. Aber er ist nicht mehr die letzte.
Aus dieser Wirklichkeit wächst mit der Zeit ein Wort. Ein Vertrauen, das sich nicht erzwingen lässt, aber sich einstellt. Und schließlich ein Bekenntnis, das gesprochen werden kann.
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaftig auferstanden.
Gesegnete Ostern wünscht Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Palmsonntag am 29.03.2026
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
sie sitzt am Küchentisch in den letzten Strahlen der Abendsonne. Es duftet nach frisch gebackenem Brot und nebenan sind fröhliche Stimmen zu hören. In der Hand hält sie ein Fläschchen, hebt es hoch gegen das Licht. Durch das weiche Weiß des Alabasters schimmert die Flüssigkeit darin goldgelb. Selbst durch den Korken hindurch dringt der süßlich-herbe Duft. Unglaublich kostbar ist dies bisschen Flüssigkeit, das weiß sie.
Immer wieder hatte es in diesem Haus nach Salböl geduftet seit Simon am Aussatz erkrankt war, immer wieder vergeblich. Diese eine Flasche hatte sie aufgespart, diese eine wertvollste Flasche. Als wäre darin die Essenz aller Tränen die sie vergossen hatte gesammelt, all der Bitterkeit und der Süße ihrer Liebe.
Sie hatte sie nicht mehr gebraucht. Weder als letzten, verzweifelten Heilungsversuch noch für Simons Begräbnis, denn Simon war wieder gesund geworden. Jesus hatte ihn geheilt. Simon, der nur noch aus Gewohnheit der Aussätzige genannt wurde hat ein neues Leben geschenkt bekommen. Alles hat seit dem eine andere Bedeutung für sie. Die Worte dieses bis dahin Fremden füllen ihr Dasein mit Sinn. Jedes kleines Senfkorn in ihrer Hand erzählt vom Baum, in dessen Wipfeln die Vögel Zuflucht finden. Jeder freundliche Blick von der Liebe Gottes die den Tod überwindet.
Aber der ach so kluge und gebildete Simon hat nicht wirklich verstanden – oder sich einfach nicht getraut - ist Jesus nicht gefolgt. Ja, heute Abend hat er Jesus und seine Freunde eingeladen, die auf dem Weg nach Jerusalem sind, aber was sie jetzt vorhat, das wird er nicht begreifen.
Es ist Unsinn, sagt die Vernunft - Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Weder er noch jemand von den übrigen Männern dort drüben begreift anscheinend:
Übermorgen schon ist das Passafest. Übermorgen schon der Tag der der Tag der ungesäuerten Brote, das letzte Passamahl das Jesus feiern wird. Und sie spürt, dass sie es tun muss – jetzt!
Es ist lächerlich, sagt der Stolz - Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Langsam steht sie auf und umschließt die kühle, glatte Rundung des Gefäßes mit den Fingern. Als sie den Raum betritt und zielsicher auf Jesus zuschreitet, richten sich alle Blicke auf sie. Hundertmal hat sie sich diesen Moment ausgemalt, diese Begegnung, in die sie alles hineinlegen will, was ihr Herz füllt.
Alls sie das Gefäß aufschlägt, verbreitet sich der Duft im ganzen Raum, strömt in jede Ritze und verschlägt allen einen Moment den Atem. Vorsichtig, fast zärtlich, lässt sie die kostbare Flüssigkeit auf Jesu Kopf rinnen.
Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Bis die ersten die Sprache wiederfinden ist es ganz still, alles ist nur Wohlgeruch. Bis sie sie murmeln hört: Was soll das? Was für eine Verschwendung! Wozu? Das hätten wir teuer verkaufen und das Geld den Armen geben!
Es ist Unglück, sagt die Berechnung - Es ist was es ist sagt, die Liebe.
Und Jesus sagt: „Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“ (Mk 14,6ff)
Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Der Duft liegt wie eine weiche Decke im Raum und das Öl glänzt in seinem Haar. Doch die Worte liegen schwer zwischen ihnen „Mein Begräbnis“ „Zu meinem Gedächtnis“.
Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst - Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Wird es auch in den kommenden Tagen sagen:
Wenn Jesus mit seinen Freunden nach Jerusalem einzieht und die Menschen Palmwedel schwenkend rufen „Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn!“, obwohl das „Kreuzige ihn!“ schon in der Luft liegt.
Wenn Jesus mit seinen Freunden zum letzten Mal das Passamahl feiert.
Wenn ihn im Garten die Zweifel überfallen und sich Angstschweiß mit dem Öl mischt.
Wenn er mit der Dornenkrone auf dem Kopf vor Pilatus steht und sich Blut mit dem Öl mischt.
Und auch oben am Kreuz duftet das Öl dann weiter, duftet königlich dem zum Verbrecher erniedrigten und duftet als der Hauptmann bekennt: „Dieser war wirklich Gottes Sohn.“
Sie werden ihn ins Grab legen und weil der Sabbat kommt, können sie ihn nicht wie es der Brauch fordert zum Begräbnis salben. Erst am Sonntag in den ersten Strahlen der Morgensonne werden Frauen mit dem Salböl kommen und das Grab leer finden.
Vielleicht spürt sie das alles schon in diesem einen Moment als der Wohlgeruch den Raum füllt, in diesem kostbaren, kurzen Moment.
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung - Es ist was es ist, sagt die Liebe.
Einen gesegneten Palmsonntag
Ihre Pastorin Ute Parra
P.S.: Die eingerückten Zitate stammen aus: Erich Fried: Es ist was es ist. Liebesgedichte, Angstgedichte, Zorngedichte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1991
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Judika am 22.03.2026
von Pastorin Parra
„Darum ist auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, außerhalb des Stadttores gestorben. So lasst uns zu ihm hinausgehen, zu dem Ort außerhalb des Lagers, und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern wir sehnen die zukünftige herbei.“ (Hebr 13,12-14)
Liebe Gemeinde,
drinnen - da ist es sicher und gemütlich, stets gut temperiert durch die Zentralheizung und vielleicht sogar Klimaanlage. Die Haustür ist sicher verschlossen. Da überlegt, wer hier zu Hause ist, gut, wer reindarf.
Draußen – da ist man Wind und Wetter ausgesetzt. Da hat man auch keinen Schutz vor unliebsamen Begegnungen. Da treiben sich die rum, die kein schönes Zuhause haben und nichts zu verlieren.
Drinnen – das ist die „In-Group“. Man könnte also glauben, dass ein mahnender, fürsorglicher Prediger oder Briefschreiber die ihm Anbefohlenen erinnert: „Bleibt immer schön drinnen und vergesst nicht, die Tür abzuschließen!“ Der Hebräerbriefempfiehlt anderes:
„Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten...“ (Hebr. 13,2-3)
Aber das ist noch nicht alles. Die Autoren sagen: Wir haben hier in der Welt kein „Drinnen“, keine „bleibende Stadt“. Sie nehmen Bezug auf das „Drinnen“ des Volkes Israel im Lager während der Wüstenwanderschaft und später in Jerusalem, der heiligen Stadt, wo die Priester am Versöhnungstag Tiere schlachten und deren Blut Gott zur Versöhnung opfern – für die Sünden des Volkes. Jedes Jahr am gleichen Tag, dann reicht es für ein ganzes Jahr – immer wieder. Und mancher meinte vielleicht: „Jetzt haben wir Gott auf unserer Seite, hier drinnen und ganz für uns. Schnell die Tore zu – in der Stadt, im Haus, im Herzen.“ Aber was ist mit denen, die draußen bleiben? Draußen vor der Tür, wo die Kadaver der geschlachteten Tiere als Abfall verbrannt werden?
„Draußen vor der Tür“, das berühmte Theaterstück, das Wolfgang Borchert vor 80 Jahren geschrieben hat, erzählt von einem Kriegsheimkehrer, von Beckmann. Mit einem verschossenen Knie und von Albträumen geplagt kehrt er in seine Heimatstadt zurück. Und auch wenn er physisch in die Stadt hineingeht, er ist dort nicht mehr zu Hause. Alles ist anders und fremd. Keiner ist da, der ihn freundlich empfängt. Wer will schon so einen, der kaputt ist – äußerlich und innerlich. Wer will einen, dem die Schuld, die man gerade mühevoll verdrängt hat, ins Gesicht geschrieben steht? So einer ist gefährlich und landet immer wieder draußen vor der Tür. Am Ende fragt Beckmann: „Wo ist denn der alte Mann, der sich Gott nennt? Warum redet er denn nicht? ….Gibt denn keiner Antwort?“
Die Antwort des Hebräerbriefes lautet so: Gott ist auch draußen. Er ist ein schutzloser Säugling im nächtlichen Stall bei den Hirten. Ein Wanderprediger ohne festen Wohnsitz, der von Almosen lebt. Einer, der stört und darum schließlich ein Gefangener, Gefolterter und draußen vor den Toren der Stadt Hingerichteter. Das ist Gott in unserer Welt.
Und heute? Je größer die Ängste drinnen werden, dass es dort bald nicht mehr sicher und gemütlich ist, desto fester wird die Tür geschlossen. Desto weniger gastfrei wagen wir zu sein. Desto weniger können wir den Anblick des Draußen ertragen.
Draußen, das ist ein Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, wo die gestrandet sind, die nicht im Mittelmeer versanken und Monate und Jahre vor den Toren Europas ausharren. Draußen sind die zerbombten Häuserschluchten im Gazastreifen, aus denen sich nun auch die Hilfsorganisationen zurückziehen müssen. Draußen ist ein Dorf im Südsudan – heimgesucht von Überschwemmungen, Dürren und Bürgerkrieg. Draußen ist die größte Elektronikschrott-Müllhalde der Welt in Ghana, wo aus all dem, was hier keiner mehr brauchen kann, unter unsäglichen Bedingungen die wertvollen, wiederverwendbaren Metalle herausgeholt werden…
Wer kann es aushalten, das anzusehen? Sind wir Schuld? Was könnten wir schon tun?
Einer hat hingesehen und ausgehalten. Hat zu seinem Wort gestanden: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und sein Leben gebe als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45). Einer hat die Aussätzigen berührt und bei den Ausgeschlossenen gewohnt. Darum haben sie ihn umgebracht, wollten sie ihn verschwinden lassen – draußen vorm Tor.
Und eben dieser Mord an Gott draußen vor dem Tor, der brachte die Wende. Denn nun ist klar: Draußen vor der Tür, am Kreuz, da ist Gottes rettende Gegenwart. Es gibt keinen besseren Ort als dort, wo die Außenseiter in seiner Nähe heil und heilig werden und rein. Drinnen und draußen werden getauscht. Das Kreuz ist zum Mittelpunkt der Welt geworden. Das Draußen wird zum heiligen Ort, weil Gott da ist.
Draußen vor dem Tor treffen sich die, deren »einziger Trost im Leben und im Sterben« (Heidelberger Katechismus, Frage 1) der gekreuzigte und auferstandene Christus ist. Sie sind dort mit den Beschädigten, Bedürftigen, Ausgegrenzten, und anderen, die seine Schmach tragen.
Als ich Studentin war, habe ich eine Frau getroffen, die aus tiefer Glaubenszuversicht Obdachlose, die sie auf der Straße traf, mit in ihrer Wohnung wohnen ließ. Ich fragte sie, ob sie keine Angst habe und sie erzählte, ihr sei noch nie etwas geschehen und sie vertraue einfach darauf, dass das so bleibe.
Nicht jede und jeder geht so einen radikalen Weg, aber für jeden und jede gibt es Türen zu öffnen und Fenster ins Zukünftige zu entdecken.
Ja, Kirche ist Teil dieser Welt, aber nicht nur. Wir gehören eigentlich schon gar nicht mehr ganz zum Gegenwärtigen – wir suchen die zukünftige Stadt. Aber wo Kirche nur noch besorgt ist wegen sinkender Mitgliederzahlen und schwindender finanzieller Mittel, wo an der Zuwendung zu den Menschen gespart wird, um ein vermeintlich sicheres „Drinnen“ zu erhalten, besteht die Gefahr, das zu vergessen.
Wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern, dann nehmen wir Bezug auf das, was damals vor den Toren geschah. Das war anders als der Opferkult zum Versöhnungstag, der das Drinnen wieder rein machen sollte – jedes Jahr aufs Neue. Wir erinnern uns an unsere schuldhaften Verstrickungen, aber auch daran, dass wir sie selbst nicht lösen können, sondern dass einer sie für uns gelöst hat – draußen vor der Tür. Ein für alle Mal.
Und dann teilen wir Brot und Traubensaft. Alle sind eingeladen, die sich diesem Geheimnis des Glaubens anvertrauen wollen. Die schmecken und sehen wollen: „So freundlich ist Gott“. Die Tür ist offen.
Danach gehen wir wieder nach draußen - gestärkt. Die Stadtkirche bleibt offen als ein Ort, an den jeder kommen kann – unters Kreuz. Aber auch sie ist nicht unsere bleibende Stadt.
Wo ist die zukünftige Stadt, die wir suchen? Wo ist der Ort, an dem es endlich Frieden und Gerechtigkeit für alle gibt? Ein Ort, an dem alle seelenruhig sein können?
Er ist noch nicht da, aber wir erahnen ihn – jenseits aller Gewissheit, aller wohltemperierten Wohnzimmer. Draußen, wo wir viel mehr gewinnen als verlieren können wenn wir durchs Kreuz ins Leben gehn (EG 79,4).
Machen wir uns auf die Suche!
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
Gruß zum Sonntag Lätare am 15.03.2026
von Pastorin Lilienthal
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;
wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Es ist ein ungewöhnliches Bild, das Jesus hier benutzt. Kein großes Gleichnis, keine lange Erklärung. Nur ein Satz. Und ein kleines Korn.
Wer ein Weizenkorn in der Hand hält, sieht zunächst nichts Besonderes. Ein unscheinbares Körnchen, kaum größer als ein Fingernagel. Man könnte es aufheben, in eine Schale legen oder in der Hand behalten. Dann bleibt es erhalten. Aber es bleibt auch allein.
Erst wenn es in die Erde fällt, beginnt etwas Neues. Das Korn verschwindet. Es wird bedeckt, liegt im Dunkeln der Erde. Von außen betrachtet wirkt es fast so, als sei alles vorbei. Doch genau dort geschieht das Entscheidende. Im Verborgenen bricht neues Leben auf. Ein Keim wächst, später ein Halm, schließlich eine Ähre mit vielen neuen Körnern.
Dieses schlichte Bild sagt mehr über das Leben, als man zunächst vermuten würde.
Jesus spricht diese Worte in den letzten Tagen. Vor seinem Weg nach Jerusalem. Er weiß, dass dieser Weg ans Kreuz führt. Für seine Jünger muss das unverständlich gewesen sein. Sie hatten ihre Hoffnungen auf ihn gesetzt. Sie erwarteten Aufbruch, Veränderung, vielleicht sogar einen großen Sieg. Dass dieser Weg im Sterben enden könnte, passte nicht zu ihren Erwartungen.
Doch Jesus beschreibt seinen Weg mit dem Bild des Weizenkorns. Sein Sterben wird nicht das Ende sein. Aus diesem Sterben wird Leben entstehen, für viele.
Eigentlich verbinden wir Leben ja im Grunde mit Wachstum, Stärke und Erfolg. Das Evangelium erzählt eine andere Geschichte. Manchmal beginnt Neues gerade dort, wo etwas zu Ende geht.
Viele Menschen kennen solche Erfahrungen. Es gibt Momente im Leben, in denen etwas zerbricht. Eine Hoffnung, ein Plan, eine vertraute Lebenssituation. Wir verlieren geliebte Menschen. In solchen Zeiten wirkt alles stiller, leerer, dunkler.
Im Bild des Weizenkorns wird eine andere Perspektive sichtbar. Nicht alles, was verschwindet, ist verloren. Manches muss erst in die Erde fallen, bevor neues Leben entstehen kann.
Das bedeutet nicht, dass Abschied leicht wäre oder Schmerz schnell vergeht. Aber es verändert den Blick auf das, was geschieht. Unter der Oberfläche wächst oft schon etwas Neues, leise, unscheinbar, zunächst verborgen.
Der Weg Jesu selbst erzählt davon. Sein Tod am Kreuz scheint zunächst wie das endgültige Scheitern zu sein. Doch aus diesem Sterben wächst die Hoffnung der Auferstehung. Aus dem, was wie ein Ende aussieht, wird ein neuer Anfang.
Im Bild des Weizenkorns liegt deshalb eine stille Hoffnung. Gottes Geschichte endet nicht im Dunkel.
Manchmal beginnt gerade dort etwas Neues.
Und wer weiß, vielleicht wächst auch in unserem Leben längst etwas, das wir noch gar nicht sehen. Ich wünsche es mir und Ihnen.
Gesegneten Sonntag! Ihre Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Okuli am 08.03.2026
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
57Unterwegs sagte jemand zu Jesus:
»Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!«
58Jesus antwortete:
»Die Füchse haben ihren Bau und die Vögel ihr Nest.
Aber der Menschensohn hat keinen Ort,
an dem er sich ausruhen kann.«
59Einen anderen forderte Jesus auf: »Folge mir!«
Aber der sagte: »Herr, erlaube mir,
zuerst noch einmal nach Hause zu gehen
und meinen Vater zu begraben.«
60Aber Jesus antwortete:
Ȇberlass es den Toten, ihre Toten zu begraben.
Du aber geh los und verkünde das Reich Gottes!«
61Wieder ein anderer sagte zu Jesus:
»Ich will dir folgen, Herr!
Doch erlaube mir,
zuerst von meiner Familie Abschied zu nehmen.«
62Aber Jesus antwortete:
»Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut,
der eignet sich nicht für das Reich Gottes.«
Provokante These zur Botschaft dieses Textes?!
Jesus sucht Ja-Sager.
Jesus sucht Ja-Sager, weil es in diesem Text um eine Grundentscheidung für die Freiheit geht.
»Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!«
Und Jesus nennt die Bedingungen:
Keine Grube, kein Nest, keine Vater-Beerdigung, keine Familie.
Keine Rückwärtsschau beim Pflügen.
Und wo Menschen das so lesen, finden sie das hart; als würde Jesus Dinge fordern, die unmöglich sind, geradezu unmoralisch oder technisch unsinnig.
Z.B. die Sache mit dem Pflug: Ich habe einen Landwirt gefragt: Wohin schaust Du beim Pflügen? Und er hat gesagt: Natürlich nach hinten; ich muss doch wissen, dass ich gerade pflüge, dass der Schar die richtige Tiefe hat usw.
Und so sagen andere:
Das geht doch gar nicht, dass ich nicht meinen Vater beerdigen soll oder meine Familie verlassen.
Aber, Achtung, der, der so scheinbar hart spricht, stellt sich selbst den harten Bedingungen: Wo Füchse Gruben und Vögel Nester haben, hat er, Jesus, hat keinen Ort, wo er sich ausruhen kann.
Vielleicht ist aber „hart“ auch gar nicht die richtige Beschreibung dessen, was Jesus fordert. Vielleicht müsste man es stattdessen eher radikal nennen.
Reich Gottes, Himmel, darum geht es ihm.
Um das Reich Gottes zu erlangen, reicht keine leichte Kursänderung. Es bedeutet eine grundsätzliche Entscheidung, Nachbessern hilft nicht.
Jesus fragt nach Begeisterung, nach mehr als nur als Euphorie. Jesus denkt in anderen Dimensionen. Das, was ihn bewegt, ist größer als die Welt, es übersteigt den Alltag und seine Pflichten.
Es geht um das Reich Gottes, Himmelreich. Und das ist weniger ein Ort als ein Zustand. Himmel, das ist wie ein Sammelbegriff für das Unfassbare, das wir von Gott erwarten dürfen. Das ist der Moment der Erlösung, das ist das Ungetrenntsein von Gott.
Wir Menschen sind in der sogenannten dreidimensionalen Welt unterwegs. Alles hat Höhe, Breite und Tiefe.
Man könnte noch als weitere Dimension die Zeit hinzunehmen. Alles hat Vergangenheit und Zukunft
Das ist der Raum, den wir beschreiben, begreifen, betreten können. Da kennen wir uns aus. Da wohnen wir. Da begraben wir. Da haben wir Familie. Da pflügen wir.
Und Jesus übersteigt das.
»Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!«
Ich verstehe Jesu Antworten auf diesen Satz so, dass er sagt, wenn Du mir folgen willst, kommst Du in eine neue Dimension des Lebens. Dann kommt der Himmel ins Spiel.
Himmel, das ist in Wirklichkeit ein Symbolwort, in dem viele Gedanken zusammengefasst sind. Himmel ist nah bei Gott, Himmel ist ungreifbar. Menschen entscheiden nicht, wann und wie sie zum Himmel kommen, Himmel ist ein ungelöstes Rätsel.
Himmel ist eine Frage an den Glauben.
Jesus lädt ein, Ja zum Himmel zu sagen.
Dafür sucht unser Predigttext Worte und Bilder.
Gruben, Nester, Orte zum Ausruhen, Beerdigungen, Familienfeste sind alles Momente vor dem Himmel, sind Orte in den uns bekannten Dimensionen.
Wer den Himmel sucht, geht noch eine Dimension weiter, geht ins Unfassbare.
Für unser Leben bedeutet das: All unsere Orte des Lebens, auch die ganz bedeutsamen, sind vorläufige Orte. Wir werden sie hinter uns lassen. Nicht mehr begraben, nicht mehr nur an einen Punkt gehören, nicht nach hinten sehen.
Sondern stattdessen sich einlassen auf die Idee, es gäbe etwas schon vor aller Zeit und auch noch danach. Als gäbe es einen großen Rahmen um unser aller Leben, Denken, Begreifen und Handeln.
Von Ewigkeit zu Ewigkeit nennt das die alte kirchliche Sprache.
Manchmal sagen wir viel einfacher: da sind Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht sehen und begreifen und dennoch sind sie da.
Ich verstehe Jesu Worte als die Einladung, sich auf diese unfassbare Dimension des Lebens einzulassen.
Wenn wir das tun, könnte es sein, dass es uns eine Freiheit spüren lässt, die wir allein aus uns selbst nicht finden. Als gäbe es eine Einladung aus der Dimension des großen Ganzen, eine Einladung Gottes, die uns fragt, ob wir uns einlassen wollen, unsere kleine Welt im Rahmen eines viel größeren Haltes zu sehen.
Wichtig ist mir dabei:
Diese Haltung lädt dazu ein, sich dennoch voll in das Leben zu geben. Diese Freiheit bedeutet nicht, wir müssten uns um irdische Dinge nicht mehr kümmern. Not und Sorge, Schmerz, Krankheit und Tod bleiben Bestandteile unseres Lebens. Eine aus den Angeln geratene Welt kommt nicht auf einmal zum Frieden und wieder auf Kurs.
Aber das sich Einlassen auf die Dimension Gottes, die Freiheit seines Reiches, seines Himmels, kann dazu führen, dass wir uns immer wieder mitten im Leben, mitten in der Not, mitten in Verzweiflung dennoch gesehen, geborgen, gehalten fühlen.
Ein bisschen wir im Alten Testament die Geschichte von Daniel im Feuerofen, eine Symbolgeschichte, wo der wütende König Nebukadnezar den Propheten Daniel in einen glühenden Feuerofen stellt und auf einmal feststellen muss, dass nicht nur das Feuer dem Daniel nichts anhaben kann, sondern sogar noch um ihn herum stehen.
Jesu Einladung in die Freiheit gilt mitten im Feuer des Lebens. Wir bleiben ganz real und wirklich auf unseren Wegen und haben dennoch eine Ahnung tief in uns, dass wir frei von allem unter der Zusage stehen, dass Gott uns hält und uns Leben schenkt.
»Ich will dir folgen, wohin du auch gehst!«
Jesu Weg ist ein Weg quer durch alle Untiefen des Lebens. Das Leben bleibt lebensgefährlich. Und zugleich verkündigt Jesus die Botschaft von einem göttlichen Kern im Menschen, der die Verbindung mit dem großen Ganzen ahnt, hofft, vielleicht sogar glaubt.
Und dieser Kern lässt alles Vorläufige hinter sich, obwohl er zugleich in allem Vorläufigen lebt.
Paradox heißt das Wort dafür, wenn zwei sich widersprechende Dinge gleichzeitig möglich sind.
Martin Luther King, Dietrich Bonhoeffer sind für mich zwei Zeitzeugen, die mich ahnen lassen, dass sie davon etwas spürten. So waren sie noch im Tod Hoffnungsbringer. So hatten sie Träume in einer Wirklichkeit, die ihnen total widersprach. Und ihre Träume waren und wurden wahr.
Wir leben in der Woche nach Beginn des Irankrieges, im fünften Jahr des Ukraine-Krieges, in einer globalisierten Welt, die immer wieder aus den Fugen zu geraten scheint. Wir leben unser kleines Leben umgeben von riesengroßen Problemen und haben manchmal keine Idee mehr vom nächsten Schritt.
Und genau da hinein spricht Jesus die so drastisch wirkende Einladung, alles hinter sich zu lassen.
Damit wir mittendrin in allem bleibend aus allem heraustreten können. Damit wir alle Realitäten erkennen und ihnen aber keine Letztgültigkeit zukommen lassen. Damit wir jederzeit leben, sogar, wenn wir sterben.
Dafür lädt Gott uns ein, Ja- Sager zu werden.
Amen.
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Reminiszere am 01.03.2026
von Pastorin Parra
Seht hin, er ist allein im Garten. Er fürchtet sich in dieser Nacht, weil Qual und Sterben auf ihn warten und keiner seiner Freunde wacht.
Du hast die Angst auf dich genommen. Du hast erlebt wie schwer das ist. Wenn über uns die Ängste kommen, dann sei uns nah Herr Jesus Christ. (EG 95,1)
Liebe Gemeinde,
wenn ich mit Schulklassen unsere Stadtkirche betrete, sehen sie zuerst das Kreuz. Sie sehen Leid und Tod, all das, wovon unsere Welt voll ist und wovor wir sie doch eigentlich beschützen möchten. Warum stellen wir das Kreuz so in den Mittelpunkt, warum bekommt das Leid bei uns gerade in dieser Zeit vor Ostern so viel Raum?
Spannend ist, dass auf den im 2. Weltkrieg von Ina Hoßfeld gestalteten Fensterbildern in der kleinen Kirche jede Kreuzesdarstellung fehlt. Erst dachte ich, die Künstlerin wollte den leidenden Christus ausklammern und nur einen siegreichen, mächtigen Christus zeigen. Vielleicht, weil sie in dieser Zeit den Gedanken an einen schwachen Gott nicht ertragen konnte. Dann habe ich gelesen, dass sie das schon vorhandene Altarkreuz mitgedacht hat, als Mittelpunkt ihres Werkes – gewissermaßen durch alles durchscheinend.
Ohne das Kreuz keine Auferstehung. Ohne dass Gott sich all dem Schrecklichen und Grauenhaften aussetzt bis zum Letzten gäbe es immer einen Ort, an dem wir ohne ihn wären, an dem wir vergeblich riefen: Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, Gott!
Und darum ist mir die Szene im Garten so wichtig, die Jesus vor seiner Gefangennahme und Kreuzigung erlebt: Er hat Angst – Todesangst. Und er weicht dieser Angst nicht aus, verdrängt sie nicht, stellt sich all ihrer Wucht:
Wie so oft schlendern sie nach dem Essen gemeinsam hinüber in den Olivenhain, wo es nach Frühling duftet, die Grillen zirpen und die laue Abendluft sich wie ein schützender Mantel um sie legt. Als wäre dies ein ganz gewöhnlicher Abend wie jeder andere. Aber so ist es nicht. Sie haben ja Jesu Worte gehört: Einer von ihnen wird sie verraten. Jesus wird sterben und sie bleiben allein zurück. Die Angst lauert in den dunkler werdenden Schatten, in jedem Wort, das versucht, die Fassade des Alltäglichen aufrecht zu halten. Bleiern liegt sie auf ihnen und macht sie todmüde, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen oder gar dem, was da lauert, ins Auge zu blicken. So reden sie über Belangloses. Einige dösen ein.
Jesus hält es nicht mehr aus, hier zu sitzen als wäre nichts: „Bleibt hier sitzen.
Ich gehe dort hinüber und bete“, sagt er. „Petrus, Jakobus und Johannes – kommt ihr mit?“
Als sie zu viert etwas abseits stehen, überfallen ihn Angst und Trauer und er lässt seine Freunde daran Anteil haben: „Ich bin verzweifelt und voller Todesangst. Wartet hier und wacht mit mir.“ Er selbst geht noch ein paar Schritte weiter, wirft sich auf den Boden, bittet Gott um einen Ausweg, wenn irgend das möglich ist. Die ganze Angst vor den Qualen und alle Trauer um das Leben, das er lassen muss legt er in dies Gebet und vertraut sich mit alldem Gott und dessen Wille an.
Als er zu den Freunden zurückkommt, sind die eingeschlafen. „Bleibt wach und betet!“ So bittet er sie, bittet sie, mitzugehen auf seinem Weg mit Gott. Nicht nur für sich bittet er sie, sondern auch für sie selbst, gegen ihre eigene Angst, die sie lähmt.
Noch einmal geht er ins Gebet und fasst Mut: Ja, wenn es nicht anders möglich ist, dann will und wird er das alles durchstehen. Als er zurückkehrt sind die Freunde wieder eingeschlafen. Er lässt sie schlafen, betet allein – bis es dann so weit ist, der Morgen dämmert und man ihn gefangen nimmt.
Mich rührt diese Geschichte an, weil sie Jesus in Ängsten und Zweifeln zeigt. Weil sie zeigt, wie Jesus selbst um Fassung und Beistand ringt. Der Himmel öffnet sich diesmal nicht. Keine tröstende Stimme erklingt, nicht die Gottes und auch nicht die seiner Freunde.
Gott weiß also wie das ist, wenn man mit seinen Ängsten allein zu sein scheint. Er hat es selbst in Jesus Christus erlebt, hat sich den Ängsten gestellt und sie zur Sprache gebracht.
Mutig ist nicht, keine Angst zu haben, sondern mutig ist, Angst zu haben - entsetzliche Angst - und nicht davor wegzulaufen, sich ihr zu stellen. Die Freunde Jesu konnten das nicht. Sie haben es nicht an Jesu Seite ausgehalten, nicht mit ansehen können, was er erlitt und so sind ihnen die Augen zugefallen. Nichts mehr hören und sehen müssen von alldem – das war keine bewusste Entscheidung, das hat ihr Körper so für sie arrangiert und sie haben es geschehen lassen.
Jesus verurteilt sie nicht dafür. Er hat die Angst auf sich genommen – auch ihre Angst. Er hat erlebt, wie schwer das ist. Er ist an unserer Seite - uns nah - in allen Ängsten, die über uns kommen. Darum dürfen und können wir uns ihnen stellen. Susanne Niemeyer hat ein Buch geschrieben, das heißt „Mut ist ... Kaffeetrinken mit der Angst“. Mut ist, die Angst einfach platznehmen lassen auf dem Sofa und ihr Leid klagen lassen.
Oft ist es gar keine bewusste Entscheidung, den Ängsten aus dem Weg zu gehen. Den Freunden Jesu sind ja auch nicht mit Absicht die Augen zugefallen. Es ist einfach passiert. Wie so vieles in unserem Leben einfach passiert:
Jana hat eine Freundin, die schwerkrank ist und die sie immer anrufen will, es aber nicht macht, weil ...ja warum eigentlich? Weil alle Worte hohl klingen? Weil sie Angst hat, das Falsche zu sagen und es noch schlimmer zu machen? Weil sie Angst hat, das Leid nicht auszuhalten?
Paul hat einen alten Onkel, dessen Frau gestorben ist und er wollte sich schon lange bei ihm melden. Aber was soll er sagen. Das sind doch alles nur Phrasen. Davon wird die Tante auch nicht wieder lebendig....Das denkt er gar nicht so explizit. Eigentlich passiert es mehr: Immer wieder ein neuer Tag, an dem es tausend wichtigere Dinge gibt. Der Alltag geht weiter, so ist das nun mal.
Die Geschichte von Jesus im Garten sagt mir zum einen: Es ist menschlich, Angst und Leid nicht ertragen zu können. Aber zum anderen auch: Gott ist da – mitten im Leid, in der Angst, im Zweifel. Gott hält das mit uns aus und darum können wir es mit anderen aushalten. Es kommt auch nicht darauf an, dass wir dabei alles richtig machen. Eigentlich können wir gar nichts falsch machen, wenn wir dableiben und versuchen, mit auszuhalten, was eigentlich nicht auszuhalten ist. Wenn wir wach bleiben und beten – trotz aller Ausweglosigkeit. Im Vertrauen darauf, dass Gott das mit uns aushält, uns hält.
Fällt Ihnen ein Mensch ein, an dessen Seite sie bleiben wollen? Bei dem sie bleiben, wachen, beten und es aushalten wollen, dass sie sonst nichts tun können?
Wir möchten Sie einladen, nachher in der Stille eine Kerze für diesen Menschen anzuzünden. Ohne jede Verpflichtung, im Alltag immer für ihn oder sie einstehen zu können - aber in diesem Moment ganz da, ganz wach und ganz bei diesem Menschen, an den Sie denken.
Man kann das üben: Dableiben, wachen, beten. Es kann immer mehr Teil des Alltags werden. Wir können Kaffeetrinken mit der Angst, weil wir wissen: Gott ist uns auch dabei nah. Gerade dabei. Mal wird es gelingen und mal auch nicht. Und wenn es mal nicht gelingt, muss uns das nicht neue Ängste und Gewissensbisse bereiten.
Jesus sagt einfach zu seinen schlafenden Freunden: „Steht auf, wir wollen gehen.“ – und weckt uns auf zu einem Leben mit Ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Kein Leben ohne Ängste und Zweifel, aber eins mit immer neuen Chancen, mitten im Zweifel wach, lebendig und mutig zu sein.
Eine gesegnete Passionszeit Ihre Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Invokavit am 22.02.2026
von Pastor Kroglowski
Versuchungen
„Die süßeste Versuchung seit es Schokolade gibt …“ diesen Werbeslogan kennen sie vielleicht auch. Gerade in der jetzt beginnenden Passions- und Fastenzeit versichten viele ganz bewusst auf etwas, was ihnen lieb geworden ist und im Alltag auch Überhand genommen hat. Schokolade, Handygebrauch, Alkohol, Fette, Autofahren … Das Leben ist voller großer und kleiner Versuchungen. Bewusster Leben ist im Frühjahr angesagt. Schritte wieder in eine neue Richtung richten.
Auch der Bibeltext für den heutigen Sonntag (Matthäus 4,1-4) erzählt eine Versuchungsgeschichte. Jesu Versuchung in der Wüste. Dreimal führt ihn der Teufel in Versuchung.
Aus Steinen soll er Brot machen. Eine sozial gerechte weltweite Gesellschaft … von Menschen nicht zu schaffen … Jeder Hunger soll gestillt werden … Die Zeiten der Versuchung, die durch Hunger nach Brot entstehen, kennen nur noch die Älteren in unserer Gemeinde. Oberflächlich sind wir satt. Und doch der Hunger nach Leben ist allzu bekannt. Das Konsumbedürfnis, um diesen Hunger nach Leben zu stillen – richtet sich in unserer Gesellschaft auf Besitz und Geld – aber auch auf Menschen, sei es im körperlichen, seelischen oder geistigen Bereich. Jesus setzt diesem Lebenshunger seine Erfahrung entgegen, dass der Mensch vom Wort Gottes leben kann. Das stillt seinen Hunger und schafft Freiheit.
Die Versuchung durch Rettung. Gott erfüllt unsere Wünsche nicht eins zu eins. Die Versuchung Gott für alles, was in unserem Leben passiert, in die Pflicht und in die Verantwortung zu nehmen, ist groß. Ein Leben ohne Leiden, ohne Krankheit, ohne Abschied, – ein Sterben ohne Angst – eine Wellness Religion voller Engel, die einen immer bewahren. Jesus setzt dieser Versuchung entgegen: Du sollst Gott nicht versuchen! Du trägst auch selbst Verantwortung für dein Leben. Du sollst nicht versuchen, Gottes Wirken und seine Gegenwart ausschließlich an Bewahrung und Rettung zu binden, denn Gott ist in jeder Situation gegenwärtig, auch in den Wüstenzeiten, in denen man nichts von ihm spürt.
Die Versuchung durch Macht. Jesus werden alle Reiche der Welt gezeigt. Die letzte, die härteste Versuchung des Teufels, die Versuchung der Macht: Einfluss ausüben, etwas durchsetzen können, die Fäden in der Hand halten und heute auch vor allen über Informationen verfügen. Wissen ist Macht. Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Doch was macht diese Informationsflut mit unserer Seele? Wo werden wir manipuliert oder wo setzen wir unser Wissen über andere als böse Macht ein? Das Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deines Nächsten“ bekommt eine ungeahnte Dimension.
Passionszeit. Wüstenzeit. Vielleicht für uns auch die Chance mal wieder genau hinzuschauen - wo unsere Versuchungen liegen - woran wir unser Herz hängen? Es ist gut, Versuchungen zu widerstehen und zu überprüfen, ob dahinter nicht schon Abhängigkeiten stecken. Schon Martin Luther stellte sich seinen Versuchungen und kommt zum Schluss: Woran Du Dein Herz hängst, das ist eigentlich Dein Gott! Worauf vertrauen wir? Woran hängt unser Herz? Eine neue Woche liegt vor uns. Was wird sie bringen? Woran hängen wir in der Hektik des Alltags unser Herz? Da ist der volle Terminkalender, der lange schon fällige Besuch, die anstehende Arbeit, das dringende Gespräch. Heute Morgen ganz bewusst kurz abschalten. Auszeit. Den Text ein zweites Mal lesen. Darauf vertrauen, dass Gott meine Versuchungen kennt und meinen Tag begleitet.
Eine vertrauensvolle Passionszeit, wünscht Ihr Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Estomihi am 15.02.2026
von Pastorin Lilienthal
Wir gehen hinauf nach Jerusalem. So beginnt an diesem Sonntag der Gottesdienst in vielen Kirchen. Und wir wissen, dass das kein fröhlicher Aufbruch ist. Jesus weiß, wohin dieser Weg führt.
Mich lässt diese Entschlossenheit nicht los. Jesus geht nicht blind, sondern wissend. Er ahnt, was kommt. Ablehnung, Spott, Leid, Kreuz. Und dennoch macht er sich auf den Weg. Nicht weil er leiden will, sondern weil wir Erlösung brauchen. Das Kreuz ist der Ort, an dem Gott unsere Schuld nicht übersieht, sondern trägt.
Passenderweise heißt dieser Sonntag Estomihi. Sei mir ein starker Fels. Ein Gebet aus Psalm 31, das Menschen sprechen, wenn der Boden wankt. Wenn sie sich unsicher fühlen, verletzlich, vielleicht sogar bedroht. Gott sieht das. Weil wir Menschen sind. Jesus geht seinen Weg ohne Ausweichen und ohne Sicherheiten. Aber er geht ihn im Vertrauen auf den Vater.
Auf diesem Weg begegnet ihm ein blinder Bettler. Er sieht Jesus nicht und erkennt ihn doch. Er ruft: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Die anderen sehen alles, aber begreifen nichts. Der Blinde dagegen weiß genau, wen er braucht. Viele wollen ihn zum Schweigen bringen. Stör nicht! Jetzt ist nicht der Moment! Aber er ruft weiter. Und Jesus bleibt stehen. Mitten auf seinem Weg zum Kreuz bleibt er stehen für diesen einen Menschen.
Gott rettet die Welt nicht am Menschen vorbei. Am Kreuz geschieht das Größte und doch hält Jesus an für einen einzigen Menschen, der ruft.
Der blinde Bettler bittet schlicht: Herr, ich will sehen können. Keine großen Worte. Nur ehrliche Bedürftigkeit.
Vielleicht ist das der ehrlichste Moment des Glaubens: nicht zu erklären, warum alles passiert, sondern einfach zu rufen, wenn man selbst nicht mehr weiterweiß.
Manchmal passiert das nachts, wenn alles ruhig ist und die Gedanken laut werden. Kein fertiges Gebet, nur ein Satz: Gott, hilf mir. Mehr kommt nicht. Aber vielleicht reicht genau das.
Ich kenne das. Vieles bleibt für mich unklar. Ich bin Sehende, die doch nicht sieht.
Vielleicht besteht Glaube manchmal nur darin zu rufen. Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Wenn wir auf Jerusalem zugehen, dann gehen wir nicht allein. Wir gehen mit dem, der stehen bleibt, wenn wir rufen. Der uns ansieht, wenn wir uns verloren fühlen. Der fragt: Was willst du, dass ich für dich tun soll?
Vielleicht gehen wir heute mit einer einfachen Bitte in die Woche: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Denn dieser Ruf geht zu dem, der nach Jerusalem bis ans Kreuz geht und genau deshalb stehen bleibt.
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Sexagesimae am 08.02.2026
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
können wir uns Weichherzigkeit und Gefühl erlauben? Manchmal kommt es mir so vor, als würde das von Tag zu Tag schwerer angesichts der Nachrichten, die uns aus der Welt erreichen, aber auch angesichts der knapper werdenden Ressourcen vor Ort.
Die Städte und Gemeinden müssen beispielsweise mit immer weniger finanziellen Mitteln auskommen und es wird immer schwerer, daraus auch Projekte wie die Hilfe für Geflüchtete oder die Tafeln zu unterstützen. Auch die Kirchensteuermittel gehen zurück und wenn wir weiter wie bisher für unsere Gemeindemitglieder da sein wollen, dann muss es schon eine bewusste Entscheidung sein, die Streetworker in Preetz weiter zu fördern.
Der Ukrainekrieg hat die Einstellung zum Thema „Kriegstüchtigkeit“ verändert. Es scheint keinen anderen Weg zu geben, als immer weiter zu kämpfen. Mehr als 55000 ukrainische Soldaten sind gestorben und doch – ein Ausweg ist nicht in Sicht.
Ratlos macht auch die Gewalt im nahen Osten und der Hass zieht sich bis hinein in deutsche Hochschulen, wo die Zahl der antisemitischen Vorfälle sich vervielfacht hat.
In unserem Wochenspruch heißt es „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, macht euer Herz nicht hart!“ (Ps 95,7-8 und Hebr 3,15)
Was tun, wenn das Herz hart wird?
Einer, der darüber viel zu sagen hat, ist der Prophet Ezechiel. Er war einer der verschleppten Israeliten, der seinem Volk im Exil in babylonischer Gefangenschaft Gottes Wort verkündigte. Das ist mehr als 2500 Jahre her und doch sind manche dieser Worte von einer solchen Kraft, dass sie noch heute helfen können, Verhärtungen zu lösen.
Das Buch beginnt mit einer gewaltigen Vision – Ezechiel schaut Gott in all seiner Pracht, fällt auf den Boden, verbirgt sein Gesicht. Doch Gottes Geist richtet ihn wieder auf. Ezechiel hat eine Aufgabe zu erfüllen. Er soll Gottes Wort zu diesem Volk mit harten Köpfen und verstockten Herzen bringen. Wird das Wort zu ihnen durchdringen? Wird die Härte sich lösen? Das liegt bei ihnen.
Ezechiel aber hört und tut, was Gott ihm sagt. Eine Schriftrolle wird ihm gereicht, darin steht Klage, Ach und Weh. Die Klage über die harten Herzen, die sich verschlossen haben vor Gottes tröstendem Wort. Die Klage, die auch ihre Klage werden könnten, wenn sie an den Flüssen Babylons sitzen und weinen. Nicht nur über ihr hartes Schicksal, sondern auch über ihre eigene Härte.
Scheinbar bittere Worte– und doch schmecken sie süß wie Honig in Ezechiels Mund. Worte finden für den Schmerz, das Leid, die Ausweglosigkeit, das hilft. Nicht mehr alles in sich hineinfressen bis sich in einem ein harter Klumpen bildet, sondern Worte suchen, sich auch Worte zusprechen lassen, zuhören wenn andere Worte haben und diese verinnerlichen. Gefühl zulassen und zur Sprache bringen, das kann befreiend wirken.
Ich denke dabei auch an all die Klageworte in den Psalmen,.In Ps 22 heißt es: „Mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.“ Ein weiches Herz voll Sorge und Mitgefühl – das dürfen wir haben, wenn diese Welt uns schreckt. Wenn wir uns berühren lassen. Von Jesus wird berichtet, wie er über Jerusalem geweint hat. Das heißt: Gott selbst weint über die Verhärtung der Herzen, die ohne Liebe verkümmern müssen und stirbt am Ende am Kreuz, sie zu lösen – aus Liebe zu uns.
Jesus hat auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, den es jammert als er den Verwundeten am Wegrand liegen sieht, der nicht einfach weitergeht, sondern die Wunden versorgt und den Unbekannten auf sein Kosten gesund pflegen lässt. Den Nächsten lieben wie sich selbst, so lautet das wichtigste Gebot. Aber das geht nur mit einem weichen Herzen, das Gottes Zuspruch in sich aufgenommen hat und die Süße der Worte geschmeckt hat : Ich will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben (Ez 11,19f)
Ihr bekommt ein weiches, fühlendes Herz, eins aus Fleisch und Blut. Das lässt Gott durch Ezechiel den Israeliten ausrichten. Aber nachdem Ezechiel die Schriftrolle gegessen hat dauert es noch eine lange, stille Zeit des Hörens und Verstehens, bevor dieser sich auf den Weg macht. Die Worte wirken in ihm, weiten sein Herz. Erst dann sagt er sie weiter. Manchmal braucht es Zeit, damit die Worte in uns ihren vollen Geschmack entfalten können, damit wir die Liebe, mit der Gott uns begegnet, wirklich spüren und weitergeben können.
In zwei Wochen beginnt die Passionszeit. „Sieben Wochen ohne Härte- sieben Wochen mit Gefühl.“ – so lautet der Titel der diesjährigen Fastenaktion. Hinhören, Mitfühlen, Zulassen, das erfordert Mut. Aber es schmeckt auch süß, denn es gibt so viele gute und auch tröstliche Worte zu hören. Dass Menschen sich immer noch bewegen lassen vom Leid anderer, das haben wir durch die beiden großen Spendenaktionen um die Weihnachtszeit gemerkt: Brot für die Welt und Sternsinger. Vielen Dank allen, die sich daran beteiligt haben. Wer gibt – nicht nur materielle Dinge, sondern vor allem Liebe und Mitgefühl, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung – der oder die erhält gleichzeitig auch selbst ein großes Geschenk, denn wenn das Herz weich wird können wir die Liebe spüren. Nicht immer wie rosarote Zuckerwatte, leicht und flauschig, manchmal auch mit Schmerz, mit Weh und Ach, aber sie schmeckt doch süß, oder gerade deshalb. Weil die Liebe uns erst wirklich lebendig macht, weil wir durch sie Anteil haben an der göttlichen Liebe. Wir können uns Weichherzigkeit und Mitgefühl erlauben, denn ein weiches Herz muss nicht mit den eigenen Ressourcen auskommen, sondern wird immer wieder neu gefüllt durch die Liebe Gottes. Mitten in all dem Schecklichen dieser Welt, all dem Schweren die Ohren und Herzen offenhalten für Gottes Wort der Liebe, das könnte eine gute Übung sein für die diesjährige Passionszeit. Heute, wenn wir seine Stimme hören, will Gott uns ein weiches, weites Herz schenken!
Einen gesegneten Sonntag
Eure und Ihre Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum letzten Sonntag nach Epiphanias am 01.02.2026
von Pastor Kroglowski
Olympia - „IT’s Your Vibe“
Wenn in dieser Woche, am 6. Februar 2026, die olympischen Winterspiele in Milano-Cortina eröffnet werden, soll ein Motto in den Köpfen und Herzen mitschwingen: „IT’s Your Vibe“. „Es ist Dein gutes Gefühl“. Ein Schlagwort, das Energie, Leidenschaft und Verbindung feiern will – zwischen Athleten, Publikum, Nationen. Ein Motto, das verbinden soll und auf friedliche Spiele baut, trotz der Krisen in der Welt.
Doch wer „friedliche Spiele“ ruft, muss auch zuhören, wenn Fragen aufkommen: Wie kann es sein, dass Wettkämpfe mit Medaillen, das viele Geld, die Eingriffe in die Natur, Ranglisten und Nationalstolz dem Frieden dienen sollen?
Das ist ein Zwiespalt: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Siege machen stolz, Niederlagen wecken leicht Neid. Aber Frieden wächst dort, wo wir nicht nur auf die Sieger schauen, sondern mitfiebern, mitleiden, uns mitfreuen. Deshalb soll man sich mit allen freuen. Das Dabei-sein zählt. Die Erfahrung von Begegnung und Mit-Freude. Durch die olympischen Spiele wird viel Geld verdient und nicht alles, was glänzt ist Gold. Trotz allem Geschäftssinn bei Olympia sollte doch das Miteinander der Sportler im Mittelpunkt stehen. Dies ist das eigentliche Gefühl der Spiele.
Michael Edwards, genannt Eddie the Eagle, ist ein britischer Skispringer. Er wurde 1988 in Calgary Letzter – und trotzdem zum Helden. Weil er kämpfte, weil er sich traute, weil er sichtbar machte, dass olympischer Geist mehr ist als Gold. Millionen jubelten mit ihm, nicht über seine Sprünge, sondern über seinen Mut und sein Mensch-sein. Viel Geld hat er nicht bekommen, aber Freunde gewonnen.
Genau darin liegt ein geistlicher Funke: Gemeinschaft entsteht, wenn wir die Freude der anderen teilen und auch ihr Scheitern nicht belächeln, sondern mittragen. Wer den Außenseiter im Blick hat, wer nicht nur die Erfolgreichen feiert, der schafft Raum für Frieden.
„IT’s Your Vibe“ – es ist deine Stimmung, dein Herzschlag bei diesen Spielen. Nicht nur für „unsere“ Nation, sondern für die, die kaum Chancen haben und doch aufstehen. So wird Wettkampf zum Ort, an dem Menschen einander begegnen, Leidenschaften verbinden – und Frieden erfahrbar wird. Der Olympische Geist lebt nicht vom Gold, sondern vom Mitfreuen und Mitfühlen. Er scheint mit dem Heiligen Geist verwandt zu sein.
„Freude teilen“ - dies wünscht für die nächste Woche,
Ihr Pastor Lars Kroglowski
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Gruß zum 3. Sonntag nach Epiphanias am 25.01.2026
von Pastorin Lilienthal
Wo ist Gott?
Spontan würden viele sagen: in der Kirche. Im Gottesdienst, im Gebet, in den vertrauten Worten des Glaubens. Und ja – auch dort ist Gott zu finden.
Aber so einfach ist es nicht. Denn Gott hält sich nicht an unsere Erwartungen und auch nicht an unsere festen Orte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gott mich oft gerade dann überrascht, wenn ich ihn gar nicht ausdrücklich gesucht habe.
In Begegnungen, die anders verlaufen als geplant. In Gesprächen, die plötzlich Tiefe bekommen. In Momenten, in denen ich spüre: Hier ist mehr als nur Alltag, hier ist etwas, das trägt.
Epiphanias erinnert uns daran: Gott zeigt sich. Aber nicht nur dort, wo wir ihn fest eingeplant haben, sondern mitten im Leben, mitten unter Menschen.
Menschen, die von Gott gesehen werden – mit ihrer Geschichte, ihren Fragen, ihren Hoffnungen.
Das ist eine tröstliche Nachricht. Denn sie sagt, ich muss nicht erst perfekt sein, um von Gott gesehen zu werden. Ich muss nicht erst alles verstanden haben, um dazugehören zu dürfen. Gott beginnt nicht mit Forderungen, sondern mit Beziehung.
Für unser Zusammenleben in Kirche und Gesellschaft kann das bedeuten,
Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass alle gleich sind, sondern dadurch, dass wir einander Raum geben. Dass Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen, mit verschiedener Nähe zum Glauben und mit unterschiedlichen Möglichkeiten, sich einzubringen, Platz haben dürfen.
Manche bringen sich mit viel Energie ein, andere sind eher still da. Manche sind schon lange dabei, andere erst seit Kurzem oder nur ab und zu. Und doch gilt für alle: Sie werden von Gott gesehen. Und sie gehören dazu. Das ist für mich ein wesentliches Merkmal, ein Auftrag und auch ein Bild von Kirche.
Und für jede und jeden von uns heißt es ganz persönlich: Ich darf kommen, wie ich bin. Mit meiner Freude. Mit meinen Zweifeln. Mit dem, was mir leichtfällt, und mit dem, was in mir gerade schwer ist.
Vielleicht ist genau das die Einladung dieses Sonntags. Gott nicht kleiner zu denken, als er ist. Und dass wir einander nicht enger sehen, als Gott uns sieht.
Offen zu bleiben für das, was uns überrascht, und dankbar für das, was uns miteinander verbindet.
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
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Gruß zum 2. Sonntag nach Epiphanias am 18.01.2026
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
1 Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: 2 Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. 3 Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. 4 Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. 5 Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. 6 Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. 7 Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. 8 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? 9 Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!
Du bist doch unter uns, Gott, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Dieser letzte Satz berührt mich. Das kommt so direkt, fast kindlich als Wunsch des Einsamen, als Wunsch in Überforderung und Verlassenheit.
Ich kenne diesen Satz, weil ich ihn so ähnlich immer wieder von Menschen höre. Von traurigen Menschen höre ich das, von ängstlichen, von kranken, von denen, die sich sorgen um nahe Menschen. Ich kenne diesen Satz angesichts von Katastrophen und auch im Zusammenhang mit politisch unlösbar scheinenden Problemen.
Es ist der Satz eines Menschen, dem das Wasser bis zum Hals steht, der keine Idee von Ausweg und Trost hat. Da ist jemand mit seinem Latein am Ende.
Du bist doch unter uns, Gott, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Und seltsam – dieser kurze Einschub – wir heißen nach deinem Namen.
Also wir sind Christen und heißen nach Jesus Christus so. Und die Menschen damals, die Juden sahen sich ja als auserwähltes Volk Gottes, geradezu ausdrücklich als sein Eigentum.
Aber, so scheint mir, so sprechen mir gegenüber auch immer wieder Menschen, die sich im Alltag des Lebens vielleicht gar nicht mehr ausdrücklich Christen nennen.
Aus Menschen mit distanziertem Verhältnis zu Gott wünschen sich immer wieder, dass Gott sie nicht verlässt. Als wäre Gott, oder noch distanzierter, so etwas wie Gott ein Hilfeort, eine Art Ankerpunkt, fast unabhängig, ob ich ansonsten einen Glauben lebe.
Das kann man kritisieren. Dann heißt es. Schau mal, sonst kümmern sie sich nicht um die Kirche und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein, aber in der Not rufen sie um Hilfe. Oder kürzer gesagt mit dem Volksmund: Not lehrt Beten.
Das kann man kritisieren.
Ich will heute stattdessen darüber staunen; und vielleicht auch ein bisschen mich freuen.
Staunen und Freude empfinde ich bei der Idee, Menschen könnten vielleicht eine Art eingewachsene Gottesbeziehung haben. Damit meine ich ein inneres für möglich halten, dass es eine behütende Macht in der Welt und um die Welt herum gibt, die unabhängig von Kirche und ihren Formen da ist und auch sozusagen wie blind geglaubt werden kann. Blind hier als Ausdruck von nicht wissen; wie blinder Fleck.
Auch Menschen, die einen blinden Fleck für Gott haben, können sich nach Gottes Nähe und Hilfe sehnen.
Das ist für mich ein wichtiger Gedanke, weil, wenn man das weiterdenkt, Gott und Mensch in ein ganz direktes Gegenüber kommen können.
So oft meinen wir, es bräuchte einen Pastor, eine Pastorin, oder einen Gottesdienstbesucht, am liebsten eine Kirchenmitgliedschaft, um mit Gott in Kontakt zu kommen.
Hier in diesem direkten Ruf: Du bist doch unser Gott, wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht entsteht eine unmittelbare Gottesbeziehung.
Warum ist mir das wichtig?
Mir ist das wichtig, weil ich schon so oft erlebt habe, dass Kirche, ihre Formen, ihr Bodenpersonal, ihre Geschichte usw. dem Glauben immer wieder auch im Weg stehen; bis dahin, dass Menschen, die eine schwierige oder verletzende Kirche erleben, verständlicherweise sagen: Mit Eurem Gott will ich nichts zu tun haben.
Dann steht der Ort, der Glauben vermitteln will und soll, richtiggehend im Weg. Und dann wird das Leben, die Lehre der Kirche, das Erleben der Kirche vor Ort oft auch völlig durcheinandergeworfen und auf einmal entstehen all die Sätze, wie:
An einen Gott, der so etwas zulässt, kann ich nicht glauben.
Oder: wenn Kirche so ein Laden ist, will ich mit Gott nichts zu tun haben. Oder auch: Von Dir als Christenmensch hätte ich das ja nicht erwartet.
Hier im Predigttext ist der Draht ganz unmittelbar, ohne Tempel, ohne Priester, ohne heilige Schrift Du bist doch unter uns, Gott, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Und dazu noch die Sätze davor, die die Not, die Dürre, die rissige Erde und den ausbleibenden Regen beklagen. Und das mit dem Satz verbinden als wärest du, Gott, ein Fremdling im Land, ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt, ein Held, der nicht helfen kann.
Hier gibt niemand mehr der Institution die Schuld. Hier stehen sich Mensch und Gott existentiell und ganz direkt gegenüber. Fast wie in einem Duell, in einem tiefgehenden Streit klagen Menschen und rufen verlass uns nicht.
Liebe Gemeinde, ich denke, so direkt geht das mit Gott. So dürfen und können wir uns an ihn wenden. So direkt wird er uns antworten. Das glaube ich und das erlebe ich auch immer wieder.
Wer das Wagnis eingeht, so direkt zu rufen, wird Antwort erhalten.
Schauen Sie in unser Gästebuch, es ist voll davon. Wagen Sie den Versuch; es wird in Ihnen so etwas wie ein antwortender Gott klingen – ich bin sicher.
Und dann kommen alle Faktoren des Lebens zu ihrem angemessenen Standort. Probleme schrumpfen, Nöte werden einordnenbar, Kummer wird auf die Strecke tragbar und löst sich evtl. sogar auf. Trost, Heilung, kaum zu wagende Hoffnung gewinnen Raum.
Gottvertrauen nannte das meine Großmutter, die eine fromme Frau war und in die Kirche ging.
Aber sie ging in die Kirche nach! Dem sie Gott begegnet war. Sie fand ihn in der Kirche, aber auch ohne sie. Sie wusste um die Fehler der Kirchenmenschen und kündigte deswegen aber Gott die Beziehung nicht auf. Sie hatte ein streckenweises dürres Leben als Witwe mit drei kleinen Kindern in der Weltwirtschaftskrise, aber das trennte sie nicht von Gott, sondern das machte die unmittelbare Beziehung zu ihm noch wichtiger und fester.
Du bist doch unter uns, Gott, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Mir scheint dieses 2500 Jahre alte Worte ein kluger Hilferuf quer durch die Jahrtausende, in denen menschliches Leben sich so sehr gewandelt hat und weiter wandelt.
Ein kluger Hilferuf, auf den ich Antwort erwarte.
Amen.
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Sonntag nach Epiphanias am 11.01.2026
von Pastorin Parra
Gruß zum Epiphaniasfest:
1. Auf, Seele, auf und säume nicht,
es bricht das Licht herfür;
der Wunderstern gibt dir Bericht,
der Held sei vor der Tür,
der Held sei vor der Tür.
2. Geh weg aus deinem Vaterhaus
zu suchen solchen Herrn
und richte deine Sinne aus
auf diesen Morgenstern,
auf diesen Morgenstern.
3. Gib Acht auf diesen hellen Schein,
der aufgegangen ist;
er führet dich zum Kindelein,
das heißet Jesus Christ,
der heißet Jesus Christ.
4. Drum mache dich behände auf,
befreit von aller Last,
und lass nicht ab von deinem Lauf,
bis du dies Kindlein hast,
bis du dies Kindlein hast.
6. Ach sinke du vor seinem Glanz
in tiefste Demut ein
und lass dein Herz erleuchten ganz
von solchem Freudenschein,
von solchem Freudenschein.
10. Der zeigt dir einen andern Weg,
als du vorher erkannt,
den stillen Ruh- und Friedenssteg
zum ewgen Vaterland,
zum ewgen Vaterland. (EG 73)
Liebe Gemeinde,
„Auf, Seele! Jetzt ist die Zeit.“ - „Die Finsternis ist vergangen und das wahre Licht scheint jetzt!“ (1. Joh 2,8b)
So, denke ich, muss es sich für die Weisen aus dem Morgenland angefühlt haben, als sie den Stern entdeckten. Sterndeuter waren sie wohl, Magier – so werden sie im griechischen Text genannt. Vielleicht sogar Priester eines Sternkultes. Sie kamen von weit her, keiner weiß so genau von wo und alles begann mit einer nächtlichen Entdeckung am Sternenhimmel. Vielleicht ungefähr so:
Es war mitten in der Nacht, aber Balthasar war hellwach. Das kam von dem Licht, das er durch sein Fernrohr gesehen hatte. Weit weg am Horizont und doch von einem geheimnisvollen Glanz, der ihn anrührte. Nun suchte er in den alten Schriften. Es musste etwas zu bedeuten haben! Da stand es – genau diese Sternkonstellation sollte am Himmel erscheinen und die Geburt eines ganz besonderen Königs ankündigen…
In diesem Moment klopfte es. Schweren Herzens riss er sich los, denn vor der Tür hörte er schon seinen Freund und Kollegen Melchior rufen. Draußen stand dieser reisefertig zusammen mit Caspar, den er nur flüchtig kannte. Die beiden sind augenscheinlich schon seit Beginn der Dunkelheit unterwegs. Sie haben ein Kamel dabei, beladen mit Gepäck und Vorräten, aber auch mit Geschenkschatullen. Sofort begriff Melchior: Auch sie hatten den Stern gesehen und die Schriften studiert. Auch sie hatten von diesem geheimnisvollen König gelesen, dessen Geburt die Welt verändern würde.
Es brauchte nicht viele Worte, damit Balthasar das Nötigste für die Reise zusammensuchte. Eine Schatulle mit kostbarem Weihrauch als Geschenk für den geheimnisvollen neuen Herrscher verstaute er sorgfältig in der Satteltasche und dann ging es los.
Seltsam leicht fühlten sich die drei als sie so schweigend durch die Nacht wanderten und nur hin und wieder anhielten um die genaue Richtung zu bestimmen. Tags rasten sie, aber nachts nutzen sie die Zeit. Der Stern rückte näher, doch als sie eines Morgens nach Jerusalem kamen, war deutlich zu sehen, dass er nicht über dem Palast des Herodes stand.
„Lass uns dennoch hier den Tag verbringen und bei Herodes vorsprechen“, schlug Melchior vor. „Vielleicht weiß er etwas von dem Kind.“
Beim Aufbruch am Abend waren die drei noch stiller als sonst. Jeder hing seinen Gedanken nach. Die Nacht in den königlichen Schlafgemächern war nicht so erholsam gewesen wie man bei all dem Luxus hätte annehmen können.
„Irgendetwas füht Herodes im Schilde“, so sprach Balthasar aus, was sie alle dachten. „Habt ihr auch so schlecht geschlafen? Dies Glitzern in seinen Augen als er uns gebeten hat, ihm auf dem Rückweg zu berichten, wo wir das Kind gefunden haben…“ „Ja, ich habe es auch gesehen.“ „Und ich habe schlecht geträumt. Ich erinnere mich nicht mehr genau. Wir wollen uns beeilen, hier wegzukommen.“ „Jetzt, wo ich wieder hier draußen an der frischen Luft bin und den Stern sehe, fühle ich mich irgendwie erleichtert. Ich denke, es ist nicht mehr weit.“
Wenige Tage später sehen die drei den Stall im Licht des Sterns liegen. Und sie wundern sich kein bisschen, dass hier ein König zur Welt gekommen sein soll. Als sie das Kind sehen, gibt es für sie erstrecht keinen Zweifel mehr: Das ist er!. Die Weissagungen in den alten Schriften und das geheimnisvolle Leuchten des Sterns haben sie auf die Spur gebracht, aber all das ist jetzt unwichtig. In diesem Kind erkennen sie Gott selbst. Die Finsternis ist vergangen und das wahre Licht scheint jetzt! In diesem Moment. Für sie. Gar nichts müssen sie tun und leisten in diesem Moment. Die hochstudierten Männer spüren, dass all ihr Wissen in diesem Moment unwichtig ist. In ihren Herzen wird es hell. Alle Geheimnisse der Welt sind offenbar geworden in diesem Kind. Auch ihre eigenen Rätsel und Schatten, die sie mit sich herumtragen, bleiben nicht verborgen. Doch das beschämt und ängstigt sie nicht. Es darf sein. Und es darf neu werden. Sie müssen nichts – müssen nicht bei den alten Mustern in ihrem Leben bleiben und können doch sie selbst sein – auf eine neue, tiefere Art.
Es wird Morgen und das Licht des Sterns verblasst als die Sonne am Horizont auftaucht. Kind und Eltern schlafen noch als die drei aufbrechen. Sie lassen ihre Gaben bei dem Kind - Gold, Weihrauch, Myrre – und verlassen den Ort mit leichtem Herzen, auch wenn dieser wunderbare Moment nun vorbei ist.
Es war seltsam, aber nicht verwirrend, sondern es fühlte sich gut an. Als es Nacht wurde leuchtet der geheimnisvolle Stern in ihrem Rücken und obwohl sie nun dort gewesen waren, konnten sie nicht mit dem Verstand begreifen, was mit ihnen geschehen war. Sie fühlten sich heil und ganz, gesehen und geliebt. Aber noch mehr - irgendwie von innen erleuchtet. Beschenkt.
Keiner sprach groß darüber, aber sie schlugen gemeinsam einen anderen Weg ein als den, den sie gekommen waren. Sie waren ja auch andere und doch noch sie selbst. Der Weg führte nicht am Palast des Herodes vorbei und brachte sie doch nach Hause, wo sie das Licht, das sie erfüllte, an andere weitergegeben haben. Liebe, Freundlichkeit, Schutz für die Schwachen, ein zugewandter, lichter Blick auf alle, die ihnen begegneten. Gnade.
Gnade – so heißt das Geschenk, das Gott allen Menschen macht und gleichzeitig auch das Geheimnis.
Gott hält mit uns aus – mitten in dieser düsteren Welt. Und immer wieder leuchten bis heute im Dunkel lichte Momente auf. Das Geheimnis, das die ersten Christen Gnade nannten, weist uns einen anderen Weg. Einen Weg des Friedens, der sich der Machtgier der Mächtigen entzieht. Einen Weg, auf dem wir bereit sind, altes loszulassen und gerade deshalb zutiefst wir selbst werden können.
So einen Weg brauchen wir gerade zu Beginn dieses Jahres und manchmal ist es, als ob der Schnee ihn verweht hat. Im Großen wie im Kleinen liegt die Angst in der Luft: Wer denkt an mich, wenn alle nur an sich denken, wenn jeder das größte Stück vom Kuchen beansprucht – koste es was es wolle? Manchmal sieht es so aus, als könnten wir nicht anders als mitmachen: Beim Aufrüsten und Abschrecken, beim Drohen und Zuschlagen.
Aber es gibt einen anderen Weg. Die Sterndeuter haben ihn gefunden. Er führt an der Krippe vorbei, an der auch wir vor kurzem noch standen. Manches werden wir auf dem Weg herschenken, von dem wir dachten, wir bräuchten es. Manchmal ist er steinig und unbequem, denn er verläuft abseits der großen Straßen und Paläste. Aber auch wir können ihn finden, wenn wir uns auf das Geheimnis einlassen. Das Geheimnis der Gnade Gottes mitten in dunkelster Nacht. Das Geheimnis des Kindes im Stall, Gott mit uns.
Einen gesegneten Weg durchs Neue Jahr!
Ihre Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 2. Sonntag nach dem Christfest am 04.01.2026
von Pastor Kroglowski
„Alles hat seine Zeit“ Prediger 3
1 Alles hat seine Zeit, und alles Geschehen unter dem Himmel hat seine Stunde:
2 geboren werden hat seine Zeit und Sterben hat seine Zeit; Pflanzen hat seine Zeit und Ausrotten, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
3 Töten hat seine Zeit und Heilen hat seine Zeit, Abbrechen hat seine Zeit und Aufbauen hat seine Zeit,
4 Weinen hat seine Zeit und Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit und Tanzen hat seine Zeit;
11 Er aber tut alles vortrefflich zu seiner Zeit, auch die Ewigkeit hat er in ihr Herz gelegt; und doch kann der Mensch das Werk, das Gott tut, nicht ergründen, weder Anfang noch Ende.
Ein Jahr geht zu Ende. Jeder von uns hat viel erlebt. Jahreswechsel, Sylvester auch immer Zeit um ein wenig Bilanz zu ziehen. Vieles hatte da seine Zeit. Lachen und Weinen. Tanzen und Freude. Vielleicht gehörten Abschiede dazu, neues Leben wurde geboren. Einiges ist uns gelungen, manche Dinge konnten wir nicht ändern. So fallen unsere Jahresrückblicke unterschiedlich aus. Das Glas ist für den einen halb voll, für den anderen halb leer.
Wie auch immer. Da ist der Prediger ganz nüchtern. Er ist am Ende seines Lebens angekommen und auch ans Ende seiner Illusionen. Der Prediger sagt: Alles hat seine Zeit - und auch das Gegenteil von allem. Zum einen sind wir selber dafür verantwortlich durch das, was wir tun oder wie wir es tun oder nicht tun. Zum anderen sind wir aber auch in Größeres hineingenommen und Dingen ausgesetzt, die wir nicht oder kaum beeinflussen können. Das ist normal so! Zeiten ändern sich! Und wenn Zeiten kommen, auf die wir nicht so programmiert waren oder wenn sie anders kommen, als wir sie programmiert haben, dann müssen wir schauen und unterscheiden, ob wir die Dinge ändern können oder ob wir unsere Haltung zu den Dingen ändern müssen.
Lass dir nicht weiß machen und lebe doch nicht in dem Wahn, in der Illusion, als gäbe es immer nur geboren werden und pflanzen und heilen und aufbauen und lachen und tanzen und sammeln und umarmen und bekommen und behalten und Liebe und Frieden. Nein, es gibt auch den Tod, das Ausrotten, Abbrüche und Zusammenbrüche, Weinen, Klagen, es gibt Verluste und Trennungen, es gibt das Schweigen, wo man keine Worte hat oder wo sie nur unangebracht wären, es gibt leider auch Streit und Hass und sogar Kriege. Denk nicht, dass Arbeit immer nur Spaß macht und nur Gewinn bringt und der Gewinn für immer bleibt. Freu dich an dem, was gut ist, genieße es, tu dir selber auch was Gutes, lebe nicht nur, um zu arbeiten, sondern genieße die Früchte der Arbeit, sieh das Gute in deiner Arbeit, freu dich an Essen und Trinken, das sind Gaben Gottes und lass dich immer wieder ermutigen. Das ist nichts Verbotenes! Das Leben ist eine Gabe Gottes und an allem Positiven dürfen wir uns freuen.
Und das Starke: Gott hat auch die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt! Wer auf sein Herz hört, ahnt und weiß: Das hier kann nicht alles sein! Unser ständiges Vorwärtsstreben, unsere Suche nach Vervollkommnung verdanken wir letztlich unserer Sehnsucht nach Gottes vollkommener Ewigkeit, die in uns angelegt ist. Das Buch Prediger: Ein Ruf zur Nüchternheit. Jahreswechsel: Die Zeiten wechseln. Und einmal kommt der große Wechsel, wo die Zeit von der Ewigkeit abgelöst wird. Gott ist da. Auch wenn du Sein großes Tun nicht verstehst, kannst du dich in deinem kleinen Alltag auf IHN verlassen, egal, was für Zeiten kommen.
Ein gesegnetes Neues Jahr 2026, wünscht Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Sonntag nach dem Christfest am 28.12.2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
„Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." ( Joh 1,14b)
So heißt es im Wochenspruch für den ersten Sonntag nach dem Christfest. Aber: Gott sehen – das geht doch eigentlich nicht. Gott lässt sich nicht einfangen – auch nicht mit Blicken. Gott ist unbegreiflich, transzendent, übersteigt alles, was wir je erforschen oder beweisen könnten. Wir lesen in der Bibel, dass Mose sich in einer Felsspalte verbergen musste, die Herrlichkeit Gottes an sich vorüberziehen spürte und dann einen Blick von hinten auf sie werfen durfte. Hätte er sie direkt angeschaut, wäre er gestorben.
Weihnachten macht Gott das Unmögliche möglich und lässt sich ansehen – mitten in dieser Welt. In einem stinknormalen Stall. Mitten zwischen Heu und Stroh in der Futterkrippe der Tiere. Da hätte ihn wohl niemand erwartet. Und doch können alle, die dem Stern gefolgt sind, in dem neugeborenen Kind Gott selbst und seine ganzen Pracht erkennen. Den unbegreiflichen Gott, der uns ganz nahekommt. Und sie spüren, wie sich durch diesen Blick, den Gott uns gewährt, alles wandelt. Wir haben gehört, dass die Hirten, da sie das Kind gesehen hatten, umkehrten und Gott lobten und priesen für das, was sie gehört und gesehen hatten.
Wunderbar ist diese Geschichte und verzaubert der Heilige Abend, wenn wir uns jedes Jahr ein bisschen fühlen dürfen wie die Hirten. Wenn wir singen „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben!“
All das liegt jetzt hinter uns. Wie geht es Ihnen nach dem Fest? Wirkt das Erlebte noch nach? Bei mir entsteht nach dem Fest oft eine seltsame Mischung aus all dem, was ich erlebt habe. Mein Herz ist voller Bilder: Wie der kleine Josef im Krippenspiel das Jesuskind angesehen hat, das da vor ihm im Kerzenschein lag. Wie meine zweijährige Enkeltochter mit den Holzfiguren die Weihnachtsgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes be-griffen hat und die Finger gar nicht von dem kleinen Baby lassen konnte.
Aber da sind auch düstere Bilder von Krieg und Gewalt: Weitere Tote im Gazastreifen und in der Ukraine. Trumps Weihnachtsbotschaft nach seinen Angriffen auf IS-Terroristen-Stützpunkte in Nigeria waren: „Gott segne unser Militär und ein frohes Weihnachtsfest allen, insbesondere den getöteten Terroristen, von denen es noch viele weitere geben wird, wenn sie ihr Abschlachten von Christen fortsetzen.“ (Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/usa-greifen-nigeria-an-wovon-moechte-trump-ablenken-li.10011696).
Ich könnte sagen: Die haben eben die Weihnachsbotschaft nicht begriffen, sind wie damals König Herodes machtgierig und blind. Aber so einfach ist das nicht. Auch in mir ist noch Dunkel: Ich konnte Weihnachten nicht für alle da sein, die mich gebraucht hätten. Ich habe Menschen verletzt, die mir wichtig sind.
Wenn ich so denke möchte ich klagen: Was ändert es da schon, eben noch andächtig an der Krippe gestanden zu haben, wenn meine Welt doch bleibt wie sie ist?
Unser Predigttext heute befasst sich mit dem wohl berühmtesten Klagenden, dessen Leben zu einem Scherbenhaufen geworden war - von Gott ganz und gar im Stich gelassen. Hiob klagt zu Recht über Gottes Fernbleiben:
„Wenn ich ihn auch anrufe, dass er mir antwortet, so glaube ich nicht, dass er meine Stimme hört. Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis.“ (Hi 9,16ff)
Alles wurde Hiob genommen: Seine Kinder, sein Besitz., seine Gesundheit. Er ist eigentlich so weit, dass er sich nur noch den Tod wünscht. Und dennoch ruft er aus:
„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. ... Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ (Hi 19,25)
Hiobs Wunsch geht in Erfüllung: Gott spricht zu ihm aus dem Sturm in aller seiner Macht und Größe:
„Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen? Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?“ (Hi 38,31ff)
Gott gibt sich Hiob zu erkennen und der antwortet darauf:
„Jetzt weiß ich, dass alles in deiner Macht steht und dir nichts zu schwer ist, was du vorhast. Du hast gefragt: »Wer ist es, der meinen Plan verdunkelt ohne Verstand?« Ich war’s! Ich habe ohne Einsicht geredet,
von wunderbaren Dingen, die ich nicht kannte. Du hast mich aufgefordert: »Hör zu und lass mich reden! Ich will dich fragen, dann sollst du mich belehren!« Bis dahin kannte ich dich nur vom Hörensagen. Doch jetzt hat mein Auge dich wirklich gesehen. Darum bereue ich meine Worte und lasse mich trösten, so wie ich bin – Staub und Asche.“
(Hi 42,2-6)
Und wir - heute, zwei Tage nach Weihnachten? Auch wir dürfen von uns sagen:
„Wir sahen seine Herrlichkeit…“
Gott lässt sich sehen, hören, spüren. Wenn Gottes Herrlichkeit uns nicht erschiene, was wäre ihre Bedeutung für uns? Die Bedeutung des Lichts liegt doch darin, dass es auf ein Auge trifft, das wahrnimmt, erkennt. Und das ist bei Hiob geschehen. Und auch bei allen, die damals und heute dem Stern folgen und an der Krippe ankommen.
Gott wird Mensch, das Wort wird Fleisch, damit wir es sehen und spüren, damit wir staunend stehen und dann plötzlich begreifen. Danach wird manches egal und anderes wichtig. Gott schauen, das hinterlässt Spuren.
Spuren bei Hiob, Spuren bei allen, die das Kind im Stall sahen. Selbst bei dem kleinen Josef, der nur auf eine Puppe schaute oder meiner Enkelin, die die Holzfigur in Händen hielt ist etwas angekommen. Und auch bei mir.
Die Welt ist dieselbe, ich bin dieselbe, aber Gottes Herrlichkeit ist da – mitten im Dunkel, ganz nah. Trotzdem. Gerade deshalb. Voll Gnade und Wahrheit mitten in einer allzu oft unbarmherzigen und verlogenen Welt.
Weil es etwas anderes ist, Gott nur vom Hörensagen zu kennen, als ihm direkt zu begegnen, besteht auch unsere Sonntagsliturgie nicht nur aus Worten, sondern auch aus Schmecken und Sehen. Heute, wenn wir miteinander Abendmahl feiern, dürfen wir mit eigenen Augen sehen, mit dem eigenen Mund schmecken:
So freundlich ist Gott. (Ps 34,9)
Paul Gerhard dichtete:
11. Ich bin rein um deinetwillen:
Du gibst g’nug
Ehr und Schmuck,
mich darein zu hüllen.
Ich will dich ins Herze schließen,
o mein Ruhm!
Edle Blum,
laß dich recht genießen. (EG 36,11)
Wir dürfen spüren: Gott ist nicht nur unendlich groß, herrlich und überwältigend, sondern in all dem ist er mit uns und für uns. Wenn wir das erspüren, dann sind wir noch dieselben, dann ist noch Nacht und doch nicht mehr - weil etwas Neues beginnt.
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen kann unsre Nacht nicht endlos sein! (EG 56)
Eine Gesegnete Weihnachts-Zeit! Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Heiligabend am 24.12.2025
von Pastorin Lilienthal
Weihnachten ist ein Fest der Fülle. Es bringt Menschen zusammen, füllt Räume mit Leben und Herzen mit Freude. In diesen Tagen spüren viele: Wir sind gesehen, gemeint und getragen. Weihnachten erzählt von Gottes Entschluss, uns nahe zu sein – verlässlich und bleibend. Darum ist dieses Fest mehr als ein Anlass im Kalender. Es gehört in die Mitte unseres Glaubens.
Der Evangelist Johannes fasst das Weihnachtsgeschehen in einen großen, weiten Satz: Im Anfang war das Wort.
Mit diesen Worten öffnet Johannes einen Horizont, der weit über die Krippe hinausreicht. Er führt Weihnachten zurück an den Ursprung allen Lebens und lädt dazu ein, größer zu denken. Gott erscheint hier als der, der sich mitteilt, der Sinn stiftet und Beziehung eröffnet. Das „Wort“ steht für die schöpferische Kraft, durch die Leben entsteht und Bestand hat. Alles, was ist, steht in Beziehung zu diesem Wort.
Johannes verbindet dieses Wort mit Leben und Licht: In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Licht schenkt Orientierung. Es macht sichtbar, was trägt, und eröffnet Wege. Weihnachten ist darum ein Fest des Lebens – zugewandt, menschenfreundlich und leuchtend.
Konkret wird dieser große Gedanke dort, wo Johannes sagt:
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.
Gott tritt in die Wirklichkeit ein. Er teilt Zeit und Geschichte. Er teilt menschliches Leben.
Im Kern von Weihnachten zeigt sich ein Gott, der Nähe sucht und sich einlässt. Gott nimmt uns als Menschen ernst. Er begegnet uns mitten im Leben – im Gewöhnlichen, im Verletzlichen, im Gelebten. Diese Nähe prägt, wie wir Gott verstehen: als einen, der ansprechbar ist und bleibt.
Zugleich weiß Johannes, dass dieses Licht auf eine Welt trifft, die von Angst, Macht und Abgrenzung geprägt ist. Doch das Licht entfaltet eine eigene Kraft. Es wirkt leise, aber verlässlich. Es schenkt Orientierung und eröffnet neue Wege.
Am Ende bringt Johannes zusammen, was Weihnachten ausmacht: Gnade und Wahrheit. Beides gehört zusammen. Gnade, die trägt. Wahrheit, die aufrichtet. Weihnachten erzählt von einem Gott, der den Menschen ernst nimmt und ihm Leben zutraut – ein Leben im Licht.
So wirkt Weihnachten über die Tage hinaus. Es prägt, wie Menschen einander begegnen: wo Würde geachtet wird, wo Nähe gelingt, wo Leben geteilt wird. Dort nimmt Weihnachten Gestalt an. Es bleibt eine Einladung, aufmerksam zu leben und das Licht weiterzutragen. Wir hören von einem Anfang, der bis heute wirkt.
Wir feiern Weihnachten im Licht dieses Wortes – ein Licht, das scheint: heute, morgen und im Horizont der Ewigkeit.
Gesegnete Weihnachtstage wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
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Gruß 4. Advent am 21.12.2025
von Pastorin Lilienthal
Liebe Gemeinde,
Heute ist der vierte Advent. Nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Die Zeit des Wartens hat ihren Höhepunkt erreicht. Adventskalender leeren sich, Schülerinnen und Schüler haben Weihnachtsferien. Das Fest rückt näher. In unserer Stadtkirche steht nun auch der Tannenbaum. Fleißige Hände haben ihn bereits geschmückt. Die Sorgfalt zeigt: Da haben sich Menschen Zeit genommen. Wer in diesen Tagen die Stadtkirche betritt, bleibt unwillkürlich einen Moment stehen. Noch ist es ruhig um den Baum, doch er trägt schon jetzt die Vorfreude in sich. Er ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Weihnachten vor der Tür steht.
Der vierte Advent ist ein besonderer Sonntag. Er markiert die letzte Wegstrecke. Die Erwartung wird konkreter, die Spannung greifbarer. Gerade Kinder leben diese Tage intensiv: Sie zählen, sie warten, sie freuen sich. Doch auch viele Erwachsene kennen dieses Gefühl – manchmal leise, manchmal nachdenklich: die Sehnsucht nach Licht, nach Nähe, nach einem Moment, der trägt.
Der Wochenspruch für diesen Sonntag fasst diese Erfahrung in wenige Worte: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe.“
Diese Freude wächst aus Vertrauen. Sie entsteht aus der Gewissheit, dass Gott uns entgegenkommt. Advent erzählt davon, dass Gott sich auf den Weg macht. Er kommt uns nahe, Schritt für Schritt. Auch der Apostel Paulus richtet den Blick auf das, worauf Verlass ist: auf Gottes Treue. Gottes Zusagen tragen. Sie behalten ihr Gewicht. Sie erfüllen sich in Jesus Christus. Der Advent lädt dazu ein, diese Treue neu wahrzunehmen. Weihnachten kündigt sich an. Es wächst. Gott kommt uns entgegen – mitten hinein in unseren Alltag, in unsere Fragen, in unsere Hoffnungen.
„Der Herr ist nahe“ ist eine Zusage für diese Zeit. Sie gilt den Fröhlichen ebenso wie den Erschöpften. Sie richtet sich an alle, die sich nach Frieden sehnen, nach Orientierung, nach einem guten Wort. Gottes Nähe schenkt Halt und Zuversicht.
Der geschmückte Tannenbaum in unserer Stadtkirche macht diese Nähe sichtbar. Er steht schon da, obwohl das Fest noch kommt. Er trägt den Glanz der kommenden Tage bereits in sich. Er erinnert daran: Hoffnung wächst, während wir warten. Licht kündigt sich an, bevor es hell wird.
Der vierte Advent lädt uns ein, noch einmal bewusst innezuhalten – vielleicht nur für einen Moment. Gottes Nähe gilt uns. Darauf gehen wir zu. Darauf warten wir – mit offenem Herzen. „Freuet euch! Der Herr ist nahe.“
Einen gesegneten 4. Advent wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal.
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Gruß zum 3. Advent am 14.12.2025
von Pastor Lars Kroglowski
„Mein“ Engel ohne Flügel
Zu Zeit laufen bei uns die Krippenspiele oder sie sind in den letzten Vorbereitungen. Viele vertraute Figuren und Gestalten gehören dazu. Maria und Josef sind auf Befehl des Kaisers Augustus auf dem Weg nach Bethlehem. Die Hirten auf dem Feld – mitten in der Nacht wird ihre Ruhe unterbrochen. Ihr Leben ändert sich mit einem Schlag.
Eine Gestalt, die für mich besonders zum Krippenspiel gehört, ist der Engel. Der Engel, der Maria die Geburt Jesu ankündigt. Der Engel der Weihnachtsgeschichte, der die Hirten aufsucht, sie verunsichert und tröstet zugleich. Ich mag ganz besonders meinen Engel ohne Flügel, der vor vielen Jahren als Teil einer Krippe aus unserer Partnergemeinde in Tansania als Gastgeschenk mitgebracht wurde. Ein Engel ohne Flügel. Das verwundert auf den ersten Blick. Doch es ist keineswegs selbstverständlich, dass Engel Flügel tragen. Der Hebräerbrief weist darauf hin, dass Engel durchaus regelmäßig unerkannt reisen und eine menschliche Gestalt annehmen, um die Gastfreundschaft von uns Menschen zu testen. Ob der Engel der Wehnachtsgeschichte Flügel hat, erfahren wir auch nicht.
Mein Engel scheint mir zu beten. Ist nah bei sich. Und doch ausgerichtet auf das, was um ihn herum passiert. Er hat ein menschliches Gesicht - stammt aus dem Kulturkreis der Massai aus Tansania. Das zeigt mir, Engel haben eine sehr menschliche Seite - wie unser Gott - wie Jesus Christus. Engel können mir begegnen - auch in meinem Gegenüber – auch in dem Fremden – dem ganz anderen.
Und doch ohne Flügel fehlt mir etwas. Und man kann meinem Engel Flügel aufstecken. Und diese Flügel sie stehen für etwas, was der Engel weiter gibt - nicht nur für sich behält, was wir brauchen, Schutz und Bewahrung. Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorüber geht (Psalm 57,2).
Die Flügel des Engels zeigen – er wohnt im Himmel und zugleich auf Erden. Mit seinen Flügeln berührt er den Himmel und unsere Seelen und macht die Botschaft der Weihnacht sichtbar: Gott wird Mensch - breitet seine Flügel aus, damit Frieden werde bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Eine behütete Woche! Dies wünscht, Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
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Gruß 2. Advent am 07.12.2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
Advent ist die Zeit des Wartens. Nicht des nervösen, ungeduldigen Wartens, sondern eines Wartens, das unser Herz schult. Warten hat immer zwei Seiten:
Es beinhaltet zum einen den Herzenswunsch – vielleicht sogar die Sehnsucht nach Veränderung. Wir warten auf etwas oder jemanden. Wer nichts vermisst, muss auch nicht warten. Etwas fehlt den Wartenden also, worauf es sich lohnt, zu warten. Denen, die so warten ist versprochen: Wer von ganzem Herzen sucht und sehnt, wird Gott finden (Jer 29,14a). Gott heilt die gebrochenen Herzen (Ps 147,3).
Zum anderen gilt: Wer wartet, muss Zeit mitbringen. Das Ersehnte geschieht nicht sofort, sondern das Warten ist eine Zeit, die mit nichts anderem gefüllt ist als – paradoxerweise – mit dem, das noch nicht ist. Alles, was wir während des Wartens tun, ist angesichts dessen, worauf wir warten, unwichtig. Wartende brauchen also langen Atem. Sie brauchen Geduld. Davon erzählt der Jakobusbrief.
Wartet geduldig, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt.
Seht, wie der Bauer auf die kostbare Frucht der Erde wartet:
Er wartet geduldig, bis der Frühregen und der Spätregen gefallen sind.
8So seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen, denn das Kommen des Herrn steht bevor.“
(Jak 5,7-8)
So warten zu können im Advent, voll Sehnsucht, dass Gott endlich wie Tau vom Himmel regnen möge und voll Gewissheit, dass er es schließlich auch tun wird, das lernt unser Herz auch aus den alten Kirchenliedern. „O Heiland reiß die Himmel auf“ haben wir eben gesungen – im alten, dorischen Modus, nicht Dur, nicht Moll. Die mittelalterlichen Minnesänger haben diese Tonart verwendet, denn sie rührt das Herz an, erzählt kraftvoll von Bedrängnis und Hoffnung gleichermaßen.
Warten ist also etwas, was wir mit dem Herzen lernen, nicht mit dem Kopf. Jakobus schreibt:
„Stärkt eure Herzen, denn das Kommen des Herrn steht bevor.“
Heute feiern wir Gottesdienst mit der Alzheimergesellschaft Plön. Die Mitarbeitenden dort haben Herzen aus Salzteig gebacken, die sie allen Gottesdienstbesucherinnen schenken wollen.
Herz – nicht Kopf.
Das Herz ist der Ort, an dem wir Gottes Kommen erwarten. Darum sollen wir unsere Herzen stärken. Wie das gehen kann, wissen Menschen, die mit Alzheimer zu tun haben – Betroffene und ihre Angehörigen - manchmal glaube ich besser als andere.
Wenn der Kopf immer weniger erinnert wird das Herz umso wichtiger. Wenn Namen und Gesichter verschwimmen und verschwinden erreicht oft doch der Klang einer geliebten Stimme das Herz. Wenn dem Gehirn der Fokus auf das Wesentliche verloren zu gehen scheint, wird die Sehnsucht des Herzens nach dem, was hinter den äußerlichen Wichtigkeiten des Lebens verborgen liegt manchmal viel deutlicher spürbar.
Für Angehörige ist es oft schwer, durch all diese Veränderungen hindurch noch den Menschen zu erkennen, den sie lieben. Es ist schwer, zu warten, bis sich erspüren lässt: Da ist er oder sie noch. Das Vergessen auszuhalten und geduldig immer wieder die gleichen Gespräche zu führen ist schwer. Das geht nur, wenn man weiß: Das alles ist nicht vergeblich, trägt Frucht. Jakobus schreibt:
„Seht, wie der Bauer auf die kostbare Frucht der Erde wartet:“
Der Bauer wartet nicht tatenlos. Er bereitet vor, pflegt, schützt, hofft. All sein Tun steht im Zeichen dessen, was er nicht selbst machen aber worauf er hoffen kann.
So ist Advent: kein „Hände-in-den-Schoß“–Warten, sondern ein mitgehend, mitliebend, mittragend Warten.
Menschen, die Angehörige mit Alzheimer begleiten, leben dieses Warten in besonders intensiver Form. Oft warten sie Tage und Wochen auf Momente der Klarheit, auf ein Lächeln, auf einen guten Tag. Dieses Warten ist manchmal schmerzhaft – aber es ist voller Liebe.
Wie die Melodien der alten Adventslieder den Schmerz nicht ausklammern aber dessen, was sie erwarten gewiss sind:
„Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord“ - es kommt gewiss. Das Segel ist die Liebe: Unsere Liebe und die Liebe Gottes zu uns, beide treiben das Schiff an. Unser und Gottes Sehnen und Hoffen sind die Kraft, die Gott bei uns ankommen lässt. Eigentlich sind beide eins, denn:
Advent ist die Zeit des Wartens und Warten braucht Zeit und ein geschultes Herz. Aber dass Gott ankommt hängt nicht davon ab, ob wir alles richtig machen. Eigentlich bedeutet Warten ja wie gesagt gerade: Nichts machen, sondern dem entgegenspüren, was kommt.
Und wenn es dann kommt, dann ist es ein Geschenk:
Gott hat die Geduld mit uns, die wir im Alltag manchmal nicht aufbringen können. Er kommt uns entgegen, auch wenn ganz vergessen haben, ihn zu suchen.
Gott ist es, der unser Herz kraftvoll macht und es mit der Gewissheit füllt: Bei ihm sind wir für immer erinnert, getragen, geliebt, was auch geschieht. Er will in unserem Herzen wohnen und seine Liebe macht es weit, frei und stark.
Auf so ein Geschenk lohnt es sich zu warten. Und das tolle: Eigentlich ist es schon da. In jedem Moment des Advents, in jedem schwebenden Klang der Adventslieder ist schon die Gewissheit angelegt: Hab keine Angst, du darfst dich freuen, denn Gott ist da! – mitten in deinem Warten und Sehnen ist er da und hält und trägt dich.
Eine segensreiche Adventszeit!
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Advent am 30.11.2025
von Bischöfin Steen
Joh. 6, 1
Der Friede Gottes sei mit euch allen!
Wandel säen. Samen in die Erde der Gegenwart streuen. Mit der Möglichkeit rechnen, dass die Früchte irgendwann geerntet werden können. Wenn möglicherweise auch nicht von mir, sondern von denen, die nach mir kommen.
Vor einigen Wochen saß ich mit jungen Theologinnen und Theologen aus unserer Kirche zusammen. Sie sind gerade in der praktischen Ausbildung zur Pastorin, zum Pastor, im Vikariat. Ihr Hauptwunsch: Dass wir in der Kirche im Miteinander der verschiedenen Generationen im Blick haben, dass wir mit unserem Wirken immer auch den Grundstein für die Arbeit derer legen, die nach uns kommen. Dass wir möglicherweise Bäume pflanzen, deren Früchte aber erst die genießen können, die nach uns diese Welt aktiv gestalten werden.
Dieses Bild gefällt mir. Weil es zeigt: Bereit sein, Wandel zu säen, bedarf eines weiten Horizonts. Denn es bedeutet – im übertragenen Sinn –, dass ich nicht nur für den Eigenbedarf anpflanze und nicht nur zum Ziel habe, meine eigenen individuellen Bedürfnisse innerhalb meiner privaten Grenzen zu befriedigen.
Wandel säen. Hin und wieder diese Erkenntnis ins Herz lassen, dass mein persönliches Universum und meine persönlichen Bedürfnisse für mich zwar im Zentrum stehen, für alle anderen acht Milliarden Menschen auf der Welt aber nicht. Und auch unsere individuellen Universen hier im Dom – sie werden nicht in jeder Hinsicht kompatibel miteinander sein.
Wandel säen. Das bedeutet – es geht um mehr als um das Aufrechterhalten meiner persönlichen Komfortzone. Und dass wir weltweit auch dann nicht zu einer guten Zukunft kommen, wenn wir uns einfach damit zufriedengeben, dass da acht Milliarden kleine Universen nebeneinanderher existieren und jeweils um sich selbst kreisen und ihre Vorgärten pflegen.
Rein rational wissen wir das ja längst. So funktioniert gesellschaftliches Zusammenleben nicht. Nicht vor Ort und nicht global. Alles hängt miteinander zusammen. Die Art und Weise, wie ich mein eigenes kleines Universum gestalte, hat Auswirkungen und hört nicht an meinem Gartenzaun auf. Meine Entscheidung, welche Produkte ich einkaufe, was bei mir auf den Teller kommt, hat Konsequenzen für andere. Für die Landwirtschaft hier in Schleswig-Holstein, genauso aber auch weltweit.
Dass rund 800 Millionen Menschen an Hunger leiden – das ist keine Tatsache, mit der wir hier einfach so ruhig weiterleben können innerhalb unserer eigenen kleinen Grenzen.
Und: Natürlich wissen wir das alles. Wie aber geht das – Wandel nicht nur säen, sondern dann auch ganz praktisch umsetzen? Vom Wissen um die Notwendigkeit nach einer raschen Transformation unseres Lebens wirklich ins Tun zu kommen?
Hier ist der Knackpunkt. Nahezu in allen Bereichen unseres Lebens. Egal ob Klimawandel, Ernährungsgerechtigkeit, Flüchtlingspolitik oder die soziale Schere, die auch in unserem Land immer weiter auseinandergeht. Wir wissen, dass es so nicht weitergeht. Dass Wandel nötig ist. Aber: Wir wissen nicht, wie.
Führende Kommunikationsagenturen sagen – ihr müsst Lust machen auf Wandel. Erzählt Geschichten des Gelingens. Gebt positive Beispiele dafür, dass Wandel nicht nur möglich ist, sondern schon geschieht. Hier und jetzt.
Dieser Ansatz gefällt mir. Weil sich immer wieder in der Geschichte gezeigt hat: Aus exemplarischem Handeln – der Salzmarsch in Indien, die erst nur individuellen Proteste gegen Rassismus in den USA – wurden große Bewegungen und führten schließlich zu einschneidenden politischen Veränderungen.
Ich möchte Ihnen heute auch eine solche positive Geschichte eines gelingenden Wandels erzählen. Nur, sie ist nicht aktuell, sondern vor rund 2000 Jahren geschehen. Sie steht in dem Buch, das voll solcher Geschichten ist – in denen Menschen Vertrautes verlassen und sich einlassen auf Neues. In denen Menschen über sich hinauswachsen. Ihren Platz finden. Frieden stiften. Menschen zum Aufbrechen ermutigen und sie dann begleiten, bis zum Ziel. In dem Buch, das von Anfang bis Ende voller Lust und Leiden am Leben, am Lieben ist und das Mut macht, selbst loszugehen: der Bibel. Dem großen Handbuch für Wandel und Transformation. 2000 Jahre alt.
Jesus kommt am Ufer des Sees Tiberias an. Dort warten Menschen auf ihn. 5000 Menschen steht da. Sie warten schon lange. Haben Erwartungen an den, von dem gesagt wird, er könne unheilbar Kranke heilen, Ausgestoßene rehabilitieren. Sie warten, dass endlich was passiert. Dass endlich einer sagt, wie es anders werden kann.
Und: Sie haben Hunger.
Jesus sieht sie. Die vielen. Und fordert seine Jünger, die immer um ihn sind, heraus. Fragt: Wie viel Brot brauchen wir, damit alle hier satt werden? Und was kostet das? Und einer von ihnen, Philippus, rechnet. Und er muss eigentlich gar nicht rechnen, denn er weiß auch so – der Haushalt ist zu knapp. Das wird nicht reichen. Niemals.
Klar also schon im ersten Moment: Auf diesem konventionellen Weg, nach den Gesetzen des Marktes – Kaufen, Nehmen und Geben – ist dieses Problem nicht zu lösen. In Zeiten von drohenden Haushaltssperren nur allzu gut nachvollziehbar.
Und da ist ein Junge. Der hat fünf Brote und zwei Fische. Bedeutsame Zahlen. Fünf Brote – die fünf Bücher Mose, die Thora, die jüdische Bibel. In ihnen steht alles, was wir brauchen, um in Freiheit und Würde zu leben. Und zwei Fische – Der Fisch als geheimes Zeichen für Jesus bei den ersten christlichen Gemeinden. Und die Zahl zwei – die zwei Gesetzestafeln, die Mose von Gott auf dem Berg Sinai entgegennahm. Die 10 Gebote. Die alle Regeln umfassen, die unser Miteinander auf diesem Planeten menschenwürdig machen.
Die Thora und die 10 Gebote also – Worte, die Menschen satt machen. Weil sie für Gerechtigkeit untereinander sorgen und für Würde.
Und dieses Wenige, diese fünf Brote und zwei Fische, dieses Wenige wird verteilt. Hoffnungsbrot könnte man sagen, denn rational betrachtet ist diese Menge ein Witz angesichts des so großen Bedarfs.
Aber: sie sind mehr als genug. Zwölf Körbe an Resten sind übrig. Auch die Zwölf steht natürlich für etwas. Für die zwölf Stämme Israels. Das Gottesvolk. Zwölf ist die Zahl, die sagt: Es ist alles richtig und vollkommen.
Und die Menschen dort am Ufer des Sees Tiberias verstehen sofort: Hier ist etwas geschehen, das die normalen Erwartungen übersteigt. Hier ist ein Miteinander entstanden, das alle satt macht. Und das sogar noch über sich hinauswächst. Gutes im Überfluss. Teilhabe für Alle. Ein Gefühl dafür, wie es sein muss, wenn in unserer Welt alles gut ist.
Ja, diese Geschichte ist ein Gleichnis. Ein Gleichnis, das mit viel Metaphorik spielt. Aber das zugleich zeigt, dass nicht immer der Weg des haushalterisch klaren Denkens, des genauen gegeneinander Rechnens, zum Wandel führt.
Dass es vielmehr manchmal gut ist, der Dynamik unserer Gemeinschaft zu vertrauen. Einfach etwas reinzugeben, so wenig es auch sein mag – ohne genau absehen zu können, was damit geschieht.
Einfach loslegen mit dem Handeln. Darauf vertrauen, dass auch wir als Weltgemeinschaft in der Lage sind, das Visier unserer 7,5 Milliarden persönlichen Universen herunterzulassen und anzuerkennen: Eine gerechte Verteilung von Nahrung gibt es nur, wenn wir das Beziehungsnetz, das uns mit den Bäuerinnen in Kenia und dem Landwirt in Kappeln verbindet, wahrnehmen und sehen: Für den Eigenbedarf zu pflanzen ist schön, aber das reicht nicht. Nicht mehr. Denn die Welt ist komplexer denn je. Und dass fast jedes fünfte Kind weltweit unterentwickelt ist, weil es an ausreichender und gesunder Nahrung fehlt, kann uns nicht kaltlassen, auch wenn es im eigenen Vorgarten sprießt und wächst und die Ernte reichlich ist.
Die 5000 Menschen dort am See Tiberias haben erlebt, wie das gehen kann. Fünf Brote und zwei Fische – und alle wurden satt. Und zwar nicht nur physisch, sondern auch ihre Seele wurde satt. Sie spürten – da hat jemand erkannt, was wir brauchen. Hier werden wir gesehen.
Hier, an solchen Orten, beginnt der Wandel. Und wie wir heute Morgen sehen – das ist keine neue, sondern eine alte Erkenntnis. Mindestens 2000 Jahre alt.
Und ich bin davon überzeugt: Die Möglichkeit, auch im Jahr 2023 den ersten Stein für Veränderungen ins Rollen zu bringen, gibt es auch heute. Aber sie bedeutet: Wir müssen überhaupt noch daran glauben, dass Wandel möglich ist. Und dass er durch zivilgesellschaftliches Engagement beginnt und wir nicht abwarten können, bis die Politik entscheidet.
Natürlich sehe ich auch: Wir sind müde geworden. Die Zeiten stehen nicht gut – die Pandemie steckt uns noch in den Knochen, die so entsetzlichen Kriege vor unserer Haustür mit so wenig Aussicht auf Frieden. Dennoch. Wir werden gebraucht. Abschottung und ein Rückzug ins Private ist nichts, was uns weiterbringt.
Und ich wünsche mir so sehr: Lasst uns weiter Geschichten vom gelingenden Wandel erzählen. Um zu ermutigen, um an der Hoffnung festzuhalten, dass Veränderung möglich ist und dass wir, in unserem kleinen privaten Kosmos, tatsächlich etwas zum Wandel beitragen können.
Geschichten vom Wandel erzählen. Das tut auch die große evangelische Hilfsorganisation Brot für die Welt. Und das ist gut so. Weil wir dadurch hören, was alles anders werden kann in Kenia und anderswo – wenn wir selbst unser Verhalten ändern. Weil wir nur so spüren – Teilen hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern Teilen bereichert. Wenn ich weiß, dass auch die, die die Lebensmittel produziert haben, von ihrem Lohn angemessen leben können, schmeckt es mir auch besser.
Wandel säen. Samen in die Erde der Gegenwart streuen. Mit der Möglichkeit rechnen, dass die Früchte irgendwann geerntet werden können. Wenn möglicherweise auch nicht von mir, sondern von denen, die nach mir kommen.
Die Konfis haben gestern in der Backstube beim Bäcker Brot gebacken. Sie erzählen ja auch gleich noch davon. Und vielleicht habt ihr gemerkt, was alles dahintersteckt, bis so ein Brot bei euch zu Hause angekommen ist.
Genauso kann es losgehen mit dem Wandel. Mal über den eigenen Gartenzaun hinausschauen. Brot backen. Merken, dass die Welt ist größer als das, was ich selbst in meinem kleinen Leben davon wahrnehme.
Dafür steht Brot für die Welt – das Hilfswerk der evangelischen Kirchen für weltweite Entwicklungszusammenarbeit.
Und es ist gut und hilfreich, heute am 1. Advent wach zu werden dafür, dass unsere Welt nur dann eine gute Zukunft hat, wenn wir die globalen Folgen unseres Handelns hier vor Ort nicht aus dem Blick verlieren. Und mehr noch, wenn wir zulassen, dass diese Tatsache unser Herz und unseren Verstand erreicht und wir nicht unberührt bleiben.
Wandel – eine Änderung unseres Verhaltens – das gibt es nur, wenn unser Herz erkannt hat: So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Berechnungen, Strukturveränderungen allein – so wichtig sie natürlich sind – reichen nicht. Politische Entscheidungen reichen nicht, wenn sie von der Gesellschaft, von uns, nicht mit Leben gefüllt werden. Es braucht uns!
Und, es braucht noch etwas anderes. Und hier kommen wir zu einer Kernbotschaft des christlichen Glaubens: Es braucht Vertrauen. Ohne Vertrauen darauf, dass es anders werden kann, wird Wandel nicht gelingen. Ohne das Vertrauen der 5000, dass da am Ufer des Sees Tiberias irgendwas geschehen wird, was ihr Leben möglicherweise für immer verändern könnte und sie deshalb einfach losgegangen sind dorthin – ohne genau zu wissen, was sich da ereignet, wäre diese Geschichte mit den fünf Broten und zwei Fischen nicht geschehen.
Ohne Vertrauen geht es nicht. Vertrauen darauf, dass eine gerechte Verteilung von Nahrungsmitteln kein Wunschtraum bleibt, sondern Wirklichkeit werden kann – denn ist ja genug für alle da, würden wir es gerecht verteilen.
Losgehen. Unsere eigenen Geschichten vom Wandel schreiben. Im Vertrauen darauf, dass wir das Rüstzeug dafür haben. Dass Veränderung möglich ist. Dazu helfe uns Gott.
Amen



