Grußwort-Archiv
Gruß zum Sonntag Reminiszere am 01.03.2026
Gruß zum Sonntag Invokavit am 22.02.2026
Gruß zum Sonntag Estomihi am 15.02.2026
Gruß zum Sonntag Sexagesimae am 08.02.2026
Gruß zum letzten Sonntag nach Epiphanias am 01.02.2026
Gruß zum 3. Sonntag nach Epiphanias am 25.01.2026
Gruß zum 2. Sonntag nach Epiphanias am 18.01.2026
Gruß zum 1. Sonntag nach Epiphanias am 11.01.2026
Gruß zum 2. Sonntag nach dem Christfest am 04.01.2026
Gruß zum 1. Sonntag nach dem Christfest am 28.12.20205
Gruß zum Heiligabend am 24.12.2025
Gruß zum 4. Advent am 21.12.2025
Gruß zum 3. Advent am 14.12.2025
Gruß zum 2. Advent am 07.12.2025
Gruß zum 1. Advent am 30.11.2025
Gruß zum Sonntag Reminiszere am 01.03.2026
von Pastorin Parra
Seht hin, er ist allein im Garten. Er fürchtet sich in dieser Nacht, weil Qual und Sterben auf ihn warten und keiner seiner Freunde wacht.
Du hast die Angst auf dich genommen. Du hast erlebt wie schwer das ist. Wenn über uns die Ängste kommen, dann sei uns nah Herr Jesus Christ. (EG 95,1)
Liebe Gemeinde,
wenn ich mit Schulklassen unsere Stadtkirche betrete, sehen sie zuerst das Kreuz. Sie sehen Leid und Tod, all das, wovon unsere Welt voll ist und wovor wir sie doch eigentlich beschützen möchten. Warum stellen wir das Kreuz so in den Mittelpunkt, warum bekommt das Leid bei uns gerade in dieser Zeit vor Ostern so viel Raum?
Spannend ist, dass auf den im 2. Weltkrieg von Ina Hoßfeld gestalteten Fensterbildern in der kleinen Kirche jede Kreuzesdarstellung fehlt. Erst dachte ich, die Künstlerin wollte den leidenden Christus ausklammern und nur einen siegreichen, mächtigen Christus zeigen. Vielleicht, weil sie in dieser Zeit den Gedanken an einen schwachen Gott nicht ertragen konnte. Dann habe ich gelesen, dass sie das schon vorhandene Altarkreuz mitgedacht hat, als Mittelpunkt ihres Werkes – gewissermaßen durch alles durchscheinend.
Ohne das Kreuz keine Auferstehung. Ohne dass Gott sich all dem Schrecklichen und Grauenhaften aussetzt bis zum Letzten gäbe es immer einen Ort, an dem wir ohne ihn wären, an dem wir vergeblich riefen: Denk an deine Barmherzigkeit und Güte, Gott!
Und darum ist mir die Szene im Garten so wichtig, die Jesus vor seiner Gefangennahme und Kreuzigung erlebt: Er hat Angst – Todesangst. Und er weicht dieser Angst nicht aus, verdrängt sie nicht, stellt sich all ihrer Wucht:
Wie so oft schlendern sie nach dem Essen gemeinsam hinüber in den Olivenhain, wo es nach Frühling duftet, die Grillen zirpen und die laue Abendluft sich wie ein schützender Mantel um sie legt. Als wäre dies ein ganz gewöhnlicher Abend wie jeder andere. Aber so ist es nicht. Sie haben ja Jesu Worte gehört: Einer von ihnen wird sie verraten. Jesus wird sterben und sie bleiben allein zurück. Die Angst lauert in den dunkler werdenden Schatten, in jedem Wort, das versucht, die Fassade des Alltäglichen aufrecht zu halten. Bleiern liegt sie auf ihnen und macht sie todmüde, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen oder gar dem, was da lauert, ins Auge zu blicken. So reden sie über Belangloses. Einige dösen ein.
Jesus hält es nicht mehr aus, hier zu sitzen als wäre nichts: „Bleibt hier sitzen.
Ich gehe dort hinüber und bete“, sagt er. „Petrus, Jakobus und Johannes – kommt ihr mit?“
Als sie zu viert etwas abseits stehen, überfallen ihn Angst und Trauer und er lässt seine Freunde daran Anteil haben: „Ich bin verzweifelt und voller Todesangst. Wartet hier und wacht mit mir.“ Er selbst geht noch ein paar Schritte weiter, wirft sich auf den Boden, bittet Gott um einen Ausweg, wenn irgend das möglich ist. Die ganze Angst vor den Qualen und alle Trauer um das Leben, das er lassen muss legt er in dies Gebet und vertraut sich mit alldem Gott und dessen Wille an.
Als er zu den Freunden zurückkommt, sind die eingeschlafen. „Bleibt wach und betet!“ So bittet er sie, bittet sie, mitzugehen auf seinem Weg mit Gott. Nicht nur für sich bittet er sie, sondern auch für sie selbst, gegen ihre eigene Angst, die sie lähmt.
Noch einmal geht er ins Gebet und fasst Mut: Ja, wenn es nicht anders möglich ist, dann will und wird er das alles durchstehen. Als er zurückkehrt sind die Freunde wieder eingeschlafen. Er lässt sie schlafen, betet allein – bis es dann so weit ist, der Morgen dämmert und man ihn gefangen nimmt.
Mich rührt diese Geschichte an, weil sie Jesus in Ängsten und Zweifeln zeigt. Weil sie zeigt, wie Jesus selbst um Fassung und Beistand ringt. Der Himmel öffnet sich diesmal nicht. Keine tröstende Stimme erklingt, nicht die Gottes und auch nicht die seiner Freunde.
Gott weiß also wie das ist, wenn man mit seinen Ängsten allein zu sein scheint. Er hat es selbst in Jesus Christus erlebt, hat sich den Ängsten gestellt und sie zur Sprache gebracht.
Mutig ist nicht, keine Angst zu haben, sondern mutig ist, Angst zu haben - entsetzliche Angst - und nicht davor wegzulaufen, sich ihr zu stellen. Die Freunde Jesu konnten das nicht. Sie haben es nicht an Jesu Seite ausgehalten, nicht mit ansehen können, was er erlitt und so sind ihnen die Augen zugefallen. Nichts mehr hören und sehen müssen von alldem – das war keine bewusste Entscheidung, das hat ihr Körper so für sie arrangiert und sie haben es geschehen lassen.
Jesus verurteilt sie nicht dafür. Er hat die Angst auf sich genommen – auch ihre Angst. Er hat erlebt, wie schwer das ist. Er ist an unserer Seite - uns nah - in allen Ängsten, die über uns kommen. Darum dürfen und können wir uns ihnen stellen. Susanne Niemeyer hat ein Buch geschrieben, das heißt „Mut ist ... Kaffeetrinken mit der Angst“. Mut ist, die Angst einfach platznehmen lassen auf dem Sofa und ihr Leid klagen lassen.
Oft ist es gar keine bewusste Entscheidung, den Ängsten aus dem Weg zu gehen. Den Freunden Jesu sind ja auch nicht mit Absicht die Augen zugefallen. Es ist einfach passiert. Wie so vieles in unserem Leben einfach passiert:
Jana hat eine Freundin, die schwerkrank ist und die sie immer anrufen will, es aber nicht macht, weil ...ja warum eigentlich? Weil alle Worte hohl klingen? Weil sie Angst hat, das Falsche zu sagen und es noch schlimmer zu machen? Weil sie Angst hat, das Leid nicht auszuhalten?
Paul hat einen alten Onkel, dessen Frau gestorben ist und er wollte sich schon lange bei ihm melden. Aber was soll er sagen. Das sind doch alles nur Phrasen. Davon wird die Tante auch nicht wieder lebendig....Das denkt er gar nicht so explizit. Eigentlich passiert es mehr: Immer wieder ein neuer Tag, an dem es tausend wichtigere Dinge gibt. Der Alltag geht weiter, so ist das nun mal.
Die Geschichte von Jesus im Garten sagt mir zum einen: Es ist menschlich, Angst und Leid nicht ertragen zu können. Aber zum anderen auch: Gott ist da – mitten im Leid, in der Angst, im Zweifel. Gott hält das mit uns aus und darum können wir es mit anderen aushalten. Es kommt auch nicht darauf an, dass wir dabei alles richtig machen. Eigentlich können wir gar nichts falsch machen, wenn wir dableiben und versuchen, mit auszuhalten, was eigentlich nicht auszuhalten ist. Wenn wir wach bleiben und beten – trotz aller Ausweglosigkeit. Im Vertrauen darauf, dass Gott das mit uns aushält, uns hält.
Fällt Ihnen ein Mensch ein, an dessen Seite sie bleiben wollen? Bei dem sie bleiben, wachen, beten und es aushalten wollen, dass sie sonst nichts tun können?
Wir möchten Sie einladen, nachher in der Stille eine Kerze für diesen Menschen anzuzünden. Ohne jede Verpflichtung, im Alltag immer für ihn oder sie einstehen zu können - aber in diesem Moment ganz da, ganz wach und ganz bei diesem Menschen, an den Sie denken.
Man kann das üben: Dableiben, wachen, beten. Es kann immer mehr Teil des Alltags werden. Wir können Kaffeetrinken mit der Angst, weil wir wissen: Gott ist uns auch dabei nah. Gerade dabei. Mal wird es gelingen und mal auch nicht. Und wenn es mal nicht gelingt, muss uns das nicht neue Ängste und Gewissensbisse bereiten.
Jesus sagt einfach zu seinen schlafenden Freunden: „Steht auf, wir wollen gehen.“ – und weckt uns auf zu einem Leben mit Ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Kein Leben ohne Ängste und Zweifel, aber eins mit immer neuen Chancen, mitten im Zweifel wach, lebendig und mutig zu sein.
Eine gesegnete Passionszeit Ihre Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Invokavit am 22.02.2026
von Pastor Kroglowski
Versuchungen
„Die süßeste Versuchung seit es Schokolade gibt …“ diesen Werbeslogan kennen sie vielleicht auch. Gerade in der jetzt beginnenden Passions- und Fastenzeit versichten viele ganz bewusst auf etwas, was ihnen lieb geworden ist und im Alltag auch Überhand genommen hat. Schokolade, Handygebrauch, Alkohol, Fette, Autofahren … Das Leben ist voller großer und kleiner Versuchungen. Bewusster Leben ist im Frühjahr angesagt. Schritte wieder in eine neue Richtung richten.
Auch der Bibeltext für den heutigen Sonntag (Matthäus 4,1-4) erzählt eine Versuchungsgeschichte. Jesu Versuchung in der Wüste. Dreimal führt ihn der Teufel in Versuchung.
Aus Steinen soll er Brot machen. Eine sozial gerechte weltweite Gesellschaft … von Menschen nicht zu schaffen … Jeder Hunger soll gestillt werden … Die Zeiten der Versuchung, die durch Hunger nach Brot entstehen, kennen nur noch die Älteren in unserer Gemeinde. Oberflächlich sind wir satt. Und doch der Hunger nach Leben ist allzu bekannt. Das Konsumbedürfnis, um diesen Hunger nach Leben zu stillen – richtet sich in unserer Gesellschaft auf Besitz und Geld – aber auch auf Menschen, sei es im körperlichen, seelischen oder geistigen Bereich. Jesus setzt diesem Lebenshunger seine Erfahrung entgegen, dass der Mensch vom Wort Gottes leben kann. Das stillt seinen Hunger und schafft Freiheit.
Die Versuchung durch Rettung. Gott erfüllt unsere Wünsche nicht eins zu eins. Die Versuchung Gott für alles, was in unserem Leben passiert, in die Pflicht und in die Verantwortung zu nehmen, ist groß. Ein Leben ohne Leiden, ohne Krankheit, ohne Abschied, – ein Sterben ohne Angst – eine Wellness Religion voller Engel, die einen immer bewahren. Jesus setzt dieser Versuchung entgegen: Du sollst Gott nicht versuchen! Du trägst auch selbst Verantwortung für dein Leben. Du sollst nicht versuchen, Gottes Wirken und seine Gegenwart ausschließlich an Bewahrung und Rettung zu binden, denn Gott ist in jeder Situation gegenwärtig, auch in den Wüstenzeiten, in denen man nichts von ihm spürt.
Die Versuchung durch Macht. Jesus werden alle Reiche der Welt gezeigt. Die letzte, die härteste Versuchung des Teufels, die Versuchung der Macht: Einfluss ausüben, etwas durchsetzen können, die Fäden in der Hand halten und heute auch vor allen über Informationen verfügen. Wissen ist Macht. Wir leben in einer Informationsgesellschaft. Doch was macht diese Informationsflut mit unserer Seele? Wo werden wir manipuliert oder wo setzen wir unser Wissen über andere als böse Macht ein? Das Gebot „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deines Nächsten“ bekommt eine ungeahnte Dimension.
Passionszeit. Wüstenzeit. Vielleicht für uns auch die Chance mal wieder genau hinzuschauen - wo unsere Versuchungen liegen - woran wir unser Herz hängen? Es ist gut, Versuchungen zu widerstehen und zu überprüfen, ob dahinter nicht schon Abhängigkeiten stecken. Schon Martin Luther stellte sich seinen Versuchungen und kommt zum Schluss: Woran Du Dein Herz hängst, das ist eigentlich Dein Gott! Worauf vertrauen wir? Woran hängt unser Herz? Eine neue Woche liegt vor uns. Was wird sie bringen? Woran hängen wir in der Hektik des Alltags unser Herz? Da ist der volle Terminkalender, der lange schon fällige Besuch, die anstehende Arbeit, das dringende Gespräch. Heute Morgen ganz bewusst kurz abschalten. Auszeit. Den Text ein zweites Mal lesen. Darauf vertrauen, dass Gott meine Versuchungen kennt und meinen Tag begleitet.
Eine vertrauensvolle Passionszeit, wünscht Ihr Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Estomihi am 15.02.2026
von Pastorin Lilienthal
Wir gehen hinauf nach Jerusalem. So beginnt an diesem Sonntag der Gottesdienst in vielen Kirchen. Und wir wissen, dass das kein fröhlicher Aufbruch ist. Jesus weiß, wohin dieser Weg führt.
Mich lässt diese Entschlossenheit nicht los. Jesus geht nicht blind, sondern wissend. Er ahnt, was kommt. Ablehnung, Spott, Leid, Kreuz. Und dennoch macht er sich auf den Weg. Nicht weil er leiden will, sondern weil wir Erlösung brauchen. Das Kreuz ist der Ort, an dem Gott unsere Schuld nicht übersieht, sondern trägt.
Passenderweise heißt dieser Sonntag Estomihi. Sei mir ein starker Fels. Ein Gebet aus Psalm 31, das Menschen sprechen, wenn der Boden wankt. Wenn sie sich unsicher fühlen, verletzlich, vielleicht sogar bedroht. Gott sieht das. Weil wir Menschen sind. Jesus geht seinen Weg ohne Ausweichen und ohne Sicherheiten. Aber er geht ihn im Vertrauen auf den Vater.
Auf diesem Weg begegnet ihm ein blinder Bettler. Er sieht Jesus nicht und erkennt ihn doch. Er ruft: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Die anderen sehen alles, aber begreifen nichts. Der Blinde dagegen weiß genau, wen er braucht. Viele wollen ihn zum Schweigen bringen. Stör nicht! Jetzt ist nicht der Moment! Aber er ruft weiter. Und Jesus bleibt stehen. Mitten auf seinem Weg zum Kreuz bleibt er stehen für diesen einen Menschen.
Gott rettet die Welt nicht am Menschen vorbei. Am Kreuz geschieht das Größte und doch hält Jesus an für einen einzigen Menschen, der ruft.
Der blinde Bettler bittet schlicht: Herr, ich will sehen können. Keine großen Worte. Nur ehrliche Bedürftigkeit.
Vielleicht ist das der ehrlichste Moment des Glaubens: nicht zu erklären, warum alles passiert, sondern einfach zu rufen, wenn man selbst nicht mehr weiterweiß.
Manchmal passiert das nachts, wenn alles ruhig ist und die Gedanken laut werden. Kein fertiges Gebet, nur ein Satz: Gott, hilf mir. Mehr kommt nicht. Aber vielleicht reicht genau das.
Ich kenne das. Vieles bleibt für mich unklar. Ich bin Sehende, die doch nicht sieht.
Vielleicht besteht Glaube manchmal nur darin zu rufen. Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!
Wenn wir auf Jerusalem zugehen, dann gehen wir nicht allein. Wir gehen mit dem, der stehen bleibt, wenn wir rufen. Der uns ansieht, wenn wir uns verloren fühlen. Der fragt: Was willst du, dass ich für dich tun soll?
Vielleicht gehen wir heute mit einer einfachen Bitte in die Woche: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner. Denn dieser Ruf geht zu dem, der nach Jerusalem bis ans Kreuz geht und genau deshalb stehen bleibt.
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Sonntag Sexagesimae am 08.02.2026
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
können wir uns Weichherzigkeit und Gefühl erlauben? Manchmal kommt es mir so vor, als würde das von Tag zu Tag schwerer angesichts der Nachrichten, die uns aus der Welt erreichen, aber auch angesichts der knapper werdenden Ressourcen vor Ort.
Die Städte und Gemeinden müssen beispielsweise mit immer weniger finanziellen Mitteln auskommen und es wird immer schwerer, daraus auch Projekte wie die Hilfe für Geflüchtete oder die Tafeln zu unterstützen. Auch die Kirchensteuermittel gehen zurück und wenn wir weiter wie bisher für unsere Gemeindemitglieder da sein wollen, dann muss es schon eine bewusste Entscheidung sein, die Streetworker in Preetz weiter zu fördern.
Der Ukrainekrieg hat die Einstellung zum Thema „Kriegstüchtigkeit“ verändert. Es scheint keinen anderen Weg zu geben, als immer weiter zu kämpfen. Mehr als 55000 ukrainische Soldaten sind gestorben und doch – ein Ausweg ist nicht in Sicht.
Ratlos macht auch die Gewalt im nahen Osten und der Hass zieht sich bis hinein in deutsche Hochschulen, wo die Zahl der antisemitischen Vorfälle sich vervielfacht hat.
In unserem Wochenspruch heißt es „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, macht euer Herz nicht hart!“ (Ps 95,7-8 und Hebr 3,15)
Was tun, wenn das Herz hart wird?
Einer, der darüber viel zu sagen hat, ist der Prophet Ezechiel. Er war einer der verschleppten Israeliten, der seinem Volk im Exil in babylonischer Gefangenschaft Gottes Wort verkündigte. Das ist mehr als 2500 Jahre her und doch sind manche dieser Worte von einer solchen Kraft, dass sie noch heute helfen können, Verhärtungen zu lösen.
Das Buch beginnt mit einer gewaltigen Vision – Ezechiel schaut Gott in all seiner Pracht, fällt auf den Boden, verbirgt sein Gesicht. Doch Gottes Geist richtet ihn wieder auf. Ezechiel hat eine Aufgabe zu erfüllen. Er soll Gottes Wort zu diesem Volk mit harten Köpfen und verstockten Herzen bringen. Wird das Wort zu ihnen durchdringen? Wird die Härte sich lösen? Das liegt bei ihnen.
Ezechiel aber hört und tut, was Gott ihm sagt. Eine Schriftrolle wird ihm gereicht, darin steht Klage, Ach und Weh. Die Klage über die harten Herzen, die sich verschlossen haben vor Gottes tröstendem Wort. Die Klage, die auch ihre Klage werden könnten, wenn sie an den Flüssen Babylons sitzen und weinen. Nicht nur über ihr hartes Schicksal, sondern auch über ihre eigene Härte.
Scheinbar bittere Worte– und doch schmecken sie süß wie Honig in Ezechiels Mund. Worte finden für den Schmerz, das Leid, die Ausweglosigkeit, das hilft. Nicht mehr alles in sich hineinfressen bis sich in einem ein harter Klumpen bildet, sondern Worte suchen, sich auch Worte zusprechen lassen, zuhören wenn andere Worte haben und diese verinnerlichen. Gefühl zulassen und zur Sprache bringen, das kann befreiend wirken.
Ich denke dabei auch an all die Klageworte in den Psalmen,.In Ps 22 heißt es: „Mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs.“ Ein weiches Herz voll Sorge und Mitgefühl – das dürfen wir haben, wenn diese Welt uns schreckt. Wenn wir uns berühren lassen. Von Jesus wird berichtet, wie er über Jerusalem geweint hat. Das heißt: Gott selbst weint über die Verhärtung der Herzen, die ohne Liebe verkümmern müssen und stirbt am Ende am Kreuz, sie zu lösen – aus Liebe zu uns.
Jesus hat auch das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, den es jammert als er den Verwundeten am Wegrand liegen sieht, der nicht einfach weitergeht, sondern die Wunden versorgt und den Unbekannten auf sein Kosten gesund pflegen lässt. Den Nächsten lieben wie sich selbst, so lautet das wichtigste Gebot. Aber das geht nur mit einem weichen Herzen, das Gottes Zuspruch in sich aufgenommen hat und die Süße der Worte geschmeckt hat : Ich will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben (Ez 11,19f)
Ihr bekommt ein weiches, fühlendes Herz, eins aus Fleisch und Blut. Das lässt Gott durch Ezechiel den Israeliten ausrichten. Aber nachdem Ezechiel die Schriftrolle gegessen hat dauert es noch eine lange, stille Zeit des Hörens und Verstehens, bevor dieser sich auf den Weg macht. Die Worte wirken in ihm, weiten sein Herz. Erst dann sagt er sie weiter. Manchmal braucht es Zeit, damit die Worte in uns ihren vollen Geschmack entfalten können, damit wir die Liebe, mit der Gott uns begegnet, wirklich spüren und weitergeben können.
In zwei Wochen beginnt die Passionszeit. „Sieben Wochen ohne Härte- sieben Wochen mit Gefühl.“ – so lautet der Titel der diesjährigen Fastenaktion. Hinhören, Mitfühlen, Zulassen, das erfordert Mut. Aber es schmeckt auch süß, denn es gibt so viele gute und auch tröstliche Worte zu hören. Dass Menschen sich immer noch bewegen lassen vom Leid anderer, das haben wir durch die beiden großen Spendenaktionen um die Weihnachtszeit gemerkt: Brot für die Welt und Sternsinger. Vielen Dank allen, die sich daran beteiligt haben. Wer gibt – nicht nur materielle Dinge, sondern vor allem Liebe und Mitgefühl, Zuwendung, Aufmerksamkeit und Wertschätzung – der oder die erhält gleichzeitig auch selbst ein großes Geschenk, denn wenn das Herz weich wird können wir die Liebe spüren. Nicht immer wie rosarote Zuckerwatte, leicht und flauschig, manchmal auch mit Schmerz, mit Weh und Ach, aber sie schmeckt doch süß, oder gerade deshalb. Weil die Liebe uns erst wirklich lebendig macht, weil wir durch sie Anteil haben an der göttlichen Liebe. Wir können uns Weichherzigkeit und Mitgefühl erlauben, denn ein weiches Herz muss nicht mit den eigenen Ressourcen auskommen, sondern wird immer wieder neu gefüllt durch die Liebe Gottes. Mitten in all dem Schecklichen dieser Welt, all dem Schweren die Ohren und Herzen offenhalten für Gottes Wort der Liebe, das könnte eine gute Übung sein für die diesjährige Passionszeit. Heute, wenn wir seine Stimme hören, will Gott uns ein weiches, weites Herz schenken!
Einen gesegneten Sonntag
Eure und Ihre Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum letzten Sonntag nach Epiphanias am 01.02.2026
von Pastor Kroglowski
Olympia - „IT’s Your Vibe“
Wenn in dieser Woche, am 6. Februar 2026, die olympischen Winterspiele in Milano-Cortina eröffnet werden, soll ein Motto in den Köpfen und Herzen mitschwingen: „IT’s Your Vibe“. „Es ist Dein gutes Gefühl“. Ein Schlagwort, das Energie, Leidenschaft und Verbindung feiern will – zwischen Athleten, Publikum, Nationen. Ein Motto, das verbinden soll und auf friedliche Spiele baut, trotz der Krisen in der Welt.
Doch wer „friedliche Spiele“ ruft, muss auch zuhören, wenn Fragen aufkommen: Wie kann es sein, dass Wettkämpfe mit Medaillen, das viele Geld, die Eingriffe in die Natur, Ranglisten und Nationalstolz dem Frieden dienen sollen?
Das ist ein Zwiespalt: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Siege machen stolz, Niederlagen wecken leicht Neid. Aber Frieden wächst dort, wo wir nicht nur auf die Sieger schauen, sondern mitfiebern, mitleiden, uns mitfreuen. Deshalb soll man sich mit allen freuen. Das Dabei-sein zählt. Die Erfahrung von Begegnung und Mit-Freude. Durch die olympischen Spiele wird viel Geld verdient und nicht alles, was glänzt ist Gold. Trotz allem Geschäftssinn bei Olympia sollte doch das Miteinander der Sportler im Mittelpunkt stehen. Dies ist das eigentliche Gefühl der Spiele.
Michael Edwards, genannt Eddie the Eagle, ist ein britischer Skispringer. Er wurde 1988 in Calgary Letzter – und trotzdem zum Helden. Weil er kämpfte, weil er sich traute, weil er sichtbar machte, dass olympischer Geist mehr ist als Gold. Millionen jubelten mit ihm, nicht über seine Sprünge, sondern über seinen Mut und sein Mensch-sein. Viel Geld hat er nicht bekommen, aber Freunde gewonnen.
Genau darin liegt ein geistlicher Funke: Gemeinschaft entsteht, wenn wir die Freude der anderen teilen und auch ihr Scheitern nicht belächeln, sondern mittragen. Wer den Außenseiter im Blick hat, wer nicht nur die Erfolgreichen feiert, der schafft Raum für Frieden.
„IT’s Your Vibe“ – es ist deine Stimmung, dein Herzschlag bei diesen Spielen. Nicht nur für „unsere“ Nation, sondern für die, die kaum Chancen haben und doch aufstehen. So wird Wettkampf zum Ort, an dem Menschen einander begegnen, Leidenschaften verbinden – und Frieden erfahrbar wird. Der Olympische Geist lebt nicht vom Gold, sondern vom Mitfreuen und Mitfühlen. Er scheint mit dem Heiligen Geist verwandt zu sein.
„Freude teilen“ - dies wünscht für die nächste Woche,
Ihr Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 3. Sonntag nach Epiphanias am 25.01.2026
von Pastorin Lilienthal
Wo ist Gott?
Spontan würden viele sagen: in der Kirche. Im Gottesdienst, im Gebet, in den vertrauten Worten des Glaubens. Und ja – auch dort ist Gott zu finden.
Aber so einfach ist es nicht. Denn Gott hält sich nicht an unsere Erwartungen und auch nicht an unsere festen Orte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gott mich oft gerade dann überrascht, wenn ich ihn gar nicht ausdrücklich gesucht habe.
In Begegnungen, die anders verlaufen als geplant. In Gesprächen, die plötzlich Tiefe bekommen. In Momenten, in denen ich spüre: Hier ist mehr als nur Alltag, hier ist etwas, das trägt.
Epiphanias erinnert uns daran: Gott zeigt sich. Aber nicht nur dort, wo wir ihn fest eingeplant haben, sondern mitten im Leben, mitten unter Menschen.
Menschen, die von Gott gesehen werden – mit ihrer Geschichte, ihren Fragen, ihren Hoffnungen.
Das ist eine tröstliche Nachricht. Denn sie sagt, ich muss nicht erst perfekt sein, um von Gott gesehen zu werden. Ich muss nicht erst alles verstanden haben, um dazugehören zu dürfen. Gott beginnt nicht mit Forderungen, sondern mit Beziehung.
Für unser Zusammenleben in Kirche und Gesellschaft kann das bedeuten,
Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass alle gleich sind, sondern dadurch, dass wir einander Raum geben. Dass Menschen mit unterschiedlichen Lebenswegen, mit verschiedener Nähe zum Glauben und mit unterschiedlichen Möglichkeiten, sich einzubringen, Platz haben dürfen.
Manche bringen sich mit viel Energie ein, andere sind eher still da. Manche sind schon lange dabei, andere erst seit Kurzem oder nur ab und zu. Und doch gilt für alle: Sie werden von Gott gesehen. Und sie gehören dazu. Das ist für mich ein wesentliches Merkmal, ein Auftrag und auch ein Bild von Kirche.
Und für jede und jeden von uns heißt es ganz persönlich: Ich darf kommen, wie ich bin. Mit meiner Freude. Mit meinen Zweifeln. Mit dem, was mir leichtfällt, und mit dem, was in mir gerade schwer ist.
Vielleicht ist genau das die Einladung dieses Sonntags. Gott nicht kleiner zu denken, als er ist. Und dass wir einander nicht enger sehen, als Gott uns sieht.
Offen zu bleiben für das, was uns überrascht, und dankbar für das, was uns miteinander verbindet.
Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
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Gruß zum 2. Sonntag nach Epiphanias am 18.01.2026
von Propst Faehling
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater und dem Herrn, Jesus Christus. Amen.
1 Dies ist das Wort, das der HERR zu Jeremia sagte über die große Dürre: 2 Juda liegt jämmerlich da, seine Städte verschmachten. Sie sinken trauernd zu Boden, und Jerusalems Wehklage steigt empor. 3 Die Großen schicken ihre Diener nach Wasser; aber wenn sie zum Brunnen kommen, finden sie kein Wasser und bringen ihre Gefäße leer zurück. Sie sind traurig und betrübt und verhüllen ihre Häupter. 4 Die Erde ist rissig, weil es nicht regnet auf das Land. Darum sind die Ackerleute traurig und verhüllen ihre Häupter. 5 Selbst die Hirschkühe, die auf dem Felde werfen, verlassen die Jungen, weil kein Gras wächst. 6 Die Wildesel stehen auf den kahlen Höhen und schnappen nach Luft wie die Schakale; ihre Augen erlöschen, weil nichts Grünes wächst. 7 Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben. 8 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? 9 Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist ja doch unter uns, HERR, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht!
Du bist doch unter uns, Gott, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Dieser letzte Satz berührt mich. Das kommt so direkt, fast kindlich als Wunsch des Einsamen, als Wunsch in Überforderung und Verlassenheit.
Ich kenne diesen Satz, weil ich ihn so ähnlich immer wieder von Menschen höre. Von traurigen Menschen höre ich das, von ängstlichen, von kranken, von denen, die sich sorgen um nahe Menschen. Ich kenne diesen Satz angesichts von Katastrophen und auch im Zusammenhang mit politisch unlösbar scheinenden Problemen.
Es ist der Satz eines Menschen, dem das Wasser bis zum Hals steht, der keine Idee von Ausweg und Trost hat. Da ist jemand mit seinem Latein am Ende.
Du bist doch unter uns, Gott, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Und seltsam – dieser kurze Einschub – wir heißen nach deinem Namen.
Also wir sind Christen und heißen nach Jesus Christus so. Und die Menschen damals, die Juden sahen sich ja als auserwähltes Volk Gottes, geradezu ausdrücklich als sein Eigentum.
Aber, so scheint mir, so sprechen mir gegenüber auch immer wieder Menschen, die sich im Alltag des Lebens vielleicht gar nicht mehr ausdrücklich Christen nennen.
Aus Menschen mit distanziertem Verhältnis zu Gott wünschen sich immer wieder, dass Gott sie nicht verlässt. Als wäre Gott, oder noch distanzierter, so etwas wie Gott ein Hilfeort, eine Art Ankerpunkt, fast unabhängig, ob ich ansonsten einen Glauben lebe.
Das kann man kritisieren. Dann heißt es. Schau mal, sonst kümmern sie sich nicht um die Kirche und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein, aber in der Not rufen sie um Hilfe. Oder kürzer gesagt mit dem Volksmund: Not lehrt Beten.
Das kann man kritisieren.
Ich will heute stattdessen darüber staunen; und vielleicht auch ein bisschen mich freuen.
Staunen und Freude empfinde ich bei der Idee, Menschen könnten vielleicht eine Art eingewachsene Gottesbeziehung haben. Damit meine ich ein inneres für möglich halten, dass es eine behütende Macht in der Welt und um die Welt herum gibt, die unabhängig von Kirche und ihren Formen da ist und auch sozusagen wie blind geglaubt werden kann. Blind hier als Ausdruck von nicht wissen; wie blinder Fleck.
Auch Menschen, die einen blinden Fleck für Gott haben, können sich nach Gottes Nähe und Hilfe sehnen.
Das ist für mich ein wichtiger Gedanke, weil, wenn man das weiterdenkt, Gott und Mensch in ein ganz direktes Gegenüber kommen können.
So oft meinen wir, es bräuchte einen Pastor, eine Pastorin, oder einen Gottesdienstbesucht, am liebsten eine Kirchenmitgliedschaft, um mit Gott in Kontakt zu kommen.
Hier in diesem direkten Ruf: Du bist doch unser Gott, wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht entsteht eine unmittelbare Gottesbeziehung.
Warum ist mir das wichtig?
Mir ist das wichtig, weil ich schon so oft erlebt habe, dass Kirche, ihre Formen, ihr Bodenpersonal, ihre Geschichte usw. dem Glauben immer wieder auch im Weg stehen; bis dahin, dass Menschen, die eine schwierige oder verletzende Kirche erleben, verständlicherweise sagen: Mit Eurem Gott will ich nichts zu tun haben.
Dann steht der Ort, der Glauben vermitteln will und soll, richtiggehend im Weg. Und dann wird das Leben, die Lehre der Kirche, das Erleben der Kirche vor Ort oft auch völlig durcheinandergeworfen und auf einmal entstehen all die Sätze, wie:
An einen Gott, der so etwas zulässt, kann ich nicht glauben.
Oder: wenn Kirche so ein Laden ist, will ich mit Gott nichts zu tun haben. Oder auch: Von Dir als Christenmensch hätte ich das ja nicht erwartet.
Hier im Predigttext ist der Draht ganz unmittelbar, ohne Tempel, ohne Priester, ohne heilige Schrift Du bist doch unter uns, Gott, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Und dazu noch die Sätze davor, die die Not, die Dürre, die rissige Erde und den ausbleibenden Regen beklagen. Und das mit dem Satz verbinden als wärest du, Gott, ein Fremdling im Land, ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt, ein Held, der nicht helfen kann.
Hier gibt niemand mehr der Institution die Schuld. Hier stehen sich Mensch und Gott existentiell und ganz direkt gegenüber. Fast wie in einem Duell, in einem tiefgehenden Streit klagen Menschen und rufen verlass uns nicht.
Liebe Gemeinde, ich denke, so direkt geht das mit Gott. So dürfen und können wir uns an ihn wenden. So direkt wird er uns antworten. Das glaube ich und das erlebe ich auch immer wieder.
Wer das Wagnis eingeht, so direkt zu rufen, wird Antwort erhalten.
Schauen Sie in unser Gästebuch, es ist voll davon. Wagen Sie den Versuch; es wird in Ihnen so etwas wie ein antwortender Gott klingen – ich bin sicher.
Und dann kommen alle Faktoren des Lebens zu ihrem angemessenen Standort. Probleme schrumpfen, Nöte werden einordnenbar, Kummer wird auf die Strecke tragbar und löst sich evtl. sogar auf. Trost, Heilung, kaum zu wagende Hoffnung gewinnen Raum.
Gottvertrauen nannte das meine Großmutter, die eine fromme Frau war und in die Kirche ging.
Aber sie ging in die Kirche nach! Dem sie Gott begegnet war. Sie fand ihn in der Kirche, aber auch ohne sie. Sie wusste um die Fehler der Kirchenmenschen und kündigte deswegen aber Gott die Beziehung nicht auf. Sie hatte ein streckenweises dürres Leben als Witwe mit drei kleinen Kindern in der Weltwirtschaftskrise, aber das trennte sie nicht von Gott, sondern das machte die unmittelbare Beziehung zu ihm noch wichtiger und fester.
Du bist doch unter uns, Gott, und wir heißen nach deinem Namen; verlass uns nicht.
Mir scheint dieses 2500 Jahre alte Worte ein kluger Hilferuf quer durch die Jahrtausende, in denen menschliches Leben sich so sehr gewandelt hat und weiter wandelt.
Ein kluger Hilferuf, auf den ich Antwort erwarte.
Amen.
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Sonntag nach Epiphanias am 11.01.2026
von Pastorin Parra
Gruß zum Epiphaniasfest:
1. Auf, Seele, auf und säume nicht,
es bricht das Licht herfür;
der Wunderstern gibt dir Bericht,
der Held sei vor der Tür,
der Held sei vor der Tür.
2. Geh weg aus deinem Vaterhaus
zu suchen solchen Herrn
und richte deine Sinne aus
auf diesen Morgenstern,
auf diesen Morgenstern.
3. Gib Acht auf diesen hellen Schein,
der aufgegangen ist;
er führet dich zum Kindelein,
das heißet Jesus Christ,
der heißet Jesus Christ.
4. Drum mache dich behände auf,
befreit von aller Last,
und lass nicht ab von deinem Lauf,
bis du dies Kindlein hast,
bis du dies Kindlein hast.
6. Ach sinke du vor seinem Glanz
in tiefste Demut ein
und lass dein Herz erleuchten ganz
von solchem Freudenschein,
von solchem Freudenschein.
10. Der zeigt dir einen andern Weg,
als du vorher erkannt,
den stillen Ruh- und Friedenssteg
zum ewgen Vaterland,
zum ewgen Vaterland. (EG 73)
Liebe Gemeinde,
„Auf, Seele! Jetzt ist die Zeit.“ - „Die Finsternis ist vergangen und das wahre Licht scheint jetzt!“ (1. Joh 2,8b)
So, denke ich, muss es sich für die Weisen aus dem Morgenland angefühlt haben, als sie den Stern entdeckten. Sterndeuter waren sie wohl, Magier – so werden sie im griechischen Text genannt. Vielleicht sogar Priester eines Sternkultes. Sie kamen von weit her, keiner weiß so genau von wo und alles begann mit einer nächtlichen Entdeckung am Sternenhimmel. Vielleicht ungefähr so:
Es war mitten in der Nacht, aber Balthasar war hellwach. Das kam von dem Licht, das er durch sein Fernrohr gesehen hatte. Weit weg am Horizont und doch von einem geheimnisvollen Glanz, der ihn anrührte. Nun suchte er in den alten Schriften. Es musste etwas zu bedeuten haben! Da stand es – genau diese Sternkonstellation sollte am Himmel erscheinen und die Geburt eines ganz besonderen Königs ankündigen…
In diesem Moment klopfte es. Schweren Herzens riss er sich los, denn vor der Tür hörte er schon seinen Freund und Kollegen Melchior rufen. Draußen stand dieser reisefertig zusammen mit Caspar, den er nur flüchtig kannte. Die beiden sind augenscheinlich schon seit Beginn der Dunkelheit unterwegs. Sie haben ein Kamel dabei, beladen mit Gepäck und Vorräten, aber auch mit Geschenkschatullen. Sofort begriff Melchior: Auch sie hatten den Stern gesehen und die Schriften studiert. Auch sie hatten von diesem geheimnisvollen König gelesen, dessen Geburt die Welt verändern würde.
Es brauchte nicht viele Worte, damit Balthasar das Nötigste für die Reise zusammensuchte. Eine Schatulle mit kostbarem Weihrauch als Geschenk für den geheimnisvollen neuen Herrscher verstaute er sorgfältig in der Satteltasche und dann ging es los.
Seltsam leicht fühlten sich die drei als sie so schweigend durch die Nacht wanderten und nur hin und wieder anhielten um die genaue Richtung zu bestimmen. Tags rasten sie, aber nachts nutzen sie die Zeit. Der Stern rückte näher, doch als sie eines Morgens nach Jerusalem kamen, war deutlich zu sehen, dass er nicht über dem Palast des Herodes stand.
„Lass uns dennoch hier den Tag verbringen und bei Herodes vorsprechen“, schlug Melchior vor. „Vielleicht weiß er etwas von dem Kind.“
Beim Aufbruch am Abend waren die drei noch stiller als sonst. Jeder hing seinen Gedanken nach. Die Nacht in den königlichen Schlafgemächern war nicht so erholsam gewesen wie man bei all dem Luxus hätte annehmen können.
„Irgendetwas füht Herodes im Schilde“, so sprach Balthasar aus, was sie alle dachten. „Habt ihr auch so schlecht geschlafen? Dies Glitzern in seinen Augen als er uns gebeten hat, ihm auf dem Rückweg zu berichten, wo wir das Kind gefunden haben…“ „Ja, ich habe es auch gesehen.“ „Und ich habe schlecht geträumt. Ich erinnere mich nicht mehr genau. Wir wollen uns beeilen, hier wegzukommen.“ „Jetzt, wo ich wieder hier draußen an der frischen Luft bin und den Stern sehe, fühle ich mich irgendwie erleichtert. Ich denke, es ist nicht mehr weit.“
Wenige Tage später sehen die drei den Stall im Licht des Sterns liegen. Und sie wundern sich kein bisschen, dass hier ein König zur Welt gekommen sein soll. Als sie das Kind sehen, gibt es für sie erstrecht keinen Zweifel mehr: Das ist er!. Die Weissagungen in den alten Schriften und das geheimnisvolle Leuchten des Sterns haben sie auf die Spur gebracht, aber all das ist jetzt unwichtig. In diesem Kind erkennen sie Gott selbst. Die Finsternis ist vergangen und das wahre Licht scheint jetzt! In diesem Moment. Für sie. Gar nichts müssen sie tun und leisten in diesem Moment. Die hochstudierten Männer spüren, dass all ihr Wissen in diesem Moment unwichtig ist. In ihren Herzen wird es hell. Alle Geheimnisse der Welt sind offenbar geworden in diesem Kind. Auch ihre eigenen Rätsel und Schatten, die sie mit sich herumtragen, bleiben nicht verborgen. Doch das beschämt und ängstigt sie nicht. Es darf sein. Und es darf neu werden. Sie müssen nichts – müssen nicht bei den alten Mustern in ihrem Leben bleiben und können doch sie selbst sein – auf eine neue, tiefere Art.
Es wird Morgen und das Licht des Sterns verblasst als die Sonne am Horizont auftaucht. Kind und Eltern schlafen noch als die drei aufbrechen. Sie lassen ihre Gaben bei dem Kind - Gold, Weihrauch, Myrre – und verlassen den Ort mit leichtem Herzen, auch wenn dieser wunderbare Moment nun vorbei ist.
Es war seltsam, aber nicht verwirrend, sondern es fühlte sich gut an. Als es Nacht wurde leuchtet der geheimnisvolle Stern in ihrem Rücken und obwohl sie nun dort gewesen waren, konnten sie nicht mit dem Verstand begreifen, was mit ihnen geschehen war. Sie fühlten sich heil und ganz, gesehen und geliebt. Aber noch mehr - irgendwie von innen erleuchtet. Beschenkt.
Keiner sprach groß darüber, aber sie schlugen gemeinsam einen anderen Weg ein als den, den sie gekommen waren. Sie waren ja auch andere und doch noch sie selbst. Der Weg führte nicht am Palast des Herodes vorbei und brachte sie doch nach Hause, wo sie das Licht, das sie erfüllte, an andere weitergegeben haben. Liebe, Freundlichkeit, Schutz für die Schwachen, ein zugewandter, lichter Blick auf alle, die ihnen begegneten. Gnade.
Gnade – so heißt das Geschenk, das Gott allen Menschen macht und gleichzeitig auch das Geheimnis.
Gott hält mit uns aus – mitten in dieser düsteren Welt. Und immer wieder leuchten bis heute im Dunkel lichte Momente auf. Das Geheimnis, das die ersten Christen Gnade nannten, weist uns einen anderen Weg. Einen Weg des Friedens, der sich der Machtgier der Mächtigen entzieht. Einen Weg, auf dem wir bereit sind, altes loszulassen und gerade deshalb zutiefst wir selbst werden können.
So einen Weg brauchen wir gerade zu Beginn dieses Jahres und manchmal ist es, als ob der Schnee ihn verweht hat. Im Großen wie im Kleinen liegt die Angst in der Luft: Wer denkt an mich, wenn alle nur an sich denken, wenn jeder das größte Stück vom Kuchen beansprucht – koste es was es wolle? Manchmal sieht es so aus, als könnten wir nicht anders als mitmachen: Beim Aufrüsten und Abschrecken, beim Drohen und Zuschlagen.
Aber es gibt einen anderen Weg. Die Sterndeuter haben ihn gefunden. Er führt an der Krippe vorbei, an der auch wir vor kurzem noch standen. Manches werden wir auf dem Weg herschenken, von dem wir dachten, wir bräuchten es. Manchmal ist er steinig und unbequem, denn er verläuft abseits der großen Straßen und Paläste. Aber auch wir können ihn finden, wenn wir uns auf das Geheimnis einlassen. Das Geheimnis der Gnade Gottes mitten in dunkelster Nacht. Das Geheimnis des Kindes im Stall, Gott mit uns.
Einen gesegneten Weg durchs Neue Jahr!
Ihre Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 2. Sonntag nach dem Christfest am 04.01.2026
von Pastor Kroglowski
„Alles hat seine Zeit“ Prediger 3
1 Alles hat seine Zeit, und alles Geschehen unter dem Himmel hat seine Stunde:
2 geboren werden hat seine Zeit und Sterben hat seine Zeit; Pflanzen hat seine Zeit und Ausrotten, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;
3 Töten hat seine Zeit und Heilen hat seine Zeit, Abbrechen hat seine Zeit und Aufbauen hat seine Zeit,
4 Weinen hat seine Zeit und Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit und Tanzen hat seine Zeit;
11 Er aber tut alles vortrefflich zu seiner Zeit, auch die Ewigkeit hat er in ihr Herz gelegt; und doch kann der Mensch das Werk, das Gott tut, nicht ergründen, weder Anfang noch Ende.
Ein Jahr geht zu Ende. Jeder von uns hat viel erlebt. Jahreswechsel, Sylvester auch immer Zeit um ein wenig Bilanz zu ziehen. Vieles hatte da seine Zeit. Lachen und Weinen. Tanzen und Freude. Vielleicht gehörten Abschiede dazu, neues Leben wurde geboren. Einiges ist uns gelungen, manche Dinge konnten wir nicht ändern. So fallen unsere Jahresrückblicke unterschiedlich aus. Das Glas ist für den einen halb voll, für den anderen halb leer.
Wie auch immer. Da ist der Prediger ganz nüchtern. Er ist am Ende seines Lebens angekommen und auch ans Ende seiner Illusionen. Der Prediger sagt: Alles hat seine Zeit - und auch das Gegenteil von allem. Zum einen sind wir selber dafür verantwortlich durch das, was wir tun oder wie wir es tun oder nicht tun. Zum anderen sind wir aber auch in Größeres hineingenommen und Dingen ausgesetzt, die wir nicht oder kaum beeinflussen können. Das ist normal so! Zeiten ändern sich! Und wenn Zeiten kommen, auf die wir nicht so programmiert waren oder wenn sie anders kommen, als wir sie programmiert haben, dann müssen wir schauen und unterscheiden, ob wir die Dinge ändern können oder ob wir unsere Haltung zu den Dingen ändern müssen.
Lass dir nicht weiß machen und lebe doch nicht in dem Wahn, in der Illusion, als gäbe es immer nur geboren werden und pflanzen und heilen und aufbauen und lachen und tanzen und sammeln und umarmen und bekommen und behalten und Liebe und Frieden. Nein, es gibt auch den Tod, das Ausrotten, Abbrüche und Zusammenbrüche, Weinen, Klagen, es gibt Verluste und Trennungen, es gibt das Schweigen, wo man keine Worte hat oder wo sie nur unangebracht wären, es gibt leider auch Streit und Hass und sogar Kriege. Denk nicht, dass Arbeit immer nur Spaß macht und nur Gewinn bringt und der Gewinn für immer bleibt. Freu dich an dem, was gut ist, genieße es, tu dir selber auch was Gutes, lebe nicht nur, um zu arbeiten, sondern genieße die Früchte der Arbeit, sieh das Gute in deiner Arbeit, freu dich an Essen und Trinken, das sind Gaben Gottes und lass dich immer wieder ermutigen. Das ist nichts Verbotenes! Das Leben ist eine Gabe Gottes und an allem Positiven dürfen wir uns freuen.
Und das Starke: Gott hat auch die Ewigkeit in das Herz der Menschen gelegt! Wer auf sein Herz hört, ahnt und weiß: Das hier kann nicht alles sein! Unser ständiges Vorwärtsstreben, unsere Suche nach Vervollkommnung verdanken wir letztlich unserer Sehnsucht nach Gottes vollkommener Ewigkeit, die in uns angelegt ist. Das Buch Prediger: Ein Ruf zur Nüchternheit. Jahreswechsel: Die Zeiten wechseln. Und einmal kommt der große Wechsel, wo die Zeit von der Ewigkeit abgelöst wird. Gott ist da. Auch wenn du Sein großes Tun nicht verstehst, kannst du dich in deinem kleinen Alltag auf IHN verlassen, egal, was für Zeiten kommen.
Ein gesegnetes Neues Jahr 2026, wünscht Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Sonntag nach dem Christfest am 28.12.2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
„Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit." ( Joh 1,14b)
So heißt es im Wochenspruch für den ersten Sonntag nach dem Christfest. Aber: Gott sehen – das geht doch eigentlich nicht. Gott lässt sich nicht einfangen – auch nicht mit Blicken. Gott ist unbegreiflich, transzendent, übersteigt alles, was wir je erforschen oder beweisen könnten. Wir lesen in der Bibel, dass Mose sich in einer Felsspalte verbergen musste, die Herrlichkeit Gottes an sich vorüberziehen spürte und dann einen Blick von hinten auf sie werfen durfte. Hätte er sie direkt angeschaut, wäre er gestorben.
Weihnachten macht Gott das Unmögliche möglich und lässt sich ansehen – mitten in dieser Welt. In einem stinknormalen Stall. Mitten zwischen Heu und Stroh in der Futterkrippe der Tiere. Da hätte ihn wohl niemand erwartet. Und doch können alle, die dem Stern gefolgt sind, in dem neugeborenen Kind Gott selbst und seine ganzen Pracht erkennen. Den unbegreiflichen Gott, der uns ganz nahekommt. Und sie spüren, wie sich durch diesen Blick, den Gott uns gewährt, alles wandelt. Wir haben gehört, dass die Hirten, da sie das Kind gesehen hatten, umkehrten und Gott lobten und priesen für das, was sie gehört und gesehen hatten.
Wunderbar ist diese Geschichte und verzaubert der Heilige Abend, wenn wir uns jedes Jahr ein bisschen fühlen dürfen wie die Hirten. Wenn wir singen „Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu, du mein Leben!“
All das liegt jetzt hinter uns. Wie geht es Ihnen nach dem Fest? Wirkt das Erlebte noch nach? Bei mir entsteht nach dem Fest oft eine seltsame Mischung aus all dem, was ich erlebt habe. Mein Herz ist voller Bilder: Wie der kleine Josef im Krippenspiel das Jesuskind angesehen hat, das da vor ihm im Kerzenschein lag. Wie meine zweijährige Enkeltochter mit den Holzfiguren die Weihnachtsgeschichte im wahrsten Sinne des Wortes be-griffen hat und die Finger gar nicht von dem kleinen Baby lassen konnte.
Aber da sind auch düstere Bilder von Krieg und Gewalt: Weitere Tote im Gazastreifen und in der Ukraine. Trumps Weihnachtsbotschaft nach seinen Angriffen auf IS-Terroristen-Stützpunkte in Nigeria waren: „Gott segne unser Militär und ein frohes Weihnachtsfest allen, insbesondere den getöteten Terroristen, von denen es noch viele weitere geben wird, wenn sie ihr Abschlachten von Christen fortsetzen.“ (Quelle: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/usa-greifen-nigeria-an-wovon-moechte-trump-ablenken-li.10011696).
Ich könnte sagen: Die haben eben die Weihnachsbotschaft nicht begriffen, sind wie damals König Herodes machtgierig und blind. Aber so einfach ist das nicht. Auch in mir ist noch Dunkel: Ich konnte Weihnachten nicht für alle da sein, die mich gebraucht hätten. Ich habe Menschen verletzt, die mir wichtig sind.
Wenn ich so denke möchte ich klagen: Was ändert es da schon, eben noch andächtig an der Krippe gestanden zu haben, wenn meine Welt doch bleibt wie sie ist?
Unser Predigttext heute befasst sich mit dem wohl berühmtesten Klagenden, dessen Leben zu einem Scherbenhaufen geworden war - von Gott ganz und gar im Stich gelassen. Hiob klagt zu Recht über Gottes Fernbleiben:
„Wenn ich ihn auch anrufe, dass er mir antwortet, so glaube ich nicht, dass er meine Stimme hört. Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis.“ (Hi 9,16ff)
Alles wurde Hiob genommen: Seine Kinder, sein Besitz., seine Gesundheit. Er ist eigentlich so weit, dass er sich nur noch den Tod wünscht. Und dennoch ruft er aus:
„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. ... Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.“ (Hi 19,25)
Hiobs Wunsch geht in Erfüllung: Gott spricht zu ihm aus dem Sturm in aller seiner Macht und Größe:
„Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen? Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?“ (Hi 38,31ff)
Gott gibt sich Hiob zu erkennen und der antwortet darauf:
„Jetzt weiß ich, dass alles in deiner Macht steht und dir nichts zu schwer ist, was du vorhast. Du hast gefragt: »Wer ist es, der meinen Plan verdunkelt ohne Verstand?« Ich war’s! Ich habe ohne Einsicht geredet,
von wunderbaren Dingen, die ich nicht kannte. Du hast mich aufgefordert: »Hör zu und lass mich reden! Ich will dich fragen, dann sollst du mich belehren!« Bis dahin kannte ich dich nur vom Hörensagen. Doch jetzt hat mein Auge dich wirklich gesehen. Darum bereue ich meine Worte und lasse mich trösten, so wie ich bin – Staub und Asche.“
(Hi 42,2-6)
Und wir - heute, zwei Tage nach Weihnachten? Auch wir dürfen von uns sagen:
„Wir sahen seine Herrlichkeit…“
Gott lässt sich sehen, hören, spüren. Wenn Gottes Herrlichkeit uns nicht erschiene, was wäre ihre Bedeutung für uns? Die Bedeutung des Lichts liegt doch darin, dass es auf ein Auge trifft, das wahrnimmt, erkennt. Und das ist bei Hiob geschehen. Und auch bei allen, die damals und heute dem Stern folgen und an der Krippe ankommen.
Gott wird Mensch, das Wort wird Fleisch, damit wir es sehen und spüren, damit wir staunend stehen und dann plötzlich begreifen. Danach wird manches egal und anderes wichtig. Gott schauen, das hinterlässt Spuren.
Spuren bei Hiob, Spuren bei allen, die das Kind im Stall sahen. Selbst bei dem kleinen Josef, der nur auf eine Puppe schaute oder meiner Enkelin, die die Holzfigur in Händen hielt ist etwas angekommen. Und auch bei mir.
Die Welt ist dieselbe, ich bin dieselbe, aber Gottes Herrlichkeit ist da – mitten im Dunkel, ganz nah. Trotzdem. Gerade deshalb. Voll Gnade und Wahrheit mitten in einer allzu oft unbarmherzigen und verlogenen Welt.
Weil es etwas anderes ist, Gott nur vom Hörensagen zu kennen, als ihm direkt zu begegnen, besteht auch unsere Sonntagsliturgie nicht nur aus Worten, sondern auch aus Schmecken und Sehen. Heute, wenn wir miteinander Abendmahl feiern, dürfen wir mit eigenen Augen sehen, mit dem eigenen Mund schmecken:
So freundlich ist Gott. (Ps 34,9)
Paul Gerhard dichtete:
11. Ich bin rein um deinetwillen:
Du gibst g’nug
Ehr und Schmuck,
mich darein zu hüllen.
Ich will dich ins Herze schließen,
o mein Ruhm!
Edle Blum,
laß dich recht genießen. (EG 36,11)
Wir dürfen spüren: Gott ist nicht nur unendlich groß, herrlich und überwältigend, sondern in all dem ist er mit uns und für uns. Wenn wir das erspüren, dann sind wir noch dieselben, dann ist noch Nacht und doch nicht mehr - weil etwas Neues beginnt.
Weil Gott in tiefster Nacht erschienen kann unsre Nacht nicht endlos sein! (EG 56)
Eine Gesegnete Weihnachts-Zeit! Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum Heiligabend am 24.12.2025
von Pastorin Lilienthal
Weihnachten ist ein Fest der Fülle. Es bringt Menschen zusammen, füllt Räume mit Leben und Herzen mit Freude. In diesen Tagen spüren viele: Wir sind gesehen, gemeint und getragen. Weihnachten erzählt von Gottes Entschluss, uns nahe zu sein – verlässlich und bleibend. Darum ist dieses Fest mehr als ein Anlass im Kalender. Es gehört in die Mitte unseres Glaubens.
Der Evangelist Johannes fasst das Weihnachtsgeschehen in einen großen, weiten Satz: Im Anfang war das Wort.
Mit diesen Worten öffnet Johannes einen Horizont, der weit über die Krippe hinausreicht. Er führt Weihnachten zurück an den Ursprung allen Lebens und lädt dazu ein, größer zu denken. Gott erscheint hier als der, der sich mitteilt, der Sinn stiftet und Beziehung eröffnet. Das „Wort“ steht für die schöpferische Kraft, durch die Leben entsteht und Bestand hat. Alles, was ist, steht in Beziehung zu diesem Wort.
Johannes verbindet dieses Wort mit Leben und Licht: In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Licht schenkt Orientierung. Es macht sichtbar, was trägt, und eröffnet Wege. Weihnachten ist darum ein Fest des Lebens – zugewandt, menschenfreundlich und leuchtend.
Konkret wird dieser große Gedanke dort, wo Johannes sagt:
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.
Gott tritt in die Wirklichkeit ein. Er teilt Zeit und Geschichte. Er teilt menschliches Leben.
Im Kern von Weihnachten zeigt sich ein Gott, der Nähe sucht und sich einlässt. Gott nimmt uns als Menschen ernst. Er begegnet uns mitten im Leben – im Gewöhnlichen, im Verletzlichen, im Gelebten. Diese Nähe prägt, wie wir Gott verstehen: als einen, der ansprechbar ist und bleibt.
Zugleich weiß Johannes, dass dieses Licht auf eine Welt trifft, die von Angst, Macht und Abgrenzung geprägt ist. Doch das Licht entfaltet eine eigene Kraft. Es wirkt leise, aber verlässlich. Es schenkt Orientierung und eröffnet neue Wege.
Am Ende bringt Johannes zusammen, was Weihnachten ausmacht: Gnade und Wahrheit. Beides gehört zusammen. Gnade, die trägt. Wahrheit, die aufrichtet. Weihnachten erzählt von einem Gott, der den Menschen ernst nimmt und ihm Leben zutraut – ein Leben im Licht.
So wirkt Weihnachten über die Tage hinaus. Es prägt, wie Menschen einander begegnen: wo Würde geachtet wird, wo Nähe gelingt, wo Leben geteilt wird. Dort nimmt Weihnachten Gestalt an. Es bleibt eine Einladung, aufmerksam zu leben und das Licht weiterzutragen. Wir hören von einem Anfang, der bis heute wirkt.
Wir feiern Weihnachten im Licht dieses Wortes – ein Licht, das scheint: heute, morgen und im Horizont der Ewigkeit.
Gesegnete Weihnachtstage wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß 4. Advent am 21.12.2025
von Pastorin Lilienthal
Liebe Gemeinde,
Heute ist der vierte Advent. Nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Die Zeit des Wartens hat ihren Höhepunkt erreicht. Adventskalender leeren sich, Schülerinnen und Schüler haben Weihnachtsferien. Das Fest rückt näher. In unserer Stadtkirche steht nun auch der Tannenbaum. Fleißige Hände haben ihn bereits geschmückt. Die Sorgfalt zeigt: Da haben sich Menschen Zeit genommen. Wer in diesen Tagen die Stadtkirche betritt, bleibt unwillkürlich einen Moment stehen. Noch ist es ruhig um den Baum, doch er trägt schon jetzt die Vorfreude in sich. Er ist ein sichtbares Zeichen dafür, dass Weihnachten vor der Tür steht.
Der vierte Advent ist ein besonderer Sonntag. Er markiert die letzte Wegstrecke. Die Erwartung wird konkreter, die Spannung greifbarer. Gerade Kinder leben diese Tage intensiv: Sie zählen, sie warten, sie freuen sich. Doch auch viele Erwachsene kennen dieses Gefühl – manchmal leise, manchmal nachdenklich: die Sehnsucht nach Licht, nach Nähe, nach einem Moment, der trägt.
Der Wochenspruch für diesen Sonntag fasst diese Erfahrung in wenige Worte: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Der Herr ist nahe.“
Diese Freude wächst aus Vertrauen. Sie entsteht aus der Gewissheit, dass Gott uns entgegenkommt. Advent erzählt davon, dass Gott sich auf den Weg macht. Er kommt uns nahe, Schritt für Schritt. Auch der Apostel Paulus richtet den Blick auf das, worauf Verlass ist: auf Gottes Treue. Gottes Zusagen tragen. Sie behalten ihr Gewicht. Sie erfüllen sich in Jesus Christus. Der Advent lädt dazu ein, diese Treue neu wahrzunehmen. Weihnachten kündigt sich an. Es wächst. Gott kommt uns entgegen – mitten hinein in unseren Alltag, in unsere Fragen, in unsere Hoffnungen.
„Der Herr ist nahe“ ist eine Zusage für diese Zeit. Sie gilt den Fröhlichen ebenso wie den Erschöpften. Sie richtet sich an alle, die sich nach Frieden sehnen, nach Orientierung, nach einem guten Wort. Gottes Nähe schenkt Halt und Zuversicht.
Der geschmückte Tannenbaum in unserer Stadtkirche macht diese Nähe sichtbar. Er steht schon da, obwohl das Fest noch kommt. Er trägt den Glanz der kommenden Tage bereits in sich. Er erinnert daran: Hoffnung wächst, während wir warten. Licht kündigt sich an, bevor es hell wird.
Der vierte Advent lädt uns ein, noch einmal bewusst innezuhalten – vielleicht nur für einen Moment. Gottes Nähe gilt uns. Darauf gehen wir zu. Darauf warten wir – mit offenem Herzen. „Freuet euch! Der Herr ist nahe.“
Einen gesegneten 4. Advent wünscht Ihnen Pastorin Carolin Lilienthal.
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 3. Advent am 14.12.2025
von Pastor Lars Kroglowski
„Mein“ Engel ohne Flügel
Zu Zeit laufen bei uns die Krippenspiele oder sie sind in den letzten Vorbereitungen. Viele vertraute Figuren und Gestalten gehören dazu. Maria und Josef sind auf Befehl des Kaisers Augustus auf dem Weg nach Bethlehem. Die Hirten auf dem Feld – mitten in der Nacht wird ihre Ruhe unterbrochen. Ihr Leben ändert sich mit einem Schlag.
Eine Gestalt, die für mich besonders zum Krippenspiel gehört, ist der Engel. Der Engel, der Maria die Geburt Jesu ankündigt. Der Engel der Weihnachtsgeschichte, der die Hirten aufsucht, sie verunsichert und tröstet zugleich. Ich mag ganz besonders meinen Engel ohne Flügel, der vor vielen Jahren als Teil einer Krippe aus unserer Partnergemeinde in Tansania als Gastgeschenk mitgebracht wurde. Ein Engel ohne Flügel. Das verwundert auf den ersten Blick. Doch es ist keineswegs selbstverständlich, dass Engel Flügel tragen. Der Hebräerbrief weist darauf hin, dass Engel durchaus regelmäßig unerkannt reisen und eine menschliche Gestalt annehmen, um die Gastfreundschaft von uns Menschen zu testen. Ob der Engel der Wehnachtsgeschichte Flügel hat, erfahren wir auch nicht.
Mein Engel scheint mir zu beten. Ist nah bei sich. Und doch ausgerichtet auf das, was um ihn herum passiert. Er hat ein menschliches Gesicht - stammt aus dem Kulturkreis der Massai aus Tansania. Das zeigt mir, Engel haben eine sehr menschliche Seite - wie unser Gott - wie Jesus Christus. Engel können mir begegnen - auch in meinem Gegenüber – auch in dem Fremden – dem ganz anderen.
Und doch ohne Flügel fehlt mir etwas. Und man kann meinem Engel Flügel aufstecken. Und diese Flügel sie stehen für etwas, was der Engel weiter gibt - nicht nur für sich behält, was wir brauchen, Schutz und Bewahrung. Unter dem Schatten deiner Flügel habe ich Zuflucht, bis das Unglück vorüber geht (Psalm 57,2).
Die Flügel des Engels zeigen – er wohnt im Himmel und zugleich auf Erden. Mit seinen Flügeln berührt er den Himmel und unsere Seelen und macht die Botschaft der Weihnacht sichtbar: Gott wird Mensch - breitet seine Flügel aus, damit Frieden werde bei den Menschen seines Wohlgefallens.
Eine behütete Woche! Dies wünscht, Ihr / Euer Pastor Lars Kroglowski
P.S. Hier steht demnächst der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß 2. Advent am 07.12.2025
von Pastorin Parra
Liebe Gemeinde,
Advent ist die Zeit des Wartens. Nicht des nervösen, ungeduldigen Wartens, sondern eines Wartens, das unser Herz schult. Warten hat immer zwei Seiten:
Es beinhaltet zum einen den Herzenswunsch – vielleicht sogar die Sehnsucht nach Veränderung. Wir warten auf etwas oder jemanden. Wer nichts vermisst, muss auch nicht warten. Etwas fehlt den Wartenden also, worauf es sich lohnt, zu warten. Denen, die so warten ist versprochen: Wer von ganzem Herzen sucht und sehnt, wird Gott finden (Jer 29,14a). Gott heilt die gebrochenen Herzen (Ps 147,3).
Zum anderen gilt: Wer wartet, muss Zeit mitbringen. Das Ersehnte geschieht nicht sofort, sondern das Warten ist eine Zeit, die mit nichts anderem gefüllt ist als – paradoxerweise – mit dem, das noch nicht ist. Alles, was wir während des Wartens tun, ist angesichts dessen, worauf wir warten, unwichtig. Wartende brauchen also langen Atem. Sie brauchen Geduld. Davon erzählt der Jakobusbrief.
Wartet geduldig, Brüder und Schwestern, bis der Herr wiederkommt.
Seht, wie der Bauer auf die kostbare Frucht der Erde wartet:
Er wartet geduldig, bis der Frühregen und der Spätregen gefallen sind.
8So seid auch ihr geduldig und stärkt eure Herzen, denn das Kommen des Herrn steht bevor.“
(Jak 5,7-8)
So warten zu können im Advent, voll Sehnsucht, dass Gott endlich wie Tau vom Himmel regnen möge und voll Gewissheit, dass er es schließlich auch tun wird, das lernt unser Herz auch aus den alten Kirchenliedern. „O Heiland reiß die Himmel auf“ haben wir eben gesungen – im alten, dorischen Modus, nicht Dur, nicht Moll. Die mittelalterlichen Minnesänger haben diese Tonart verwendet, denn sie rührt das Herz an, erzählt kraftvoll von Bedrängnis und Hoffnung gleichermaßen.
Warten ist also etwas, was wir mit dem Herzen lernen, nicht mit dem Kopf. Jakobus schreibt:
„Stärkt eure Herzen, denn das Kommen des Herrn steht bevor.“
Heute feiern wir Gottesdienst mit der Alzheimergesellschaft Plön. Die Mitarbeitenden dort haben Herzen aus Salzteig gebacken, die sie allen Gottesdienstbesucherinnen schenken wollen.
Herz – nicht Kopf.
Das Herz ist der Ort, an dem wir Gottes Kommen erwarten. Darum sollen wir unsere Herzen stärken. Wie das gehen kann, wissen Menschen, die mit Alzheimer zu tun haben – Betroffene und ihre Angehörigen - manchmal glaube ich besser als andere.
Wenn der Kopf immer weniger erinnert wird das Herz umso wichtiger. Wenn Namen und Gesichter verschwimmen und verschwinden erreicht oft doch der Klang einer geliebten Stimme das Herz. Wenn dem Gehirn der Fokus auf das Wesentliche verloren zu gehen scheint, wird die Sehnsucht des Herzens nach dem, was hinter den äußerlichen Wichtigkeiten des Lebens verborgen liegt manchmal viel deutlicher spürbar.
Für Angehörige ist es oft schwer, durch all diese Veränderungen hindurch noch den Menschen zu erkennen, den sie lieben. Es ist schwer, zu warten, bis sich erspüren lässt: Da ist er oder sie noch. Das Vergessen auszuhalten und geduldig immer wieder die gleichen Gespräche zu führen ist schwer. Das geht nur, wenn man weiß: Das alles ist nicht vergeblich, trägt Frucht. Jakobus schreibt:
„Seht, wie der Bauer auf die kostbare Frucht der Erde wartet:“
Der Bauer wartet nicht tatenlos. Er bereitet vor, pflegt, schützt, hofft. All sein Tun steht im Zeichen dessen, was er nicht selbst machen aber worauf er hoffen kann.
So ist Advent: kein „Hände-in-den-Schoß“–Warten, sondern ein mitgehend, mitliebend, mittragend Warten.
Menschen, die Angehörige mit Alzheimer begleiten, leben dieses Warten in besonders intensiver Form. Oft warten sie Tage und Wochen auf Momente der Klarheit, auf ein Lächeln, auf einen guten Tag. Dieses Warten ist manchmal schmerzhaft – aber es ist voller Liebe.
Wie die Melodien der alten Adventslieder den Schmerz nicht ausklammern aber dessen, was sie erwarten gewiss sind:
„Es kommt ein Schiff geladen bis an sein höchsten Bord“ - es kommt gewiss. Das Segel ist die Liebe: Unsere Liebe und die Liebe Gottes zu uns, beide treiben das Schiff an. Unser und Gottes Sehnen und Hoffen sind die Kraft, die Gott bei uns ankommen lässt. Eigentlich sind beide eins, denn:
Advent ist die Zeit des Wartens und Warten braucht Zeit und ein geschultes Herz. Aber dass Gott ankommt hängt nicht davon ab, ob wir alles richtig machen. Eigentlich bedeutet Warten ja wie gesagt gerade: Nichts machen, sondern dem entgegenspüren, was kommt.
Und wenn es dann kommt, dann ist es ein Geschenk:
Gott hat die Geduld mit uns, die wir im Alltag manchmal nicht aufbringen können. Er kommt uns entgegen, auch wenn ganz vergessen haben, ihn zu suchen.
Gott ist es, der unser Herz kraftvoll macht und es mit der Gewissheit füllt: Bei ihm sind wir für immer erinnert, getragen, geliebt, was auch geschieht. Er will in unserem Herzen wohnen und seine Liebe macht es weit, frei und stark.
Auf so ein Geschenk lohnt es sich zu warten. Und das tolle: Eigentlich ist es schon da. In jedem Moment des Advents, in jedem schwebenden Klang der Adventslieder ist schon die Gewissheit angelegt: Hab keine Angst, du darfst dich freuen, denn Gott ist da! – mitten in deinem Warten und Sehnen ist er da und hält und trägt dich.
Eine segensreiche Adventszeit!
Ihre und Eure Pastorin Ute Parra
P.S. Hier steht der Gruß zum Sonntag als PDF zum Download bereit!
Gruß zum 1. Advent am 30.11.2025
von Bischöfin Steen
Joh. 6, 1
Der Friede Gottes sei mit euch allen!
Wandel säen. Samen in die Erde der Gegenwart streuen. Mit der Möglichkeit rechnen, dass die Früchte irgendwann geerntet werden können. Wenn möglicherweise auch nicht von mir, sondern von denen, die nach mir kommen.
Vor einigen Wochen saß ich mit jungen Theologinnen und Theologen aus unserer Kirche zusammen. Sie sind gerade in der praktischen Ausbildung zur Pastorin, zum Pastor, im Vikariat. Ihr Hauptwunsch: Dass wir in der Kirche im Miteinander der verschiedenen Generationen im Blick haben, dass wir mit unserem Wirken immer auch den Grundstein für die Arbeit derer legen, die nach uns kommen. Dass wir möglicherweise Bäume pflanzen, deren Früchte aber erst die genießen können, die nach uns diese Welt aktiv gestalten werden.
Dieses Bild gefällt mir. Weil es zeigt: Bereit sein, Wandel zu säen, bedarf eines weiten Horizonts. Denn es bedeutet – im übertragenen Sinn –, dass ich nicht nur für den Eigenbedarf anpflanze und nicht nur zum Ziel habe, meine eigenen individuellen Bedürfnisse innerhalb meiner privaten Grenzen zu befriedigen.
Wandel säen. Hin und wieder diese Erkenntnis ins Herz lassen, dass mein persönliches Universum und meine persönlichen Bedürfnisse für mich zwar im Zentrum stehen, für alle anderen acht Milliarden Menschen auf der Welt aber nicht. Und auch unsere individuellen Universen hier im Dom – sie werden nicht in jeder Hinsicht kompatibel miteinander sein.
Wandel säen. Das bedeutet – es geht um mehr als um das Aufrechterhalten meiner persönlichen Komfortzone. Und dass wir weltweit auch dann nicht zu einer guten Zukunft kommen, wenn wir uns einfach damit zufriedengeben, dass da acht Milliarden kleine Universen nebeneinanderher existieren und jeweils um sich selbst kreisen und ihre Vorgärten pflegen.
Rein rational wissen wir das ja längst. So funktioniert gesellschaftliches Zusammenleben nicht. Nicht vor Ort und nicht global. Alles hängt miteinander zusammen. Die Art und Weise, wie ich mein eigenes kleines Universum gestalte, hat Auswirkungen und hört nicht an meinem Gartenzaun auf. Meine Entscheidung, welche Produkte ich einkaufe, was bei mir auf den Teller kommt, hat Konsequenzen für andere. Für die Landwirtschaft hier in Schleswig-Holstein, genauso aber auch weltweit.
Dass rund 800 Millionen Menschen an Hunger leiden – das ist keine Tatsache, mit der wir hier einfach so ruhig weiterleben können innerhalb unserer eigenen kleinen Grenzen.
Und: Natürlich wissen wir das alles. Wie aber geht das – Wandel nicht nur säen, sondern dann auch ganz praktisch umsetzen? Vom Wissen um die Notwendigkeit nach einer raschen Transformation unseres Lebens wirklich ins Tun zu kommen?
Hier ist der Knackpunkt. Nahezu in allen Bereichen unseres Lebens. Egal ob Klimawandel, Ernährungsgerechtigkeit, Flüchtlingspolitik oder die soziale Schere, die auch in unserem Land immer weiter auseinandergeht. Wir wissen, dass es so nicht weitergeht. Dass Wandel nötig ist. Aber: Wir wissen nicht, wie.
Führende Kommunikationsagenturen sagen – ihr müsst Lust machen auf Wandel. Erzählt Geschichten des Gelingens. Gebt positive Beispiele dafür, dass Wandel nicht nur möglich ist, sondern schon geschieht. Hier und jetzt.
Dieser Ansatz gefällt mir. Weil sich immer wieder in der Geschichte gezeigt hat: Aus exemplarischem Handeln – der Salzmarsch in Indien, die erst nur individuellen Proteste gegen Rassismus in den USA – wurden große Bewegungen und führten schließlich zu einschneidenden politischen Veränderungen.
Ich möchte Ihnen heute auch eine solche positive Geschichte eines gelingenden Wandels erzählen. Nur, sie ist nicht aktuell, sondern vor rund 2000 Jahren geschehen. Sie steht in dem Buch, das voll solcher Geschichten ist – in denen Menschen Vertrautes verlassen und sich einlassen auf Neues. In denen Menschen über sich hinauswachsen. Ihren Platz finden. Frieden stiften. Menschen zum Aufbrechen ermutigen und sie dann begleiten, bis zum Ziel. In dem Buch, das von Anfang bis Ende voller Lust und Leiden am Leben, am Lieben ist und das Mut macht, selbst loszugehen: der Bibel. Dem großen Handbuch für Wandel und Transformation. 2000 Jahre alt.
Jesus kommt am Ufer des Sees Tiberias an. Dort warten Menschen auf ihn. 5000 Menschen steht da. Sie warten schon lange. Haben Erwartungen an den, von dem gesagt wird, er könne unheilbar Kranke heilen, Ausgestoßene rehabilitieren. Sie warten, dass endlich was passiert. Dass endlich einer sagt, wie es anders werden kann.
Und: Sie haben Hunger.
Jesus sieht sie. Die vielen. Und fordert seine Jünger, die immer um ihn sind, heraus. Fragt: Wie viel Brot brauchen wir, damit alle hier satt werden? Und was kostet das? Und einer von ihnen, Philippus, rechnet. Und er muss eigentlich gar nicht rechnen, denn er weiß auch so – der Haushalt ist zu knapp. Das wird nicht reichen. Niemals.
Klar also schon im ersten Moment: Auf diesem konventionellen Weg, nach den Gesetzen des Marktes – Kaufen, Nehmen und Geben – ist dieses Problem nicht zu lösen. In Zeiten von drohenden Haushaltssperren nur allzu gut nachvollziehbar.
Und da ist ein Junge. Der hat fünf Brote und zwei Fische. Bedeutsame Zahlen. Fünf Brote – die fünf Bücher Mose, die Thora, die jüdische Bibel. In ihnen steht alles, was wir brauchen, um in Freiheit und Würde zu leben. Und zwei Fische – Der Fisch als geheimes Zeichen für Jesus bei den ersten christlichen Gemeinden. Und die Zahl zwei – die zwei Gesetzestafeln, die Mose von Gott auf dem Berg Sinai entgegennahm. Die 10 Gebote. Die alle Regeln umfassen, die unser Miteinander auf diesem Planeten menschenwürdig machen.
Die Thora und die 10 Gebote also – Worte, die Menschen satt machen. Weil sie für Gerechtigkeit untereinander sorgen und für Würde.
Und dieses Wenige, diese fünf Brote und zwei Fische, dieses Wenige wird verteilt. Hoffnungsbrot könnte man sagen, denn rational betrachtet ist diese Menge ein Witz angesichts des so großen Bedarfs.
Aber: sie sind mehr als genug. Zwölf Körbe an Resten sind übrig. Auch die Zwölf steht natürlich für etwas. Für die zwölf Stämme Israels. Das Gottesvolk. Zwölf ist die Zahl, die sagt: Es ist alles richtig und vollkommen.
Und die Menschen dort am Ufer des Sees Tiberias verstehen sofort: Hier ist etwas geschehen, das die normalen Erwartungen übersteigt. Hier ist ein Miteinander entstanden, das alle satt macht. Und das sogar noch über sich hinauswächst. Gutes im Überfluss. Teilhabe für Alle. Ein Gefühl dafür, wie es sein muss, wenn in unserer Welt alles gut ist.
Ja, diese Geschichte ist ein Gleichnis. Ein Gleichnis, das mit viel Metaphorik spielt. Aber das zugleich zeigt, dass nicht immer der Weg des haushalterisch klaren Denkens, des genauen gegeneinander Rechnens, zum Wandel führt.
Dass es vielmehr manchmal gut ist, der Dynamik unserer Gemeinschaft zu vertrauen. Einfach etwas reinzugeben, so wenig es auch sein mag – ohne genau absehen zu können, was damit geschieht.
Einfach loslegen mit dem Handeln. Darauf vertrauen, dass auch wir als Weltgemeinschaft in der Lage sind, das Visier unserer 7,5 Milliarden persönlichen Universen herunterzulassen und anzuerkennen: Eine gerechte Verteilung von Nahrung gibt es nur, wenn wir das Beziehungsnetz, das uns mit den Bäuerinnen in Kenia und dem Landwirt in Kappeln verbindet, wahrnehmen und sehen: Für den Eigenbedarf zu pflanzen ist schön, aber das reicht nicht. Nicht mehr. Denn die Welt ist komplexer denn je. Und dass fast jedes fünfte Kind weltweit unterentwickelt ist, weil es an ausreichender und gesunder Nahrung fehlt, kann uns nicht kaltlassen, auch wenn es im eigenen Vorgarten sprießt und wächst und die Ernte reichlich ist.
Die 5000 Menschen dort am See Tiberias haben erlebt, wie das gehen kann. Fünf Brote und zwei Fische – und alle wurden satt. Und zwar nicht nur physisch, sondern auch ihre Seele wurde satt. Sie spürten – da hat jemand erkannt, was wir brauchen. Hier werden wir gesehen.
Hier, an solchen Orten, beginnt der Wandel. Und wie wir heute Morgen sehen – das ist keine neue, sondern eine alte Erkenntnis. Mindestens 2000 Jahre alt.
Und ich bin davon überzeugt: Die Möglichkeit, auch im Jahr 2023 den ersten Stein für Veränderungen ins Rollen zu bringen, gibt es auch heute. Aber sie bedeutet: Wir müssen überhaupt noch daran glauben, dass Wandel möglich ist. Und dass er durch zivilgesellschaftliches Engagement beginnt und wir nicht abwarten können, bis die Politik entscheidet.
Natürlich sehe ich auch: Wir sind müde geworden. Die Zeiten stehen nicht gut – die Pandemie steckt uns noch in den Knochen, die so entsetzlichen Kriege vor unserer Haustür mit so wenig Aussicht auf Frieden. Dennoch. Wir werden gebraucht. Abschottung und ein Rückzug ins Private ist nichts, was uns weiterbringt.
Und ich wünsche mir so sehr: Lasst uns weiter Geschichten vom gelingenden Wandel erzählen. Um zu ermutigen, um an der Hoffnung festzuhalten, dass Veränderung möglich ist und dass wir, in unserem kleinen privaten Kosmos, tatsächlich etwas zum Wandel beitragen können.
Geschichten vom Wandel erzählen. Das tut auch die große evangelische Hilfsorganisation Brot für die Welt. Und das ist gut so. Weil wir dadurch hören, was alles anders werden kann in Kenia und anderswo – wenn wir selbst unser Verhalten ändern. Weil wir nur so spüren – Teilen hat nichts mit Verzicht zu tun, sondern Teilen bereichert. Wenn ich weiß, dass auch die, die die Lebensmittel produziert haben, von ihrem Lohn angemessen leben können, schmeckt es mir auch besser.
Wandel säen. Samen in die Erde der Gegenwart streuen. Mit der Möglichkeit rechnen, dass die Früchte irgendwann geerntet werden können. Wenn möglicherweise auch nicht von mir, sondern von denen, die nach mir kommen.
Die Konfis haben gestern in der Backstube beim Bäcker Brot gebacken. Sie erzählen ja auch gleich noch davon. Und vielleicht habt ihr gemerkt, was alles dahintersteckt, bis so ein Brot bei euch zu Hause angekommen ist.
Genauso kann es losgehen mit dem Wandel. Mal über den eigenen Gartenzaun hinausschauen. Brot backen. Merken, dass die Welt ist größer als das, was ich selbst in meinem kleinen Leben davon wahrnehme.
Dafür steht Brot für die Welt – das Hilfswerk der evangelischen Kirchen für weltweite Entwicklungszusammenarbeit.
Und es ist gut und hilfreich, heute am 1. Advent wach zu werden dafür, dass unsere Welt nur dann eine gute Zukunft hat, wenn wir die globalen Folgen unseres Handelns hier vor Ort nicht aus dem Blick verlieren. Und mehr noch, wenn wir zulassen, dass diese Tatsache unser Herz und unseren Verstand erreicht und wir nicht unberührt bleiben.
Wandel – eine Änderung unseres Verhaltens – das gibt es nur, wenn unser Herz erkannt hat: So wie es ist, kann es nicht weitergehen. Berechnungen, Strukturveränderungen allein – so wichtig sie natürlich sind – reichen nicht. Politische Entscheidungen reichen nicht, wenn sie von der Gesellschaft, von uns, nicht mit Leben gefüllt werden. Es braucht uns!
Und, es braucht noch etwas anderes. Und hier kommen wir zu einer Kernbotschaft des christlichen Glaubens: Es braucht Vertrauen. Ohne Vertrauen darauf, dass es anders werden kann, wird Wandel nicht gelingen. Ohne das Vertrauen der 5000, dass da am Ufer des Sees Tiberias irgendwas geschehen wird, was ihr Leben möglicherweise für immer verändern könnte und sie deshalb einfach losgegangen sind dorthin – ohne genau zu wissen, was sich da ereignet, wäre diese Geschichte mit den fünf Broten und zwei Fischen nicht geschehen.
Ohne Vertrauen geht es nicht. Vertrauen darauf, dass eine gerechte Verteilung von Nahrungsmitteln kein Wunschtraum bleibt, sondern Wirklichkeit werden kann – denn ist ja genug für alle da, würden wir es gerecht verteilen.
Losgehen. Unsere eigenen Geschichten vom Wandel schreiben. Im Vertrauen darauf, dass wir das Rüstzeug dafür haben. Dass Veränderung möglich ist. Dazu helfe uns Gott.
Amen



